Hier wird der Mensch in seiner Würde gesehen und nicht auf seine Not reduziert

Am letzten Wochenende, drei Tage nachdem der Hilfseinsatz für Euböa plötzlich und unerwartet über O topos mou und somit auch über unser Workcamp hereinbrach, saßen wir in der offenen Küche und unterhielten uns, was uns gerade bewegt und beeindruckt. „Die Menschen, die alles verloren haben, werden nicht auf ihre Not reduziert, sondern da wird immer noch der Mensch in seiner Würde gesehen und geachtet“, sagte Nils Timm. Ich fand, damit hatte er in einem Satz das gesamte Wertekonzept beschrieben, das wir aus nächster Nähe und in einer turbulenten Situation live miterleben konnten.

Nils bezog den Satz konkret auf die bunten Tüten, die speziell für die Helfer:innen der Feuerwehr usw. gepackt wurden, mit ein paar Kleinigkeiten zur Unterstützung und als Dank für den Einsatz. Und das waren eben schöne, neue Tüten und keine Plastiktaschen. Das ist aber nur ein Beispiel. Es wurde und wird nicht einfach nur gesammelt, sondern sehr zielgenau gefragt, dazu stand Elias in Kontakt mit Menschen auf Euböa. Und in den verschiedenen Phasen brauchen diejenigen, die ihre Häuser verloren haben, unterschiedliche Sachen – und genau die sollen sie möglichst bekommen, gut verpackt und ordentlich sortiert. Das ist nicht so einfach, wie es sich vielleicht anhört. Mehrere andere Initiativen brachten in den letzten Tagen schon mal ganze Pickup-Ladungen von selbst gesammelten Spenden, weil sie genau mit der Sortierung usw. überfordert waren.

Nach einer Woche sieht die Bilanz so aus: Große Mengen an Spenden sind eingegangen, mehrere Transporte sind unterwegs, viele neue freiwillige Helfer:innen waren dabei, für die nächste Zeit sollen (nach Rücksprache mit einer Schulbehörde) alle Schulkinder einer Region auf Euböa mit Schulmitteln ausgestattet werden, und die Bürgerinitiative denkt darüber nach, wie sie ihre Erfahrungen in solchen Notsituationen noch besser und zielgenauer einbringen kann, es steht die Idee im Raum, sich künftig als eine Art Logistik-Zentrum zu verstehen und Hilfsmittel entsprechend zu sortieren und zu lagern.

Wir haben das alles miterlebt, vielen der Diskussionen konnten wir nicht folgen, weil wir nicht Griechisch sprechen, aber trotzdem war die Entwicklung erkennbar. Wir haben angepackt, wo es ging – und es war genauso okay, wenn wir uns zurückzogen und einen Ausflug machten, um mal etwas emotionalen Abstand zu bekommen. Auch das ist für mich Ausdruck dieser humanitären, solidarischen Grundhaltung. Und zugleich wurde auch viel gelacht, die Stimmung war bedrückend einerseits, aber auch gelassen. Ich glaube, dass das daran liegt, dass alle nicht nur wussten, sie tun hier etwas sehr Sinnvolles, sondern diese sinnvolle Arbeit wird auch besonders zielgerichtet und gut gemacht.

Elias hat letztes Jahr in einem Gespräch mit mir gesagt, O topos mou sei die vielleicht größte Schule des Lernens, die er hatte und hat. Das kann ich nach diesen zwei Wochen jetzt viel besser nachvollziehen. Kapnikos ist auch ein Bildungsort, er bildet, hier wird miteinander und voneinander gelernt, wie Engagement geht und Solidarität, und das dies immer auch mit Konflikten zu tun hat, manchmal untereinander, viel mehr noch aber mit denen, die solches Engagement nicht schätzen, weil es ihren Interessen entgegenläuft, oder aus Eifersucht und Neid. Wer sich hier einbringt, geht anders wieder nach Hause.

Wir – und sage bewusst „wir“ fünf – nehmen eine Menge an Eindrücken, Erfahrungen und Einsichten mit nach Hause, das wird nachwirken, ganz sicher.

Wer den humanitären Hilfseinsatz für Euböa unterstützen möchte, kann dies mit einer Spende auf folgendes Konto tun. Das Geld wird zB für die Verpackungsmaterialien (Plastikfolie für die Paletten, Kartons, Tüten) eingesetzt, welche die Initiative kaufen muss. Kontoverbindung:

KAPNIKOS STATMOS KATERINIS, IBAN: GR71 0172 2550 0052 5510 1380 536, PIREUS BANK BIC: PIRBGRAA, Stichwort: Euböa

Gestern Abend haben wir eine kleine Abschlussfeier gehabt, gegessen und getrunken, aber vor allem drei Stunden miteinander reflektiert, das kam logischerweise zu kurz in diesem Jahr. Ich hoffe, dass es auch im nächsten Jahr wieder ein Workcamp der Ev. Jugend Hannover gibt – Elias, Alex, Alkis, Gabriella und andere hoffen das auch und freuen sich schon jetzt darauf.

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