Angst, Digitalisierung, Kirche

Beobachtungen zur Diskussion um das Thema der EKD-Synode 2014 in Dresden

„In keinem anderen Land, in dem ich bisher gearbeitet habe, spürte ich bei den Menschen so große Furcht vor dem Neuen.“ (Catharina Bruns, Work is not a job, 206)

Dieser Satz wirft für mich ein Schlaglicht auf die Diskussionen im Umfeld der heute beginnenden EKD-Synode. Kommunikation des Evangeliums in der digitalen Gesellschaft, so lautet das Thema. Dazu sind schon im Vorfeld eine Menge interessanter Texte erschienen, ein Kundgebungsentwurf, ein Lesebuch. Auf Facebook entwickeln sich Gespräche und es wird dazu gebloggt, z.B. von Knut Dahl (EKD Synode 2014, 6.-12. November Dresden) und Ralf-Peter Reimann (Digitalisierung und Internet: Tool oder neue Kultur? und Darf ich als Christ Google Now nutzen?).

Ich bleibe bei den Texten von Ralf-Peter hängen. Hier klingt manches an, über das wir vor einem Jahr bei der Arbeit an einem gemeinsamen Aufsatz diskutiert haben. Beim Lesen frage ich mich:

Warum ist in unserer evangelischen Kirche häufig so eine große Skepsis und Zurückhaltung spürbar, wenn es um Social Media, Internet und Digitalisierung geht?

Dazu drei Beobachtungen, Ideen, Interpretationsversuche.

a) Das Internet verschlägt uns den Atem. Seine Möglichkeiten begeistern einerseits, anderseits sind sie furcht- und angstbesetzt. Die allgegenwärtige Vernetzung stellt die Frage, wie ich die Kontrolle über mich behalten kann, wenn ich mich im Netz bewege. Das ist eine zutiefst menschliche Frage. Zur Menschenwürde gehört der Schutzraum des Privaten, den ich festlege und niemand anders. Die Frage nach den Grenzen zwischen privat, persönlich, öffentlich stellt sich immer und überall, im digitalen Netz in besonderer Weise. Denn das Netz vergisst nichts, Informationen über mich sind weltweit auf- und abrufbar, heute, morgen, vielleicht in Ewigkeit. Ich ahne, dass ich im Netz stets in der Gefahr stehe, entblößt, ja vernichtet zu werden. Berichte von Shitstorms und persönlichen Vernichtungsfeldzügen erschrecken und machen die Rückseite der spannenden, hilfreichen, bereichernden Vernetzungserfahrungen sichtbar. Die Größe des Netzes lässt die berechtigte und gesunde Furcht vor dem Verlust der Privatsphäre schnell umschlagen in eine existentielle, zugleich diffuse und so nicht mehr „greifbare“ Angst von Vernichtung. Das allgegenwärtige Netz bekommt so auf der emotionalen Ebene den Charakter eines schwarzen Lochs, das alles und jeden zu verschlingen droht. Vergebung und Vergessen werden tendenziell unmöglich. Hier fühlt sich (evangelische) Kirche und Theologie zu Recht auf den Plan gerufen. Salopp und verkürzt formuliert: Fragte Luther in seinen Bemühungen nach dem gnädigen Gott, der ihn von seiner Angst vor Schuld und ewiger Verdammnis erlöste und das in sich verkrümmte Herz befreite (cor incurvatus in se), so fragt der Mensch der Gegenwart nach dem gnädigen Gott, der ihn von der Gefahr (oder der Realität) unendlicher Entblößung erlöst und den Blick befreit nach oben, nach vorn richten lässt.

b) In der Skepsis gegenüber der fortschreitenden Digitalisierung spüre ich eine Sehnsucht nach Ursprünglichkeit. „Face-to-face“-Kommunikation wird der verkürzten Kommunikation über Facebook, Whatsapp, Youtube und Twitter entgegengestellt. Ich frage mich, ob hier nicht ein Missverständnis vorliegt, dass ich auch an anderer Stelle beobachte. Vor Jahren gab es in der heftigen Diskussion um den Rahmenbetriebsplan für das Bergwerk Duisburg-Walsum die Forderung der Bergbaugegner nach „Bewahrung der Schöpfung“ und Verzicht auf den Steinkohleabbau unter dem Rhein. Bewahrung der Schöpfung hieß hier: Bewahrung des Status Quo. Nicht bedacht wurde in dieser Argumentation, dass die heutige Landschaft am Rhein (wie überall in Deutschland, Europa, der Welt) eine von Menschen geschaffene Kulturlandschaft darstellt. Von einer „Urprünglichkeit“ (welcher Zustand, welcher Zeitpunkt in der Erdgeschichte auch immer gemeint sein mag) kann keine Rede sein. Bewahrung der Schöpfung muss also anderes bedeuten als einen gegenwärtigen Zustand erhalten zu wollen oder zu einem früheren Zustand „zurück“ kehren zu wollen. Beides kann in bestimmten Situationen sinnvoll sein, ist aber nicht unmittelbar mit Bewahrung der Schöpfung gleichzusetzen. Denn so bekommt die Schöpfungsbewahrung ausschließlich eine rückwärtige Orientierung und verliert den offenen, der Zukunft zugewandten Charakter. Diese spricht sich theologisch aus im Gedanken der creatio continua, des permanent fortschreitenden Schöpfungswerks. Der Blick zurück drückt dann eher die Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies aus: Ein früherer, vergangener Zustand wird in der Rückschau idealisiert, verklärt, romantisch und am Ende theologisch überhöht.

Dieser Vorgang könnte aus meiner Beobachtung auch hinter mancher Skepsis von Christinnen und Christen gegenüber der fortschreitenden Entwicklung im Bereich der digitalen Welten stecken. Die „direkte“ face-to-face-Kommunikation wird als „bessere“, „menschlichere“, „vollständigere“ „christlich angemessenere“ Kommunikation im Sinne des Evangeliums bezeichnet – zumeist ohne auf die ebenfalls problematischen Aspekte dieser Kommunikationsform zu verweisen (wie das z.B. Ilona Nord in ihrem Impulsreferat vor der VELKD-Synode am 07.11.2014 in Dresden getan hat, Abschnitt 2). Der Gedanke, dass das Schöpfungswerk permanent fortschreitet und wir als Menschen hier Mit-Schöpfer, Co-Creatoren Gottes sind, ermöglicht es mir, den Blick nach vorn zu wenden und nach Risiken und Chancen der Entwicklungen zu fragen, ohne von einem „vergangenen“ Leitbild gehindert oder gebremst zu werden. Kommunikation bleibt immer und überall zwiespältig, gefährdet, eine „ideale“ Kommunikationssituation gibt es nicht. Von daher gibt es keinen Grund, die digitale Kommunikation grundsätzlich gegenüber der „face-to-face“-Begegnung abzuwerten. Gefragt werden muss hier wie dort wie welche Sinne meiner Wahrnehmung in der Beziehungssituation beteiligt sind und wie dies sich auf das Kommunikationsgeschehen auswirkt.

c) Datenschutz und Datensicherheit sind wesentliche Aspekte in der Diskussion. Völlig zu Recht, geht es hier auch um den Schutz der Privatsphäre des/der Einzelnen und um den Wunsch, „meine“ Daten kontrollieren zu wollen. Diese Diskussion wird permanent geführt, aktuell in unserer Gesellschaft gerade im Blick auf die „Überwachung“ der KFZ-Kennzeichen zur Erhebung der geplanten PKW-Maut. Und ganz sicher gehen wir nicht nur als Privatleute, sondern auch im kirchlichen Kontext häufig zu sorglos mit persönlichen Daten um, nutzen mögliche Sicherheitsmöglichkeiten nicht oder nicht ausreichend.

Doch hier spielt oft noch die Furcht eine Rolle, dass durch immer mehr digitalisierte Daten von mir wem auch immer ermöglicht wird, Profile von mir im oder über das Netz anzulegen und wozu auch immer zu nutzen. Diese Gefahr ist real, keine Frage. Übersehen wird aber, dass diese Gefahr an anderer Stelle immer auch schon besteht und bestand: Jede psychologisch geschulte oder mit gutem Einfühlungsvermögen ausgestattete Person ist in der Lage, aus meiner Stimme, meiner Gestik und Mimik ein „Profil“ meiner Persönlichkeit zu erstellen. Das kann für mich als „Betroffener“ außerordentlich hilfreich sein, wenn es im seelsorglichem Gespräch oder in therapeutischen Prozessen darum geht, Dingen auf die Spur zu kommen. Aber es kann auch in Gesprächen, Begegnungen, Verhandlungen entsprechend ausgenutzt werden. Ich vermute sogar, dass die Gefahr der Manipulation in der „face-to-face-Begegnung wesentlich höher ist als in der „verkürzten“ digitalisierten Kommunikation, weil hier bestimmte Wahrnehmungskanäle ausgeblendet sind.

Die Fragen der Kommunikation des Evangeliums in der (jeweiligen) Gegenwart sind möglichst differenziert zu betrachten. Die umfangreichen Diskussionen im Umfeld der EKD-Synode bringen uns hier weiter und das finde ich gut. Denn die Aufgaben, die sich gesellschaftlich, innerkirchlich, theologisch durch die fortschreitende Digitalisierung stellen, sind riesengroß und rauben oft durch ihr Tempo den Atem und lösen Beklemmung aus. Diffuse Ängste verstärken dies oft und lassen mich zurückweichen. Als Christ sehe ich mich hier dennoch gut aufgehoben in der Dialektik des Glaubens, die Martin Luther so beschreibt:

„Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan.
Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“
(Von der Freiheit eines Christenmenschen, 1520)

6 Gedanken zu “Angst, Digitalisierung, Kirche

  1. Wie immer ein nachdekenswerter Text von dir. Ich finde das mit dem gnädigen Gott spannend, weil diese lutherische Grundfrage heute nicht mehr die alles umtreibende Frage ist. Wie wir da Anschlußfähikeit erlangen können und so dem reformatorischen Erbe treu bleiben, das ist aufgetragen.
    Da der Link zu meinem Blogbeitrag nicht funktioniert, hier der Nachtrag:
    http://pastorenstueckchen.de/2014/11/ekd-synode-2014-6-12-november-dresden/

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  2. Pingback: Moment mal: „Echte“ Kommunikation | theologiestudierende.de

  3. Ich bin immer wieder beeindruckt, wenn Menschen offen über Angst sprechen. Im Volksmund ist „Angst ein schlechter Ratgeber“. Angst hat etwas von fehlendem Vertrauen. Eben gerade dieses Vertrauen ist einerseits das Vertrauen nach außen und ebenso das Vertrauen nach innen, wozu auch das Vertrauen auf Gott gehört. Die Sehnsucht nach dem Ursprünglichen ist immer auch die Sehnsucht nach der unbeschwerten Kindheit, vielleicht die Sehnsucht nach dem Paradies. Erwachsene Christen können der Angst anders begegnen als Kinder. Wir vertrauen aus Überzeugung, nicht aus Naivität. Die modernen Entwicklungen in der Gesellschaft erfordern dieses Vertrauen. Entweder das Vertrauen darauf, dass Widerstand sich lohnt und wichtig ist oder in anderen Situationen das Vertrauen darauf, dass neue Medien und Impulse der eigentlichen Sache, dem Erhalt der Werte dienen können. Doch wir merken, Vertrauen ist eine Herzensüberzeugung, das Leben ist eben kein Ponyhof. Ich verweise zu diesem Thema gern auf „Robert Bley, die kindliche Gesellschaft.“. Vielen Dank für die Mühe, die Sie in diesen Blogbeitrag investiert haben.

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