Interne Kommunikation: Gestalten, nicht verbessern. Eine Art Zwischenruf

Interne Kommunikation: Gestalten, nicht verbessern. Eine Art Zwischenruf

Die These: Gestalten, nicht verbessern

Frühjahr 2016. Ich bin auf dem Grünbuch-Kongress Arbeiten 4.0 des Bundesarbeitsministeriums in Berlin. Ein Programmpunkt ist die Vorstellung der Studie: Wertewelten 4.0. Ein Institut hat 1200 Interviews mit Menschen über ihre Arbeit geführt. Dabei wurde nicht mit vorformulierten Fragebögen gearbeitet, sondern in Einzelinterviews der Frage nachgegangen: Was ist dir an deiner Arbeit wichtig? Die Studie zeichnet ein sehr differenziertes Bild von Erwartungen an (Erwerbs-) Arbeit, sieben Wertewelten wurden herausgefiltert: Sorgenfrei von der Arbeit leben können (28% der Befragten), in einer starken Solidargemeinschaft leben (9%), den Wohlstand hart erarbeiten (15%), engagiert Höchstleistungen erzielen (11%), sich in der Arbeit selbst verwirklichen (10%), Balance zwischen Arbeit und Leben finden (14%), und Sinn außerhalb seiner Arbeit finden (13%).

Als ich auf der Leinwand die Grafiken der Wertewelten verfolge, schießt mir durch den Kopf: Wenn Menschen heute so unterschiedliche, ja gegensätzliche Erwartungen an ihre Arbeit haben, dann ist es kein Wunder, dass die Kommunikation am Arbeitsplatz oft so schwierig ist. Hier arbeiten und kommunizieren Menschen mit sehr verschiedenen Wertehaltungen miteinander. Interne Kommunikation wird dabei häufig als defizitär und verbesserungswürdig empfunden. Mitarbeitende und Führungskräfte erleben diese Analyse oft gleichermaßen als belastend, beide Seiten leiden darunter. Der defizitäre Blick ist aber weder eine hilfreiche noch angemessene Sichtweise auf die Kommunikation am Arbeitsplatz, in Abteilungen und Dienststellen. Interne Kommunikation ist und bleibt eine permanente Gestaltungsaufgabe, aber nicht weil sie „schlecht“ ist, sondern weil es in der Natur der Sache liegt. Nur ein Beispiel: Wer sich in seiner Arbeit verwirklichen will, wird eventuell alle möglichen Aktivitäten zum Team-Building als höchst sinnvoll erachten, weil die Arbeit im Zentrum des eigenen Lebens steht und so gemeinsame Aktionen auch jenseits der Arbeitszeit befürworten – die/der Kolleg/-in, die/der den Sinn außerhalb der (Erwerbs-) Arbeit sucht, wird dies ablehnen, weil es ihr oder ihm die Zeit zum Engagement jenseits des Berufs beschneidet.

Wenn wir aber so heterogen aufgestellt sind im Blick auf die Werte, die wir in unserer Arbeit zu verwirklichen suchen, dann gilt es dies bei der Gestaltung interner Kommunikation im Blick zu halten. Interne Kommunikation kann niemals „gut“ oder „schlecht“ sein, weil dies an der Situation vorbei geht. Es treffen Menschen aufeinander mit unterschiedlichen bis widersprüchlichen Wertehaltungen gegenüber ihrer Tätigkeit am Arbeitslatz und sie müssen miteinander klar kommen hinsichtlich der zu leistenden Aufgaben. (Was nicht ausschließt, dass die Kommunikation durch Konflikte vergiftet ist, aber dann müssen die Konflikte bearbeitet werden, z.B. durch Fortbildung, Mediation, Supervision oder Coaching.)

Damit ist und bleibt die interne Kommunikation eine gemeinsame und nie abgeschlossenen Gestaltungsaufgabe. Denn mit jedem Zu- oder Abgang verändert sich das System der Wertewelten und muss neu ausgehandelt werden. Diese Einsicht ist eine große Entlastung aller Beteiligten, weil sie Druck aus dem System herausnimmt. Wir kommunizieren nicht „schlecht“ und „müssen“ darin „besser“ werden, sondern, um es etwas prosaisch zu sagen: Wir müssen (immer wieder) darüber reden, wie wir miteinander reden (wollen).

Denn jede/r Neue kommt zudem nicht nur in eine Unternehmenskultur, sondern zugleich in eine spezifische Flurfunkatmosphäre, die sich entwickelt hat und die den Beteiligten meist kaum bewusst ist. Interne Kommunikation muss daher auch diese vorhandenen „Traditionen“ wahr und ernst nehmen. Diese „verbessern“ zu wollen, ist selten direkt möglich. Aber ich kann mir solche Kommunikationskulturen bewusst machen. Ich entdecke dann, dass auch innerhalb solcher Atmosphären einzelne Personen mit ihren unterschiedlichen Wertehaltungen agieren – der eine findet die Flurfunkkultur dabei vielleicht toll, die andere leidet darunter. Wenn die Unterschiedlichkeit gesehen und als gegeben akzeptiert wird, dann werde ich in Konflikten nicht (so schnell) verbal drauf schlagen, sondern (erst einmal) zuhören und verstehen wollen.

An dieser Stelle wird schnell auch deutlich, dass es in der internen Kommunikation Rollen gibt, d.h., insbesondere die Flurfunktradition wird durch bestimmte Mitarbeitende gesetzt, die dann auch (meist unbewusst) die These ausgeben, die Kommunikation ist gut oder schlecht. Daran ist nichts verwerflich, solche Rollenzuschreibungen gibt es überall, wo Menschen zusammen leben und arbeiten, es macht aber Sinn, das spezifische Rollengeflecht zu erkennen und in die (gemeinsame) Gestaltungsaufgabe mit einzubeziehen.
Aus dieser Gestaltungsaufgabe ergeben sich für Führungskräfte und Mitarbeitende unterschiedliche, wenn auch ähnliche Folgerungen.

Folgerungen für die Führungskräfte

„Der Fisch stinkt vom Kopf her“ – diese Binsenweisheit gilt auch hier. Leitungspersonen haben eine Verantwortung auch für die interne Kommunikation. Aufgrund des hierarchischen Gefälles sind sie es, die bestimmte Aspekte vorleben müssen, wenn diese sich entfalten sollen. Dazu gehört im Blick auf die interne Kommunikation:

  • Führungskräfte vermitteln den Rahmen. Sie haben permanent davon zu sprechen, warum die interne Kommunikation gestaltet werden kann und muss, aber nicht verbessert werden kann. Es ist ihre Aufgabe, diesen Umdenkprozess bewusst zu machen und zu halten. Selbstverständlich impliziert dies nicht nur die allgemeine Wertschätzung aller Mitarbeitenden, sondern auch die Wertschätzung der jeweiligen Wertewelten. Wertschätzung einer karriereorientierten Mitarbeitenden sieht anders aus als die eines an der Balance zwischen Beruf und Familie orientierten Mitarbeiters.

  • Auch ich als Führungskraft habe eine spezifische Wertewelt, die sich in meinem Kommunikationsverhalten spiegelt. Ich darf sie nicht zur Norm in meiner Abteilung machen.

  • Führungskräfte sind gut beraten, feinfühlig auf die vorhandenen Flurfunktraditionen zu achten. Sie spiegeln sowohl die unbewussten Mainstream-Regeln, die sich über Jahre entwickelt haben als auch die spezifische Rollengeflecht der Mitarbeitenden untereinander und im (gemeinsamen) Gegenüber zur Führungskraft. Es ist kaum möglich, gegen solche Traditionen neue Formen von Kommunikation durchsetzen zu wollen, aber das möglicherweise auch gemeinsame Bewusstmachen dieser Traditionen nimmt dies ernst und bezieht in die Gestaltung von interner Kommunikation ein. Veränderungen gehen hier nur gemeinsam und verabredet, hilfreich vermutlich ist es, Veränderungen zu erproben. Ein klassisches Feld sind aus meiner Sicht hier Betriebsausflüge und/oder Weihnachtsfeiern, weil hier die Wertewelten zunächst „unverdächtig“ aufeinander stoßen.

  • Eine wesentliche Aufgabe von Führungskräften ist die Vermittlung von Transparenz. Mitarbeitende möchten Entscheidungen von oben zumindest nachvollziehen können und zeitnah informiert werden. Transparenz ist aber immer eine gefilterte und bewertete Weitergabe von Informationen. Daher ist es hilfreich, bei der Frage, ob, wie und wann, sich der Vielfältigkeit der Wertewelten bewusst zu sein. Die Einführung von Home-Office wird – als Beispiel – mit Sicherheit auf sehr unterschiedliche Reaktionen stoßen, gleiches gilt für Video-Konferenzen u.v.a.m.

  • Transparenz beinhaltet auch die Klärung der Verantwortlichkeit. Interessanterweise sind Entscheidungswege gerade auch in Unternehmen, in denen die Hierarchien abgeschafft wurden, keineswegs konsensorientiert oder „demokratisch“. Im Konsens ist letztlich niemand verantwortlich, und demokratisch ist keineswegs zwingend sachgerecht. Auch dort, wo es (noch) Hierarchien gibt, macht es viel Sinn, die Verantwortlichkeiten zu klären und dann auch ernst zu nehmen. Eine einmal delegierte Verantwortlichkeit kann nicht einfach wieder zurück genommen werden. Klare Worte zählen, auch die Ermutigung zur Verantwortungsübernahme (bis hin zur Erlaubnis, Fehler zu machen). DieFührungskräfte können hier vorleben und sowohl in der eigenen Verantwortlichkeit Beratung erbitten als auch Entscheidungen bewusst treffen und die Kriterien transparent machen. Dazu gehört auch, dass ggf. einzelne Aspekte und Kriterien nicht öffentlich genannt werden (können). Umgekehrt gilt es, Mitarbeitende zu ermutigen und zu ermächtigen, Verantwortung in ähnlicher Weise zu übernehmen.

Folgerungen für die Mitarbeitenden

Auch die Mitarbeitenden sind mit verantwortlich für die Gestaltung und das Gelingen interner Kommunikation.

  • Der Ausgangspunkt ist auch hier, die Verschiedenartigkeit der Kolleg/-innen im Blick auf die Wertehaltung zu erkennen und zu achten. Dies kann damit beginnen, z.B. den Onlinefragebogen auf arbeitenviernull.de auszufüllen und mich in einer oder mehreren Wertewelten zu verorten. Noch besser ist es, wenn mehrere oder gar alle Mitarbeitenden in einer Dienststelle, Abteilung usw. den Fragebogen ausfüllen, einschließlich der Führungskraft. Die jeweiligen Ergebnisse müssen gar nicht „veröffentlicht“ werden, das persönliche Ergebnis reicht nach meiner Erfahrung, dass Menschen miteinander anfangen, darüber zu sprechen.

  • Weiter gehört zur Gestaltungsaufgabe die Bereitschaft, die Flurfunktraditionen mit zu reflektieren: Wie ist das hier? Warum ist da so? Wer findet das gut, wer vielleicht nicht – und warum?

  • Es gilt auch aus Sicht der Mitarbeitenden, die unterschiedlichen Rollen zu achten und zu wertschätzen. Das ist möglich und kann gelingen, wenn die Führungspersonen authentisch Vertrauen und Transparenz vorleben, aber die Mitarbeitenden haben dann auch die Aufgabe, hier gleichermaßen zu reagieren. Wenn die Verantwortlichkeiten klar sind, entlastet dies die einzelnen Rollen auch, wenn sie von allen Seiten akzeptiert sind. Dann gilt es auch für die Mitarbeitenden, die Rolle der Führungskräfte zu akzeptieren und diese zu unterstützen. Andernfalls kann interne Kommunikation nicht gelingen. Ich kann mich nicht zurücklehnen und abwarten – denn auch dies ist eine Form von Kommunikation im Sinne des Satzes von Watzlawick: Ich kann nicht nicht kommunizieren.

  • Ein wesentlicher Faktor ist dabei, mir meine Erwartungen bewusst zu machen, die ich an meine Führungskräfte und/oder die Kolleg/-innen richte. Aus meiner Wertehaltung und meinem Verständnis von (Erwerbs-) Arbeit fließen Erwartungen. Die Herausforderung besteht darin, hier für mich zu klären, dass diese meine Erwartungen – an die Führungskräfte, aber auch an die Kolleg/-innen – nicht überzogen oder gar falsch sind. Es ist zwar verständlich, wenn ich z.B. im Blick auf meinen Arbeitsplatz Sicherheit haben möchte. Falls aber die Führungskraft transparent machen kann, dass diese Sicherheit (derzeit) nicht besteht, dann ist es zwar verständlich und legitim, wenn ich enttäuscht bin und auch Angst habe – aber es nicht richtig, für diese meine Gefühle nun die Führungskraft verantwortlich zu machen. Dies ist ein heikler Punkt, weil für viele Menschen Sicherheit ein extrem hoher Wert ist. Und er ist auch heikel im Gespräch unter den Kolleg/-innen, denn hier stellt sich schnell die Frage nach Solidarität im Vorgehen und im Empfinden. Stelle ich mir die oben skizzierten sieben Wertewelten vor Augen, dann wird klar, dass „Sicherheit (des Arbeitsplatzes)“ sehr unterschiedlich gewertet wird. Solidarisch sein heißt dann auch unter den Kolleg/-innen, sich in das Empfinden des/der Anderen einzufühlen. Kommunikation ist anstrengend, vielleicht sogar gefährlich, weil das Gespräch eventuell auch bei mir Gefühle wachrufen, die ich lieber tief in mir vergrabe. Wo Kommunikation aber gelingt, trägt sie zur Resilienz der einzelnen Personen und der gesamten Gruppe bei und „verbessert“ die Arbeitsleistung.

  • Die unterschiedlichen Wertewelten machen deutlich, dass es nur selten möglich sein wird, Kommunikationsregeln einvernehmlich zu „beschließen“ oder Verabredungen im Blick auf einzelne Aspekte zu treffen, die grundsätzlich und immer von allen mit innerer Überzeugung geteilt werden. Das individualisierte Empfinden macht dies unwahrscheinlich und wo es angestrebt wird, kommt es eher nicht zu Gestaltungslösungen und der Frust auf allen Seiten wächst. Es gilt daher Verabredungen (oder auch Entscheidungen anderer im Rahmen derer Verantwortlichkeit) im Rahmen interner Kommunikation auch dann ernst zu nehmen, wenn sie mir schwer fallen oder ich es lieber anders gehabt hätte oder sie mir im Einzelfall gar widerstreben. Das ist ein sicher sensibler Punkt, weil es nicht dazu führen darf, dass ich mit meinen Vorstellungen permanent hinten herunter falle. Dennoch, solche Entwicklungen sind auch nicht ausgeschlossen, dann ist am Ende die Trennung eventuell der bessere Weg. Unternehmen, die Hierarchien abgeschafft haben oder offene Büroorganisationen umgesetzt haben, haben diese Erfahrung gemacht, dass es Mitarbeitende gibt, die solche Veränderungen nicht mitgehen können, weil sie ihren Werten widerspricht. Aber wie schon gesagt, hier zeigt sich ein heikler Punkt. Denn die Veränderung meines Arbeitsplatzes muss mir auch möglich sein, wenn nicht, wird es zu einem Kommunikationshemmnis erster Ordnung., die vielbeschworene „innere Kündigung“ hat auch erhebliche Auswirkungen auf interne Kommunikation.

  • Manches mag so klingen, als ob interne Kommunikation nur so gestaltet werden kann, wenn die Führungsebene dies unterstützt und vorlebt. Ich bin aber der Meinung, dass auch Mitarbeitende die Möglichkeit haben, die unterschiedlichen Wertewelten zu thematisieren, untereinander, aber auch gegenüber einer ablehnenden, zurückhaltenden Führungskraft. Transparenz, Wertschätzung unterschiedlicher Einstellungen, Flurfunktraditionen – Mitarbeitende können auch ohne ihre Führungskraft hier Anregungen geben, Dinge ausprobieren. Betriebsräte und Mitarbeitervertretungen können solche Fragestellungen beispielsweise aufgreifen. Allein die bewusste Verwendung (oder Vermeidung) von Begriff verändert Kommunikation. Wenn ich mir klar mache, dass die interne Kommunikation nicht zu verbessern ist, sondern immer nur gestaltet werden kann und ich anfange, so über Kommunikation zu sprechen, verändert dies das System.

Mut zur Ehrlichkeit – 1. Deutscher CSR Kommunikationskongress

csrAm 13. November hatte ich die Möglichkeit, am 1. Deutschen CSR Kommunikationskongress in Osnabrück teilzunehmen. Thema: Wie Unternehmen ihr Engagement im Bereich Nachhaltigkeit kommunizieren (können, sollten). Es war eine hervorragende konzipierte und organisierte Veranstaltung, an der ich etliche neue Menschen kennengelernt habe und spannende Vorträge gehört habe. Die Podiumsrunden waren passend zusammengestellt, gleiches gilt für die beiden Workshops, die ich besucht habe. Ein paar Eindrücke möchte ich hier festhalten.

Marc Winkelmann eröffnete den Vormittag mit einer Keynote. Drei Imperative stellte er in den Raum: 1. Seien Sie mutig! („Gehen Sie in den Dialog, um die Argumente der Bevölkerung zu hören!“), 2. Seien Sie ehrlich! („Verfolgen Sie eine entwaffnende Strategie – ich habe meine Ahnung, aber ich kümmere mich darum!“), 3. Stellen Sie größere Fragen! („Fragen Sie sich: Worin liegt der Sinn Ihres Unternehmens?“). Sein Fazit: Etwas mehr Demut würde zu mehr Ehrlichkeit und Offenheit in der Unternehmenskommunikation führen.

Ehrlichkeit, das Wort sollte am Ende des Tages sich mehr oder minder durch alle Vorträge und Gespräche hindurch gezogen haben. Ehrlichkeit führt zu Glaubwürdigkeit und Vertrauen, zwei für den Erfolg wesentlichen Schätzen eines Unternehmens. Dabei wurde zu Recht darauf verwiesen, dass niemand glaubwürdig oder vertrauenswürdig sein kann, dies sind Zuschreibungen von außen. Ehrlich und authentisch, das kann ich sein. Und dazu gehört auch die Bereitschaft, Fehler, nicht erreichte Ziele in z.B. in Nachhaltigkeitsreports zuzugeben. Das ist riskant und wird vielfach als Schwäche abgelehnt – andererseits ermüden die Hochglanzbroschüren die Leser/-innen und führen nicht zu mehr Vertrauen, weil jede/r weiß, niemand ist perfekt und fehlerfrei, ich auch nicht. Unternehmen wie Tschibo haben hier überraschend positive Erfahrungen gemacht, wie Achim Lohrie (Leiter Unternehmensverantwortung) an Beispielen zeigt. Frederik Lippert von der Vaillant Group brachte es auf den Punkt: „Transparenz heißt Erfolge nur dann zu feiern, wenn auch über Misserfolge gesprochen wird.“

Ich fand es spannend und erfreulich, wie viele Unternehmen in Deutschland mittlerweile auf dem Weg sind, nachhaltiger zu wirtschaften und entsprechende Strategien fahren (oft auch gegen den Widerstand in den eigenen Reihen). Von Vaude wusste ich schon, aber Tschibos Anstrengungen waren mir ebenso neu wie manch andere Firma, die sich z.B. in der von Yvonne Zwick aus der Geschäftsstelle des Rates für Nachhaltige Entwicklung vorgestellten Datenbank des Deutschen Nachhaltigkeitskodex (die 2016 deutlich verbessert und überarbeitet wird). Das Themenfeld Nachhaltigkeit, ökologisch und soziale Produktionsbedingungen, globale Lieferketten ist dabei, im Mainstream anzukommen, der Bedarf wird für mich auch daran erkennbar, dass der Nachhaltigkeitsrat einen entsprechenden Leitfaden für KMUs herausgegeben hat.

Am Nachmittag nahm ich am Workshop „Social Media und Mobile Communication“ teil. Michael Herz, Geschäftsführer von DFB-Online gab interessante Einblicke in die Social Media-Aktivitäten des DFB, der anders als die allermeisten Unternehmen mit riesigen Nutzerzahlen arbeiten kann – und muss. Joachim Schöpfer (geschäftsführender Partner von Serviceplan Corporate Reputation, einer Agentur für Reputations- und Nachhaltigkeitskommunikation) schlug in einem Statement einige Pflöcke ein: „Alte“ Marketingmethoden (wie das „Anbrüllen“) passen immer weniger zu de den modernen Medien und Möglichkeiten, das führt zur steigender Verzweiflung in der Branche, weil die vertrauten Waffen immer stumpfer werden. Seine These: „Die Verbraucher/-innen möchten zunehmend, dass die Firmen, deren Produkte sie kaufen, etwas zur Rettung der Welt beitragen.“ Hier gilt es zu überlegen, worüber habe ich als Unternehmen eine Kompetenz bzw. Relevanz zu sprechen? Das wird mir in der Kommunikation abgenommen, weil es authentisch ist. Es gilt also nach den Themen zu suchen, die zu mir und meinem Geschäftsfeld „passen“. Und dann, nur dann kann Social Media auch zum Dialog werden, weil dazu gehört, dass mein Content den oder die Andere/n bewegt. Schöpfer wies auch darauf hin, dass Social Media neben einer Strategie entsprechende zeitliche Ressourcen benötigt. „Einfach noch oben drauf“ gesattelt auf vorhandene (Stunden-) Budgets wird man schwerlich Erfolge feiern können.

Leider, leider hatte Sabine Kirchhoff (Professorin am Institut für Kommunikationsmanagement an der Hochschule Osnabrück) nur noch fünf Minuten, um ihre Thesen vorzutragen. Sie konnte auf unnachahmliche Weise nur darauf hinweisen, dass es etliche Mythen in der (Online-) Kommunikation gibt, die „echte“ Kommunikation eher verhindern als fördern. Das ging alles so schnell, dass ich nicht mehr mitschreiben konnte. Nur einen Gedanken kann ich noch erinnern: Die Aufmerksamkeit wird dann gesteigert, wenn Themen aufgegriffen werden, in denen die Bedrohungen der Werte von Einzelnen angesprochen werden oder wenn Krisen des gesamten gesellschaftlichen Systems diskutiert werden (das kann an der aktuellen Debatte um die Flüchtlinge aufgezeigt werden.

Auf der einen Seite fand ich die Einblicke in Nachhaltigkeitskommunikation von Unternehmen als KDAler hoch spannend, auf der anderen Seite frage ich mich aber auch immer, was solche Erkenntnisse für unsere innerkirchliche Kommunikationsstrategie bedeuten. Einige Fragen, die mir durch den Kopf gingen:

  • Wie sieht es mit der Kommunikation der innerkirchlichen Bemühungen um Nachhaltigkeit im eigenen „Wirtschaften“ aus? Sind wir hier transparent im Sinne von Lippert und Lohrie, dass wir auch die Misserfolge kommunizieren?
  • Welches sind die Themenfelder, in denen wir kompetent und relevant sind? Anders gefragt: Was sind die Themenfelder, in denen uns Kompetenz und Relevanz zugeschrieben wird?
  • Gelten die Aussagen von Schäfer auch für unsere kirchlichen Veröffentlichungen, dass alte Wege sich nicht abnutzen, sondern auch nicht mehr zeitgemäß sind?
  • Was bedeutet es für unsere Kommunikation, wenn Sabine Kirchhoff recht hat und vor allem Werte und befürchtete oder reale Systemkrisen Aufmerksamkeit auf sich ziehen? Haben wir hier Kompetenz und Relevanz – und die nötigen Ressourcen?

Angst, Digitalisierung, Kirche

Beobachtungen zur Diskussion um das Thema der EKD-Synode 2014 in Dresden

„In keinem anderen Land, in dem ich bisher gearbeitet habe, spürte ich bei den Menschen so große Furcht vor dem Neuen.“ (Catharina Bruns, Work is not a job, 206)

Dieser Satz wirft für mich ein Schlaglicht auf die Diskussionen im Umfeld der heute beginnenden EKD-Synode. Kommunikation des Evangeliums in der digitalen Gesellschaft, so lautet das Thema. Dazu sind schon im Vorfeld eine Menge interessanter Texte erschienen, ein Kundgebungsentwurf, ein Lesebuch. Auf Facebook entwickeln sich Gespräche und es wird dazu gebloggt, z.B. von Knut Dahl (EKD Synode 2014, 6.-12. November Dresden) und Ralf-Peter Reimann (Digitalisierung und Internet: Tool oder neue Kultur? und Darf ich als Christ Google Now nutzen?).

Ich bleibe bei den Texten von Ralf-Peter hängen. Hier klingt manches an, über das wir vor einem Jahr bei der Arbeit an einem gemeinsamen Aufsatz diskutiert haben. Beim Lesen frage ich mich:

Warum ist in unserer evangelischen Kirche häufig so eine große Skepsis und Zurückhaltung spürbar, wenn es um Social Media, Internet und Digitalisierung geht?

Dazu drei Beobachtungen, Ideen, Interpretationsversuche.

a) Das Internet verschlägt uns den Atem. Seine Möglichkeiten begeistern einerseits, anderseits sind sie furcht- und angstbesetzt. Die allgegenwärtige Vernetzung stellt die Frage, wie ich die Kontrolle über mich behalten kann, wenn ich mich im Netz bewege. Das ist eine zutiefst menschliche Frage. Zur Menschenwürde gehört der Schutzraum des Privaten, den ich festlege und niemand anders. Die Frage nach den Grenzen zwischen privat, persönlich, öffentlich stellt sich immer und überall, im digitalen Netz in besonderer Weise. Denn das Netz vergisst nichts, Informationen über mich sind weltweit auf- und abrufbar, heute, morgen, vielleicht in Ewigkeit. Ich ahne, dass ich im Netz stets in der Gefahr stehe, entblößt, ja vernichtet zu werden. Berichte von Shitstorms und persönlichen Vernichtungsfeldzügen erschrecken und machen die Rückseite der spannenden, hilfreichen, bereichernden Vernetzungserfahrungen sichtbar. Die Größe des Netzes lässt die berechtigte und gesunde Furcht vor dem Verlust der Privatsphäre schnell umschlagen in eine existentielle, zugleich diffuse und so nicht mehr „greifbare“ Angst von Vernichtung. Das allgegenwärtige Netz bekommt so auf der emotionalen Ebene den Charakter eines schwarzen Lochs, das alles und jeden zu verschlingen droht. Vergebung und Vergessen werden tendenziell unmöglich. Hier fühlt sich (evangelische) Kirche und Theologie zu Recht auf den Plan gerufen. Salopp und verkürzt formuliert: Fragte Luther in seinen Bemühungen nach dem gnädigen Gott, der ihn von seiner Angst vor Schuld und ewiger Verdammnis erlöste und das in sich verkrümmte Herz befreite (cor incurvatus in se), so fragt der Mensch der Gegenwart nach dem gnädigen Gott, der ihn von der Gefahr (oder der Realität) unendlicher Entblößung erlöst und den Blick befreit nach oben, nach vorn richten lässt.

b) In der Skepsis gegenüber der fortschreitenden Digitalisierung spüre ich eine Sehnsucht nach Ursprünglichkeit. „Face-to-face“-Kommunikation wird der verkürzten Kommunikation über Facebook, Whatsapp, Youtube und Twitter entgegengestellt. Ich frage mich, ob hier nicht ein Missverständnis vorliegt, dass ich auch an anderer Stelle beobachte. Vor Jahren gab es in der heftigen Diskussion um den Rahmenbetriebsplan für das Bergwerk Duisburg-Walsum die Forderung der Bergbaugegner nach „Bewahrung der Schöpfung“ und Verzicht auf den Steinkohleabbau unter dem Rhein. Bewahrung der Schöpfung hieß hier: Bewahrung des Status Quo. Nicht bedacht wurde in dieser Argumentation, dass die heutige Landschaft am Rhein (wie überall in Deutschland, Europa, der Welt) eine von Menschen geschaffene Kulturlandschaft darstellt. Von einer „Urprünglichkeit“ (welcher Zustand, welcher Zeitpunkt in der Erdgeschichte auch immer gemeint sein mag) kann keine Rede sein. Bewahrung der Schöpfung muss also anderes bedeuten als einen gegenwärtigen Zustand erhalten zu wollen oder zu einem früheren Zustand „zurück“ kehren zu wollen. Beides kann in bestimmten Situationen sinnvoll sein, ist aber nicht unmittelbar mit Bewahrung der Schöpfung gleichzusetzen. Denn so bekommt die Schöpfungsbewahrung ausschließlich eine rückwärtige Orientierung und verliert den offenen, der Zukunft zugewandten Charakter. Diese spricht sich theologisch aus im Gedanken der creatio continua, des permanent fortschreitenden Schöpfungswerks. Der Blick zurück drückt dann eher die Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies aus: Ein früherer, vergangener Zustand wird in der Rückschau idealisiert, verklärt, romantisch und am Ende theologisch überhöht.

Dieser Vorgang könnte aus meiner Beobachtung auch hinter mancher Skepsis von Christinnen und Christen gegenüber der fortschreitenden Entwicklung im Bereich der digitalen Welten stecken. Die „direkte“ face-to-face-Kommunikation wird als „bessere“, „menschlichere“, „vollständigere“ „christlich angemessenere“ Kommunikation im Sinne des Evangeliums bezeichnet – zumeist ohne auf die ebenfalls problematischen Aspekte dieser Kommunikationsform zu verweisen (wie das z.B. Ilona Nord in ihrem Impulsreferat vor der VELKD-Synode am 07.11.2014 in Dresden getan hat, Abschnitt 2). Der Gedanke, dass das Schöpfungswerk permanent fortschreitet und wir als Menschen hier Mit-Schöpfer, Co-Creatoren Gottes sind, ermöglicht es mir, den Blick nach vorn zu wenden und nach Risiken und Chancen der Entwicklungen zu fragen, ohne von einem „vergangenen“ Leitbild gehindert oder gebremst zu werden. Kommunikation bleibt immer und überall zwiespältig, gefährdet, eine „ideale“ Kommunikationssituation gibt es nicht. Von daher gibt es keinen Grund, die digitale Kommunikation grundsätzlich gegenüber der „face-to-face“-Begegnung abzuwerten. Gefragt werden muss hier wie dort wie welche Sinne meiner Wahrnehmung in der Beziehungssituation beteiligt sind und wie dies sich auf das Kommunikationsgeschehen auswirkt.

c) Datenschutz und Datensicherheit sind wesentliche Aspekte in der Diskussion. Völlig zu Recht, geht es hier auch um den Schutz der Privatsphäre des/der Einzelnen und um den Wunsch, „meine“ Daten kontrollieren zu wollen. Diese Diskussion wird permanent geführt, aktuell in unserer Gesellschaft gerade im Blick auf die „Überwachung“ der KFZ-Kennzeichen zur Erhebung der geplanten PKW-Maut. Und ganz sicher gehen wir nicht nur als Privatleute, sondern auch im kirchlichen Kontext häufig zu sorglos mit persönlichen Daten um, nutzen mögliche Sicherheitsmöglichkeiten nicht oder nicht ausreichend.

Doch hier spielt oft noch die Furcht eine Rolle, dass durch immer mehr digitalisierte Daten von mir wem auch immer ermöglicht wird, Profile von mir im oder über das Netz anzulegen und wozu auch immer zu nutzen. Diese Gefahr ist real, keine Frage. Übersehen wird aber, dass diese Gefahr an anderer Stelle immer auch schon besteht und bestand: Jede psychologisch geschulte oder mit gutem Einfühlungsvermögen ausgestattete Person ist in der Lage, aus meiner Stimme, meiner Gestik und Mimik ein „Profil“ meiner Persönlichkeit zu erstellen. Das kann für mich als „Betroffener“ außerordentlich hilfreich sein, wenn es im seelsorglichem Gespräch oder in therapeutischen Prozessen darum geht, Dingen auf die Spur zu kommen. Aber es kann auch in Gesprächen, Begegnungen, Verhandlungen entsprechend ausgenutzt werden. Ich vermute sogar, dass die Gefahr der Manipulation in der „face-to-face-Begegnung wesentlich höher ist als in der „verkürzten“ digitalisierten Kommunikation, weil hier bestimmte Wahrnehmungskanäle ausgeblendet sind.

Die Fragen der Kommunikation des Evangeliums in der (jeweiligen) Gegenwart sind möglichst differenziert zu betrachten. Die umfangreichen Diskussionen im Umfeld der EKD-Synode bringen uns hier weiter und das finde ich gut. Denn die Aufgaben, die sich gesellschaftlich, innerkirchlich, theologisch durch die fortschreitende Digitalisierung stellen, sind riesengroß und rauben oft durch ihr Tempo den Atem und lösen Beklemmung aus. Diffuse Ängste verstärken dies oft und lassen mich zurückweichen. Als Christ sehe ich mich hier dennoch gut aufgehoben in der Dialektik des Glaubens, die Martin Luther so beschreibt:

„Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan.
Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“
(Von der Freiheit eines Christenmenschen, 1520)

Anmerkungen zu: Sprach Luther Denglisch?

Spannender Beitrag. Ich bin schon länger der Meinung, es müsste sich mal jemand hinsetzen und eine theologische Ethik der Sprache schreiben. Also Kriterien entwickeln zum »rechten« Gebrauch der Sprache. Ein paar unsortierte Gedanken dazu am Montagmorgen.

Ralf stellt die Frage nach dem Wert der Sprache: Ist es schon ein Wert an sich, die deutsche (oder englische oder oder…) Sprache hochzuhalten? Ich denke schon, weil die Muttersprache vermutlich die Sprache ist, in der wir uns am besten ausdrücken können. Ausdrucksfähigkeit ist aber nur ein Pol, ich will auch verstanden werden und damit ist Kommunikationsfähigkeit ein zweiter Pol. Und diese Fähigkeit bezieht logischerweise den Anderen mit ein und das Einlassen auf dessen Sprachfähigkeit.

Ich frage weiter: Was heißt denn »Muttersprache«? Und ist es da nicht angebracht, dem Kampf gegen Anglizismen usw. zu führen, weil die deutsche Sprache sonst verhunzt wird? Die Gefahr ist sicher nicht von der Hand zu weisen, aber das Problem ist unlösbar – weil die Kritik übersieht, dass Sprache immer im Fluss ist und sie versuchen, einen bestimmten Moment als normativ zu setzen. Anders gesagt: das Deutsch von Luther spricht heute keiner mehr, das Deutsch des 20. Jahrhunderts einfach als Maßstab zu setzen und daran Veränderungen zu messen, scheint mir zu einfach zu sein.

Hinter diesen Fragen taucht dann die eigentlich theologische Frage auf, die Ralf sehr schön stellt: Worum geht es eigentlich? Es geht um die Kommunikation des Evangeliums. Und diese geschah immer schon vielsprachig. Der Hinweis auf das Nebeneinander von Aramäisch, Hebräisch und Griechisch (und da auch noch mal zu unterscheiden zwischen Alltagsgriechisch und »Altgriechisch«) zur Zeit Jesu zeigt schon, dass das Evangelium von Anfang an mehrsprachig kommuniziert wurde, ganz selbstverständlich – weil Gottes Wort eben alle Menschen erreichen will und soll. Dem Volk aufs Maul schauen mag dann auch heißen – mehrere Sprachen sprechen, oder auch nur: die Sprache sprechen, die »gerade« gesprochen wird.

Damit zurück zum »Denglisch«. Sicher ärgere ich mich auch über manche Anglizismen in der deutschen Sprache, manchmal wundere ich auch nur oder schmunzle. Es kann mich auch als Deutschen ärgern, dass Englisch die Weltsprache Nummer 1 ist, weil es eben nicht meine Muttersprache ist. Aber ist das nicht etwas nationalistisch angehaucht…? Was würden wir hier umgekehrt denken und sagen, wenn Deutsch die Weltsprache wäre?

Wenn es um Verständigung in einer zunehmend global vernetzten Welt geht, dann kommen wir um das Englisch nicht herum. Und ich glaube, »Code-Switching« ist dann ein relativ normaler Vorgang, weil wir ahnen, spüren, wissen, dass es eben Ausdrücke gibt, die in verschiedenen Sprachen verschieden konnotiert sind. Es schärft daher eher das Verständnis von Sprache und damit die Kommunikation, wenn Begriffe verwendet werden, die nicht in der Muttersprache beheimatet sind, weil nämlich dann der kurze Moment des Zögerns einsetzt und ich im Kopf und im Gefühl »switche«. (In der geschrieben Sprache machen wir das auch: wenn ich Begriffe in »Anführungszeichen« setze, dann versuche ich diesen Moment des Stolperns in das Lesen einzubauen. Und dies ist im Kern eine ethische Entscheidung, die ich hier treffe.)

Nichtsdestotrotz bleibt aber die Rolle der Muttersprache drängend und zwar vor dem Hintergrund der Frage, in welcher Sprache das Evangelium »am besten« vermittelt werden kann. Letztlich kann und wird Gottes Geist schon seinen Weg zu den Herzen und Köpfen finden. Aber was ist, wenn die Beherrschung der »eigenen« Sprache (von einer »Fremd«-Sprache ganz zu schweigen) immer weiter eingeschränkt ist? Mancher Jugendliche ist kaum in der Lage, in Worten auszudrücken, was er denkt. »Keine Ahnung« ist die häufigste Antwort, die ich von Jugendlichen auf Fragen welcher Art auch immer zu hören bekomme. Jesus konnte zwei, drei Sprachen, Paulus auch, und heute?

Hinter all diesen Gedanken öffnet sich für mich die Frage, welche Sprachform zu welcher Gelegenheit angemessen ist. Das ist die ethische Grundfrage. Welche Sprache ist im Geschäftsbrief, in der Predigt, im Bekenntnis, in der Verabredung für ein Social Media Roundtable, in der Klage, in der Liebe usw. usw. die angemessene? Die Verwechslung von Sprachformen ist die Keimzelle von Missverständnissen und letztlich unnötiger »Kommunikation«. Das Roundtable-Gespräch bei der EKiR am vorletzten Freitag hat gezeigt, wie sinnvoll und notwendig solche Austauschrunden sind, weil schon zwischen Medienprofis und Theologen manchmal sehr unterschiedlich »gesprochen« wird. Achtsames Zuhören ist der Anfang der (Sprach-)Ethik.

Θ TheoNet.de

Bewusst oder weil es einfacher geht, englische Begriffe sind üblich, wenn man übers Internet spricht. Wir „googlen“, wenn wir etwas im Internet suchen und Jugendliche simsen oder facebooken – natürlich könnten sie auch Textnachrichten übers Mobiltelefon versenden, aber wenn jemand etwas ins Gesichtsbuch schriebe, wäre es wirklich Nonsense – oder doch besser Unsinn?

Als ich zu einem Social Media Round Table einlud, monierte jemand die sich anbiedernde auf Modern getrimmte Sprache – aber wozu hätte ich einladen sollen? Zu einem Runden Tisch zu Sozialen Medien? – das klingt wirklich altbacken. Mit welcher Sprache kommunizieren wir in der Kirche?

Ursprünglichen Post anzeigen 518 weitere Wörter