Scheitern ist nicht das Ende.

Gedanken zum Beginn einer Tagung in der Evangelischen Akademie Rheinland

Im ersten Moment tut es weh.
Sehr weh.
Das Gefühl, gescheitert zu sein.

Vielleicht hat es sich schon länger angekündigt:
Es war klar, der Tag wird kommen.
Vielleicht habe ich s geahnt:
Diese Geschichte kann nicht gut ausgehen.
Vielleicht wusste ich es sogar:
Aber den Kopf steckte ich in den Sand.

Aber es kommt auch aus heiterem Himmel.
Eine Nachricht, die alles auf den Kopf stellt.
Ende, aus.

Im ersten Moment tut es weh.
Sehr weh.
Aber Scheitern ist nicht das Ende.

Jede, jeder von uns ist schon gescheitert.
In der Schule.
In der Liebe.
In der Familie.
In Projekten.
In Arbeitsbeziehungen.
In politischer Verantwortung.
Im Ehrenamt.

Und der Schmerz ist immer genauso groß wie das Herzblut, das ich hier hineingesteckt habe.

Wir Deutschen neigen dazu, uns im Scheitern vor allem selbst die Schuld zu geben.
Aber das ist fatal.
Einmal empfinden wir die Scham des Versagens umso härter und ungerechter.
Umgekehrt zeigen wir alle gerne mit dem Finger auf andere:
Guck mal, die hat es nicht geschafft.
Und der hat den Laden vor die Wand gefahren.

Diese Haltung führt in einen Teufelskreis:
Immer noch mehr Anstrengung.
Und noch mehr Verdrängung.
Ich will es schaffen.
Ich muss es schaffen.
Und der Absturz wird umso größer.

Natürlich sind wir im Scheitern mit unserer Person beteiligt.
Aber wir Deutschen vergessen schnell, was Hannah Arendt einst in einem Bild beschrieb:
Egal, was wir tun,
unser Handeln, wo und wir auch immer,
nie ist es mehr
(aber auch nicht weniger)
als Fäden in ein Gewebe zu flechten,
das andere vor uns geflochten haben.

Wir stehen immer in Beziehungen und Bezogenheiten.
Wird eine, einer süchtig und abhängig von was auch immer –
da wissen wir, es gibt Co-Abhängigkeiten.
Die eher stützen als helfen.
Beim Scheitern in beruflichen Zusammenhängen wird das oft ausgeblendet.
Da bist du ganz alleine schuld.
Du weißt das,
du fühlst das.
Und die anderen lassen mich das spüren,

Wenn wir hier und heute über Scheitern nachdenken,
dann ist mir zu Beginn wichtig, genau darauf hinzuweisen:
Es scheitert nie jemals jemand allein.

Und auch den Weg in die Zukunft geht niemand nach einem Tiefpunkt allein.
Die Tatsache, dass wir hier miteinander über Scheitern reden,
ist so ein kleiner Schritt auf dem Weg nach dem Ende.
Der Austausch verbindet,
ermutigt,
rückt zurecht.

Scheitern hat mit Herzblut zu tun, sagte ich eben.
Tausend Dinge, die ich Tag für Tag anfange, klappen nicht.
Tausend Dinge.
Es tut mir nicht weh.

Andere schon.
Da geht es dann um Ziele.
Oder um Träume.
Oder um Werte.

Überall da, wo wir vom Scheitern sprechen, da geht es um mehr als nur um ein abgebrochenes Vorhaben.
Oder um eine im Sand verlaufene Initiative.
Oder um ein Projekt, das nicht ankam.

Ich habe schon so manches Projekt gestartet, mit gestartet, das nicht zum gewünschten Ziel führt.
Pech gehabt,
falsche Zeit,
falscher Ort,
falsche Partner.
Oder was auch immer.
Aber gescheitert?
Nein.
Nicht so schlimm.
Tut nicht weh.

Scheitern, da geht es ums Herzblut.
Um Überzeugungen.
Um Leidenschaften.
Das tut dann weh.
Und doch ist es nicht das Ende.
Oder muss es zumindest nicht sein.

Denn so unterschiedlich wir im Blick auf Scheitern empfinden,
so verschieden reagieren wir darauf.
Jede und jeder hat seine Strategien.

Bei der Vorbereitung ist mir eine Geschichte aus unserer christlichen Tradition eingefallen.
Eigentlich ist es eine doppelte Geschichte.
Sie erzählt vom Scheitern.
Einmal ist das Ende ein Anfang.
Das andere Mal ist das Ende ein endgültiges Ende.

Jesus stirbt am Kreuz, kaum dreißig Jahre alt.
Seine Mission scheitert spektakulär unter den Hammerschlägen der römischen Soldaten.
Die Botschaft vom liebenden Vater im Himmel,
von Frieden auf Erden,
von einem aus Mutterliebe getragenen Umgang untereinander,
diese Geschichte endet auf Golgatha.
Seine Anhänger sind verschwunden.
Nur seine Mutter und zwei seiner Gefolgsleute harren aus.
Bis er den letzten Atemzug tut,
kurz nach dem verzweifelten Schrei:
Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?

Wir kennen den Fortgang der Geschichte,
sind selbst Teil dieser Geschichte,
sonst wären wir heute nicht hier.
Ob wir uns selbst als Christinnen und Christen verstehen
oder auch nicht:
Dieses Haus,
diese Veranstaltung ist Ausfluss der fortgehenden Beschäftigung mit diesem Jesus von Nazareth.
Von dem es heißt, er sei drei Tage später auferstanden.
Was da genau geschah – historisch ist es nicht aufzuklären.
Sichtbar ist aber die Geschichte, die ihren Anfang dort nimmt.
Scheitern ist nicht das Ende – das könnte als Überschrift über vielen Erzählungen aus den beiden Teilen der hebräischen und griechischen Bibel stehen.
Es sind Glaubensgeschichten, ja –
aber eben auch Menschheitsgeschichten.
Die von Erfolge und Misserfolgen erzählen.

Verflochten in die letzten Tage dieses Jesus von Nazareth ist eine andere Geschichte.
Die des Judas.
Judas, auch ein Gefolgsmann Jesu.
Sein Vertrauter.
Wahrscheinlich hatte er die Gemeinschaftskasse unter sich.
Das ist schon ein Posten.

Was Judas genau zu seinem „Verrat“ verleitete, ist nicht mehr aufzuklären.
Die Evangelien spekulieren:
War es Geldgier?
Hat der Teufel von ihm Besitz ergriffen?
Auslegerinnen und Ausleger vermuten:
Judas wollte Jesus provozieren, herausfordern.
Hier in Jerusalem sollte er die Macht einsetzen, die er von Gott anvertraut bekam.
Herodes vom Thron jagen
und die Römer aus dem Land.
Sollte dies zutreffen, ist Judas grandios gescheitert.
Nach Matthäus bringt er das Blutgeld zu den Hohepriestern zurück.
Wirft es ihnen vor die Füße.
Doch die lachen nur.
Und Judas geht.
Nimmt sich einen Strick und erhängt sich.
Der Moment des Scheiterns tut weh.
Sehr weh.
Manchmal zu weh, als dass ich ihn ertragen kann.
Wer will da richten?

Und doch erschrecken wir.
Wenn wir von solch tödlichen Folgen des Scheiterns hören.
Und das ist auch gut so.
Denn wir sagen:
Scheitern ist nicht das Ende.
Muss es nicht sein.
Das ist unsere Überzeugung.
Dafür haben wir zu dieser Tagung eingeladen.
Zum Austausch.
Zur Ermutigung,
Zum Erzählen.
Zum Verstehen.
Ich bin gespannt und freue mich drauf.

2 Gedanken zu “Scheitern ist nicht das Ende.

  1. Pingback: FuckUp Night – oder auch: Vom Umgang mit unternehmerischem Scheitern | neubegehren entfacht das feuer

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