Fadenhochzeit und Spielfalt

Fadenhochzeit und Spielfalt

Predigt am 28. Oktober 2016 über Jesaja 11,1-9
bei meiner Einführung als Fachbereichsleiter Kirche. Wirtschaft. Arbeitswelt

Liebe Gemeinde,
es gibt Momente im Leben,
da trifft dich ein Wort,
ein Gedanke, ein Bild –
und du spürst sofort:
Das schlägt jetzt gerade voll ein.

So ging es mir mit diesen Worten von Hannah Arendt:

„All unser Handeln ist nicht mehr,
aber auch nicht weniger
als Fäden in ein Gewebe zu schlagen,
das andere vor uns gewebt haben.“

Ich sah das als Bild vor mir und sagte, ja, das stimmt.

Ein Faden, wie dieser hier.
Bringe ich ihn in dieses Gewebe hier ein, verändert sich das Muster.
Doch wenn er noch so schön farbig leuchtet:
Ohne das Gewebe bliebe er haltlos im luftleeren Raum.

Hannah Arendt sagt mit dem Bild:
Nichts von dem, was ich tue,
nichts von dem ist denkbar ohne das,
was andere vor mir getan haben.
Ich beziehe mich immer schon auf etwas,
das andere vor mir geschaffen haben.
Unsere Vorväter und -mütter.
Meine Eltern und Großeltern.
Arbeitskolleginnen und -kollegen, vielleicht schon im Ruhestand.
Und so weiter und so fort.

Doch zugleich schaffen wir immer wieder Neues.
Etwas, das vorher nicht da war.
Ich bringe einen Faden ein.
Und das Muster wird ein anderes, wird neu.

All unser Handeln steht in dieser Spannung.
Wir werden geboren und gebären im Lauf der Zeit Neues.
Ein Bild für unser ganzes Leben und Wirken.
Das klingt widersprüchlich und stimmt dennoch ganz und gar.
Geburtlichkeit nennt dies Hannah Arendt.

Und das Bild entfaltet sich schnell weiter.
An Mustern stricken viele mit.
Manche Gewebe sind so hart, dass ich mit meinem Faden nicht hineinkomme.
Andere sind brüchig und reißen, wenn ich mich zu verbinden suche.
Das Geflecht kann wunderschön aussehen –
oder völlig chaotisch.
Manche Fäden sind dicker, andere dünner.
Manche haben bunte, vielleicht auch grelle Farben.
Andere sind unscheinbar und grau.
Und so weiter und so fort.

Hannah Arendt ist dabei der Meinung:
Auch unsere Sprache gehört zu unserem Handeln.
Das Denken nicht.
Das bleibt im Kopf, ist nicht fassbar.
Aber in dem Moment,
in dem ich meine Gedanken in Worte fasse,
ausspreche oder aufschreibe –
da handle ich.
Wer schon mal an Texten gearbeitet hat,
kann das wohl nachvollziehen.
Was mir da alles an tollen Gedanken durch den Kopf schwirrt,
kommt oft nur so schwer aufs Papier …
Worte verändern die Welt.
Ein Wort explodiert in meinem Kopf.
Ein Bild breitet sich vor mir aus, von ganz allein.
Ein Vortrag stellt mein bisheriges Denkmuster in Frage.

Eigentlich ist Traugott Jähnichen schuld daran, dass ich seinerzeit auf dieses Bild von Hannah Arendt gestoßen bin.
Mein Doktorvater sagte einst zu mir:
Herr Jung, über Arbeit aus evangelischer Sicht haben vor allem Männer geschrieben.
Schauen Sie doch mal, ob Sie auch Texte von Frauen finden.
Ich suchte.
Und fand Antje Schrupp und Ina Praetorius.
In einem Buch von Ina stand dieser Gedanke von Hannah Arendt.
Und ich schrieb ihr diesbezüglich eine Mail.
So begann es.

Über Ina und Antje wurden meine Frau und ich aufmerksam auf das ABC des guten Lebens.
Genauer gesagt:
Meine Frau kannte das ABC schon vorher,
aber nun bekamen wir direkten Kontakt.
Das ABC des guten Lebens.
Ein Versuch, unser Leben und damit auch unser Arbeiten und Wirtschaften in anderen Horizonten zu betrachten.
Neue Wörter sind dabei die Fäden, mit denen die Autorinnen versuchen, die Muster alter Gewebe zu verändern.
Das kann aufregend sein, wenn Menschen beginnen, nach neuen Worten zu suchen.

Vor zwei Jahren zogen wir nach Osnabrück.
Diakoniepastorin Doris Schmidtke trat schnell an uns heran und fragte:
Wollen Sie beide nicht in der Gendersteuerungsgruppe mitwirken?
Wir sagten ja.
Und erzählten irgendwann vom ABC.
Das traf auf Resonanz in der Gruppe.
So verabredeten wir eines Tages:
Bis zur nächsten Sitzung erschafft jede und jeder ein neues Wort.
Weil Worte die Welt und uns verändern und neue Wörter allzumal.
Einige der schönen neuen Wörter auf dieser Karte sind so entstanden.
Verbundenheitsweberin.
Sehnsuchtswach.
Caremutigen.

Weitere habe ich in diesem Sommer gesucht.
Und sie mit Christine, meiner Frau und ErstMitdenkerin, getestet.
Manche wurden wieder verworfen.
Andere stehen hier auf der Karte drauf:
Zaunspalter.
Einverstimmig.
Transformationszauber.
Geistwebend.
Traumspinnen.
Wortwalten.

Mein aktuelles Lieblingsworte ist Fadenhochzeit.
Fadenhochzeit, der Moment, in dem ich spüre:
Ein Wort, ein Satz, eine Geste oder Handlung von mir kommt gerade bei dir an.
Ich sehe das an deinem Resonanzlächeln.
Und es kommt zu der beglückenden Erfahrung:
Mein Faden verschmilzt mit deinem Gewebe.
Wir verstehen uns.
Und es geschieht gerade jetzt etwas Neues.
In der Vereinigung wird das Muster verändert.
Wir feiern Fadenhochzeit.

Auch alte Worte, erneut gelesen und gehört, können Fäden sein, die Denken und Handeln verändern.
Der vorhin gelesene Abschnitt aus dem Buch Jesaja zum Beispiel.
Wir hören ihn regelmäßig im Advent.
Ein Abschnitt aus dem alten Testament, der hebräischen Bibel.
Hier erkennen Christinnen und Christen symbolisch das Wirken Jesu wieder.
Leider geht die Wucht dieser Worte in der adventlichen Kerzen-, Machthochdietür- und so weiter Stimmung regelmäßig unter.

Wolf und Lamm, Kuh und Bärin, Löwe und Rind…
En Bild des Friedens.
Frieden herrscht dort, wo Gerechtigkeit und Freiheit in der Waage stehen.
Aber es ist vor allem das Kind, das mir ins Augen springt.
Der Säugling, der vor und mit der Giftschlange spielt.
Spielt.

Kinder lernen durchs Spielen.
Erwachsene haben das leider oft verlernt.
Wir sind vernünftig, strukturiert, lösungsorientiert, pragmatisch.
Da passiert selten wirklich Neues.
Wir stricken mit viel Aufwand Muster um.
Wirkungslos ist das nicht, keine Frage.
Und auch nicht unwichtig.
Manchmal sogar notwendig.

Aber wie wäre es, wenn das Spiel hinzu käme?
Die Bereitschaft zum Spielen?
Die Bereitschaft, mich aufs Spiel zu setzen?
Locker entspannt, selbstvergessen, neugierig, ohne Angst?
Wo das geschieht, entsteht wahrlich Neues.
Ein uraltes Bild sagt:
Gott spielte bei der Schöpfung der Welt,.
Er spielte seinerzeit mit Freude am Experimentieren.
Am Ende kam etwas Wunderbares heraus.

Was könnte alles geschehen, wenn wir den Mut zum Spielen miteinander aufbringen?

Um einem Missverständnis zu wehren:
Es geht mir nicht um das Spiel als Methode.
Wie es in Psychoseminaren mehr oder minder sinnig angewendet wird.

Wenn ich das Bild von Jesaja auf mich wirken lasse, dann geht es um ein spontanes, selbstvergessenes Spielen in friedlicher Umgebung.
Ein Spielen, das einem inneren Bedürfnis entspringt.
Was wäre, wenn wir diesem Bedürfnis Raum geben?
Was wäre, wenn wir ihm einen Raum vorhalten?
Was wäre, wenn wir einfach miteinander zu spielen beginnen?
In unseren Arbeitsfeldern, in den Jahresgesprächen, im Fachbereich, im Leitungsausschuss, im Kuratorium, im Landeskirchenamt?
In unseren Dienststellen, Unternehmen, Verbänden und Gremien?
Und dann noch mal weiter, kunterbunt gemischt in all den vielfältigen Begegnungen, die wir so haben?
Vorstandsfrau und Umweltaktivist, Gewerkschaftler und Unternehmerin…?

Es gibt ja gute und vertrauensvolle Beziehungen untereinander.
Das wird heute hier auch sichtbar.
Kirche, Gewerkschaften, Arbeitgeber, Sozialverbände, Umweltgruppen, Politik – wir sprechen miteinander.
Alles gut – aber:
Was könnte noch alles geschehen, wenn wir miteinander zu spielen wagen?
Unsere Zuständigkeiten zur Seite schieben?
Und unsere Interessen, denen wir uns normalerweise verpflichtet fühlen?

Was wäre, wenn wir spielerisch zum Beispiel nach neuen Wörtern suchen?
Nach Worten, die uns und vielleicht auch der Welt gut tun?
In den Wirrungen und Ängsten dieser Zeit?
Ja, und darüber hinaus am Ende uns und die Welt vielleicht verändern?
Weil es Worte sind, die Verbundenheit weben und Zäune spalten?
Die Sehnsucht wach halten und caremutigen?

Sage bitte niemand:
Spinnerei, weltfremd, unmöglich.
Dann leugnen wir die Botschaft dessen, den Christinnen und Christen in Jesajas Text wieder erkennen.
Denn der, Jesus, war sehr nachdrücklich der Meinung:
Das Reich Gottes fängt schon mitten unter uns an.
Es ist kein Traum für ein schönes Jenseits.
Keine Vision vom ewigen Leben.
In dem wir dann auf der Wolke sitzen und Halleluja singen.

Jesus redete vom Hier und Jetzt.
Und handelte entsprechend.
Es ging ihm um eine Vision des guten Lebens.
Um gutes Leben, gutes Arbeiten, gutes Lieben, gutes Wirtschaften.
Und er brachte Fäden in die Welt ein, die bis heute Muster verändert haben.
Ich bin sicher, er hatte auch Freude am Erfinden neuer Wörter.
Und Bilder, die er Menschen vor Augen stellte.
Feindesliebe ist so ein Wort,
dass sich seither als Faden durch die Gewebe dieser Welt schlängelt.

Das Reich Gottes beginnt hier und heute.
Wird zwar nicht fertig
und bleibt ein Fragment.

Aber Jesus war der Meinung:
Diese Geistkraft Gottes, von der auch Jesaja singt,
die schafft Neues, mitten im Alten.
Es wird ein Zweig aus einem Baumstumpf hervorgehen.
Nichts anderes als das Bild der Geburtlichkeit, das Hannah Arendt erfand.
Ich kann es aber auch in ganz anderen Worten sagen:

Die Geistkraft Gottes ermöglicht Spielfalt.
Und kreatives Traumspinnen.
Einverstimmiges Zäune spalten.
Verbundenheit weben.
Die Sehnsucht wach halten.
Haben wir alles bitter nötig…

Denn wir erleben gerade:
Länger vertraute Muster unserer Welt werden brüchig,
bieten kaum noch Halt und Orientierung.
Die Vergangenheit scheint für manche so rosig zu sein,
dass sie mit Macht, ja mit Gewalt suchen daran festzuhalten.
Die Gegenwart ist für viele durch Depression, Angst und Resignation geprägt.
Und die Zukunft, die sieht düster aus.
Wir ahnen:
Nichts wird so bleiben wie bisher.
Klimawandel, Wanderungsbewegungen, Ressourcenverbrauch –
es ist vorbei.
Das Wachstumsmodell ist am Ende.
Es entfaltet keine Hoffnung und Zuversicht mehr.
Zäune, Mauern und Meere schrecken nicht mehr ab.
Und das Wasser steigt und steigt.

Alternativen werden gebraucht.
Dazu will Gottes Geistkraft uns anregen, anstoßen.
Neue Worte, neue Ideen, neue Fäden ins Gewebe einbringen.
Die Muster so verändern, dass sie Mut machen.
Und wir handlungsfähig werden.
Indem sie eine Vision von einem Leben zeichnen, das sich am Gemeinwohl aller ausrichtet.

Wir Christinnen und Christen sind dafür hervorragend ausgerüstet.
Denn wir haben einen an der Seite, der sagt:
Hey, Leute, die Zukunft ist immer offen.
Denn das Reich Gottes kommt auf euch zu.
Und fängt schon unter euch an,
hier und da und dort.
Nehmt diese Zusage –
und geht los.

Mutig.
Gelassen.
Entspannt.
Gehalten.
Neugierig.
Spielfältig.
Feindesliebend
Traumspinnend.
Zäune spaltend.
Verbundenheit webend.

Und schaut, was daraus wird.
Die Verheißung lautet:
Es wird.

Amen.


P.S. Eins der schönen neuen Worte auf dieser Karte ist „Neubegehren“. Das stammt allerdings nicht von mir. Die Geschichte dieses Wortes findet sich hier: Neubegehren. Annäherung an ein neues Wort

P.P.S. Auf dem Handy wird das Beitragsbild, die Karte mit den Worten nicht angezeigt. Daher hier noch mal unten drunter:

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Ein mutiger Sklave spielt nicht mehr mit. Predigt zu Matthäus 25,14-30

Ein mutiger Sklave spielt nicht mehr mit. Predigt zu Matthäus 25,14-30

Vorbemerkung:
Seit vielen Jahren lese ich Predigten von Margot Runge, die sie auf ihrem Blog queerpredigen veröffentlicht.
Oft habe ich mich von ihr anregen lassen, sie formuliert immer wieder inhaltlich und sprachlich ganz ähnlich wie ich.
Für heute habe ich wieder einmal eine Predigt von ihr umgeschrieben und in der Bonnus-Gemeinde in Osnabrück gehalten.
Die Rückmeldungen waren äußerst positiv.
Daher stelle ich meine Version von Margot Runges Predigt hier online.
Das Original findet sich hier: Ein mutiger Sklave unterwandert das Finanzsystem.
Dort am Ende finden sich auch Hinweise auf die theologische Grundlegung.
Vielen Dank für die Vorlage!

Liebe Gemeinde,
eben in der Lesung haben wir die Geschichte von den anvertrauten Talenten gehört.
Sie wird meist so ausgelegt, dass die zwei gelobt werden, die ihre Talente verdoppelt haben – während der dritte für seine offensichtliche Faulheit gescholten wird.

Je länger ich über die Geschichte nachdachte, umso mehr fragte ich mich:
Lässt sich die Geschichte nicht auch ganz anders hören und verstehen?
Macht nicht der dritte Knecht eigentlich im Sinne Jesu alles richtig?
Denken Sie doch mal über diese Idee nach, während ich die Geschichte noch einmal lese.
Nun in der Übersetzung „Bibel in gerechter Sprache“:

Denn die Welt Gottes solltet ihr auch mit der Geschichte von einem Mann vergleichen, der im Aufbruch zu einer Reise seine Sklaven rief und ihnen sein Vermögen zur Verwaltung übergab.

Dem einen gab er fünf Talente, dem nächsten zwei, dem dritten eins, jedem nach seiner Tüchtigkeit.

Dann reiste er ab.

Sofort ging der mit den fünf Talenten los, machte mit ihnen Geschäfte und erwirtschaftete weitere fünf dazu.

Ebenso erwirtschaftete der mit den zwei Talenten weitere zwei.

Der mit dem einen Talent ging los, grub ein Loch in die Erde und versteckte das Geld seines Besitzers.
Nach langer Zeit kommt der Besitzer dieser Sklaven und rechnet mit ihnen ab.

Der mit den fünf Talenten trat herzu und brachte weitere fünf mit den Worten:

›Herr, du hast mir fünf Talente übergeben, hier sind die weiteren fünf, die ich erwirtschaftet habe.‹

Sein Besitzer sprach zu ihm: ›Richtig gemacht, du guter und treuer Sklave. Du warst im Kleinen zuverlässig, ich beauftrage dich nun mit einer großen Aufgabe.

Du bist eine Freude für deinen Besitzer.‹

Der mit den zwei Talenten trat herzu mit den Worten:

›Hier sind die weiteren zwei, die ich erwirtschaftet habe.‹

Sein Besitzer sprach zu ihm: ›Richtig gemacht, du guter und treuer Sklave. Du warst im Kleinen zuverlässig, ich beauftrage dich nun mit einer großen Aufgabe.

Du bist eine Freude für deinen Besitzer.‹
Auch der mit dem einen Talent trat herzu und sprach:

›Herr, ich wusste, dass du ein harter Mensch bist, der erntet, wo er nicht gesät hat, und einsammelt, was er nicht ausgeteilt hat.

Ich bin aus Furcht vor dir losgegangen und habe dein Talent in der Erde versteckt.

Hier hast du dein Geld zurück.‹

Der Besitzer antwortete ihm: ›Du böser und fauler Sklave, du wusstest also, dass ich ernte, wo ich nicht gesät habe, und einsammle, was ich nicht ausgeteilt habe?

Du hättest also mein Geld zur Bank bringen sollen.

Dann könnte ich jetzt mein Eigentum mit Zinsen zurückbekommen.

Nehmt ihm das Talent weg und gebt es dem mit den zehn Talenten.

Die schon etwas haben, denen wird mehr gegeben, sogar bis zum Überfluss.

Die nichts haben, denen wird das Wenige, das sie haben, noch weggenommen.

In diesem Gleichnis denken wir bei den „Talenten“ vor allem an „Fähigkeiten“.
Du hast ein Talent.
Wir verstehen das im übertragenen Sinne – Begabungen, Können, Fähigkeiten.
Doch die Leute, denen Jesus diese Geschichte ursprünglich erzählt hat, stand etwas ganz anderes vor Augen.
Ein Talent, das ist ein riesiger Barren Silber.
So viel, wie ein Mensch gerade noch tragen kann.
30 bis 40 Kilogramm.
Ein Talent, das sind, man kann es nachschlagen, so um die 17 Jahreseinkommen einer armen Familie.
Und die 8 Talente eines Investors entsprechen also etwa 140 Jahreseinkommen.
Wenn eine Familie an der Armutsgrenze heute 20.000 Euro zur Verfügung hat, entspräche allein das schon etwa 2,8 Millionen Euro.

Luther übersetzt hier Herr und Knecht.
Schärfer und in der Sache präziser haben wir es eben in der Übersetzung gehört:
Ein Sklave und sein Besitzer.
Und der Sklavenbesitzer verfügt über weit mehr als die 2,8 Mille.
Denn er braucht diese 8 Talente nicht für den laufenden Betrieb, sondern hat sie zusätzlich zur freien Verfügung.
Er kann sie investieren, ohne seine sonstigen Geschäfte zu beeinträchtigen.
Solche Vermögen lassen sich nicht mit eigener Hände Arbeit aufbauen.
Das ist auch heute so.
Geld gebiert Geld.
Der größte Gewinn wird heute nicht durch Produktion erwirtschaftet, sondern durch das Kapital selbst.
Geld wird angelegt und verzinst.
Geld wird als Aktien an den Börsen um die Welt geschoben.
Hier geht um riesige Summen.

Und auch die acht bzw. vier Talente in der Geschichte von Jesus bringen tatsächlich eine traumhafte Rendite von 100 Prozent.
Jedenfalls sieben der acht Talente.
Das sind wahrlich keine Peanuts, sondern riesige Kapitalmengen.
Und sie verdoppeln sich!
Aus fünf werden zehn, aus zwei vier.
Kann das mit rechten Dingen zugehen?
Wo kommen solche gigantischen Gewinnspannen her?

Spätestens seit der Finanzkrise 2008 wissen auch Wirtschaftsunkundige, also Leute wie Sie und ich:
Solch eine Gewinnspanne lässt sich schwerlich mit ehrlichen Methoden erwirtschaften, sondern zum Beispiel durch Immobilienspekulationen.
Oder durch Heuschreckenmethoden, oder Landgrabbing.
Oder durch illegale Praktiken.
Im Menschen- und Drogenhandel, durch Betrug und gnadenlose Ausbeutung.

Die Kehrseite:
Hungerlöhne werden gezahlt, Umweltschutzauflagen umgangen, Arme enteignet.
Es wird betrogen und erpresst.
Sollte das damals anders gewesen sein?

Wie wäre es, wenn Jesus mit seiner Beispielgeschichte seine Zuhörerinnen und Zuhörer in die Welt der damals Superreichen und ihrer Praktiken führen wollte?
Wer solche Gewinnspannen erwartet, wusste auch damals wahrscheinlich, dass das kaum mit legalen Mitteln möglich ist.
Wer seine Mitarbeitenden dennoch beauftragt, dass sie das Geld so anlegen, fordert sie auf, sich skrupelloser Methoden zu bedienen.

Doch anders als die Broker an der Wallstreet sind die Fachleute in der Beispielgeschichte von Jesus keine freien Menschen.
Sie sind Sklaven.
Obwohl sie offensichtlich für ihre Aufgaben spezialisiert sind und weitreichende Handlungsvollmachten haben, sind sie abhängig Beschäftigte.
Qualifizierte Sklaven in Führungspositionen oder auch Sklaven, die Abgaben eintreiben müssen, sind in der Antike durchaus üblich.
Und sie können ohne weiteres ausgepeitscht oder eingesperrt werden, wenn sie ihrem Besitzer nicht willfährig sind.
Oder wenn sie Fehler machen.

Ihr Herr bindet sie also ein in seine schmutzige Geschäftspraxis.
Er macht sie, die Abhängigen, zu Mittätern.
Die Sklaven tragen dazu bei, dass andere Familien ihr Hab und Gut verlieren, in Sklaverei verkauft werden.

Aber einer macht nicht mehr mit.
Er beteiligt sich nicht mehr daran, ein System am Laufen zu halten, das die einen bereichert auf Kosten der anderen.
Er sagt seinem Besitzer die Wahrheit ins Gesicht:

Herr, ich wusste, dass du ein harter Mann bist, der erntet, wo er nicht gesät hat, und einsammelt, was er nicht ausgeteilt hat.

Ich bin aus Furcht vor dir losgegangen und habe dein Talent in der Erde versteckt.

Hier hast du dein Geld zurück. (Mt 25, 24 f.)

Wie viele Nächte wird dieser Sklave wach gelegen haben und sich mit seiner Entscheidung herumgeschlagen haben?
Das, wozu er ausgebildet ist – Geld vermehren – ist ihm immer fragwürdiger erschienen.
Er hat seinem Herrn nichts entzogen, keinen einzigen Denar.
Im Gegenteil.
Er hat das Eigentum seines Herrn treu bewahrt.
Er hat sich sogar an den rabbinischen Frömmigkeitsregeln orientiert, als er es in die Erde vergraben hat.

Sein Besitzer wertet sein Verhalten aber als einen Affront ohnegleichen.
Zumal ein Sklave es wagt, dem Herrn den Spiegel vorzuhalten, ihn als Dieb bezeichnet.
Der Besitzer streitet das Urteil mit keinem Wort ab.
Aber er bestraft ihn (für was eigentlich?) und wirft ihn ins Gefängnis.

Der Sklave landet dort, wo auch die anderen Opfer sitzen.
Im Gefängnis sitzen Arme, die in Schuldhaft geraten sind, die ihre Schulden nicht zurückzahlen können.
Im Gefängnis sitzt Johannes der Täufer.
Im Gefängnis sitzt am Ende auch Jesus selbst
Und später seine Freundinnen und Freunden.
Ich war gefangen und ihr habt mich besucht, sagt er.
Nur etwas später im Evangelium.

Auch heute sind Gefängnisse eher Orte der Armen und Abgehängten und Gescheiterten.
Die Reichen können sich teure Anwälte leisten.
Sie genießen Annehmlichkeiten, werden schneller zu Freigängern oder kommen auf Kaution frei.
Für Peanuts halten sie die Summen, die sie in ihre Taschen gewirtschaftet haben. Selten, dass ein Josef Ackermann, Sepp Blatter oder Thomas Middelhoff verurteilt wird und seine Strafe auch voll absitzt.
Doch andere wandern schon wegen Schwarzfahrens oder Ladendiebstahls hinter Gitter.
In vielen Ländern sind die Zellen voller Leute, die ohne Verfahren eingesperrt und misshandelt werden.
Gefängnisse dienen als Druckmittel gegen die Bevölkerung.
Hier landen kleine Bäuerinnen und Bauern, die sich gegen Enteignung wehren.
Journalistinnen und Journalisten, die über Korruption recherchieren.
Oder Oppositionelle.

Der dritte Sklave kooperiert nicht mehr.
Er lässt sich nicht mehr einspannen.
Er spielt nicht mehr mit.
Er folgt seinem Gewissen.
Er sagt die Wahrheit.
Er hält sich an die Regeln der Tora und beherzigt die Mahnung Jesu:

Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Geld, dem Mammon.

Er zahlt einen hohen Preis.
Aber die Bibel ist davon überzeugt:
Willkür und Gefängnis haben nicht das letzte Wort.
Denn Jesus erzählt die Geschichte weiter.
Direkt nach dem Unrechtsurteil –

werft diesen nutzlosen Sklaven in den finstersten Kerker.
Dort wird er schreien und vor Todesangst mit den Zähnen knirschen –

wird noch einmal Gericht gehalten.
Unmittelbar danach erzählt Jesus die Geschichte vom Weltgericht:

Wenn aber der Menschensohn kommen wird in seiner Herrlichkeit und alle Engel mit ihm, dann wird sich auf seinen himmlischen Richterstuhl setzen.

Und alle Völker werden sich versammeln.

Er wird die Menschen voneinander scheiden, wie ein Hirte die Schafe von den Böckchen trennt.

Er wird denen zur Rechten sagen:

Kommt heran, ihr Gesegneten Gottes, erbt Gottes Reich.

Ich war hungrig, ihr gabt mir zu essen.

Ich war fremd, und ihr habt mich aufgenommen.

Ich bin im Gefängnis gewesen und ihr habt mich besucht.
Was ihr für eines dieser meiner geringsten Brüder und Schwestern getan habt, das habt ihr mir getan. (aus Mt 25, 30-36.40)

Soll das ein Zufall sein?
Dass die Erzählung vom Weltgericht sich hier direkt anschließt?
Also, ich höre die Geschichte jetzt so:
Der Sklave, der sich weigert das Unrechtsspiel mitzumachen, findet sich an der Seite von Jesus wieder.
Die Welt bleibt am Ende nicht in den Händen der Gierigen und Gewalttätigen, sondern wird den Armen und Barmherzigen zufallen.
Und denen, die für Gerechtigkeit eintreten.

Sklaverei gehörte im 1. Jahrhundert zum Alltag der Menschen um Jesus herum.
Aus dem letzten Kapitel des Römerbriefes können wir schließen, dass mindestens die Hälfte der Gemeindemitglieder in Rom Sklavinnen und Sklaven oder Freigelassene waren.
In den Gemeinden, für die Matthäus sein Evangelium schrieb, wird es nicht anders gewesen sein.
Viele haben also Unfreiheit am eigenen Leib erfahren.
Ihnen erzählt Jesus diese Geschichte.
Wie wird sie in ihren Ohren geklungen haben?

Wir leben in Mitteleuropa in einer freien Gesellschaft.
Ich kann ja nichts tun, sagen trotzdem viele;
Ich bin doch nur ein kleines Licht, mir sind die Hände gebunden.
Die Bibel glaubt aber nicht daran, dass Menschen nur willen- und wirkungslose Rädchen im Getriebe sind.
Wir brauchen nicht mitlaufen.
Die Verhältnisse sind nicht alternativlos.
Wir haben immer die Möglichkeit, uns Spielraum zu erobern.
Und sei er noch so klein.
Selbst ein Sklave lässt sich seine Entscheidungsfreiheit nicht nehmen.
Wir können und sollen für eine andere Welt einstehen.
Jesus erzählt, wie jemand das selbst in extremsten Abhängigkeitsverhältnissen wagt.
Eine Mutmachgeschichte.
Auch für uns.
Amen.

Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit

Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit

Gerechtigkeit und Schönheit – Predigt im Februar/März 2016 über Matthäus 6,33

„Das ist ungerecht!“
Der kleine Junge wirft sich auf den Boden und trampelt wütend mit den Füßen.
Völlig egal, was passiert ist – ich denke, Sie kennen solche Szenen.
Kleine Kinder haben ein untrügliches Gespür für Gerechtigkeit.

Gerechtigkeit, ein Wort, das elektrisiert, Kinder wie Erwachsene.
Ich selbst will gerecht behandelt werden.
Und ich möchte anderen gerecht werden.
Soziale Gerechtigkeit und Chancengerechtigkeit, wer ist nicht dafür?
Was aber genau ist Gerechtigkeit?
Das in Worte zu fassen ist gar nicht so einfach.
Darüber haben Philosophen dicke Bücher geschrieben.
Was ist gerecht, was ungerecht?
Ist es gerecht, dass meine Schwester Gummibärchen bekommt und ich nicht?
Ist es gerecht, dass die olle Zicke von Lehrerin die Jungs besser benotet?
Ist es gerecht, dass du essen kannst, was du willst und ich schon beim Zuschauen ein Kilo mehr drauf habe?
Ist es gerecht, dass ich an Grippe erkrankt und du nicht?

Mein Gerechtigkeitsempfinden meldet sich oft.
Doch wenn ich anfange darüber nachzudenken, rinnt mir schnell alles wieder durch die Finger.
Denn es gibt ja meistens auch Gegenargumente:
Vielleicht hast du dich gegen Grippe impfen lassen und ich nicht.
Und der kleine Junge vom Anfang, vielleicht hat er schon wieder vergessen, dass er gestern mit den Gummibärchen dran war.
Ich merke an mir selbst:
Da ist ein starkes Gefühl, dass sich bei Ungerechtigkeiten meldet.
Aber häufig verflüchtigt es sich, wenn ich genauer hinschaue.
Meint gerecht, jede und jeder soll das gleiche bekommen?
Und wenn ja, was ist denn das gleiche?
Oder geht es darum, dass jede und jeder das bekommt, was ihm oder ihr zusteht?
Aber was ist das genau, was mir oder dir zusteht?
Wer entscheidet das?
Ich werde immer unsicherer.

Häufig ist das so.
Aber es gibt auch Ausnahmen.
Manchmal ist auch alles ganz klar:
Es ist einfach ungerecht, dass Frauen in gleichen Berufen oft weniger verdienen als Männer.
Punkt.

Gerechtigkeit ist auch ein Wort, dass hundertfach in der Bibel auftaucht.
In der Lesung haben wir schon von Paulus gehört und auch, was Amos seinem Volk entgegenhält.
Vor allem die Propheten in Israel schärfen immer wieder soziale Gerechtigkeit ein, oft mit provozierenden Worten.
Hören wir doch mal ein paar weitere Beispiele:

„Der Weinberg Gottes ist das Haus Israel und die Leute Judas seine Pflanzung, an der sein Herz hing. Er wartete auf Rechtsspruch, siehe, da war Rechtsbruch. Er wartete auf Gerechtigkeit, siehe, da war Geschrei über Schlechtigkeit. (Jesaja 5,7)

 

„Sät Gerechtigkeit und erntet nach dem Maße der Liebe! Pflügt ein Neues, solange es Zeit ist, Gott zu suchen, bis er kommt und Gerechtigkeit über euch regnen lässt!“ (Hosea 10,12)

 

„So spricht Gott: Die Weise rühme sich nicht ihrer Weisheit, der Starke rühme sich nicht seiner Stärke, die Reichen rühmen sich nicht ihres Reichtums, sondern dessen rühme sich, wer sich rühmt: zu begreifen und mich zu erkennen, dass nämlich ich, Gott, Güte, Recht und Gerechtigkeit auf Erden wirke. Denn an solchen Menschen habe ich Gefallen – so Gottes Spruch. (Jeremia 9,22-23)

 

„Sucht Gott, all ihr Bitterarmen – ihr setzt die göttlichen Vorschriften auf Erden um! Sucht Gerechtigkeit, sucht Bescheidenheit – vielleicht werdet ihr verborgen am Tag des Zorns Gottes!“ (Zefania 2,3)

Später spricht auch Jesus von Gerechtigkeit, vor allem in der Bergpredigt:

„Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden.“ (Matthäus 5,6)

 

„Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihrer ist das Himmelreich.“ (Matthäus 5,10)

 

„Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen.“ (Matthäus 6,33)

Als ich all diese Stellen gelesen habe – und ich hatte mehr Zeit als Sie –, da bin ich vor allem am letzten Vers hängen geblieben. Denn da ist auf einmal von Gottes Gerechtigkeit die Rede:

Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen.
Ich habe mich gefragt:
Weltliche Gerechtigkeit, da kann ich mir etwas drunter vorstellen – aber die Gerechtigkeit Gottes, wie sieht die aus?
Und wie passt die zu unseren menschlichen Vorstellungen von Gerechtigkeit?

Jesus war der Meinung:
Gott wird in mir, in Jesus, anschaulich und konkret.
Und somit auch seine Gerechtigkeit und die des Reiches Gottes.
Das heißt auf Schritt und Tritt in den Erzählungen der Evangelien:
Liebe, die sich in Barmherzigkeit übersetzt.
Mitgefühl, vor aller Leistungsbeurteilung.
Hoffnung auch da, wo Leid und Tod nichts mehr hoffen lassen.
Dazwischengehen, wo Gräben gezogen und Mauern errichtet werden.
Die Gerechtigkeit Gottes in Jesus –
ein Segen, für die, die unten stehen.
Umgekehrt häufig ein Ärgernis für alle, die sich auf der Sonnenseite des Lebens wähnen.
Und glauben, sie hätten einen Anspruch darauf, sie hätten sich die Sonnenseite verdient.
Harte Kost für Wohlstandsbürger/-innen wie uns.
Mit nichts sind wir in die Welt gekommen, mit nichts werden wir wieder gehen.
Bedürftige, verletzliche, schöne Wesen sind wir, jede und jeder von uns.
Die Hochglanzschminke verdeckt das leider allzuoft.
Oder die schicken Anzüge.
Und natürlich das verdammte Geld.
Niemand kann zwei Herren dienen, Gott und dem Mammon.
Auch dies verkündet Jesus in der Predigt auf dem Berg, nicht weit von unserer Stelle.

Zwischen Geburt und Tod sollen nach Gottes Willen gelten:
Barmherzigkeit, Mitgefühl, Teilhabe am Leben, für alle.
Das ist im Sinne der Propheten Gerechtigkeit auf Erden.
Dafür traten sie ein.
In scharfen, manchmal beißenden Worten kritisieren sie die sozialen Missstände ihrer jeweiligen Zeit.
Und sie tun es nicht, um mit dem Zeigefinger zu winken:
Oh, ihr bösen Menschen, was seid ihr so schlecht!
Nein, sie wollen erinnern, zur Umkehr rufen, auf die Folgen des eigenen, ungerechten Tuns aufmerksam machen.
Denn es hat Folgen – in der Welt und darüber hinaus.
Der Gedanke des Gerichts findet sich im Alten Testament ebenso wie im Neuen.
Allerdings verwandelt Jesus das Bild vom Weltgericht und richtet den Blick weg von mir selbst:
Die Gerechten, das sind diejenigen, die sich den Armen, Nackten, Kranken, Verfolgten zugewendet haben.
Aber die wissen gar nicht, dass sie zu den Erwählung und Erlösten gehören, sie sind im Gleichnis vom Weltgericht völlig überrascht!
Es geht Jesus nicht darum, dass ich mir eine Gerechtigkeit vor Gott verdiene, sondern dass ich mich dem und der Anderen zuwende.
Das hat Luther wunderbar herausgearbeitet:
Für mein Seelenheil ist gesorgt, komm, wende dich dem/der Nächsten zu!

Und wir so heute?
Die Frage nach dem Gericht Gottes beschäftigt uns doch eher weniger.
Uns scheint vor allem wichtig zu sein, dass ich, ich! in diesem Leben gerecht behandelt werde, dass mir hier Gerechtigkeit widerfährt.
Denken wir an den kleinen Jungen vom Beginn, der auf dem Boden liegt und vor Wut mit den Füßen trampelt.
Oder an die schleichende Frage, ob das denn wirklich alles so „in Ordnung“ ist, dass die Menschen, die gerade zu uns kommen, von uns so gut versorgt werden, ohne Gegenleistung?
Und manch eine, manch einer will Anwalt oder Richterin werden, um Recht zu sprechen und der Gerechtigkeit zum Ziel zu verhelfen.
Gerechtigkeit hat sehr viel mit Moral zu tun, mit richtigem Verhalten.
Es geht um Beziehungen zwischen uns Menschen.
Richtig und gerecht, das ist auch im Alten Testament immer an der Gemeinschaft orientiert.
Das hebräische Wort für Gerechtigkeit kann mit „Gemeinschaftstreue“ übersetzt werden.
Was aber ist nun mit der Gerechtigkeit Gottes und seines Reiches, die wir anstreben sollen?
Geht es da auch um Moral und richtiges Verhalten?

Ich glaube, dass mit der Gerechtigkeit des Reich Gottes, die wir anstreben sollen, in allererster Linie etwas anderes gemeint ist.
Manchmal hilft es bei Worten, mit denen sich so viele Gedanken und Gefühle verbinden, mal mit anderen Begriffen zu spielen.
Mir stand in der letzten Woche bei der Vorbereitung plötzlich ein Gedanke vor Augen.
Und den habe ich dann mal spielerisch durchbuchstabiert.
Ist sicher noch nicht zu Ende gedacht, aber ich teile meinen Gedanken einfach jetzt mit Ihnen:

Hat die Gerechtigkeit Gottes vielleicht etwas mit Schönheit zu tun?

Sie stutzen?
Gerechtigkeit und Schönheit?
Wie soll das gehen?
Vielleicht so:

Gerechtigkeit macht schön.
Mitgefühl zaubert Lächeln auf Gesichter.
Barmherzigkeit macht erstarrte Mienen weich.
Und die Seele leicht.
Zu romantisch?
Nun, Jesus sprach auch schon von den Vögeln unter dem Himmel.
Und von den Lilien, wunderbar gekleidet.
Zu romantisch?

Mir gefällt an dem Gedanken, Gerechtigkeit mit Schönheit zu verbinden:
Schönheit hat erst mal mit Moral wenig zu tun, aber viel mit Menschlichkeit.
Und wenn ich mir vor Augen halte, wie viele Menschen sich selbst nicht schön finden, dann ist hier vielleicht schon ein Ansatz.
Gerechtigkeit, ich bekomme das, was mir zusteht.
Nicht Geld und Gold, aber Zuwendung, Freundlichkeit, Liebe.
Kann ich mir alles nicht kaufen, ist aber so viel wert.

Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit – vielleicht heißt das dann:
Versuche zu allererst, das Schöne in den Augen des Menschen zu sehen, der dir jetzt gegenübersteht.
Wie fühlt sich das an?
Zaubert das ein Lächeln auf Ihr Gesicht?
Und auf seins?
Lässt dieser Gedanke Ihre Seele ein klein wenig hüpfen?
Wenn ja, verflüchtigen sich in solchen Momenten alle Fragen von Moral und weltlicher Gerechtigkeit.
Du bist schön, ich sehe es.
Darin spricht sich Gottes Gerechtigkeit aus.
Das war Jesu Bestreben und sein Anliegen.
Aber auch seine Aufforderung an uns:
Strebt danach, das in den Augen jedes Menschen zu sehen.
Und die Betonung liegt auf jedem Menschen.
Schönheit auch auf dem Gesicht des leidenden, von Krebs zerfressenen Menschen.
Schönheit in den Augen des weinenden Kindes am Grenzzaun zwischen Griechenland und Mazedonien.
Schönheit in den Tränen eines Menschen, der um einen geliebten Anderen trauert.
In dem Moment, in dem uns dann der Augenkontakt miteinander und mit Gott verbindet, da geschieht Reich Gottes unter uns.
Und dann wird euch alles andere zufallen.
Vielleicht könnte man auch sagen:
Alles andere wird sich schon dann finden.
Versprochen.
Sagt Jesus.
Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und seiner Schönheit, dann wird sich alles andere finden.
Auch, was dann zu tun ist im Sinne von gerechtem Verhalten in dieser Welt.
Auf das diese Welt und die Menschen und das Leben schöner werden.
Amen.

Auf der Flucht. Ein Krippenspiel

Dezember II

Das Spiel ist so angelegt, dass der Altarraum oder die Bühne zweigeteilt werden kann. Auf der einen Seite ist das Gasthaus in Ägypten, auf der anderen Seite spielen die Rückblenden. Wenn möglich, sollten die jeweiligen Raumteile angestrahlt werden, in denen grade gespielt wird. Denkbar ist aber auch, dass Maria und Josef in Ägypten und in den Rückblenden von unterschiedlichen Spieler/-innen gespielt werden. Dann muss aber die Kleidung exakt gleich aussehen.

Die Wirtsleute in Ägypten sind selber Exil-Juden, das kann z.B. über den Namen des Gasthauses ausgedrückt werden, also vielleicht „Hotel Jerusalem“ oder ähnlich.

Rollen:

Wirt in Ägypten
Wirtin in Ägypten
Maria
Josef
Wirt Betlehem
Kind des Wirts in Betlehem
Hirte 1-3
König 1-3
Engel

Szene I:

Wirt fegt vor der Tür des Gasthauses, Wirtin arbeitet drinnen. Maria und Josef nähern sich langsam, müde und mit schweren Schritten. Maria trägt Jesus auf dem Arm. Wirt hält inne, schaut hoch und ruft:

Wirt: „Eva, komm mal schnell!“

Wirtin kommt, Maria und Josef erreichen die beiden, Wirtin und Wirt nehmen ihnen das Gepäck ab und bieten ihnen Platz auf der Bank vor dem Gasthaus an.

Wirt: „Willkommen, willkommen in Ägypten, willkommen in unserem bescheidenen Gasthaus!“

Maria: „Willkommen … Das Wort habe ich lange nicht mehr gehört.“

Josef stützt den Kopf auf die Arme, sagt nichts.

Wirtin: „Sagt, wo kommt ihr her? Ihr seht so müde und erschöpft aus? Ihr seid keine Juden, die in Ägypten leben, so wie wir.“

Josef (schüttelt den Kopf): „Nein, du hast Recht. Wir kommen aus Betlehem. Da waren wir wegen der Volkszählung. Aber eigentlich stammen wir aus Nazareth.“

Wirt: „Aus Nazareth?! Aber das liegt doch genau in der entgegengesetzten Richtung!“

Josef: „Ja, das stimmt. Das kam so, lass mich erzählen…“

Szene 2 – Der Engel erscheint Josef im Traum

Maria und Josef im Stall, das Jesuskind liegt in der Krippe.

Maria: „Komm, Josef, lass uns schlafen. Das war ein langer Tag. Und so aufregend mit den drei klugen Königen! Aber jetzt bin ich müde, so müde.“

Josef: „Ja, komm Maria, wir legen uns hier hin, ganz nah an die Krippe. Dann sind wir schnell wach, wenn der Kleine aufwacht.“

Maria und Josef legen sich hin, wickeln sich in ihre Decken und schlafen ein. Dann tritt der Engel hinzu und berührt Josef am Arm. Der blinzelt überrascht, sagt aber nichts.

Engel: „Josef, hör mir gut zu! Ihr könnt nicht hier bleiben und nach Hause ist der Weg auch versperrt. König Herodes trachtet dem Kind nach dem Leben. Er hat Angst um seinen Thron. Ihr müsst nach Ägypten fliehen, hörst du, nach Ägypten! Dort müsst ihr bleiben, bis Herodes gestorben ist, egal wie lange es dauert!“

Engel geht ab. Josef schreckt hoch, blickt sich um, sieht niemand. Denkt kurz nach, weckt dann Maria.

Josef: „Maria, wach schnell auf!“

Maria (schlaftrunken): „Was ist, ist Jesus wach geworden?“

Josef: „Nein, Maria, wir müssen packen und sofort aufbrechen, Jesus ist in Gefahr!“

Maria (plötzlich hellwach): „Jesus in Gefahr?! (schaut in die Krippe) Aber er schläft doch ganz friedlich!“

Josef: „Mir ist ein Engel im Traum erschienen und hat gesagt, Herodes will Jesus ermorden lassen! Wir sind hier nicht mehr sicher, wir sollen nach Ägypten fliehen!“

Maria: „Nach Ägypten?! Aber… Da kennen wir doch niemand, was soll da aus uns werden!?“

Josef: „Maria, bleib ruhig! Denk nach – wir haben doch die Geschenke der Könige! Das reicht eine ganze Weile.“

Maria (seufzt): „Stimmt … Ach, Mensch, das ist doch alles nicht wahr, oder? Wir werden die Heimat lange nicht sehen … Das macht mich traurig … Aber wenn es gut für Jesus ist, dann gehen wir.“

[Lied]

Szene 3 – Gasthaus in Ägypten

Wirt: „Das ist ja eine ziemlich unglaubliche Geschichte … Ein Engel? Und Könige?!

Wirtin: „Und du hast dein Kind in einem Stall zur Welt bringen müssen, du Arme … Aber sag, was ist das für ein Kind, dass ein König Angst vor ihm hat und es umbringen lassen will? Ihr seht nicht so aus, als würdet ihr aus einer königlichen Familie stammen und euer kleiner Jesus sei ein Thronfolger oder so …“

Maria: „Das ist eine lange Geschichte. Begonnen hat alles (sie lächelt leicht und versonnen), du wirst es nicht glauben, mit einem Traum, in dem mir ein Engel erschien.“

Josef (schmunzelt): „Und mir auch, und ich glaube, es war immer der gleiche Engel.“

Wirt: „Ihr wollt uns aber jetzt keine Märchen erzählen, oder?“

Maria: „Nein, nein, es war so …“

Szene 4 – Ankündigung der Geburt

Maria und Josef schlafen, liegen aber nicht nebeneinander. Der Engel kommt mit leisen Schritten, geht zuerst zu Maria, legt ihr die Hand auf die Schulter und sagt:

Engel: „Maria, erschrick nicht, ich bin ein Bote Gottes, der dich lieb hat. Dich und alle Frauen, Männer und Kinder. Er hat dich ausgewählt, seinen Sohn zur Welt zu bringen. Seinen Sohn, der die Welt von Ungerechtigkeit, Leid und Tod erlösen wird. Du wirst schwanger werden und ihn in dir tragen. Gib ihm den Namen Jesus und ziehe ihn auf, das ist der Auftrag Gottes an dich.“

Engel geht zu Josef, legt ihm die Hand auf die Schulter und sagt:

„Josef, erschrick nicht, ich bin ein Bote Gottes, der dich lieb hat. Dich und alle Frauen, Männer und Kinder. Nimm Maria zu dir, sie wird dich brauchen. Denn sie wird schwanger werden und einen Sohn zur Welt bringen. Jesus wird er heißen und wenn er groß ist, wird er der sein, auf den Israel und die ganze Welt wartet: Der Erlöser.“

Engel geht ab.

Szene 5 – Gasthaus in Ägypten

Wirtin (schüttelt den Kopf): „Das ist ja unglaublich!“

Wirt: „Und, was geschah dann?“

Maria: „Ich wurde schwanger, wie der Engel gesagt hatte. (Sie legt Josef die Hand auf das Knie und schaut ihn liebevoll an.) Und ich war froh, dass du mich zu dir genommen hast. Wir waren ja noch nicht verheiratet.“

Josef: „Ich habe das gerne getan. Erstens hat Gott mir den Auftrag gegeben und außerdem, wir waren schon verlobt und ich liebe dich. Aber einfach war es nicht, eine schwangere, unverheiratete Frau aufzunehmen, das sehen nicht alle gerne.“

Wirt (schaut auf das Kind): „Und das ist Jesus?!“

Maria: „Ja, das ist Jesus.“

Wirt (fällt auf die Knie): „Danke, Gott, du hast unsere Gebete erhört!!

Wirtin (wischt sich eine Träne aus dem Augenwinkel, legt Jesus die Hand auf den Kopf und sagt): „Gesegnet seist du, unser Erlöser.“ (Schaut Maria an, legt ihr die Hand auf den Kopf.) „Und du sollst auch gesegnet sein, die Frau, die Jesus zur Welt gebracht hat. Doch erzählt, wie ging es weiter?“

Josef: „Es kam die Aufforderung zur Volkszählung.“

[Lied]

Szene 6 – Reisebescheid

Maria, hochschwanger, sitzt zuhause, Josef kommt, sieht betrübt aus, hat einen Brief in der Hand.

Maria: „Josef, mein Lieber, was ist, du siehst so traurig aus?“

Josef (setzt sich, wedelt mit dem Brief): „Das ist die Aufforderung, auf die wir gewartet haben. Wir müssen nach Betlehem, in die Stadt, aus der ich stamme. Um mich dort eintragen zu lassen in die Liste des Kaisers.“

Maria (legt die Hand auf den Bauch): „Wie soll das gehen, ich bin doch hochschwanger? Unser Kind kommt doch bald. Gibt es keinen Aufschub für schwangere Frauen?“

Josef (schüttelt den Kopf): „Nein, wenn wir nicht in paar Tagen da sind, gibt es richtig Ärger. Geldstrafen oder gar Gefängnis. (Wütend:) Mit uns kleinen Leuten können sie es machen, was interessiert die ein ungeborenes Kind!“

Maria: „Ruhig, Josef. Wenn das Kind von Gott ist und Frieden auf Erden bringen soll, dann wird ER (zeigt nach oben) für das Kind und für mich sorgen. Komm, lass uns keine Zeit verlieren und packen!“

Szene 7 – Gasthaus in Ägypten

Wirtin: „Du Arme, schwanger den ganzen Weg laufen!“

Josef: „Wir haben einen Esel besorgt und er hat Maria getragen.“

Maria: „Aber schlimm war es trotzdem.“

Wirt: „Ja, wir kleinen Leute interessieren die Mächtigen nur, wenn wir Steuern zahlen oder Soldaten werden und für sie kämpfen. Wir hatten Glück, wir sind hier in Ägypten geboren. Aber manch einer von den Reichen aus der Vorstadt, die konnten sich frei kaufen. Die konnten einen Boten schicken und der hat sie eingetragen, irgendwo in Israel.“

Wirtin: „…und wie war das dann in Betlehem? Vorhin hast du was von einer Krippe erzählt. Krippen stehen im Stahl. Du hast doch dein Kind nicht etwa…?“

Maria: „Doch, ja, im Stall kam Jesus zur Welt.“

Wirt (entsetzt): „In einem Stall?! Unser Erlöser kommt in einem Stall auf die Welt?!“

Josef: „Ja, und das kam so…“

[Lied]

Szene 8 – Ankunft in Betlehem und Geburt

Maria und Josef nähern sich dem Gasthaus. Maria ist schwach, sie stützt sich auf Josef.

Josef: „Maria, da ist noch ein Gasthaus, dort werde ich es noch mal versuchen.“

Maria nickt nur müde.

Josef klopft, Wirt macht Tür auf.

Wirt (guckt genervt und sagt mit aggressiver Stimme): „Ach, nicht noch einer, komm geh gleich weiter, ich hab keinen Platz mehr!“

Josef: „Guter Mann, sei doch nicht so unfreundlich! Schau, meine Frau ist hochschwanger. Sie ist müde und das Kind kann jederzeit kommen.“

Wirt (guckt etwas freundlicher): „Tut mir leid, den ganzen Tag über klopfen hier Leute. Die ganze Welt ist unterwegs wegen dieser Volkszählung. Was soll ich machen, alles voll, die Gäste schlafen schon auf dem Flur! Es hilft nichts, ihr müsst weiter.“

Das Kind vom Wirt ist heran gekommen, nimmt den Wirt an der Hand:

Kind des Wirts: „Papa, können die nicht bei uns im Stall schlafen? Die Frau kann doch nicht weiter. Soll sie ihr Kind auf der Straße zur Welt bringen?“

Wirt: „Im Stall? Hm. Was meint ihr?“

Josef: „Ein Stall? Das ist doch wunderbar! Ein Dach über dem Kopf, Stroh für ein Nachtlager.“

Wirt: „Na dann.“

Kind des Wirts: „Kommt, ich zeige euch den Weg.“

Sie gehen zum Stall, Maria und Josef legen sich hin. In der Nacht kommt das Kind zur Welt und der Stern beginnt hell über dem Stall zu leuchten.

[Lied]

Szene 9 – Gasthaus in Ägypten

Wirtin (weinend, und kopfschüttelnd): „Was habt ihr durchgemacht! Von uns bekommt ihr das beste Zimmer, das wir haben.“

Wirt: „Und dann haben euch das die Könige besucht? Im Stall?!“

Josef: „Das kam später.“

Maria (lacht): „Ja, erst kamen Hirten, noch in dieser Nacht.“

Szene 10 – Besuch der Hirten

Maria und Josef schlafen, das Kind liegt in der Krippe. Die Hirten nähern sich.

Hirte 1: „Hier muss es sein.“

Hirte 2: „Ja, ein Stall in Betlehem.“

Hirte 3: „Und der Stern steht darüber.“

Hirten betreten den Stall.

Josef (schreckt verschlafen hoch): „Was ist, was wollt ihr?“

Maria (wacht auf): „Wer seid ihr?“

Hirte 1: „Wir sind Hirten.“

Hirte 2: „Arme Hirten.“

Hirte 3: „Wir waren bei unseren Schafen, wie in jeder Nacht.

Hirte 1: „Doch in dieser Nacht war alles anders.“

Hirte 2: „Ein Engel erschien uns und sagte: Ich habe eine wunderbare Nachricht für euch.

Hirte 3: „Der Erlöser ist da, der König der Welt ist geboren.“

Hirte 1: „In einer Krippe in einem Stall in Betlehem.“

Hirte 2: „Und wir wollten ihn sehen, den König.

Hirte 3: „Das Kind.“

Maria: „Kommt näher, hier ist er, das ist Jesus.“

Hirten treten zur Krippe, fallen auf die Knie, beten still. Stehen wieder auf, wischen sich die Tränen vom Gesicht, umarmen einander, umarmen Maria und Josef. Dann gehen sie wieder.

[Lied]

Szene 11 – Gasthaus in Ägypten

Wirt (lacht): „Hirten sehen den Erlöser als Erste! Das ist toll, Gott hat ein Herz für die kleinen Menschen. Für Frauen und Männer ohne Geld, ohne Arbeit, ohne Wohnung. Für Familien, die unterwegs sind, heimatlos. Für die Außenseiter, die vor der Stadt leben müssen. Wie die Hirten. Der Engel erzählt es als erstes den Hirten, das ist wunderbar. Und gibt Hoffnung. Mächtige wird er zum Wanken bringen, und die Geringen erhöhen.“

Wirtin: „Jetzt redest du wie ein Prophet!“

Wirt: „Wer weiß …“

Wirtin: „Und dann kamen die Könige?“

Maria: „Ja, ein paar Tage später.“

[Lied]

Szene 12 – Könige an der Krippe

Könige nähern sich, das Kind des Wirts zeigt ihnen den Stall. Sie klopfen an. Maria und Josef sitzen da, Maria hat das Kind auf dem Arm. Die Könige treten näher und fallen auf die Knie.

König 1: „Unsere Reise ist zu Ende.“

König 2: „Das ist das Kind, der neugeborene König der Welt.“

König 3: „Endlich sind wir da.“

Maria: „Wer seid ihr?“

Josef: „Und wo kommt ihr her?

König 1: „Weit sind wir gereist.“

König 2: „Aus königlichen Familien stammen wir.

König 3: „Und wir haben den Himmel abgesucht, Jahr um Jahr.

König 1: „Weil wir in unseren Schriften gelesen haben:“

König 2: „Wenn weit im Westen ein Stern aufgehen wird, heller als anderen Sterne…“

König 3: „…dann ist Gottes Sohn unterwegs.“

König 1: „In einer dunklen Nacht sahen wir den Stern.“

König 2: „Wir machten uns sofort auf.“

König 3: „Reisten durch Wüsten und Wälder, immer dem Stern entgegen.“

König 1: „In Jerusalem klopften wir am Königspalast an, aber da war kein neugeborener Königssohn.“

König 2: „In der folgenden Nacht schauten wir noch mal ganz genau an den Himmel.“

König 3: „Und wir haben gemerkt, wir hatten so kurz vor dem Ziel nicht mehr genau hin geschaut.“

König 1: „Denn hierher wies uns der Stern.“

König 2: „Nach Betlehem.“

König 3: „Und über diesem Stall blieb er stehen.“

Josef: „Gottes Stern hat euch recht geführt. Das ist er, der neugeborene König. Er heißt Jesus.“

Maria gibt König 1 das Kind auf den Arm, er schaut es an, gibt es zu König 2, der gibt es schließlich weiter zu König 3, und der gibt es wieder Maria.

König 1: „Wir sind am Ziel. Unser Leben wird anders sein.“

König 2: „Ja, was galt, gilt nicht mehr.“

König 3: „Eine neue Zeit bricht an. Sie gibt Hoffnung. Auf Frieden. Und auf ein Ende von Armut, Flucht und Heimatlosigkeit.“

König 1: „Auf ein Ende von Habgier und Neid.“

König 2: „Auf ein Ende von Zank, Streit und Krieg.“

König 1: „Aber der Weg ist noch weit.“

König 2: „Wir haben euch Geschenke mitgebracht.“

König 3: „Ihr werdet sie brauchen, das wissen wir.“

König 1: „Woher auch immer.“

König 2: „Als wir packten, stand uns das glasklar vor Augen.“

König 3: „Und wir packten ein: Gold, Weihrauch und Myrrhe.“

Könige legen die Geschenke nieder, stehen auf, verneigen sich noch einmal und gehen.

[Lied]

Szene 13 – Gasthaus in Ägypten

Josef: „Den Rest der Geschichte kennt ihr. Der Engel erschien mir im Traum und erzählte vom Mordplan des Königs Herodes.“

Maria: „Und jetzt sind wir hier. Weit weg von zuhause.“

Wirt: „Aber hier seid ihr sicher. Bis hierher reicht der Arm von Herodes nicht.

Wirtin: „Und wir werden euch helfen. Gott sei Dank habt ihr auch etwas Geld.“

Wirt: „Eine Unterkunft werdet ihr finden, solange könnt ihr bei uns wohnen, ohne Bezahlung.“

Josef: „Das können wir nicht annehmen!“

Wirtin: „Warum nicht?“

Josef: „Weil…“

Maria legt ihm die Hand auf den arm, unterbricht ihn.

Maria: „Lass gut sein, Josef, wenn die beiden uns ihre Gastfreundschaft anbieten, dann freuen wir uns.“

Wirt: „Es ist uns eine Freude und eine Ehre.“

Wirtin: „Kommt, ich zeige euch das Zimmer!“

Maria und Josef werden zu einem Zimmer geführt, Wirtin geht. Die beiden setzen sich.

Josef: „Was ist das für eine Welt… Menschen werden hin und her geschubst wie Steine. Von einem Kaiser, der nur an sein Geld denkt. Ein König hat solche Angst vor einem Kind, dass er tausend Kinder töten lässt… Hirten sind die ersten, die Gottes Sohn sehen… Reiche Männer reisen um die halbe Welt, um uns die Flucht zu erleichtern… Ist da doch ein Gott im Himmel, der die Fäden zieht?

Maria: „Ich weiß nicht ob er die Fäden zieht. Ich weiß nicht, wie er alles fügt. Ich weiß nur, er liebt uns Menschen so sehr. Ich bin sicher, er weint im Himmel um die tausend Kinder, die Herodes getötet hat. Warum er nicht drein schlägt und alles ändert, ich weiß es nicht. Aber ein Zeichen hat er uns gegeben. Ein Zeichen seiner Liebe. Vielleicht auch seiner Ohnmacht. Was ist hilfloser als ein neugeborenes Kind? Und was rührt unser mehr an als ein neugeborenes Kind? Ich will gerne warten und schauen. Hier in Ägypten und später zurück in der Heimat. Ich will daran glauben, dass dieses Kind unsere Welt verändert. Es wird vieles neu und anders werden. Wie auch immer.“

[Lied]

Auf Wunsch sende ich das Spiel als Word-Datei zum. Mail an: kontakt (at)matthias-jung.de

Weitere Krippenspiele von mir gibt es hier: http://www.matthias-jung.de/Krippenspiele.html

Das Spiel steht unter folgender Lizenz:

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