Gemeinden zwischen Subversivität, Heimelichkeit und Systemaufstellungen. Anmerkungen zu einem Beitrag von Martin Horstmann

Martin Horstmann hat auf dem Zukunftskongress der EKD einen Workshop gehalten und darüber gebloggt: Der Diakonie-Workshop auf dem EKD-Zukunftsforum. Er spricht mir aus der Seele und das trifft auf Gedanken, die mir gestern durch den Kopf gingen, als ich einen ganz anderen Text von Christiane Müller las: Wo sind die „anderen“? Daher drei kleine Zitate aus dem Beitrag von Martin Horstmann und meine Anmerkungen dazu.

Das, was die Gemeindediakonie meines Erachtens wirklich ausmacht, ist ihre (potenzielle) Subversivität. Kirchengemeinden sind (mit einigen landeskirchlichen Unterschieden) unglaublich autonom. Kirchengemeinden können machen was sie wollen – zumindest in einem gewissen Rahmen. Und dieser Rahmen ist viel größer, als es den meisten Kirchenvorstehern bewusst ist (das ist zumindest meine Beobachtung). Gemeinden können anbieten, wozu anderen Organisationen der Mut fehlt. Sie sind schließlich nicht von Fördermitteln abhängig.

„Subversivität der Gemeinde“, was für ein toller Gedanke! Da muss man(n) erst mal drauf kommen, aber er trifft es. Theologisch, praktisch und sprachlich. Fragt sich nur, woher kommt der Mut, kann er kommen? Christiane Müller beklagt zu Recht die Macht der Gewohnheiten der „Kerngemeinden“, die Innovationen nur selten zulässt. Manchmal braucht es den Anstoß von außen. Die türkische Gemeinde baut ab sofort neben einem unserer Gemeindehäuser (mit Kirchraum) ein Begegnungszentrum plus kleine Moschee. Die Wogen schlagen emotional hoch. „Mein“ Presbyterium hat gesagt: „Herzlich willkommen, wir freuen uns auf gute Nachbarschaft!“ Das ist noch nicht subversiv, aber es „untergräbt“ die üblichen Erwartungen und Gewohnheiten. Freitagnachmittags wird es vielleicht eng auf unserem Parkplatz. Na und? Wir können uns doch darauf einstellen – und den Parkplatz der türkischen Gemeinde am Sonntag nutzen. Ich bin gespannt, das ist eine gute Gelegenheit Gewohnheitsmuster aufzubrechen.

Es ging darum, dass bestimmte diakonische Angebote nur nach hartem Kampf (oder gar nicht) im Gemeindehaus (bzw. in der Kirche) gemacht werden können, weil die Kerntruppe, die sich im Gemeindehaus eingerichtet hat, das Haus und die Einrichtung verteidigt, als wäre es ihr Eigentum. Ja, leider immer wieder ein Dauerbrenner. (…)
Mir fiel wieder ein, das das Wort „Parochie“ eigentlich Aufenthalt in der Fremde ohne Bürgerrechte (!) bedeutet. Man hat Gastrecht, aber kein Heimrecht. Das Grundthema der Gemeinde müsste daher Gastfreundschaft sein – und nicht Beheimatung. Gemeindehäuser – oder überhaupt kirchliche Häuser – sollten nicht heimelich gemacht werden sondern gastfreundlich.

Wie  wahr und wie schwierig … Die notwendigen Diskussionen sind anstrengend und zeitraubend. Noch mal aus meiner Gemeinde: Seit fünf Jahren exisitert die Idee, ein neues Gemeindezentrum für zwei alte zu errichten und die Evangelische (!!) Familienbildungsstätte dort mit hinein zu nehmen. Fünf Jahre lang gibt aus Teilen der Gemeinden heftigen Widerstand dagegen: Die nehmen und die Räume weg, wir wollen doch lieber unter uns bleiben, die machen doch keine Gemeindearbeit. Nach fünf Jahren sieht es jetzt so aus, dass das Presbyterium vermutlich demnächst den Bauauftrag für das Zentrum unter Beteiligung der Familienbildungststätte erteilen wird. Damit kommt das aus einer Sicht zu einem guten Ende, aber die Kraft, die dort hinein geflossen ist die hat an vielen anderen Stellen gefehlt … Aber genau in der Richtung, die Martin Horstmann beschreibt, liegt auch aus meiner Sicht die Zukunft der Gemeinden vor Ort, mit allen Chancen (und Risiken). Die zitierte Passage könnte auch eine meiner fiktiven Personen in meiner Gemeindevision 2030 äußern. Axel Noack sagte letzte Woche auf einer Veranstaltung: „Es heißt GEMEINDE-Häuser, da heben Pfarrer/-innen nichts zu suchen, sondern die Gemeinde.“ Und zur Gemeinde gehören mehr als die im sogenannten Kern. Und die zahlen ach Kirchensteuern, und „wir“ bauen, unterhalten die Häuser dadurch.

Warum nutzt man in der Kirche nicht viel stärker System-Aufstellungen? Warum stellt man Gebäudenutzungen, kirchlich-diakonische Verhältnisbestimmungen, Alleinstellunsgmerkmale, Konflikte, Ideen und Inspirationen nicht auf? In vielen Bereichen gehören System-Aufstellungen zum Standard, in der Kirche nicht. Stattdessen clustern wir in der Gemeindeberatung immer noch Moderatorenkärtchen, bitte!

Das ist so ein glasklarer, einfacher, zutreffender Gedanke. Liegt  uns doch vor den Füßen … Manchmal braucht es aber einen Anstoß, um darauf zu kommen. Und vielleicht käme ein Gremium, eine Gruppe so auch mal genau an die Frage heran, „für wen“ oder besser: „mit wem“ wir in der Gemeinde „arbeiten“, besser: leben wollen.

Ich werde da weiter drüber nachdenken und mit anderen darüber sprechen. Danke!

 

3 Gedanken zu “Gemeinden zwischen Subversivität, Heimelichkeit und Systemaufstellungen. Anmerkungen zu einem Beitrag von Martin Horstmann

  1. Danke, das freut mich, dass meine Beobchtungen etwas auslösen. Blogposts, die man in einem Rutsch runterschreibt, sind doch die besten… 😉 Und ich muss ja wirklich mal mit dem RE5 weiter nach Norden durchfahren! Leider ist das (familiär bedingte) eingeschränkte Zeitbudget so eine Sache. Aber das kriegen wir auch noch hin!

    Und die Idee mit den Aufstellungen ist ernst gemeint. Ich kann da gerne mal einen guten Kontakt herstelllen!
    Martin

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    • Stimmt, in einem Rutsch schreiben ist oft am Besten, so ist mein Text über den Habitus der Vielbeschäftigkeit auch entstanden. 😉
      Ja, ein Treffen wäre schon mal fein.
      Ich hab dir übrigens auch noch eine Direktnachricht über Twitter in anderer Sache geschickt!

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  2. „….die Macht der Gewohnheiten der “Kerngemeinden”, die Innovationen nur selten zulässt.“ Auch das ist wieder ein Gedanke / ein Thema, den bzw. das man z.B. auch im Arbeitsleben findet. Also ich meine in einem Unternehmen: wie Leute sich dort an Hierarchien und ihre Funktionen klammern und vieles abwehren, was von außen kommt – aus Angst, jemand könnte an ihrem Stuhl sägen. Da schwingt aus meiner Sicht auch so eine Angst mit, man selbst könnte zu kurz kommen oder jemand könnte einem was wegnehmen. Ja, ein seltsames Besitz- und Anspruchdenken. Aber im Grunde genommen wieder „nur“: Angst vor Verlust.

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