Über den Habitus der Vielbeschäftigkeit unter Pfarrersleuten

Ina Praetorius twitterte in der letzten Woche und es entwickelte sich ein Mini-Dialog:

Habitus

Zur gleichen Zeit hörte ich auf der Predigtpreisbegleittagung „Gott zur Sprache bringen“ in der Evang. Akademie Rheinland einen Vortag von Axel Noack, ehemaliger Bischof der Evangelischen Kirche in der Kirchenprovinz Sachsen. Thema: „Begeisternd predigen in der Krise der Gottesrede.“ Noack sprach über die Voraussetzungen und Bedingungen, dass Pfarrer/-innen begeisternd predigen können. So ganz nebenbei entwickelte er Gedanken zur pastoralen Existenz heute, die ich auf dem Hintergrund von Ina´s Tweet besonders aufmerksam hörte. Ein paar Schlagworte, genauso unverbunden aneinandergereiht, wie Noack sie nebenbei einfließen ließ. Es sind keine Zitate, sondern ich erinnere sie so (und wenn er es doch nicht so gesagt hat, dann ist es mein „Fehler“):

„Wenn eine Pfarrerin, ein Pfarrer gut mit der eigenen Zeit auskommt, wird er oder sie von anderen entweder skeptisch beäugt oder neidisch betrachtet.“

„Pfarrerinnen und Pfarrer erwarten oft von anderen, dass sie sich ehrenamtlich engagieren. Ich finde, sie selber sollten dies auch tun, und zwar keineswegs in der Gemeinde. Und die Gemeinde sollte das wertschätzen.“

„Pfarrer/-innen sollen bei den Menschen sein. Manche sitzen nur in ihren Gemeindehäusern und haben da genug zu tun, auch weil „die Gemeinde“ oder sie selbst das so erwarten. Aber es heißt doch Gemeinde-Häuser. Pfarrersleute haben da nichts zu suchen.“

„Die Aufgabe der Predigt liegt darin, den Spagat zwischen Wahrhaftigkeit und Liebe hinzubekommen. Wahrhaftigkeit ohne Liebe wird fanatisch und ideologisch, Liebe ohne Wahrhaftigkeit weichgespülter Schmusekurs. Vor der gleichen Herausforderung steht die Pfarrerin, der Pfarrer in jeder Begegnung mit Menschen.“

Noack´s Art fand ich sehr erfrischend, Ina´s These stimme ich zu. Ich will es an meiner eigenen Biografie verdeutlichen.

Als ich ganz junger Pfarrer war, hörte ich bei der Verabschiedung eines langjährigen Gemeindepfarrers einen seiner Kollegen sagen: „Man darf über einen Pfarrer alles sagen, nur nicht dass er faul ist. Und das war Pfarrer N.N. weiß Gott nicht!“ Mir lief in diesem Moment ein Schauer über den Rücken, ich dachte: Auf was hast du dich da eingelassen …

Zugleich beobachtete ich in meinem Umfeld, dass fast alle Pfarrer/-innen, die die 50 überschritten hatten, gesundheitlich erheblich angeschlagen waren. Als dann einer „unserer“ Pfarrer in der Gemeinde schwer erkrankte, saß ich mit einem der der beiden weiteren Kollegen zusammen und ich erzählte ihm meine Beobachtung und auch die Sorge, dass ich das eigentlich nicht erleben wollte, mit 50 chronisch angeschlagen zu sein. Mein Kollege hütete damals eine kleine Schafherde und war kurz vor der magischen Zahl – und gesund. Eher flapsig sagte ich zu ihm: „Vielleicht sind es die Schafe, die dich gesund halten.“ Und er antwortete mit großem Ernst: „Das habe ich auch schon gedacht.“

Einige Zeit später erzählte mir ein Pfarrer aus meinem Kirchenkreis: „Wenn ich abends eine lange Sitzung habe und die Zeit es hergibt, dann lege ich mich nach dem Mittagessen ins Bett, schalte die Türklingel ab und ziehe den Stecker vom Telefon heraus und mache einen Mittagsschlaf. Ohne den schaffe ich das auf Dauer nicht!“
Diese beiden Erlebnisse haben mich nachhaltig geprägt. Über zehn Jahre war es das Fahrrad, mit dem ich teils exzessiv (aber erholsam) unterwegs war. Die Gemeinde gewöhnte sich dran, dass sie mich auch schon mal am hellichten Tag mit Helm und kurzer Hose sehen konnte. Es hat nicht jeder, jedem gefallen. Aber das war mir – nicht egal, nein. Ich konnte es aber begründen und es tat mir gut, und das kam umgekehrt meiner pfarramtlichen Tätigkeit zugute.

Anfang des neuen Jahrhunderts verlagerte sich das Radfahren in die Studierstube, mein Zweitstudium und die anschließende Promotion waren Orte, an denen ich mich sowohl zurückziehen als „ehrenamtlich“ austoben konnte, den vieles floss wieder zurück in die Gemeinde und die anderen kirchlichen Bezüge.

Seit zwei, drei Jahren ist es das Schreiben – vom Blog über den theologischen Aufsatz bis zum Buch- und der Austausch über die sozialen Netzwerke, das einen Kontrast darstellt zum „Alltag“ in der Kirche.

Ich habe in den letzten zwanzig Jahren mehr als einmal gedacht und auch gesagt, dass mir diese Tätigkeit außerhalb der pfarramtlichen „Dienstes“ vielleicht die psychische Gesundheit erhalten haben, weil es eben möglich war, „auszusteigen“ und somit das Gedankenkarussel zeitweise zu verlassen und an anderer Stelle und vielleicht verändert wieder einzusteigen. So kann ich heute immer noch sagen: „Ich liebe meinen Beruf!“ Natürlich gibt es Tage und Wochen, in denen es drunter und drüber geht, aber aufs Ganze gesehen ist es mir gelungen, in der Balance zu bleiben.

Zurück noch mal zu Ina´s These.

Ich glaube, demonstrative Geschäftigkeit ist ein Schutzschild für viele Pfarrer/-innen. „Sie haben doch so viel zu tun!“, das ist eine Einstellung, die mir, uns oft begegnet. Und sie gibt auch die Chance, mich dahinter ein wenig zu „verstecken“. Weil die Erwartungen, die an uns Pfarrersleute herangetragen oft so vielfältig und oft widersprüchlich sind, das es nicht leicht ist, immer in der eigenen Präsenz zu bleiben. Schöner finde ich es und finde es, wenn ich diesen Schutzmantel nicht brauche, sondern Männer und Frauen mich als Pfarrer in meiner persönlichen Ausprägung schätzen und respektieren, und eben auch dann, wenn sie sich hier und dort nicht so mit dem anfreunden können, was ich in meiner „Freizeit“ mache. Das gibt es aber – Gott sei Dank! – immer wieder und ich meine zu beobachten, dass die Bereitschaft, uns Pfarrer/-innen und Pfarrer so sehen zu wollen und zu können, allmählich zunimmt.

P.S.: Aber umgekehrt, ich möchte nicht falsch verstanden werden: Es gibt auch viele Kolleg/-innen, die durch „Umstände“ oder Konflikte mit Kolleg/-innen oder in der Gemeinde oder mit den Landeskirchenämtern an den Rand des Wahnsinns getrieben werden. Andreas Dreyer hat dazu 2013 einen sehr klaren Aufsatz im Deutschen Pfarrerblatt geschrieben(„…und wir dachten, wir hätten ein Amt errungen …“) , den ich hier damals aufgenommen und kommentiert habe.

15 Gedanken zu “Über den Habitus der Vielbeschäftigkeit unter Pfarrersleuten

  1. Ihr habt ja alle so recht, wirklich. Nur: wenn Du allein auf der Stelle bist mit drei oder vierGemeinden, dann liest du gern, dass Kollegen nach vier Wochen mal wieder Kirche halten. Und einer plantscht im Pool in Hongkong und ich mache Gründonnerstag Karfreitag Ostern 1 und weißer Sonntag mit der zweiten Konfirmation Fragt auch mal uns Dorfpfarrer ! Ansonsten ausruhen ist natürlich nicht verboten.

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  2. Axel Noack hatte die Situation der Dorfpfarrer/-innen im Osten vor Augen. Ich bin ebenfalls seit Karfreitag fast jeden Sonntag auf der Kanzel gewesen. Ist doch gar keine Frage, dass es ausreichend Pfarrer/-innen gibt, die vielbeschäftigt sind. Darum geht es mir aber nicht in dem Beitrag, sondern ich finde den Gedanken von Ina Praetorius interessant, dass sich hier ein Habitus ausgeprägt hat, der unabhängig von der tatsächlichen Vielbeschäftigtkeit von uns Pfarrersleuten existiert, der uns hindert, verführt, erleichtert oder was auch immer … Und der lohnt meines Erachtens, näher betrachtet, ans Licht geholt zu werden.

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  3. Das Problem ist nicht der pfarramtliche Habitus, sondern das Pfarrerinnen Dienstrecht mit 7/24 Anspruch. Eine Kirche (Synode) die darüber diskutiert, ob ein Pfarrer seinen Dienst so gestalten “soll”, dass er einen freien Tag in der Woche hat, oder ob er es “kann” ist für Habitus und Krankheit von Pfarstelleninhaberinnen voll verantwortlich.
    Insofern würde ich lieber etwas vom “Habitus” gemeindlicher Erwartung hören, als wieder am Pfarrbild rumzudoktern.

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  4. Zu meinen Thesen gehört, dass der Habitus der Vielbeschäftigung Ausdruck eigener pfarramtlicher Relevanz ist, die den gesamtgesellschaftlichen Relevanzverlust der evangelischen Kirche durch das eigene Handeln auszugleichen versucht. Das zeigt, wie viel PfarrerInnen an der Kirche liegt, ist zugleich aber Hybris. Die Kirche steht und fällt nicht mit pfarramtlichem Handeln, das „sortiert“ nur. Weil es aber immer um Bedeutung geht, kann sich auch Vllt. Niemand dem völlig entziehen. Für mich selbst ist die Fähigkeit, sich Ansprüchen zu entziehen, nicht nur eine salutogenetische Frage, sondern eine der Glaubwürdigkeit.

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  5. Manchmal habe ich das Gefühl, dass Leute, die sich gestresst geben, in Wirklichkeit prokrastiniert sind. (Schliesse mich selber nicht aus). Eine Mischung aus pflichtgemässer Beschäftigung (die zuweilen sogar Sinn ergibt) und Prokratinationsgewohnheiten ergibt diesen Habitus, der letztlich dazu führt, dass Kirchenleute nicht ausstrahlen, was sie predigen: Befreiung. Je grösser der Anteil bloss pflichtgemässer Tätigkeiten plus Prokrastination am Gesamtstress ist, desto unangenehmer der Gesamteindruck, den die Pfarrperson bei Mitmenschen hinterlässt. Alles zusammen ergibt deutlich ein pastorales Problem: Denn wie soll ich Vertrauen aufbauen zu einem Menschen, der mir – nonverbal, aber häufig auch verbal – permanent zu verstehen gibt, er oder sie habe gerade “viel Wichtigeres” (als?) zu tun, was auch immer das sein mag. Dass Pfarrer, sobald jemand das Problem beim Namen nennt, anfangen, einander vorzurechnen, wie viel sie (z.B. als Landpfarrer im Gegensatz zu Stadtpfarrern) zu tun haben, ist bezeichnend und hilft kaum jemandem. Mir jedenfalls nicht.

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  6. Manchmal passiert das „gestresst sein“ aber auch als Zuschreibung. Da empfängt mich das Geburtstagskind mit den Worten: „Schön dass Sie kommen, obwohl Sie doch bestimmt momentan viel Wichtigeres zu tun haben. Schließlich ist ja auch der her xy gestorben und und und.“ Dann versuche ich zu beruhigen, dass das alles gut klappt und ich genügend Zeit habe. Das ist manchmal auch etwas schöngeredet (allein, wenn ich jetzt auf meinen Tisch in der Besprechungsecke schaue) – aber wie will ich auf Menschen zugehen, wenn ich gleichzeitig bestätige: ich bin ja soooo gestresst? Dann hat doch jeder ein schlechtes Gewissen, wenn er auf mich zukommt, und etwas mit mir bereden will.
    Das erinnert mich an den Postbeamten am Postschalter in meiner Kindheit: Da hat man sich auch als Störenfried gefühlt, wenn man ein Päckchen aufgeben wollte. – Und genau so ein Schalter-Pfarrer will ich nicht sein

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  7. Stimmt. Das Ganze hat selbstverständlich zwei oder mehrere Seiten. Ich sitze auch manchmal vor meinem Monitor und warte, dass mal jemand was zu einem meiner Bücher sagt. Und dann treffe ich am nächsten Tag eine, die sagt: „Das hätte ich Ihnen so gern geschrieben, aber Sie haben bestimmt viel zu viel zu tun, um alle Mails zu lesen…“ Hilft uns das jetzt weiter?

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  8. Das, was man aus Leidenschaft macht, wird einem nie zuviel. Gottesdienste zum Beispiel. Gründo, Karfreitag, Osternacht, Ostersonntag, Ostermontag – das mache ich aus Liebe. Was mich nervt, sind die vielen Sitzungen. Zu manchen gehe ich einfach nicht hin (Bezirkskonferenz im Kirchenkreis, Friedhof im Kgmd.-Verband). Die andern haben sich dran gewöhnt. Sacht keiner mehr was. Ich könnte sicher mehr Besuche machen. Irgendwas ist ja immer. Manchmal frage ich mich (auch selbst), ob das Gejammer auch damit zu tun hat, dass die Leidenschaft für die Sache pausiert? Das kann uns immer ergreifen, Glauben, GD, die Menschen, der KV oder was auch immer…

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    • Sehe ich genauso, Leidenschaft für die Sache wird nie zuviel. Ich liebe meinen Beruf auch immer noch. Mich nerven Sitzungen nur manchmal, Kirchenleitung gehört irgendwie auch dazu, zumindest so wie unsere evangelische Kirche aufgebaut ist. Ich habe Ina´s Frage und auch die Gedanken von Axel Noack nicht als Jammern verstanden, überhaupt nicht. Axel Noack hat eine sehr entspannte, sympathische Art, Fragen zu stellen, um es in deinen Worten zu sagen, damit die Leidenschaft für die Sache nicht pausiert. Und Ina stellt eine These auf, von einer Beobachtung, die ich teile: Es gibt dieses Habitus der Vielbeschäftigkeit unter Pfarrersleuten und es lohnt, diesem nachzuspüren.

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  9. Eigentlich wollte ich ja die Wohnung fertig putzen und dann kochen, aber es ist dann doch zu interessant hier 😉

    @Friederike Erichsen-Wendt: Das ist ein interessanter Gedanke, der erst mal Widerspruch in mir auslöst, allerdings weiß ich noch nicht so richtig wo. Wahrscheinlich würde ich den gesellschaftlichen Relevanzverlust von Kirche, den ich auch sehe, nicht mir diesem Habitus verknüpfen wollen. Vielleicht liegt es daran, dass ich diesen Relevanzverlust im Grundsatz nicht als negativ verstehe, sondern er ist eine normale Veränderung im Lauf der Zeit.

    @Knuut: ich stimme dir zu, am Pfarrbild rumdoktorn möchte ich auch nicht, und schon gar nicht mit dieser Diskussion.

    @Ina: Ja, weil du noch mal auf die Ausgangsfrage zu sprechen kommst. Es ging mir (und Dir glaube ich auch) nicht darum, über dei Vielbeschäftigung von Pfarrersleuten nachzudenken. Vielbeschäftigung ist ein Problem, Überlastung auch und das gibt in tausend Berufen (haben auf Facebook auch einige drauf hingewiesen in diesem Zusammenhang).
    Es geht mir um den Habitus. Es ist zwar schon eine Weile her. dass ich den „alten“ Bourdieu gelesen habe, aber Habitus ist eine Rolle, die zugeschrieben wird und die ich mir anziehe, in aller Regel unbewusst. Um noch mal ein anderes Beispiel: Als ich junger Vikar war, habe ich in den ersten Predigten so diesen übliche pastoralen Sprachton gewählt, den ich irgendwie und irgendwo im Kopf hatte – von anderen übernommen, ganz automatisch. Im Lauf der Zeit ist mir es bewusst geworden und von anderen bin ich drauf angesprochen worden. Damit hatte ich eine Chance, einen eigenen Sprachstil zu auszubilden, der „echt“, „authentisch“ oder was auch immer ist. Als ich dann meinen ersten Vikar hatte, musste ich schmunzeln – der machte das ganz genauso wie ich.

    Und genau das scheint mir hier auch zu geschehen: Pfarrer/-innen, also wir, ich schließe mich da ein, spüren, sehen, ahnden diesen Habitus und reagieren darauf – je nachdem. Er ist auch ein Schutz, ganz sicher. Aber er hindert halt auch, weil er echte Begegnung wahrscheinlich verhindert. Aber ich bin als Pfarrer auch nicht jederzeit und in jedem Moment bereit und in der Lage, für eine persönliche Begegnung. Da hilft dann dieser Habitus, mich zu schützen (bevor ich Blödsinn erzähle und jemand verschrecke) und den oder die andere bietet diese Zuschreibung eine Erklärung an: Ja, ich bin zwar enttäuscht, aber der/die Pfarrer/-in ist ja so beschäftigt. Aber er oder sie weiß zumindest von mir. und meinem Anliegen.

    Ein Habitus bietet für mich Chancen und Gefahren (verstecken kann ich mich auch drin), und es ist für mich aber gut uns sinnvoll, mir den Vorgang ins Bewusstsein zu rufen.

    Und jetzt weiter mit Drecksarbeit und dann in die Küche, mein Magen knurrt schon.

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  10. Das Vertrackte ist imho: manchmal (oft) ist so viel, dass es wirklich furchtbar ist und ich verzweifelt denke: so will ich eigentlich nicht leben. Und manchmal hab ich dann wieder auch Zeit und ignoriere einfach so allerlei, was „man sott“. Und DANN kommt eben dieser blöde Habitus daher und flüstert: Du bist eine schechte Pfarrerin – und hoffentlich merkts niemand, dass Du den ganzen Samstag mit Serien-Kucken und Gammeln zugebracht hast, wo doch die Welt zu retten gewesen wäre.
    Bin dank dieses Blogposts jetzt entschlossen, den Habitus mal in den Müllschlucker zu werfen – mal sehen, obs klappt.
    Danke jedenfalls, Matthias!

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  11. Wenn die Arbeit der Pfarrerinnen und Pfarrer regelmäßig evaluiert werden würde, bekäme der “Habitus der Vielbeschäftigung” einen anderen Stellenwert.

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  12. Ich habe damals mitgemacht bei der Kofferaktion von Fritz Roth „Ein Koffer für die letzte Reise“. Es gab einen schönen Film dazu, der zwei dieser Kofferpacker begleitete. Ich werde den Koffer des Fleischermeisters nie vergessen. Er packe als erstes einen Zettel mit dem Wort „Nein“ in den Koffer. Weil man so oft Ja sagt, wo man Nein meint. Weil man so oft Ja sagt, obwohl man das Ja gar nicht einlösen kann. Weil man so oft Ja sagt und Dinge unbedingt selber machen will, die auch andere machen könnten – vielleicht sogar viel besser.

    @Inabea spricht das Problem der Prokrastination an: Der Aufschieberitis. Bei manchen Menschen wird irgendwann auch ADS im Erwachsenenalter diagnostiziert – und manche bekommen es tatsächlich nur mit medikamentöser Hilfe in den Griff.

    Einerseits sind so viele Dinge interessant. Man möchte sich ihnen widmen. Sie sind ja auch für das Pfarramt irgendwie interessant und wichtig. Man wendet sich ihnen zu, man macht sie gerne selber und gesteht sich und den anderen nicht ein, dass man noch genügend andere Dinge zu tun hat.
    Haben wir gelernt, Nein zu sagen? Sagen wir genügend Nein, wenn wir bereits so viele Aufgaben vor der Brust haben, dass jedes zusätzliche Ja uns dem Rand der Belastungsfähigkeit näher bringt?

    Wenn man mehr finanzielle Verpflichtungen übernimmt, als man in einem vernünftigen Zeitraum zurück zahlen kann, kommt die Insolvenz.

    Wenn man mehr zeitliche Verpflichtungen übernimmt, als man in vernünftigen Zeiträumen erledigen kann, kommt das Burnout.

    Das Schlimme ist: Am Anfang ist das „Ja-Sagen“ mit einem enormen Maß an positivem Feedback verbunden. Es ist doch schön, wenn Menschen einen wertschätzen, wenn man genügend Zeit für sie hat. Es ist doch schön, wenn man Antworten auf Blogs bekommt. Es ist doch schön, eine kreative Aufgabe erfolgreich präsentiert zu haben. Und gehört es nicht irgendwie selbstverständlich dazu, dass man im Pfarrberuf 60 Stunden arbeitet? Das machen die anderen doch auch so …

    Wie oft bekommt man dann Aufgaben nur noch mit einer kräftezehrenden Nachtschicht erledigt. Wenn man jung ist, macht das der Körper auch noch eine Zeit lang mit. Aber jeder wird älter…

    Manchmal glaube ich, dass Tim Bendzko „Welt retten“ speziell für Pfarrer geschrieben hat. Mal eben noch ein paar Mails checken, mal eben noch die Welt retten, mal eben noch das Türschloss selber reparieren … Wie oft hat die eigene Familie auf den Pfarrerin, den Pfarrer warten müssen, weil dieser wieder mal gerade die Welt rettete?

    „Kirche und Gewerkschaft“ ist wegen des „Dritten Wegs“ ein heikles Thema. Ich behaupte: Wir könnten von den Gewerkschaften eine Menge lernen. Vor allem die Wertschätzung der eigenen Arbeit einerseits und die Wertschätzung der normalen menschlichen Belastungsgrenzen andererseits.
    Wir können von den Gewerkschaften lernen, „Nein“ zu sagen, wo diese Grenzen überschritten werden und wo wir selbst uns daran gewöhnt haben, permanent diese Gefühle zu überschreiten.

    Vor einiger Zeit fand hier im Landkreis ein Treffen statt, in dem besonders über Kinder psychisch kranker Eltern nachgedacht werden sollte. Ein Psychiater sprach darüber, was man von seinen Kindern lernen kann. Eines der vielen Bücher, dass er für das Gespräch mitgebracht hatte: Windelfreie Kindererziehung. Ihm waren die Grenzen dieser Möglichkeit klar. Es funktioniert nur, wenn man genügend Zeit hat, sein Kind zu beobachten und ein Gefühl dafür zu bekommen, wann es „muss“. Es funktioniert nur, wenn man lernt, die eigenen Grenzen und die des Kindes wahrzunehmen. Und dann kamen wir auf diese Grenzen zu sprechen. Wie oft geht alles mögliche vor. Was lernt das Kind dabei? Es lernt von seinen Eltern vor allem, dass die eigenen Grenzen unwichtig sind. Es lernt, nicht auf die eigenen Grenzen zu achten und diese Grenzen zu überschreiten. Haben wir als Pfarrerinnen und Pfarrer, als Pastorinnen und Pastoren gelernt, auf die eigenen Grenzen zu achten? Haben wir gelernt, Nein zu sagen, wenn andere – oder wir selber sie überschreiten?
    Haben wir nicht vielmehr oftmals verinnerlicht, vielleicht so gar in pastoraler Selbstherrlichkeit, wie gut es tut, permanent für andere da zu sein?

    Ich gestehe, ich kann es selber nur schwer. Darunter leide ich selber, und darunter leiden andere, denen ich ein Ja zugesagt habe, dass ich nicht oder nur mühsam halten kann.

    Im Zeitmanagement-Seminar habe ich gelernt, wie wichtig es ist, die Aufgaben, die man zugesagt hat, im Kalender so deutlich zu markieren, dass man sofort merkt, wann man zu neuen Aufgaben „Nein“ sagen muss.
    Darf ich an dieser Stelle daran erinnern, zu welchen Aufgaben man alles „Ja“ gesagt hat, als man „das“ Ja sagte? Das „Ja“ vor Gott und den Menschen zu seinem Partner, zu seiner Partnerin, an guten und an schlechten Tagen? Das Ja zu den gemeinsamen Kindern? Und wieder waren sie so schnell groß, und man hat viel zu wenig davon mitbekommen. Und wieder wird eine Ehe geschieden, weil man für alles und jeden Zeit hatte, nur nicht für den Partner/die Partnerin, der man einmal das „Ja“ versprochen hatte.

    Von jenem Fleischermeister und von den Gewerkschaften können wir lernen, „Nein“ zu sagen. Nein zu anderen und Nein zu uns selbst – wenn unsere Grenzen überschritten werden.
    Und vom „Reichen Jüngling“ können wir lernen, dass wir die Welt nicht retten können und nicht retten müssen. (Falls dieser Gedanke zu schnell war: Ist nicht „Was muss ich tun, um das Ewige Leben zu erben?“ die religiöse Variante des weltlichen „Wie kann ich die Welt retten?) Das Kreuz macht deutlich: Diese Rettung hat ein anderer schon lange vollbracht. Wir müssen sie uns nur noch schenken lassen.

    Auch darum dürfen wir Nein sagen, wenn wir an unsere Grenzen kommen. Und das geschieht schneller und öfter, als wir es oft wahrhaben wollen.

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