Der Traum vom Fliegen.

Predigt über Jesaja 40,26-31

Liebe Gemeinde,
fliegen können.
Mich leicht fühlen.
Abheben und schweben.
Alles hinter mir lassen.
Tief einatmen.
Und wieder ausatmen.
Alle Last fällt ab.
Durch meine Glieder fließt wieder Kraft.
Und Freude.
Wie schön.

Danach sehnen wir uns.
Reinhard Mey fasste dieses Sehnen einst in die Worte:
Über den Wolken
wird die Freiheit wohl grenzenlos sein.
Alle Ängste, alle Sorgen
sagt man
blieben darunter verborgen.
Und dann
würde was uns groß
und wichtig erscheint
plötzlich nichtig und klein.

Es ist mir aus der Seele gesprochen.
Es gibt so viel, was das Leben schwer macht.
Sorgen, Ängste, Nöte.
Es ist einfach viel zu viel, was auf mich einströmt.
Ausgehalten werden muss.
So viel macht mich müde und matt.

Ängste, Sorgen, Nöte.
Auch Gutes, Schönes und Hoffnungsfrohes zerrt oft an den Nerven.
Meine Allerliebste, sagt sie: ja, nimmt sie meinen Ring?
Wann kommt er, der Anruf: Mutter und Kind wohlauf?

Es gibt so viel, was müde macht und matt.
Und mich fragen lässt:
Warum ist das Leben denn oft so kompliziert, so schwer?!

Als ich darüber nachdachte, fiel mir plötzlich ein:
Das klingt doch wie die Frage aus dem Predigttext:
„Warum sprichst du denn, Jakob,
und du, Israel, sagst:
‚Mein Weg ist dem Herrn verborgen,
und mein Recht geht vor meinem Gott vorüber?‘“

Warum, immer wieder warum.
Diese uralte Frage,
verzweifelt geschrien,
traurig geflüstert.

Wir kennen das.

Doch hier bei Jesaja ist es Gott, der unser Warum aufnimmt.
Und die Gegenfrage stellt:
Weiß du nicht …?
Das ist kein Vorwurf.
Zuwendend ruft er mir in Erinnerung:
Weißt du nicht …:
Die auf den Herren harren,
die kriegen neue Kraft.
Dass sie abheben und fliegen.
Zurücklassen, was müde macht und matt.

Harren,
das Wort ist aus dem Hebräischen nicht einfach zu übersetzen.
Da steckt hoffen drin.
Und: auf etwas warten.
Aber auch:
Einen Faden, eine Schnur spannen.

Etwas spannen.
Spannen hat mit zwei Polen zu tun.
Ein gespannter Faden stellt eine Beziehung her.
Hier zwischen Gott und mir.

Auf den Herren harren.
Eine Einladung, die Beziehung zu Gott gespannt halten.

Er sagt zu uns:
Ihr dürft euch zwischen mir und euch,
zwischen Himmel und Erde ausspannen.

Liebe Gemeinde,
das ist eine Geschichte für unseren Alltag.

Für Menschen, die müde, matt, erschöpft sind.
Die ahnen, da geht doch noch mehr.
Und sich fragen:
Woher fließen mir Mut und Kraft zu?

Jesaja sagt:
Zieh die Schnur straff.
Halte den Blickkontakt zu Gott.
Und zu seinen liebevollen Augen, mit denen er dich anschaut.
Wende deinen Blick vom Warum auf ihn –
und dir fließt neue Kraft zu.
Und du fliegst auf mit Flügeln wie ein Adler.
Das, was dich müde macht und matt,
wird erst einmal nichtig und klein.
Verschwindet nicht, nein.
Aber aus dem Abstand sieht die Welt anders aus.

Wo kann ich das erleben in meinem Alltag?

Es geht im Lesen der Bibel.
Wenn mich mit einem Mal Gottes Nähe durchzuckt.
Und ich getroffen werde von einem Wort, einem Bild.
Auffliegen mit Flügeln wie Adler.

Oder es geht im seelsorglichen Gespräch zwischen mir und dir.
Wenn ich ganz persönlich höre, was ich vielleicht schon tausendfach gelesen habe:
Die auf den Herren harren, die kriegen neue Kraft.

Und vor allem, liebe Gemeinde,
liegt die Verheißung darauf, dass wir das hier und heute erleben:
im Gottesdienst.

Im Singen, beten, loben und danken.
Im gemeinsamen Hören.
Wir sitzen nebeneinander, schauen uns an.
Achten aufeinander.
Singen miteinander.
Hören voneinander und auf ihn.
Und was hören wir?
Immer wieder das Gleiche.
Was wir so bitter nötig haben zu hören,
wonach wir uns so sehnen:

Du bist nicht allein.
Ich halte dich.
Ich gebe dir Kraft.
Ich schaue dir in die Augen.
Ich greife dir unter die Arme.
Ich verleihe dir Flügel.

Und dann geschieht es:
Gottes Geist trägt uns davon,
weg von unsren Ängsten und Sorgen.
Wir fliegen auf mit Flügeln wie Adler.
Ganz leicht, schwerelos schweben wir dahin.
Für einen Moment.

Liebe Gemeinde,
hier im Gottesdienst fühlen wir uns verbunden.
Und noch mehr:
Gott verbindet sich hier mit uns
und uns untereinander.
Er spannt ein Netz auf,
zieht die Fäden fest.
Zwischen sich und uns,
zwischen mir und dir.

Ich merke, wie die Schnur sich spannt.
Wie Hoffnung wächst und Vertrauen.
Für einen Moment lasse ich alles unter mir.
Ich kann auffahren.
Aufblicken.
Meine Schultern straffen sich.
Ich atme auf und aus.
Meine Seele wird leicht.
Und die zittrige Stimme fest.
Und ich stimme ein in den Lobgesang:
Ja, die auf den Herrn harren, die kriegen neue Kraft.

Und so sitzen wir nebeneinander in der Bank.
Spüren die Nähe der Anderen.
Und freuen uns daran.
Sehen vielleicht auch die Träne im Auge der Anderen.
Oder seine Freude.
Stehen nebeneinander beim Abendmahl und reichen uns die Hände.
Verbinden uns im Vater Unser miteinander
und mit Ihm.
Empfangen Seinen Segen,
spüren ihn.

Wie schön.
Auf den Herrn harren,
Neue Kraft bekommen.
Auffahren mit Flügeln.
Wie Adler.
Allein und gemeinsam.

Doch dann muss ich wieder landen.
Das Gestern kehrt zurück,
das Morgen auch.
Aber verändert.
Ich nehme etwas mit.
Auf den Herren harren.
Er ist bei mir.
Schaut mich an.
Greift mir unter die Arme.
Hält die Schnur gespannt zwischen ihm und mir.

Und ich merke:
Die Welt ist nicht anders,
sieht aber anders aus.
Weil ich wieder Kraft habe.
Nicht für immer und ewig.
Für heute.
Und morgen.
Vielleicht für eine Woche,
vielleicht bis nächsten Sonntag.
Manna und Wachteln gab es in der Wüste nicht als Vorratspackung.
Immer nur jeden Morgen neu.

Der Traum vom Fliegen.
Ja, unser Leben ist oft schwer.
Und es gibt so viel, was uns müde und matt werden lässt.
So dass wir die Flügel hängen lassen,
die Schnur schleifen lassen
und die Frage nach dem Warum uns die Kraft raubt.

Aber Gott verspricht uns etwas.
Das Leben soll mir nicht wie ein Stein auf der Seele liegen.
Jesus kam zu den Seinen und nahm ihnen die Angst mit den Worten:
Friede sei mit euch!
Friede.
Sei.
Mit.
Euch.
Und ihr Herz wurde leicht
und sie fassten Mut.

Und bei Jesaja sagt Gott zu uns,
zu mir,
zu Ihnen:
Er gibt dem Müden Kraft
und Stärke dem Unvermögenden.
Männer
werden müde und matt.
Jünglinge
straucheln und fallen.
Aber die auf den Herren harren
kriegen neue Kraft:
Dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler.
Dass sie laufen und nicht matt werden.
Dass sie wandeln und nicht müde werden.

Wie schön.
Amen.

Ein Gedanke zu “Der Traum vom Fliegen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s