Mit dem, was ich wirklich, wirklich will zur Rettung der Welt beitragen

Mit dem, was ich wirklich, wirklich will zur Rettung der Welt beitragen

Ein Essay über ureigenste Motivationen und den Sinn plakativer Rede

Finden Sie das in Ordnung?

Der Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber stellt seit Jahren bei Veranstaltungen drei Fragen: 1. Glauben Sie, dass es Ihnen heute besser geht als damals Ihren Großeltern? 2. Glauben Sie dass, es Ihren Enkeln einmal besser gehen wird als Ihnen heute? 3. Finden Sie das in Ordnung? Die Antworten liegen für ihn auf der Hand: Wer mit offenen Augen durchs Leben geht, weiß, dass sich das Menschheitsprojekt in die falsche Richtung bewegt. Aber dies gelangt nur selten und eher zufällig ins Bewusstsein „und wird von den Kräften des Jetzt rasch wieder in die Tiefe gedrückt. Noch.“ (547)

Noch, genau. Denn offenbar ändert sich gerade etwas. Auf dem 1. CSR-Kommunikationskongress im November in Osnabrück sprach ein Referent davon, dass vermehrt Kund/-innen von Unternehmen wissen wollen, was diese zur „Rettung der Welt“ beitragen. Das Vertrauen ins Unternehmen und dessen Produkte steige, wenn der entsprechende Beitrag sachlich verbunden ist mit dem Produkt. Immer mehr Frauen und Männer erwarten also, dass Unternehmen etwas zur „Rettung der Welt“ beitragen. Das ist nur ein Hinweis darauf, dass Fragen von Nachhaltigkeit zunehmend Eingang in den Mainstream der Ökonomie finden. Noch lange nicht genug, aber immerhin.

Die Lücke im „wirklich, wirklich wollen“

„Es gibt kaum etwas, was den Menschen zufriedener macht als eine Arbeit, die er wirklich, wirklich will“ – so lautet die Kernthese von Frithjof Bergmann. Seit meine Frau und ich ihn auf dem Kirchentag 2007 kennen lernen ist (nicht nur) unsere Erfahrung: Viele Frauen und Männer, denen diese Frage gestellt wird, antworten überrascht: „Das hat mich ja noch keine/r gefragt!“ Ein erschreckender Befund, stellt sich hier doch die Frage nach den tiefen inneren Motivationen in unserem Arbeiten.

Bergmann vergleicht den gegenwärtigen Lohnkapitalismus mit einem dem Abgrund entgegen rasenden Zuges, aus dem niemand aussteigen kann. Die hier vorherrschende entfremdete Arbeit macht viele unglücklich, weil ihre Tätigkeiten nicht mit ihrer inneren Motivation übereinstimmen. Mit der Frage nach Arbeit, die ich „wirklich, wirklich will“, hat Bergmann eine einfache und eingängige Formel gefunden, die auch als „Mantra der Neuen Arbeit“ bezeichnet wird.

Allerdings kann Bergmann nur in Ansätzen deutlich machen, wie der Bruch mit dem Lohnkapitalismus praktisch vollzogen werden kann. Bildlich gesprochen: Der Ausstieg (aus dem Zug) ist so ohne weiteres nicht möglich. Wer in den Industriestaaten lebt, ist verpflichtet, durch Arbeit, Steuern und Beiträge zum Gestaltung des staatlichen Gemeinwesen beizutragen. Ein Leben ohne Geld ist nur bedingt realisierbar, spätestens im Krankheitsfall zeigt sich die unaufhebbare Verbindung mit dem Sozialsystem. Dennoch ist die Frage nach der ureigensten Motivation, nach dem, was ich „wirklich, wirklich tun will“, ein wichtiger Impuls für viele Frauen und Männer, ihre Arbeit zu überdenken und zu verändern. Es macht Sinn zu fragen, welche Tätigkeiten sind zentral für mein Wesen? Was muss ich tun können, damit ich zufrieden bin? Und wie kann das konkret aussehen im System des entfesselten Kapitalismus?

Es kommt im Horizont der eingangs beschriebenen Beobachtung ein weiterer Schritt hinzu: Ich will nicht nur „einfach“ etwas tun, das mir entspricht, ich will auch wissen, in welcher Weise meine Arbeit zum guten Leben (aller) beiträgt. Hier erkenne ich eine Lücke im Ansatz von Bergmann, denn er fragt nicht so konsequent nach dem Woraufhin einer mit mir übereinstimmenden Arbeit. Vermutlich würde er antworten: Das ergibt sich von selbst aus dem Prozess, wenn ich nach meinen ureigensten Motivationen frage. Ich bin dagegen der Meinung, dass es Kriterien für gute Arbeit und gutes Leben braucht. Gute Arbeit (die ich „wirklich, wirklich will“) ist nicht zwingend ein Beitrag zum guten Leben (aller). Gute Arbeit bedeutet nicht zugleich gutes Wirtschaften. Mag sein, dass mich das Entwickeln von Waffen fasziniert und zufrieden stellt, ich bezweifle trotzdem, dass diese „gute“ Arbeit zum guten Leben aller beiträgt.

Die Rettung der Welt als mögliche Zukunft

Die Stimmen mehren sich, dass die Menschheit mit ihrer heutigen Wirtschaftsweise dabei ist, diese Welt in weiten Teilen für Frauen, Männer und Kinder unbewohnbar zu machen. Auch hier passt das Bild von einem Zug, der dem Abgrund entgegen rast und aus dem niemand aussteigen kann. Eine Neuausrichtung ist allerdings (noch) möglich, das zeigt Schellnhuber in seinem in jeder Hinsicht schwergewichtigen Werk auf. Die vielfachen Aktivitäten um den Klimagipfel in Paris im Dezember 2015 haben diese doppelte Einsicht weiter verbreitet. Es bleibt zu hoffen, dass von dort aus langfristige Impulse zur „Rettung der Welt“ ausgehen und die Prioritäten in nächster Zeit richtig gesetzt werden. Ein Erfolg ist keineswegs sicher, ganz im Gegenteil. Den Kopf in den Sand zu stecken ist für viele allerdings nicht vorstellbar. Es widerspricht ihren Werten und Überzeugungen, oft auch ihren religiösen Grundeinstellungen. So fragen sie: Wie kann mein Beitrag zur „Rettung der Welt“ aussehen, angesichts einer unendlichen Fülle von Herausforderungen und Lösungsansätzen, die sich an etlichen Stellen auch widersprechen und/oder nicht kompatibel sind? Wie wähle ich aus, wo ich mich engagieren will?
Harald Welzer setzt hier auf Szenarien, die auf Vorerinnerungen beruhen. Dies sind mentale Vorgriffe auf die Zukunft und spielen als Orientierungsmittel für die Ausrichtung von Entscheidungen und Handlungen in der Gegenwart eine wichtige Rolle. Denn „jeder Entwurf, jeder Plan, jede Projektion, jedes Modell enthält einen Vorgriff auf einen Zustand, der in der Zukunft vergangen sein wird. Und genau aus diesem Vorentwurf eines künftigen Zustands speisen sich Motive und Energien.“ (136f.) Aus meinen/unseren Vorerinnerungen ergeben sich Ziele und Schritte.

Das Bild von der „Rettung der Welt“ denkt also Motivation vom Ziel her, vom guten Leben in einer Zukunft, welche die Herausforderungen der Gegenwart gemeistert hat. Das „Wirklich, wirklich wollen“ fragt hingegen nach meinen Motivation aus mir und meiner Geschichte heraus. Beides zusammen führt mich heraus aus der Position des Kaninchens vor der Schlange. Mit dem, was ich „wirklich, wirklich will“, kann ich zur „Rettung der Welt“ beitragen. Ganz einfach. Oder doch zu plakativ?

Vom Sinn des Plakativen

Franz-Josef Radermacher hat einmal geschrieben, dass es den Marktfundamentalisten gelungen ist, ihre Position über manipulierte Bilder tief in unseren Gehirnen zu verankern. Es gilt daher Gegenbilder zu finden, die anschaulich, eingängig, offen und anschlussfähig, kurz: plakativ sind. Das Bild von der „Rettung der Welt“ erfüllt diese Kriterien. Finde ich hier über meine Vorerinnerungen für mich Antworten, motiviert mich dies im Blick auf das große Ziel, das sich in viele tausend Einzelschritte entfalten lässt. Vielleicht erkenne ich, welche Zwänge ich akzeptieren muss, aber auch, wo sich Handlungsalternativen für mich ergeben und das ist entscheidend. Mag sein, dass es hier zwischen der Vielzahl von Personen und Ansätzen zu Widersprüchen kommt und kommen muss, aber ich stimme Schellnhubers Auffassung zu, dass wir uns in diesem Jahrhundert so oder so durchwursteln müssen, der große politische Wurf wird nicht gelingen können angesichts der disparaten Erscheinung der Welt. Hier ist jeder Schritt nach vorn ein Schritt heraus aus Angst und Lähmung, eröffnet Zukunft, macht Hoffnung. Reboundeffekte und andere Widersprüche sind dabei unvermeidlich, aber immer noch besser als auf dem Weg der Aufheizung und Vergiftung unseres Planeten „einfach so“ weiter zu machen.

Aber klingt „Rettung der Welt“ nicht zu negativ und demotiviert daher eher? Oder zu dramatisch und löst eher Abwehr und Spott aus? Oder zu groß und überfordernd? Mag alles sein, aber wer so argumentiert und das Plakative wie ich grundsätzlich für hilfreich und sinnvoll hält, muss dann andere Vorschläge machen. Klimawandel, Nachhaltigkeit, Transformation – alles richtig, aber nicht eingängig. Der von französischen Intellektuellen (neu) ins Spiel gebrachte Begriff „Konvivialismus“ trifft es zwar thematisch und ist positiv besetzt, er ist aber ebenfalls nicht eingängig und ohne Erklärung unverständlich. Das „gute Leben aller“ ist zu allgemein und enthält keinerlei Dringlichkeit. Bei Abwägung der Für und Wider bleibe ich (zunächst) bei der „Rettung der Welt“ als Zielvorgabe und Rahmen.

Natürlich, die Frage nach dem „wirklich, wirklich wollen“ gerät schnell ins Fahrwasser esoterischer Strömungen. Und „Rettung der Welt“ klingt leicht moralisch oder überheblich weltfern. Aber das Plakative ist immer auch missverständlich und dennoch hilfreich. Wenn ich weiß, was ich „wirklich, wirklich will“ und wohin ich „wirklich, wirklich will“, schafft dies Klarheit in meinem Auftreten, ermöglicht Transparenz und zieht Vertrauen nach sich.

Zwischen Angst und Aufbruch

Meine These lautet daher: Die Frage nach meinem Beitrag zur „Rettung der Welt“ kann ähnlich faszinierend und motivierend sein wie die Frage, was ich „wirklich, wirklich“ tun will. Allerdings lösen beide Fragen häufig auch Widerstände aus und/oder konfrontieren mich mit eigenen Ängsten. Diesen muss ich ins Angesicht schauen, sonst wirken sie im Untergrund und halten mich in mir selbst gefangen.

Kari Norgaard ist der Frage nachgegangen, warum so viele Menschen den Klimawandel nicht wahrhaben wollen: „Menschen haben erstens Angst um die Welt und ihre Zukunft. Zweitens haben sie Schuldgefühle, weil sie wissen, dass unsere hohe Lebensqualität, die auf dem Einsatz fossiler Brennstoffe basiert, direkt mit dem Problem verbunden ist. Dazu kommt ein Gefühl der Hilflosigkeit, weil das Problem so riesig erscheint und die Politik nicht reagiert.“ Aber es kommt noch dicker: Naomi Klein beschreibt ihre Erfahrung bei der Recherche für ihr Buch über Klima versus Kapitalismus und kommt zu der Einsicht, dass die Angst nicht mehr weichen wird: „Sie ist die vollkommen rationale Reaktion auf die unerträgliche Tatsache, dass wir in einer untergehenden Welt leben (…) zu deren Tod viele von uns beitragen, indem sie Dinge tun wie Tee kochen und zum Lebensmittelmarkt fahren.“ (42) Diese Einsicht steckt aus meiner Sicht hinter dem Verstummen auf Schellnhubers Frage: Finden Sie das in Ordnung?

Auch die Suche nach einer Antwort auf die Frage, was ich „wirklich, wirklich will“, ist riskant. Um dies herauszufinden, muss ich mich mit mir befassen. Es ist keineswegs einfach, hier eine Antwort zu finden, das sagt auch Bergmann selbst. Meine Frau hat mittlerweile dazu das „Wesenskernspiel“ entwickelt. Es hilft Frauen und Männern in spielerischer Weise im Durchgang durch die je eigene Biografie diese Frage in Übereinstimmung mit den eigenen Motivationen, Fähigkeiten und Interessen zu beantworten. Daraus ergeben sich oft überraschende und/oder inspirierende Einsichten. Andere Methoden kommen zu ähnlichen Ergebnissen, das „Mantra der Neuen Arbeit“ wirkt dabei häufig wie ein Antreiber. Frauen und Männer erhalten eine Ahnung oder gar Gewissheit darüber, was sie wirklich tun wollen. Und setzen es zufrieden und motiviert um. Allerdings kann die Frage nach den ureigensten Motivationen auch Unsicherheit auslösen. Eventuell offenbart sich mir die unbequeme Einsicht in meine eigene Geschichte, dass ich viel zu lange getan habe, was andere von mir wollten oder für mich richtig hielten. Vielleicht werde ich konfrontiert mit meiner Angst vor Veränderungen, Widerstand und Ablehnung. Oder ich erkenne, dass ich als Frau oder Mann in einer Industrienation viel zu verlieren habe, wenn ich mich darauf einlasse, das zu tun, was ich „wirklich, wirklich will“. Sicherheit ist ein hoher Wert und ein starkes Motiv. Der positive Effekt – ich finde heraus, was mich wirklich antreibt – beinhaltet häufig, der eigenen Angst ins Gesicht schauen. Gleiches gilt – und noch verstärkt, weil die Faktoren viel weniger von mir selbst beeinflusst oder gar bearbeitet werden können – für den Zustand der Welt, die es gilt, zu retten: Die schiere Größe der Aufgabe(n) lässt mich erzittern. Dennoch lohnt es sich ungemein, Antworten auf die Frage zu bekommen, was ich „wirklich, wirklich tun will“ und in welcher Weise dies ein Beitrag zur „Rettung der Welt“ darstellt.

Denn das „Wirklich, wirklich wollen“ zielt darauf, die tiefen Motivationen im Blick auf meine Fähigkeiten, Interessen, Erfahrungen zu finden. Die Frage nach der „Rettung der Welt“ macht mir hingegen deutlich, welche Vision (Vorerinnerung) ich vom guten Leben, Arbeiten und Wirtschaften aller habe. Antworten auf beide Fragen müssen sich in konkrete Handlungsschritte übersetzen lassen – aber sie zeigen die Richtung an und sind entlastend, oft ernüchternd und zugleich realistisch, denn ich kann nur an meiner Stelle etwas tun. Und es hilft, das Konglomerat von Schuldgefühlen und Ängsten aufzurollen, dass mich sonst schnell in inneren Endlosschleifen gefangen hält.

Mir das verwickelte „Gewebe“ der eigenen Beziehungen und Bezogenheiten (Hannah Arendt) bewusst zu machen, lindert auf der einen Seite irrationale Ängste, macht aber zugleich die Schrecken in der Welt umso deutlicher. Ihnen gilt es ins Auge zu sehen. Gefahrenabwehr war schon immer ein hohes Gut, das Frauen und Männer motiviert hat zu handeln. Oft einhergehend mit eigenen Gefährdungen und Nachteilen, denken wir nur an Feuerwehr oder Katastrophenschutz. Aber genau dort wird erkennbar, dass hier Güterabwägungen stattfinden, die Engagement zur Folge haben. Die Motivation zu solchem Engagement erwächst aus der Verbundenheit mit der Natur, einem grundlegenden Humanismus, aus der eigenen Religion oder aus einer Mischung aus allen drei Faktoren. Kurz: Sie entspringen einer spirituellen Basis meiner Existenz, die weiter reicht als die Grenze meine eigenen Individualität. Die Folge ist die Fähigkeit zur Empathie und zu Begegnungen auf Augenhöhe.

Sehe ich meiner Angst ins Auge, werde ich frei, Pfade zu erkennen, die gangbar sind. Schellnhuber zum Beispiel nennt sieben technisch-gesellschaftliche Handlungsfelder, in denen im 21. Jahrhundert Neuerungen sinnvoll bzw. notwendig erscheinen. Zu diesen „Kardinalinnovationen“ zählen: die Integration erneuerbarer Energiequellen, Häuser zu Kraftwerken zu entwickeln, neue Mobilität, Mehrfachnutzung und Wiederverwendung, nachhaltiges Siedlungswesen, aktives Kohlenstoffmanagement und regenerative Wasserwirtschaft. (622ff.) Deutlich wird die große Bandbreite und damit verbunden eine Vielfalt von Möglichkeiten des Engagements, auch in kleinen und überschaubaren Schritten, eingeordnet ins große Ganze. Hier gilt es zu schauen, was passt zu mir, meinen Fähigkeiten, Interessen und Erfahrungen, was ist konkret möglich, je nachdem, an welchen Stellen ich stehe? Was motiviert mich so sehr, dass ich trotz und in meiner Angst losgehe und handele? Was ist „mein Ding“ in der gemeinsamen Herausforderung, die Welt zu retten?

Kooperation statt K(r)ampf

Wenn ich diese Fragen für mich jetzt, in aller Vorläufigkeit, beantwortet habe, gleichzeitig aber nicht davon ausgehe, dass ich damit die allein selig machende Wahrheit in Händen halte, begegne ich anderen auf Augenhöhe. Ich bin bei mir und kann daher bei der/dem Anderen sein und gemeinsam mit ihr/ihm auf dem Weg nach vorn. Die Frage nach der „Rettung der Welt“ und dem Weg dorthin beschäftigt bereits viele Frauen und Männer, diesseits und jenseits der vorherrschenden Ökonomie. Bedingungsloses Grundeinkommen, Gemeinwohlökonomie, Solidarische Ökonomie und Commons, postpatriarchaler Ansatz, Care-Revolution, der vielfache Aufstand indigener Völker, Genossenschaftsbewegungen und unzählige Umweltschutzinitiativen – sie alle gehen von der Vision einer „besseren“ Welt aus. Sie alle setzen darauf, dass die Welt nicht nur gerettet werden muss, sondern auch kann. Sie entwickeln Szenarien und Narrative, erzählen Geschichten von einer gelingenden Zukunft. Jede und jeder kann sich hier beteiligen gemäß ihrer/seiner eigenen Perspektive und dem, was sie/er „wirklich wirklich will“. Die Aufgabe besteht nicht in erster Linie darin, der Politik Vorschläge zu machen, sondern eine alternative Weltsicht zu beschreiben, zu entwickeln, anschaulich zu machen. Eine Weltsicht, bei der, wie Naomi Klein schreibt, „Wechselbeziehungen statt Hyper-Individualismus im Mittelpunkt stehen, Gegenseitigkeit statt Dominanz und Kooperation statt Hierarchie.“ (554f.) Uns eint die Hoffnung, dass sich hier im besten Sinne der „Marktwirtschaft“ im Wettbewerb Ideen entwickeln und gestalten lassen. Das macht zufrieden und unruhig zugleich und führt zu Gelassenheit und Mut.

Literatur

Franz-Josef Radermacher, Global Marshall Plan
Frithjof Bergmann, Neue Arbeit, neue Kultur
Hans-Joachim Schellnhuber, Selbstverbrennung. Die fatale Dreiecksbeziehung zwischen Klima, Mensch und Kohlenstoff
Harald Welzer, Selbst denken. Eine Anleitung zum Widerstand
Kari Norgaard, zitiert nach: Warum wir den Klimawandel nicht wahrhaben wollen
Les Convivialistes, Das konvivialistische Manifest
Naomi Klein, Die Entscheidung: Kapitalismus vs. Klima

Leben als Fragment zwischen Wollen und Können.

Theologische Reflexion von Gedanken von Frithjof Bergmann, Odo Marquard und Henning Luther

0. Vorbemerkung

An diesem Text habe ich lange geschrieben und noch viel länger darüber nachgedacht. Die Anfänge und ersten Versuche liegen mehr als ein Jahr zurück. Immer wieder habe ich den Text in der Schublade liegen gelassen, manchmal wochen- und monatelang, weil ich spürte, ich komme nicht weiter. Jetzt ist die Zeit reif und der Gedankengang – für mich – rund. Dazu beigetragen hat auch meine Frau Christine, die verschiedene Stadien der Entwicklung kritisch begleitet hat und an etlichen Stellen eigene Sichtweisen eingebracht. Der Text ist dennoch keine Co-Produktion, weil sie einige Aspekte auch anders sieht oder gewichtet.

1. „Wirklich, wirklich wollen“ und nicht können

Wir leben in einer Zeit unermesslichen Individualismus, in der wir selber unseres Glückes Schmied sind und wenn wir es nicht geschmiedet bekommen, selber schuld sind. Unzählige Ratgeber und Coachingangebote pflastern einen Markt, der uns vorgaukelt: Wenn du dich nur genug anstrengst, dann kannst du alles erreichen. Die Rolle von Grenzen und Schicksalsschlägen wird kaum reflektiert. Werde ich aber mit ihnen konfrontiert, zieht es mir den Schleier weg und gibt meinen Blick frei auf ein Leben, das von anderen Dingen geprägt ist, als wir im Wahn des „Ich-kann-alles-schaffen“ glauben.

Seit Jahren beschäftigt mich dies im Blick auf die Grundthese des Philosophen Frithjof Bergmann. Er sagt: Der Mensch ist dann glücklich, wenn er eine „Arbeit“ hat, die er „wirklich, wirklich will“. Ich fand und finde diese These faszinierend und habe bei mir und anderen die Erfahrung gemacht, dass dieser Gedanke der Übereinstimmung zwischen Person und Tätigkeit spontan einleuchtet. Was aber, wenn Wollen und Können einfach nicht zueinanderfinden? Trotz allem Coaching, Selbstversuchen, Bemühungen?

Um allein auf dem Erwerbsarbeitsmarkt zu bleiben: Unzählige Menschen hängen in freudlosen Arbeitsverhältnissen fest, die sie liebend gerne verlassen möchten, aber nicht können, weil sie auch morgen ihre Brötchen bezahlen müssen. Umgekehrt nützt es wenig, wenn ich weiß, was ich wirklich, wirklich will – und dafür keine Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt vorhanden ist.

Was tun, wenn ich weiß, was ich wirklich will und es einfach nicht möglich ist? Auf diese Frage gibt Bergmann keine recht Antwort und nährt so ungewollt das Gefühl: Wenn du es schaffen willst, dann schaffst du es auch und wenn nicht, dann bist du selber schuld. Oder hast dich geirrt, wusstest doch (noch) nicht, was du wirklich, wirklich willst. Ich frage mich: Zerbricht in diesem Moment nicht nur ein Traum, sondern auch die Identität? Und was „rate“ ich Menschen, die in solchen Verhältnissen festhängen? Wie ist das mit den Umständen, in denen ich leben muss, mit den Grenzen, die sich mir in den Weg stellen, mit den Visionen, in denen ich feststecke, weil sich kein Weg der Realisierung öffnet?

2. „Besonderheitsidentität“ und die Kohärenz des Selbst

Vor Jahren tauchte am Rand einer Hausarbeit die Frage auf, wie in der Pädagogik mit Leid umgegangen wird und wie sich Schicksalsschläge, Krankheiten, Beeinträchtigungen auf die Identitätsbildung auswirken. Landläufig sind wir geneigt, „nur“ die schönen Dinge und Erfahrungen, unsere Talente und Stärken heranzuziehen und auszubilden und Leid als Unfall zu betrachten, das unsere Identität schädigen und belasten kann. Leid gehört natürlich zum Leben, gilt aber als etwas zu Überwindendes. Angesichts der übergroßen Menge an Leid in unserer Welt stellt mich diese Perspektive nicht zufrieden. Allein die Frage, wer hier überwindet oder überwinden soll, kann und muss, führt nicht selten zu Überforderung und Verzweiflung, denn die Grenzen meiner Möglichkeiten sind schnell erreicht. Hier stieß ich auf eine Überlegung von Odo Marquard, der im Anschluss an Hermann Lübbe von Besonderheitsidentität spricht.

Die „Besonderheitsidentität“ zeichnet den einzelnen Menschen als individuell und einzigartig aus. Sie ist einerseits vorgegeben durch seine natürliche Verfasstheit: Geburtsdatum, Geburtsort, Größe, Augenfarbe, Geschlecht, Herkunft, Anlage, Begabung und Kultur. Andererseits ist sie aber auch etwas, das aufgrund der gesellschaftlichen Gegebenheiten im Lauf der eigenen Lebensgeschichte hinzuerworben wird. Die Besonderheiten prägen meine mitgebrachte Eigenart dezidiert aus, verfeinern und verdichten sie in ureigenen Gewohnheiten. (Nach: Dickopp, Systematische Pädagogik II. Studienbrief 3004 der Fernuniversität Hagen, S. 180)

Odo Marquard geht hier im Anschluss an Lübbe noch einen Schritt weiter:

„Die Individuen erwerben (Identität) sozusagen durch die Schicksalsschläge, durch die sie getroffen werden (…) und die sie ertragen müssen“ (Marquard zitiert bei Dickopp S. 180).

Für Marquard sind es die Schicksalsschläge, die unsere Identität, unsere Unverwechselbarkeit mindestens ebenso prägen wie die positiven Erfahrungen. Leid wird dadurch nicht „entschuldigt“ und gilt durchaus als etwas, dessen Überwindung nach Möglichkeit anzustreben ist, aber Marquard nimmt Leid anders in den Blick, sucht es in meine Identität zu integrieren, weil er die Erfahrung ernst nimmt, dass mir Dinge widerfahren können, die ich ertragen muss.
Diesen Gedanken fasst Wilhelm Schmid noch schärfer:

„Es gibt Wunden, die nicht zu heilen sind, und deren Heilung für das Selbst auch nicht von Interesse ist; die fällige Neukonstituierung seiner Kohärenz besteht dann nicht mehr in der Wiederherstellung eines früheren, heilen Zustandes, sondern in der Eingliederung der Wunde in das Selbst: Die Wunde selbst gehört nun zur Kohärenz“ (Schmid, Schönes Leben, S. 54).

Der Gedanke, dass es die Wunden, die leidvollen Widerfahrnisse sind, die mein Leben „besonders“ machen, nimmt zum einen auf und ernst, dass mein Ich nicht nur bedauerlicherweise an Grenzen stößt, sondern das diese Begrenzungen auch sinn-, ja „heil“-voll sein können. Zum anderen wird so deutlich, dass sich unser Leben in einem Beziehungsgeflecht (Hannah Arendt) bewegt und eine rein individualistische Betrachtung in die Irre führt. Die Aussage: Jede/r ist seines/ihres Glückes Schmied vernachlässigt diese Beziehungen und Bezogenheiten allen menschlichen Lebens.
Was mir an Schmids, Lübbes und Marquartds Überlegungen Definitionsversuchen gut gefällt, ist ihre Anschlussfähigkeit. Sie gehen von allgemeinen menschlichen Erfahrungen aus, die sie dann existentiell öffnen, interpretieren und erweitern und sprechen in unterschiedlicher Weise von einer „gebrochenen“ Identität. Hier kann ich mich theologisch anschließen.

Als Theologe gehe ich davon aus, dass Glaube ein Vertrauen ist, welches sich auf Gott richtet. Dieses Vertrauen oder Sich-Verlassen eines Menschen auf Gott hat grundle­genden Charakter, solcher Glaube gibt den „Grundakkord des Lebens“ an. Das, was mich in der Tiefe meiner Existenz prägt, wovon ich mich bestimmen lasse, das ist mein „Glaube“. „Woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott“, so Martin Luther im Kleinen Katechismus. Zugleich weiß dieser Glaube um die Gebrochenheit unserer menschlichen Existenz. Wilfried Härle spricht im Zusammenhang dieser Gebrochenheit vom angefochtenen Glauben:

„Oftmals erscheint Gott den Glaubenden als ein in sich zerrissener, widersprüchlicher, unzuverlässiger Gott, der ihr Vertrauen auf eine harte Probe stellt. (…) Weil der Glaube auf Gott, wie er sich in der Welt erschließt, ausgerichtet ist, darum ist er angefochtener Glaube“ (Härle, Dogmatik, S. 63).

So werden die Umrisse eines Bildes vom Leben sichtbar, dass anders aussieht als die in die Irre führende Vorstellung des Glücks, dass jede/r selber schmiedet.

3. Leben als Fragment

Die Umrisse dieser Vorstellung vom Leben reichen aber nicht aus, erkenntnis- und handlungsleitend wirken zu können. Ich frage weiter: Welches Bild vom Leben, vom Menschen, von der Welt hilft mir, das Leben realistisch zwischen Wollen und Können angemessen in den Blick zu nehmen? Welches Bild vom Leben könnte geeignet sein, hier das Ganze meiner Welt so abzubilden, dass die Widersprüchlichkeiten und Wunden, meine Gewohnheiten als auch meine Hoffnungen, Wünsche, Sehnsüchte hilfreich und realistisch zugleich vor Augen stehen?

Vor einiger Zeit stieß ich auf Henning Luther und seinen Vorschlag, menschliches Leben im Bild des Fragments zu beschreiben:

„Wir sind immer (…) Fragmente zerbrochener Hoffnungen, verronnener Lebenswünsche, verworfener Möglichkeiten, vertaner und verspielter Chancen. Wir sind Ruinen aufgrund unseres Versagens und unserer Schuld ebenso wie aufgrund zugefügter Verletzungen und erlittener und widerfahrener Verluste und Niederlagen. Dies ist der Schmerz des Fragments.
Andererseits ist jede erreichte Stufe unserer Ich-Entwicklung immer nur ein Fragment aus Zukunft. Das Fragment trägt den Keim der Zeit in sich. Sein Wesen ist Sehnsucht. Es ist auf Zukunft aus. In ihm herrscht Mangel, das Fehlen der ihn vollendenden Gestaltung. Die Differenz, die das Fragment von seiner möglichen Vollendung trennt, wirkt nun nicht nur negativ, sondern verweist positiv nach vorn. Aus ihm geht eine Bewegung hervor, die den Zustand als Fragment zu überschreiten sucht“ (Luther: Identität und Fragment, S. 168ff. In: ders.: Religion im Alltag. Bausteine zu einer praktischen Theologie des Subjekts, S. 160-182).

Es gilt zunächst darauf hinzuweisen, dass das Bild des Fragments sehr verschiedenartige Assoziationen wecken kann. Es geht Luther nicht darum, das Leben als einen Haufen von Bruchstücken zu beschreiben, die mehr oder weniger ungeordnet und unsortiert nebeneinander liegen. Gemeint ist eher, dass meine Identität nie fertig wird, immer eine Baustelle darstellt und somit fragmentarisch ist und bleibt.

Die Vorstellung vom Leben als Fragment nimmt die Spannung zwischen dem „schon jetzt“ und „noch nicht“ auf, die Jesu Predigt vom Reich Gottes prägt. In dieser Spannung zwischen Schmerz und Sehnsucht wird der Zwiespalt zwischen Wollen und Können grundsätzlich beschreibbar. Er lässt sich im Glauben aushalten und wird so zum Antrieb im eigenen Leben. Das Bild nimmt auf, dass unser Leben in seinen Beziehungs- und Bezogenheitsgeflechten nie fertig wird, und jedes auf „Vollkommenheit“ zielende Bild in die Irre führt. So entlastet die Vorstellung vom Leben als Fragment davon, „alles“ schaffen zu müssen und zu können. Grenzen, Scheitern, Einschränkungen können in das Bild integriert werden, die Besonderheiten und Wunden, die das Leben schlägt.

4. Staunen zwischen Jubel und Klage

Es leuchtet vielleicht schnell ein, dass es die Besonderheiten sind, die mich prägen, die Schicksalsschläge und Widerstände. Mein Leben ist nicht „vollkommen“, sondern ist und bleibt fragmentarisch, vollzieht sich zwischen Schmerz und Sehnsucht, zwischen Resignation und Hoffnung, zwischen dem „schon jetzt“ und dem „noch nicht“ und ist genau in dieser Hinsicht einzigartig und unverwechselbar. Schmerz und Sehnsucht gilt es in eine Beziehung zu bringen und in einer Balance zu halten. Hier finde ich das (Leit-) Bild des Fragments einleuchtend und hilfreich. Aber was „muss“ ich hinnehmen und ertragen, was kann ich trotz allem gestalten und überwinden? Wie lautet das Kriterium, wie sieht eine Methode zur Unterscheidung aus?

Zunächst eine Vorbemerkung:
Es geht nicht darum, in einer „demütigen“ Haltung das Leid, das Unabänderliche „einfach“ hinzunehmen. Es gilt nicht, immer „den unteren Weg“ zu gehen, wie Menschen aus der älteren Generation es vielfach gelernt haben, vor allem Frauen. Ebenso wenig gilt es, vorschnell zum Wort des Paulus zu nicken: „Alle Dinge müssen dem zum Besten diesen, der glaubt“ (Brief an die Gemeinde in Rom, 8,28). Auch hier besteht die Gefahr, die Dinge anzunehmen, wie sie sind und das Unvermögen, dies akzeptieren zu können, kritiklos als Ausdruck von Sünde und Unglauben abzuqualifizieren.

Was aber ist wirklich unabänderlich und was nicht? Diese Frage klingt auch in dem weithin bekannten Gelassenheitsgebet an:

„Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“

Dieses Gebet richtet meinen Blick zunächst von mir weg hin auf eine größere „Macht“, und von dort wendet sich der Blick wieder zurück. Die Bitte um Gelassenheit, Mut und Weisheit macht mich zuallererst zu einem empfangenden und dann erst zu einem gestaltenden Menschen. Indes, die Frage bleibt: Wie lautet das Kriterium für die Weisheit, die dann zur je rechten Stelle zur Gelassenheit und zum Mut führt?

Meine These lautet: Das Leben als Fragment zu sehen, anzunehmen und zu gestalten führt in der Spannung zwischen „schon jetzt“ und „noch nicht“ zum Staunen und von dort aus zu Jubel und Klage und ist nur aus beiden heraus gestaltbar.

Staunen ist der Beginn des Glaubens, hat Dorothee Sölle einst gesagt. Staunen führt mich über mich heraus, lässt mich dankbar werden und äußert sich in Jubel und Lob. In der Alltagssprache verstehen wir unter Staunen einen Vorgang, der mir den Mund offen stehen lässt. Auslöser können alle möglichen Ereignisse sein. Im Sinne Sölles ist Staunen aber noch mehr, es ist ein bewusstes Hineingehen in diese Situation, in der mir der Mund offen steht. Ich bin fassungslos, kann den Moment nicht fassen. In solchem Staunen machen viele Menschen die Erfahrung, berührt zu werden von einer größeren „Macht“, die mich überwältigt und übersteigt. Von solchem Staunen und sich anschließendem Jubel sind die biblischen Schriften voll, Paul Gerhard und andere haben hier wundervolle Lieder gedichtet. Aber die biblischen Schriften wie auch unser Gesangbuch ist genauso voll mit Klageliedern.

Ich möchte vorschlagen, die Klage ebenfalls als Folge des Staunens zu verstehen, nun aber in der Form des staunenden Entsetzen. Ist es im staunenden Jubel die wunderbare Schönheit und Größe, die mich überwältigt, so im Entsetzen die schier unerträgliche Größe des Leides, die bodenlose Verzweiflung, die mich gefangen nimmt, die permanente Grenze, an die ich stoße. Die Klage ist ein ähnlicher Vorgang wie das Staunen über die Schönheit und führt zum „Glauben“, nun aber nicht im vertrauensvollen Sich-bestimmen lassen durch Gott, sondern im auflehnenden Widerspruch gegen unmenschliche Lebensverhältnisse. Die unendlich oft gestellte Frage nach dem „Warum“ ist häufig eine Frage, die sich zugleich an Gott richtet: „Gott, warum lässt du es zu?“ In diesem fragenden Warum? Kann sich so eine Beziehung zu Gott eröffnen. Eine angefochtene, gebrochene, verzweifelte Beziehung, weil Gott hier widersprüchlich, hilflos, ohnmächtig erlebt wird, abwesend und stumm.

In vielen Kulturen hat die Klage einen anderen Stellenwert als bei uns. Klagen klingt in unserem Sprachgebrauch jämmerlich und schwach. Wer klagt, ist ein Jammerlappen. Wie oft höre ich in Beerdigungsgesprächen: Er/Sie hat nie geklagt. Trauer ist erlaubt und wird als notwendig angesehen, nach dem Eintreten des Verlustes, eine Zeitlang. Klagen dagegen gehört sich nicht. Vielleicht gilt es für uns, die Sprachform der Klage wieder zu entdecken. Jochen Schmidt, dem ich in diesem Abschnitt manches verdanke, unterscheidet zwischen Schrei, Weinen und Klage. Der Schrei ist unmittelbarer Ausdruck meines Erschreckens, im Weinen „lasse“ ich meinen Tränen freien Lauf, die Klage aber ist mehr (vgl. Schmidt, Klage, S. 115ff. und 138ff.)

Die Klage ist nach Schmidt ein Ausdrucksgeschehen. Ich bringe zur Sprache, was mich belastet, und damit verändert sich meine Situation. Indem ich ausdrücke, was in mir ist, eröffnet sich eine Distanz zwischen mir und dem Beklagten. Ich befinde mich in eigentümlicher Weise „dazwischen“. Die Sprachformen der Klage können verschieden sein: Protest, Anklage, Ohnmacht, Trauer, Empörung, Selbstanklage. In der Klage „handle“ ich, während ich im Schrei ohnmächtig und im Weinen hilflos bin (wobei dies keine Abwertung von Schrei und Weinen beinhaltet, diese Formen der Reaktion auf Leid, Gewalt und Böses haben ebenso ihre Berechtigung). Die Klage aber macht mich (wieder) handlungsfähig, zunächst und zuallererst im Vorgang des bewussten Klagens.

In unseren Gottesdiensten spielt die Klage eine untergeordnete Rolle. Im Evangelischen Gesangbuch wird sie zwar genannt, aber in den Texten stehen Sündenbekenntnisse im Vordergrund. Es gibt Hinweise auf Beicht- und Bußgottesdienste, aber nicht auf Klagegottesdienste. Die Frage und Suche nach eigener Schuld und Verantwortung darf aber nicht von der Frage nach dem Eingebundensein in hindernde, zerstörende Verhältnisse ablenken. Nach meinem eigenen Empfinden und Beobachten in Gottesdiensten wird die Klage häufig nur mitgedacht, aber selten explizit benannt und ausgedrückt. So kenne ich Friedensgottesdienste, Friedensgebete aus Anlass von furchtbaren Ereignissen, in denen die Klage sich in der Bitte um den Frieden ausspricht. Das ist nicht falsch, aber ich frage mich – durchaus selbstkritisch –, ob und welche Konsequenzen es für Empfinden, Denken und Handeln hätte, wenn der Klage mehr Raum und Ausdruck gegeben wird.

Die Wiedergewinnung „rechter“ Klage könnte ein Weg zu sein, um allein und gemeinsam mit anderen zwischen dem wirklich Wollen und dem wirklich Können einen Weg durch mein/unser Lebensfragment zu finden, weil das Leitbild des Fragments Erfolg und Scheitern, Staunen und Entsetzen, Jubeln und Trauer, Klage und Lobpreis in sich trägt. Dennoch bleibt die Frage nach einem konkreten Vorgehen, nach einer „Methode“, Jubel und Klage miteinander so ins Gespräch zu bringen, dass sich die Weisheit einstellt, die das Gelassenheitsgebet meint.

5. Versonnenheit als Weg zur Weisheit

Vor zwei Jahren habe ich mich schon einmal intensiv mit dem Begriff der Versonnenheit (musement)auseinandergesetzt. Er geht zurück auf ein Zitat von Charles Peirce:

„Enter your skiff of musement, push off into the lake of thought, and leave the breath of heaven to swell your sail. With your eyes open, awake to what is about or within you, and open conversation with yourself: for such is all meditation!“ (Peirce, The Collected Papers, Bd. 6, S. 461)
„Besteig das Boot der Versonnenheit, stoß dich ab in den See der Gedanken und laß den Atem des Himmels deine Segel füllen. Mit offenen Augen werde dir bewusst über das, um was es geht oder in dir ist und beginne das Gespräch mit dir – dafür gibt es alle Meditation!“ (Freie Übersetzung)

Versonnenheit beginnt mit der Bereitschaft, meine bisherigen Erfahrungen zurückzulassen, mich dem offenen Meer anzuvertrauen und auf die Eindrücke zu achten, die dort auf mich warten. Versonnenheit ist ein absichtslos-absichtsvolles Hin- und Herwandern der Gefühle und Gedanken. Oft wird sie ausgelöst durch das Glücksgefühl angesichts der Farbenpracht eines Sonnenuntergangs oder beim Anblick eines neugeborenen Baby, das gerade den ersten Schrei in diese Welt hinein entlässt. Ich kann mich aber auch bewusst entscheiden, vom Hier und Jetzt auszugehen und erwartungsvoll darauf zu achten, wohin mich das Gespräch mit mir führt (vgl. Jung, Versonnenheit, S. 9ff.). Versonnenheit ist somit ein Bild für einen Vorgang, der alltäglich ist und sich in Sätzen wie: „Ich bewege es in meinem Herzen“ ausspricht. Versonnenheit fasst diesen Vorgang aber präziser und macht ihn anschaulicher.

Ich habe bereits darauf verwiesen, dass für Dorothee Sölle Glauben mit dem Staunen beginnt. Staunen ist ein unmittelbar ausgelöster Gefühlszustand, Versonnenheit dagegen ein bewusster Vorgang, der dem Staunen nachgeht. Wenn das Staunen nicht zur Versonnenheit führt, bleibt der beginnende Glaube nur ein flackerndes Licht.
Damals habe ich den Vorgang der Versonnenheit im Blick auf das jubelnde Staunen und die damit verbundenen positiven Gefühle wie Jubel, Freude, Verbundenheit, Erhabenheit hin durchdacht. Mir war damals bereits bewusst, dass Versonnenheit wohl auch eine Chance darstellt, mit negativen Gefühlen umzugehen.

Versonnenheit ist eine Methode des Hin- und Her, ein Geschehen, das von mir weg und wieder zu mir zurückfindet. Im fröhlichen Staunen über die Schönheit der Natur und des Menschen fällt mir das leicht, und versonnenes Staunen öffnet schnell den Weg zum vertrauensvollen Glauben an Gott. Auf der dunklen Seite des Lebens fällt dieser Vorgang unendlich viel schwerer. Aber es macht auch an den Grenzen meines Lebens Sinn, mich einzulassen, in den Abgründen und den Momenten, in denen Leid, Gewalt und Böses mir jede Stimme raubt. Die Versonnenheit beschreibt hier einen Weg, auch mit diesen Seiten des Lebens umzugehen. Das innere Gespräch mündet dann nicht in Jubel und Lob, sondern in die Klage, in der zunächst Hin und Her bewegt und dann zur Sprache gebracht wird, was belastet und begrenzt, entsetzt und zerstört. Ich bewege – allein oder gemeinsam mit anderen – das, was grauenhaft ist, die schmerzhaften Grenzen und Einschränkungen meines, unseres Lebens bewusst in meinem Herzen und fasse es in Worte.

So besteht die Chance, das Nicht-Können und die Wunden, die Besonderheiten in die Kohärenz meines Lebens einzubeziehen. Auch hier tröstet und ermutigt das Bild, dass mein Leben ein Fragment ist – und bleibt. Ich lebe in der Spannung zwischen dem „schon jetzt“ und „noch nicht“, vielleicht lässt sich diese Spannung aber auch in dem Paar: „noch jetzt“ und „schon bald“ beschreiben.

Im versonnenen Hin und Her „zeigt“ sich das (für mich) Unabänderliche und (für mich) Hinnehmbare, aber auch das (für mich) Änderbare und Gestaltbare. Klage und Jubel bieten mir/uns die Chance, die Perspektive zu wechseln und nicht am Hier und Jetzt verhaftet zu bleiben. So öffnen sich vielelicht Räume für bisher nicht gesehene Möglichkeiten. Versonnenheit ist so die Weisheit, die zur Gelassenheit führt, weil im Vertrauen auf Gott in der Klage das hingehalten wird, was ich nicht verstehe, wir nicht verstehen, in dieser Welt und an ihm. Versonnenheit ist Mut, hinzuschauen und im staunenden Jubel die schier unglaubliche Größe zu achten und sich in der Klage als Frage an Gott, ans Leben, ans Schicksal, zu richten: Warum?

6. Wollen und Können, Jubel und Klage

Ich bin ausgegangen von der Frage: Was ist, wenn ich weiß, was ich wirklich, wirklich will und ich keine Chance sehe oder habe, so zu handeln?
Wenn ich weiß, was ich will, ist das ein Grund zur Freude, ja zu Jubel und Lobpreis. Es ist oft nicht leicht, herauszufinden, was ich wirklich, wirklich will. Weil ich nie darüber nachgedacht habe. Weil ich mich nie getraut habe, danach zu fragen. Weil andere mir sagten, was ich zu tun oder zu lassen habe. Die Frage zu stellen ist wichtig und richtig und ich erlebe es immer wieder, dass Menschen befreit, erleichtert, überrascht sagen: „Das hat mich noch nie jemand gefragt!“

Aber ich stoße auch schnell an Grenzen. Ich bin nicht allein auf der Welt und was ich wirklich, wirklich will, ist eingebunden in das Beziehungsgeflecht meines/unseres Lebens. Das kann als bitter und enttäuschend erlebt werden und sich auch als Frage an Gott richten: Wenn du mir diese Begabungen oder Befähigung, die Lust und Leidenschaften zu bestimmten Dingen ins Herz gelegt hast – warum gibt es keine Chance für mich, das zu realisieren? Das Gefühl wird unterschiedlich erlebt, vielleicht auch in den Generationen verschieden. In der mittleren und älteren Generation (zu der ich gehöre) taucht es zum Beispiel auf im „Gespenst der Nutzlosigkeit“, von dem Richard Sennet vor einigen Jahren im Blick auf die Arbeitslosigkeit in den Industriestaaten schrieb (Sennet, Die Kultur des neuen Kapitalismus, S. 67ff.).

Ich glaube, dass die Klage hier hilfreich sein kann. Die Klage beklagt meine Grenzen und so kommt mein Wollen und Nicht-Können in den Blick. Klagen nimmt die Spannung von Schmerz und Sehnsucht auf und fasst sie in meiner Situation in Worte. Anders gesagt: Sie beschreibt die Spannung zwischen Schmerz und Sehnsucht und führt mir vor Augen, dass mein Leben ein Fragment ist und bleibt.

Gleichzeitig geht die Klage aber über Schreien und Weinen hinaus. Sie ist ein erster Schritt in einer als ohnmächtig erlebten Situation gestaltend handeln zu können. Auch Schreien und Weinen sind Handlungsmöglichkeiten, aber sie sind entweder spontan oder durch das Laufenlassen der Tränen geprägt. Der Versuch, in der Klage in Worte zu fassen, was ich Grenze zwischen Wollen und Können erlebe, ist ein aktiv gestaltender Umgang mit der Situation. Ich drücke aus, was in mir ist, zwischen Schmerz und Sehnsucht, Trauer und Hoffnung. Für Christinnen und Christen steht die Klage zugleich unter der Verheißung, die sich in den Klageliedern des Alten Testaments ausspricht: Die Klage kann sich verwandeln in Lob und Jubel. Die Klage erhofft das „noch nicht“ im „schon jetzt“, bei allem Schmerz und Verzweiflung über die Grenzen, die sich mir/uns in den Weg stellen – auf dem Weg, das zu tun, was ich/wir wirklich, wirklich will/wollen.

 

Kommentar zu: “mmh…” Leben. Reine Zeitverschwendung?

Mechthild Werner stellt immer wieder spannende Fragen in ihrem pfälzer Blog. Heute lautete ihre Frage:

„mmh“ Leben. Reine Zeitverschwendung?

Ich habe dort schon so manchen Kommentar hinterlassen, doch diesmal wurde er länger und länger, auch weil da auf Frigga Haug verwiesen wurde und es um „mein“ Thema „Arbeit“ geht. Deshalb ist am Ende ein eigener Blogbeitrag draus geworden. Danke, liebe Blogschwester Mechthild! 😉

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Das Thema Arbeit beschäftigt mich nun schon seit vielen, vielen Jahren.

Als ich 1990 in den Kirchenkreis Dinslaken kam, wurde hier gerade die Regionalstelle für den KDA Duisburg-Niederrhein aufgebaut und ein Synodalbeauftragter gesucht. Ich habe da sofort: »Hier!« geschrien, erstens war das Sozialethik und da hatte ich von Wolfgang Huber schon einiges gelernt, zweitens muss mann/frau ja als Pfarrer/in so Beauftragungen übernehmen und es war auch noch das Thema Sekten frei, und ne…

Viele Jahre war ich damit »unterwegs«, hab mich dann aus Lust und Laune Anfang des Jahrtausends in Hagen an der Fernuni eingeschrieben mit den Schwerpunkten Berufs- und Wirtschaftspädagogik (und Medienpädagogik!) sowie Arbeits- und Organisationspychologie und einen Magister gemacht, mit einer Arbeit über Arbeit in den Hartz-Gesetzen. Das blieb alles aber noch »im Rahmen«.

Doch dann lernten meine Frau und ich auf dem Kirchentag in Köln Frithjof Bergmann und seine »Neue Arbeit« kennen. Das war eine Initialzündung, für uns beide. Dessen zentrale These lautet:

»Es gibt kaum etwas anderes im Leben, was Menschen so zufrieden und glücklich machen kann als eine Arbeit, die man wirklich, wirklich will.«

Im ersten Moment klingt das vielleicht etwas esoterisch, aber das täuscht. Wer es nicht glaubt, hier im Blog und auf meiner Website gibt es da Texte zu.

Ich habe mich sehr schnell gefragt: Wie ist das denn bei dir? Als Pfarrer zu arbeiten hat für mich da auch schon mit zu tun, aber mir wurde noch viel deutlicher, dass es das Schreiben und die wissenschaftliche Reflexion ist, die im Pfarramt, aber auch darüber hinaus für mich ein ganz wesentlicher Aspekt von »wirklich, wirklich wollen« ist.

Der „Rest“ ist schnell erzählt. Ich habe dann angefangen zu promovieren über Arbeit aus evangelischer Perspektive und mich dort sehr intensiv auch mit Frithjof Bergmann auseinandergesetzt. Nach Abgabe des schriftlichen Teils Anfang 2011 habe ich meine Schreibtätigkeiten weiter ausgebaut, erst kam der Blog, dann das kleine Büchlein über die Versonnenheit und ich habe die Idee für ein weiteres Schreibprojekt im Kopf.

Und abgesehen davon bin ich mit meiner Frau immer noch an den Sachen dran. Wir engagieren uns in dem weit verzweigten Netzwerk der »Neuen Arbeit« und haben darüber unglaublich viele Menschen virtuell, aber auch in »echt« kennengelernt. Ähnliches gilt auch für mein anderes Steckenpferd die ganzen Social Media Geschichten. Auch hier habe ich Kontakt mit und zu Menschen, die ich vorher nicht kannte und das ist spannend (gell, Mechthild?).
Damit komme ich zu Mechthilds Blog zurück.

Ich erlebe das an vielen Stellen so, dass ich als Pfarrer keinen Acht-Stunden-Tag oder so habe, sondern – naja, nicht wirklich freie Zeiteinteilung, aber doch immer noch viel Spielraum. Ganz sicher bin ich bei aller Belastung durch den Pfarrberuf in einer privilegierten Stellung, die es mir ermöglicht, einiges von dem anzustreben, was Frigga Haug die Vier-in-einem-Perspektive nennt oder Frithjof Bergmann die Drittelung der Zeit zwischen Lohnarbeit, gemeinsamer Produktion von Gütern des alltäglichen Bedarfs und »Arbeit, die ich wirklich, wirklich will«. Wobei das bei mir noch mal »quer« liegt, diese letztere Arbeit findet sich sowohl im Pfarramt als auch bei meinen Schreibtätigkeiten als auch dem Nachgehen in den verschiedenen Netzwerken, die ich spannend finde.

Ja, das alles hat auch etwas Utopisches. Aber was wären wir ohne Utopien? Die ganze Bibel ist voll davon und diese Visionen haben Menschen angeregt, aufgeregt und in Bewegung gebracht, motiviert (im wahrsten Wortsinne). Und natürlich empfinde ich meine Arbeit manchmal auch gräßlich, stressig, langweilig oder was auch immer (nicht nur putzen oder Rasen mähen oder Konfi-Freizeit-Abrechnungen). Dennoch: Ich  mag diese letzten Jahre nicht missen, denn ich habe sehr viel gelernt über Arbeit, aber auch über mich. Und es ist die spannende Erfahrung als Gemeindepfarrer, dass Menschen sehr, sehr gerne über ihre Arbeit reden. Es ist ein Türöffner, immer wieder, wenn Menschen das Gefühl haben, der Pfarrer versteht ein wenig von der Welt der Berufsarbeit. Oder wertschätzt die Hausarbeit. Damit will ich hier nicht strunzen, sondern ich bin einfach dankbar für die Lernerfahrungen. Zu denen auch der Blog von Mechthild gehört. Sie macht sich Arbeit und ich werde angeregt. Ist doch wunderbar.

Ein Abend mit Frithjof Bergmann: Kalte Füße, heiße Gespräche

Donnerstag Abend, eine kleine Halle in Köln-Mülheim. SSM und Ideen3 haben zu einem Vortrag mit Fritjhof Bergmann, dem Gründer der „Neuen Arbeit, neuen Kultur“ (NANK) eingeladen. Meine Frau und ich kennen Frithjof seit dem Kirchentag 2007, wir hatten ihn 2009 zu einer Veranstaltung in Voerde, meine Frau arbeitet in der MentorInnen-Akademie der NANK mit, sein leidenschaftliches Eintreten für ein anderes Arbeitsverständnis als Antwort für die Auswüchse des Lohnkapitalismus hat meine Dissertation Entgrenzung und Begrenzung von Arbeit mit angeregt und ich habe mich dort u. a. mit dem Ansatz wissenschaftlich-reflektierend beschäftigt.

Fast vier Jahren habe ich Frithjof nicht mehr persönlich gesehen und gehört, die Gelegenheit wollte ich mir, wollten wir uns nicht entgehen lassen. Es ist kalt in der alten Fabrikhalle direkt am Rhein. 40 Personen sind gekommen und lauschen dem Vortrag. Für einige ist es der erste Kontakt mit NANK, andere kennen das Konzept schon länger, manche 17 Jahre, wie die Mitarbeitenden des SSM, einem von NANK stark inspirierten Projekt.

Frithjof spricht in der für ihn typischen Art, erfahrungsgetränkt, leidenschaftlich, manchmal etwas sprunghaft. Seit seinem 2004 erschienenen Buch „Neue Arbeit, neue Kultur“ erkenne ich manche Akzentverschiebung. Viel stärker wird die Zweiteilung der Menschheit in „Wüsten“- und „Oasen“-Menschen betont, er erzählt von seinen Reisen nach Südafrika, Russland, Rumänien und anderswo und wiederholt mehr als einmal, dass wir in Deutschland und Mitteleuropa buchstäblich in einer Oase leben, in der es auch denen, die es hier schwer haben, in vielen Punkten doch noch unvergleichlich besser geht als Menschen in Slums irgendwo auf dieser Erdkugel. Und doch gibt es auch dort kleine Hoffnungszeichen, die sich hoffentlich verstärken und verbinden, auch mit uns Menschen in den Oasen. Der Einsatz moderner Technologien gerade im Blick auf die Wüstenmenschen wird viel umfassender als Chance zur Verhinderung oder Verminderung von Not gesehen, weniger stark spricht Frithjof von einem gänzlich neuen Arbeits- und Wirtschaftssystem, sondern er versucht heute eher von innen her nach Wegen, das bestehende System zu verändern und es so vielleicht zu überwinden. Der Dialog ist wichtig, das gemeinsame Sprechen und Nachdenken, die Suche nach Vernetzung und gemeinsamer Arbeit, immer ausgehend von der These, dass es kaum etwas anderes in dieser Welt gibt, das Menschen so glücklich und zufrieden machen kann als „Arbeit, die man wirklich, wirklich will.“ Es sind die vielen Erfahrungen und die Dialogbereitschaft mit allen und jedem/jeder, die ihn so lebendig unn authentisch sein lässt.

Richtig spannend wird es dann in der Diskussionsrunde. Viele junge Menschen sind da, die leidenschaftlich davon erzählen, wie sie ihren ganz eigenen Weg mit der Arbeit gesucht haben und finden und immer weiter suchen. Andere sind fasziniert von der Idee, dass Arbeit möglich ist, die man wirklich wirklich will. Sie machen die Erfahrung, die ich auch gemacht habe: dieser Gedanke ist im ersten Moment so neu, so anders, so inspirierend. Eine offene, emotionale, leidenschaftliche Atmosphäre. Es sind mutmachende Geschichten, die sich zugleich ergänzen und verbinden. Heiße Gespräche, während die Füße immer kälter werden.

Am Ende wird eingeladen zu Workshops am Freitag und Samstag, in denen die Gedanken und der Austausch vertieft werden können und sollen. Schade, das klappt bei mir wegen meiner Arbeit nicht. Aber meine Frau fährt wieder hin. Ich bin gespannt, was sie erzählen wird.

Zum Konzept der Neuen Arbeit gibt es etliche Websites und eine Facebookgruppe, in der ständig Ideen, Neuigkeiten und Projekte gepostet werden. Einige Infos und Links gibts hier auf meiner Website:
Neue Arbeit, neue Kultur

Hier noch ein weiterer Bericht über das Treffen: Nachlese: Neue Arbeit – neue Kultur – ein Vernetzungstreffen mit Prof. Frithjof Bergmann