Der Tod ist nicht mehr.

Der Tod ist nicht mehr.

Liebe Gemeinde,
Ostern predigen ist das, was ich nicht kann.
Die Auferstehungsbotschaft verkündigen, da schnürt es mir die Kehle zu.

Von Liebe kann ich erzählen.
Meinetwegen auch von Barmherzigkeit und Hoffnung.
Aber von Auferstehung?
Alles sträubt sich in mir.
Mein Unglaube meldet sich.
Mit tödlicher Macht.

Ostern ist nicht fröhliches Halleluja.
Wir haben ein kindlich-naives „Ach wie schön ist das neue Leben von Küken und Osterhasen“ draus gemacht.
Ein Frühlingsfest am Ende des Winters.
Alles schön und gut und auch nicht wirklich falsch.
Hat aber nichts mit Ostern und Auferstehung zu tun.

Ich lese in der Bibel:
Entsetzen am Grab bei den Frauen.
Maria erkennt den Auferstandenen nicht.
Die beiden Jungs auf dem Weg nach Emmaus auch nicht.
Thomas kann es auch nicht glauben.
Und Paulus fliegt vom Pferd, als ihn die Botschaft trifft.

Ostern ist radikal und schmerzhaft.
Stellt alles auf den Kopf und tut weh.
Verdammt weh.
Gott sagt: Es geht weiter –
und ich kann das nicht glauben.

Auferstehung und Tod.
Um welchen Tod geht es hier?
Lange haben Menschen geglaubt, es geht nur um die Frage Himmel oder Hölle.
Nach ihrem Leben.
Um den ewigen Tod und das ewige Leben.
Aber nicht um den physischen Tod.
Der war aber nie das Problem, alle Lebewesen werden geboren und sterben.
An Ostern geht es nicht um den Tod, den wir alle zu erwarten haben.
Hoffentlich lebenssatt und müde.

Aber es gibt einen anderen Tod.
Den Tod im Leben.
Den Leben erstickenden Tod.
Der geht in die Richtung, wo erst das Kreuz und dann das leere Grab stehen.

Wir alle haben Erwartungen ans Leben.
80 Jahre, Glück und Zufriedenheit, mehr Freude als Leid, Frieden.
Und die Realität?

Erinnerungen lasten auf mir.
Verpasste Gelegenheiten.
Jahrzehntelange Prägungen und das Gefühl, zu kurz gekommen.
Tod ist eine Sichtweise meiner Geschichte.
Ende, aus.

Syrische Kinder erzählen solche Geschichten.
Und Frauen und Männer, die gescheitert sind.
Oder durch Traumata ein Leben lang geprägt sind.
Oder allein bleiben nach langer Gemeinsamkeit.
Und die, die immer schon unten leben, nur Hartz IV und nie, nie! eine Chance auf Veränderung haben.

Der Tod im Leben.
Ich hänge an der Vergangenheit.
Ich hadere mit der Gegenwart.
Fürchte die Zukunft.
Bin schon tot, weil sich nichts mehr tut.
Und ich nur noch auf den physischen Tod warte.
Weil es sich nicht mehr lohnt zu leben.

Anschaulich im Sprung des Mörders, der Mörderin vom Hochhaus.
In jedem zweiten Tatort wird er dargestellt.
Die Botschaft lautet:
Der Weg hinter mir ist zu Ende.
Und nach vorn geht auch nichts mehr.
Der Rest meines Leben wäre das Eingeständnis gescheitert zu sein.
Komplett.
Überschwemmt von Resignation, bestimmt von Schuld.
Endlos.
Dann doch lieber springen.

Ähnliches spielte und spielt sich in Griechenland ab.
Männer oder Frauen können ihre Familie nicht mehr ernähren.
Die ständigen Kürzungen treiben sie in die Ecke.
Dann geht noch die Krankenversicherung flöten und am Ende der Job.
Einen Ausweg?
Gibt es nicht.
Nur den einen.

Den Tod im Leben.
Und der physische Tod verheißt mir verrückterweise Hoffnung und Lebendigkeit:
endlich handeln,
einmal –
und dann ist Ruhe.
Für immer.
Und ewig.

Nein, liebe Gemeinde,
es geht bei der Auferstehung nicht um das ewige Leben und den ewigen Tod.
Oder, doch, ja, vielleicht auch.
Aber das ist zweitrangig und interessiert uns Heutige nur noch am Rand.
An den Rändern des Lebens, aber weniger im Alltag.
Nein, Auferstehung geschieht im Leben.
Oder sie geschieht nicht.
Und das ist alles un-glaublich.
Ich kann das nicht glauben und auch nicht predigen.
Ich kann mir das nicht sagen und auch nicht Ihnen.
Ich nicht.
Aber vielleicht ein anderer.

Auferstehung:
Leben inmitten des Todes.
Das, was war, muss nicht mehr sein.
Das ist eine Botschaft, die wahrlich nur von jenseits kommen kann.
Sie zu verkünden widerstrebt mir als Mensch mit allen Fasern.
Ich brauche mich doch nur umzuschauen in der Welt, in meinem Leben!
Hier bin ich wahrlich ein Ungläubiger.
Wie Thomas.

Ostern kann ich mir nicht sagen.
Alles in mir wehrt sich und schreit, nein, nein, nein, das kann nicht sein!

Doch dann geschieht etwas.
Vielleicht – wenn Gott will.
Gnade.

Ich weiß ja um die Auferstehung.
Wie Sie.
Aber ich kann´s nicht glauben.
Nicht aus mir heraus.
Kann es nicht fühlen.
Der Widerstand in mir ist stärker.
Der Tod ist mächtig und er zerstört die Hoffnungen.
Die Bilder aus Idomeni stehen mir vor Augen.
Tränen auf den Gesichtern von Frauen, Männern, Kinder.

Hundertausendfach in Syrien.
Und da werden bei manch einer, einem unter uns Erfahrungen eigener Fluchtwege wach.
Tränen.

Oder am Grab der Frau, des Mannes.
Ein Leben geteilt, noch viel vor im Ruhestand.
Aus und vorbei.
Tränen.

Oder Schulden, Schulden, Schulden.
Schulden bei der Bank, bei Freundinnen, bei der Familie.
Ein Berg von Schulden.
Niemals abzutragen.
Tränen.

Und doch:
In den Tränen liegt Hoffnung.
Wie Regen fällt er auf vertrocknetes Land.
Alles in mir schreit nach Wasser, Hoffnung, Leben, Zukunft.

Die Frauen am Grab haben auch geweint.
Sie schauten zurück auf das, was sie verloren hatten.
Ihre Hoffnung, ihre Zukunft.
Einen, der sie ernst nahm.
Sie berührte, mit Worten und Händen.
Nicht übergriffig, sondern heilend.
Aus, vorbei.

Das leere Grab traf sie wie ein Schock.
Nicht mal trauern…!
Und in ihren Tränen hören sie die Botschaft.
Er ist nicht hier, er ist in Galiläa, er lebt.

Paulus in seinen dürren Worten.
Auch nichts von Viktoria, wie in Paul Gerhardts bekanntem Lied.
Nichts von Fröhlichkeit und Osterlachen.
Nüchtern, brottrocken.
Ich habe ihn gesehen.
Punkt.

Ob ich wollte oder nicht, sagt Paulus, sie drängte sich mir auf, die Botschaft.
Und warf mich vom Pferd.
Nur so kann es gehen mit der Auferstehung, nur so.
Mit einem Mal sehe ich die Welt, meine Welt anders.
Weggewischt der Schmerz der Erinnerung,
der Tod in der eigenen Geschichte.
Das verzweifelte Festhalten am Gestern, an den Erwartungen und Hoffnungen.
Ob ich will oder nicht.

In den Tränen, im Schmerz kann es geschehen.
Auch in Schönheit, die mich zu Tränen rührt.
Das mich mit einem Mal die Botschaft der Auferstehung erwischt.
Ich kann es nicht anders sagen:
Erwischt.
Das ist ein Schock.
Wie ein Schlag in den Magen.
Ich halte die Luft an.
Der Schleier wird zerrissen, die Welt sieht anders aus.
Das macht keinen Spaß, nicht Glücksgefühle und Jubel.
Sondern Erschrecken und Angst.

Aber dann kommt sie, die Ahnung.
Ostern, das heißt neu sehen lernen.
Sehen auf Augenhöhe.
Ostern, das heißt aufatmen.
Frische Luft kommt rein.
O Gott, ich kann tief durchatmen.
Mit nichts in die Welt gekommen, mit nichts wieder gehen.
Du genauso wie ich.

Dann laufen sie, die Tränen.
Wasser, Leben, Hoffnung.

Ostern, ein großer Gleichmacher.
Wie der physische Tod, der jeder und jedem von uns bevor steht.
Und der für Generationen der Angelpunkt war.
Ewiges Leben, über dieses hinaus.
Der Tod hat keine Macht.
Jenseitsvertröstung! schrien die Gegner.
Und sie hatten Recht.
Und doch nicht.

Denn auch im Kampf ums ewige Leben ging es um ein Leben in diesem hier.
Die einen kasteien sich wie Martin Luther im Sehnen nach dem gnädigen Gott.
Die anderen schreien nach Hoffnung, nach Licht, nach Wärme.
Nach Gerechtigkeit.

Tod, wo ist dein Stachel?
Erlösung geht nur jetzt.
Die Last der Geschichte, meiner Geschichte, wird von mir genommen.
Das kann ich nicht machen.
Das kann ich auch nicht predigen, aus mir heraus.
Ich kann über Liebe reden, über Barmherzigkeit und über vieles anderes.
Manchmal Kluges, manchmal dummes Zeug.
Aber die Auferstehung predigen, das kann ich nicht.
Da bleibt mir jedes Wort in der Kehle stecken.

Die Kinder am Grenzzaun in Idomeni schieben sich in meinem Kopf dazwischen.
Und die Geschichten aus dem Tatort, die ich ja auch aus der Gemeinde kenne.
Aber dann, mit einem Mal.
In den Tränen der Kinder sehe ich es.
Oder in denen einer Frau, eines Mannes.
Nicht tot, trotz allem.
Voller verzweifelter Erwartung, trotz allem.
Tränen, Wasser, Leben.

Es predigt, ich bin gezwungen zu reden, wie Paulus.
Auch wenn es sich noch so absurd anhört, fast peinlich:
Ich kann nicht anders.
Und es bricht aus mir heraus:
Christus ist auferstanden!

Stille.

Und dann kommt es zurück.
Ich höre die Antwort.
Ebenso getroffen, aus tiefster Seele:
Ja, er ist wahrhaftig auferstanden!

Eine Träne rinnt mir über das Gesicht.
Und ich sehe sie in deinen Augen.
Wir spüren die Auferstehung im Hier und jetzt.
Vielleicht nehmen wir uns in den Arm, lachen und weinen gleichermaßen.
Zünden Kerzen an und schreiben mit Kreide auf den Boden:
Christus ist auferstanden!

Und in diesem Moment ist der Tod nicht mehr.
Ich war tot und siehe, ich bin lebendig.
Es wird Ostern.
Christus ist auferstanden und ich mit ihm.
Und du mit ihm und wir miteinander.
Ja, er ist wahrhaftig auferstanden.
Und das was war, ist nicht mehr.
Meine Vergangenheit fällt ab, für einen Moment.
Der Frust.
Die Einsamkeit.
Die Ausweglosigkeit.
Und dann geht es weiter.

Die Frauen gingen heim nach Galiläa.
Die Jungs aus Emmaus rannten zurück nach Jerusalem.
Und Paulus nach Damaskus, Luther nach Worms.

Sie rannten in ihren Alltag.
Zweifel und Anfechtung.
Das Alte bleibt mächtig.
Kein Grenzzaun fällt durch den Glauben allein.
Aber wer von Ostern her kommt, kann nicht mehr anders.
Als an-glauben gegen den Tod, gegen den mannigfaltigen Tod in unserer Welt.
Nicht den physischen allein und zuerst, sondern den Tod, der uns im Leben tötet.
Die Ostergnade löst erst mal keinen Jubel aus, aber lehrt neu sehen.
Und tief durchatmen, Gott sei Dank!

Das kann ich nicht machen.
Da kann ich nur drauf hoffen.
Mit ziemlich leeren Händen.
Und an-predigen, nicht von oben herab, sondern auf Augenhöhe.
Gegen meinen innere Widerstände, gegen meinen Unglauben.
Ich kann nicht anders.
Denn:
Christus ist auferstanden!
Ja, er ist wahrhaftig auferstanden!

Amen.

Leben als Fragment zwischen Wollen und Können.

Theologische Reflexion von Gedanken von Frithjof Bergmann, Odo Marquard und Henning Luther

0. Vorbemerkung

An diesem Text habe ich lange geschrieben und noch viel länger darüber nachgedacht. Die Anfänge und ersten Versuche liegen mehr als ein Jahr zurück. Immer wieder habe ich den Text in der Schublade liegen gelassen, manchmal wochen- und monatelang, weil ich spürte, ich komme nicht weiter. Jetzt ist die Zeit reif und der Gedankengang – für mich – rund. Dazu beigetragen hat auch meine Frau Christine, die verschiedene Stadien der Entwicklung kritisch begleitet hat und an etlichen Stellen eigene Sichtweisen eingebracht. Der Text ist dennoch keine Co-Produktion, weil sie einige Aspekte auch anders sieht oder gewichtet.

1. „Wirklich, wirklich wollen“ und nicht können

Wir leben in einer Zeit unermesslichen Individualismus, in der wir selber unseres Glückes Schmied sind und wenn wir es nicht geschmiedet bekommen, selber schuld sind. Unzählige Ratgeber und Coachingangebote pflastern einen Markt, der uns vorgaukelt: Wenn du dich nur genug anstrengst, dann kannst du alles erreichen. Die Rolle von Grenzen und Schicksalsschlägen wird kaum reflektiert. Werde ich aber mit ihnen konfrontiert, zieht es mir den Schleier weg und gibt meinen Blick frei auf ein Leben, das von anderen Dingen geprägt ist, als wir im Wahn des „Ich-kann-alles-schaffen“ glauben.

Seit Jahren beschäftigt mich dies im Blick auf die Grundthese des Philosophen Frithjof Bergmann. Er sagt: Der Mensch ist dann glücklich, wenn er eine „Arbeit“ hat, die er „wirklich, wirklich will“. Ich fand und finde diese These faszinierend und habe bei mir und anderen die Erfahrung gemacht, dass dieser Gedanke der Übereinstimmung zwischen Person und Tätigkeit spontan einleuchtet. Was aber, wenn Wollen und Können einfach nicht zueinanderfinden? Trotz allem Coaching, Selbstversuchen, Bemühungen?

Um allein auf dem Erwerbsarbeitsmarkt zu bleiben: Unzählige Menschen hängen in freudlosen Arbeitsverhältnissen fest, die sie liebend gerne verlassen möchten, aber nicht können, weil sie auch morgen ihre Brötchen bezahlen müssen. Umgekehrt nützt es wenig, wenn ich weiß, was ich wirklich, wirklich will – und dafür keine Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt vorhanden ist.

Was tun, wenn ich weiß, was ich wirklich will und es einfach nicht möglich ist? Auf diese Frage gibt Bergmann keine recht Antwort und nährt so ungewollt das Gefühl: Wenn du es schaffen willst, dann schaffst du es auch und wenn nicht, dann bist du selber schuld. Oder hast dich geirrt, wusstest doch (noch) nicht, was du wirklich, wirklich willst. Ich frage mich: Zerbricht in diesem Moment nicht nur ein Traum, sondern auch die Identität? Und was „rate“ ich Menschen, die in solchen Verhältnissen festhängen? Wie ist das mit den Umständen, in denen ich leben muss, mit den Grenzen, die sich mir in den Weg stellen, mit den Visionen, in denen ich feststecke, weil sich kein Weg der Realisierung öffnet?

2. „Besonderheitsidentität“ und die Kohärenz des Selbst

Vor Jahren tauchte am Rand einer Hausarbeit die Frage auf, wie in der Pädagogik mit Leid umgegangen wird und wie sich Schicksalsschläge, Krankheiten, Beeinträchtigungen auf die Identitätsbildung auswirken. Landläufig sind wir geneigt, „nur“ die schönen Dinge und Erfahrungen, unsere Talente und Stärken heranzuziehen und auszubilden und Leid als Unfall zu betrachten, das unsere Identität schädigen und belasten kann. Leid gehört natürlich zum Leben, gilt aber als etwas zu Überwindendes. Angesichts der übergroßen Menge an Leid in unserer Welt stellt mich diese Perspektive nicht zufrieden. Allein die Frage, wer hier überwindet oder überwinden soll, kann und muss, führt nicht selten zu Überforderung und Verzweiflung, denn die Grenzen meiner Möglichkeiten sind schnell erreicht. Hier stieß ich auf eine Überlegung von Odo Marquard, der im Anschluss an Hermann Lübbe von Besonderheitsidentität spricht.

Die „Besonderheitsidentität“ zeichnet den einzelnen Menschen als individuell und einzigartig aus. Sie ist einerseits vorgegeben durch seine natürliche Verfasstheit: Geburtsdatum, Geburtsort, Größe, Augenfarbe, Geschlecht, Herkunft, Anlage, Begabung und Kultur. Andererseits ist sie aber auch etwas, das aufgrund der gesellschaftlichen Gegebenheiten im Lauf der eigenen Lebensgeschichte hinzuerworben wird. Die Besonderheiten prägen meine mitgebrachte Eigenart dezidiert aus, verfeinern und verdichten sie in ureigenen Gewohnheiten. (Nach: Dickopp, Systematische Pädagogik II. Studienbrief 3004 der Fernuniversität Hagen, S. 180)

Odo Marquard geht hier im Anschluss an Lübbe noch einen Schritt weiter:

„Die Individuen erwerben (Identität) sozusagen durch die Schicksalsschläge, durch die sie getroffen werden (…) und die sie ertragen müssen“ (Marquard zitiert bei Dickopp S. 180).

Für Marquard sind es die Schicksalsschläge, die unsere Identität, unsere Unverwechselbarkeit mindestens ebenso prägen wie die positiven Erfahrungen. Leid wird dadurch nicht „entschuldigt“ und gilt durchaus als etwas, dessen Überwindung nach Möglichkeit anzustreben ist, aber Marquard nimmt Leid anders in den Blick, sucht es in meine Identität zu integrieren, weil er die Erfahrung ernst nimmt, dass mir Dinge widerfahren können, die ich ertragen muss.
Diesen Gedanken fasst Wilhelm Schmid noch schärfer:

„Es gibt Wunden, die nicht zu heilen sind, und deren Heilung für das Selbst auch nicht von Interesse ist; die fällige Neukonstituierung seiner Kohärenz besteht dann nicht mehr in der Wiederherstellung eines früheren, heilen Zustandes, sondern in der Eingliederung der Wunde in das Selbst: Die Wunde selbst gehört nun zur Kohärenz“ (Schmid, Schönes Leben, S. 54).

Der Gedanke, dass es die Wunden, die leidvollen Widerfahrnisse sind, die mein Leben „besonders“ machen, nimmt zum einen auf und ernst, dass mein Ich nicht nur bedauerlicherweise an Grenzen stößt, sondern das diese Begrenzungen auch sinn-, ja „heil“-voll sein können. Zum anderen wird so deutlich, dass sich unser Leben in einem Beziehungsgeflecht (Hannah Arendt) bewegt und eine rein individualistische Betrachtung in die Irre führt. Die Aussage: Jede/r ist seines/ihres Glückes Schmied vernachlässigt diese Beziehungen und Bezogenheiten allen menschlichen Lebens.
Was mir an Schmids, Lübbes und Marquartds Überlegungen Definitionsversuchen gut gefällt, ist ihre Anschlussfähigkeit. Sie gehen von allgemeinen menschlichen Erfahrungen aus, die sie dann existentiell öffnen, interpretieren und erweitern und sprechen in unterschiedlicher Weise von einer „gebrochenen“ Identität. Hier kann ich mich theologisch anschließen.

Als Theologe gehe ich davon aus, dass Glaube ein Vertrauen ist, welches sich auf Gott richtet. Dieses Vertrauen oder Sich-Verlassen eines Menschen auf Gott hat grundle­genden Charakter, solcher Glaube gibt den „Grundakkord des Lebens“ an. Das, was mich in der Tiefe meiner Existenz prägt, wovon ich mich bestimmen lasse, das ist mein „Glaube“. „Woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott“, so Martin Luther im Kleinen Katechismus. Zugleich weiß dieser Glaube um die Gebrochenheit unserer menschlichen Existenz. Wilfried Härle spricht im Zusammenhang dieser Gebrochenheit vom angefochtenen Glauben:

„Oftmals erscheint Gott den Glaubenden als ein in sich zerrissener, widersprüchlicher, unzuverlässiger Gott, der ihr Vertrauen auf eine harte Probe stellt. (…) Weil der Glaube auf Gott, wie er sich in der Welt erschließt, ausgerichtet ist, darum ist er angefochtener Glaube“ (Härle, Dogmatik, S. 63).

So werden die Umrisse eines Bildes vom Leben sichtbar, dass anders aussieht als die in die Irre führende Vorstellung des Glücks, dass jede/r selber schmiedet.

3. Leben als Fragment

Die Umrisse dieser Vorstellung vom Leben reichen aber nicht aus, erkenntnis- und handlungsleitend wirken zu können. Ich frage weiter: Welches Bild vom Leben, vom Menschen, von der Welt hilft mir, das Leben realistisch zwischen Wollen und Können angemessen in den Blick zu nehmen? Welches Bild vom Leben könnte geeignet sein, hier das Ganze meiner Welt so abzubilden, dass die Widersprüchlichkeiten und Wunden, meine Gewohnheiten als auch meine Hoffnungen, Wünsche, Sehnsüchte hilfreich und realistisch zugleich vor Augen stehen?

Vor einiger Zeit stieß ich auf Henning Luther und seinen Vorschlag, menschliches Leben im Bild des Fragments zu beschreiben:

„Wir sind immer (…) Fragmente zerbrochener Hoffnungen, verronnener Lebenswünsche, verworfener Möglichkeiten, vertaner und verspielter Chancen. Wir sind Ruinen aufgrund unseres Versagens und unserer Schuld ebenso wie aufgrund zugefügter Verletzungen und erlittener und widerfahrener Verluste und Niederlagen. Dies ist der Schmerz des Fragments.
Andererseits ist jede erreichte Stufe unserer Ich-Entwicklung immer nur ein Fragment aus Zukunft. Das Fragment trägt den Keim der Zeit in sich. Sein Wesen ist Sehnsucht. Es ist auf Zukunft aus. In ihm herrscht Mangel, das Fehlen der ihn vollendenden Gestaltung. Die Differenz, die das Fragment von seiner möglichen Vollendung trennt, wirkt nun nicht nur negativ, sondern verweist positiv nach vorn. Aus ihm geht eine Bewegung hervor, die den Zustand als Fragment zu überschreiten sucht“ (Luther: Identität und Fragment, S. 168ff. In: ders.: Religion im Alltag. Bausteine zu einer praktischen Theologie des Subjekts, S. 160-182).

Es gilt zunächst darauf hinzuweisen, dass das Bild des Fragments sehr verschiedenartige Assoziationen wecken kann. Es geht Luther nicht darum, das Leben als einen Haufen von Bruchstücken zu beschreiben, die mehr oder weniger ungeordnet und unsortiert nebeneinander liegen. Gemeint ist eher, dass meine Identität nie fertig wird, immer eine Baustelle darstellt und somit fragmentarisch ist und bleibt.

Die Vorstellung vom Leben als Fragment nimmt die Spannung zwischen dem „schon jetzt“ und „noch nicht“ auf, die Jesu Predigt vom Reich Gottes prägt. In dieser Spannung zwischen Schmerz und Sehnsucht wird der Zwiespalt zwischen Wollen und Können grundsätzlich beschreibbar. Er lässt sich im Glauben aushalten und wird so zum Antrieb im eigenen Leben. Das Bild nimmt auf, dass unser Leben in seinen Beziehungs- und Bezogenheitsgeflechten nie fertig wird, und jedes auf „Vollkommenheit“ zielende Bild in die Irre führt. So entlastet die Vorstellung vom Leben als Fragment davon, „alles“ schaffen zu müssen und zu können. Grenzen, Scheitern, Einschränkungen können in das Bild integriert werden, die Besonderheiten und Wunden, die das Leben schlägt.

4. Staunen zwischen Jubel und Klage

Es leuchtet vielleicht schnell ein, dass es die Besonderheiten sind, die mich prägen, die Schicksalsschläge und Widerstände. Mein Leben ist nicht „vollkommen“, sondern ist und bleibt fragmentarisch, vollzieht sich zwischen Schmerz und Sehnsucht, zwischen Resignation und Hoffnung, zwischen dem „schon jetzt“ und dem „noch nicht“ und ist genau in dieser Hinsicht einzigartig und unverwechselbar. Schmerz und Sehnsucht gilt es in eine Beziehung zu bringen und in einer Balance zu halten. Hier finde ich das (Leit-) Bild des Fragments einleuchtend und hilfreich. Aber was „muss“ ich hinnehmen und ertragen, was kann ich trotz allem gestalten und überwinden? Wie lautet das Kriterium, wie sieht eine Methode zur Unterscheidung aus?

Zunächst eine Vorbemerkung:
Es geht nicht darum, in einer „demütigen“ Haltung das Leid, das Unabänderliche „einfach“ hinzunehmen. Es gilt nicht, immer „den unteren Weg“ zu gehen, wie Menschen aus der älteren Generation es vielfach gelernt haben, vor allem Frauen. Ebenso wenig gilt es, vorschnell zum Wort des Paulus zu nicken: „Alle Dinge müssen dem zum Besten diesen, der glaubt“ (Brief an die Gemeinde in Rom, 8,28). Auch hier besteht die Gefahr, die Dinge anzunehmen, wie sie sind und das Unvermögen, dies akzeptieren zu können, kritiklos als Ausdruck von Sünde und Unglauben abzuqualifizieren.

Was aber ist wirklich unabänderlich und was nicht? Diese Frage klingt auch in dem weithin bekannten Gelassenheitsgebet an:

„Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“

Dieses Gebet richtet meinen Blick zunächst von mir weg hin auf eine größere „Macht“, und von dort wendet sich der Blick wieder zurück. Die Bitte um Gelassenheit, Mut und Weisheit macht mich zuallererst zu einem empfangenden und dann erst zu einem gestaltenden Menschen. Indes, die Frage bleibt: Wie lautet das Kriterium für die Weisheit, die dann zur je rechten Stelle zur Gelassenheit und zum Mut führt?

Meine These lautet: Das Leben als Fragment zu sehen, anzunehmen und zu gestalten führt in der Spannung zwischen „schon jetzt“ und „noch nicht“ zum Staunen und von dort aus zu Jubel und Klage und ist nur aus beiden heraus gestaltbar.

Staunen ist der Beginn des Glaubens, hat Dorothee Sölle einst gesagt. Staunen führt mich über mich heraus, lässt mich dankbar werden und äußert sich in Jubel und Lob. In der Alltagssprache verstehen wir unter Staunen einen Vorgang, der mir den Mund offen stehen lässt. Auslöser können alle möglichen Ereignisse sein. Im Sinne Sölles ist Staunen aber noch mehr, es ist ein bewusstes Hineingehen in diese Situation, in der mir der Mund offen steht. Ich bin fassungslos, kann den Moment nicht fassen. In solchem Staunen machen viele Menschen die Erfahrung, berührt zu werden von einer größeren „Macht“, die mich überwältigt und übersteigt. Von solchem Staunen und sich anschließendem Jubel sind die biblischen Schriften voll, Paul Gerhard und andere haben hier wundervolle Lieder gedichtet. Aber die biblischen Schriften wie auch unser Gesangbuch ist genauso voll mit Klageliedern.

Ich möchte vorschlagen, die Klage ebenfalls als Folge des Staunens zu verstehen, nun aber in der Form des staunenden Entsetzen. Ist es im staunenden Jubel die wunderbare Schönheit und Größe, die mich überwältigt, so im Entsetzen die schier unerträgliche Größe des Leides, die bodenlose Verzweiflung, die mich gefangen nimmt, die permanente Grenze, an die ich stoße. Die Klage ist ein ähnlicher Vorgang wie das Staunen über die Schönheit und führt zum „Glauben“, nun aber nicht im vertrauensvollen Sich-bestimmen lassen durch Gott, sondern im auflehnenden Widerspruch gegen unmenschliche Lebensverhältnisse. Die unendlich oft gestellte Frage nach dem „Warum“ ist häufig eine Frage, die sich zugleich an Gott richtet: „Gott, warum lässt du es zu?“ In diesem fragenden Warum? Kann sich so eine Beziehung zu Gott eröffnen. Eine angefochtene, gebrochene, verzweifelte Beziehung, weil Gott hier widersprüchlich, hilflos, ohnmächtig erlebt wird, abwesend und stumm.

In vielen Kulturen hat die Klage einen anderen Stellenwert als bei uns. Klagen klingt in unserem Sprachgebrauch jämmerlich und schwach. Wer klagt, ist ein Jammerlappen. Wie oft höre ich in Beerdigungsgesprächen: Er/Sie hat nie geklagt. Trauer ist erlaubt und wird als notwendig angesehen, nach dem Eintreten des Verlustes, eine Zeitlang. Klagen dagegen gehört sich nicht. Vielleicht gilt es für uns, die Sprachform der Klage wieder zu entdecken. Jochen Schmidt, dem ich in diesem Abschnitt manches verdanke, unterscheidet zwischen Schrei, Weinen und Klage. Der Schrei ist unmittelbarer Ausdruck meines Erschreckens, im Weinen „lasse“ ich meinen Tränen freien Lauf, die Klage aber ist mehr (vgl. Schmidt, Klage, S. 115ff. und 138ff.)

Die Klage ist nach Schmidt ein Ausdrucksgeschehen. Ich bringe zur Sprache, was mich belastet, und damit verändert sich meine Situation. Indem ich ausdrücke, was in mir ist, eröffnet sich eine Distanz zwischen mir und dem Beklagten. Ich befinde mich in eigentümlicher Weise „dazwischen“. Die Sprachformen der Klage können verschieden sein: Protest, Anklage, Ohnmacht, Trauer, Empörung, Selbstanklage. In der Klage „handle“ ich, während ich im Schrei ohnmächtig und im Weinen hilflos bin (wobei dies keine Abwertung von Schrei und Weinen beinhaltet, diese Formen der Reaktion auf Leid, Gewalt und Böses haben ebenso ihre Berechtigung). Die Klage aber macht mich (wieder) handlungsfähig, zunächst und zuallererst im Vorgang des bewussten Klagens.

In unseren Gottesdiensten spielt die Klage eine untergeordnete Rolle. Im Evangelischen Gesangbuch wird sie zwar genannt, aber in den Texten stehen Sündenbekenntnisse im Vordergrund. Es gibt Hinweise auf Beicht- und Bußgottesdienste, aber nicht auf Klagegottesdienste. Die Frage und Suche nach eigener Schuld und Verantwortung darf aber nicht von der Frage nach dem Eingebundensein in hindernde, zerstörende Verhältnisse ablenken. Nach meinem eigenen Empfinden und Beobachten in Gottesdiensten wird die Klage häufig nur mitgedacht, aber selten explizit benannt und ausgedrückt. So kenne ich Friedensgottesdienste, Friedensgebete aus Anlass von furchtbaren Ereignissen, in denen die Klage sich in der Bitte um den Frieden ausspricht. Das ist nicht falsch, aber ich frage mich – durchaus selbstkritisch –, ob und welche Konsequenzen es für Empfinden, Denken und Handeln hätte, wenn der Klage mehr Raum und Ausdruck gegeben wird.

Die Wiedergewinnung „rechter“ Klage könnte ein Weg zu sein, um allein und gemeinsam mit anderen zwischen dem wirklich Wollen und dem wirklich Können einen Weg durch mein/unser Lebensfragment zu finden, weil das Leitbild des Fragments Erfolg und Scheitern, Staunen und Entsetzen, Jubeln und Trauer, Klage und Lobpreis in sich trägt. Dennoch bleibt die Frage nach einem konkreten Vorgehen, nach einer „Methode“, Jubel und Klage miteinander so ins Gespräch zu bringen, dass sich die Weisheit einstellt, die das Gelassenheitsgebet meint.

5. Versonnenheit als Weg zur Weisheit

Vor zwei Jahren habe ich mich schon einmal intensiv mit dem Begriff der Versonnenheit (musement)auseinandergesetzt. Er geht zurück auf ein Zitat von Charles Peirce:

„Enter your skiff of musement, push off into the lake of thought, and leave the breath of heaven to swell your sail. With your eyes open, awake to what is about or within you, and open conversation with yourself: for such is all meditation!“ (Peirce, The Collected Papers, Bd. 6, S. 461)
„Besteig das Boot der Versonnenheit, stoß dich ab in den See der Gedanken und laß den Atem des Himmels deine Segel füllen. Mit offenen Augen werde dir bewusst über das, um was es geht oder in dir ist und beginne das Gespräch mit dir – dafür gibt es alle Meditation!“ (Freie Übersetzung)

Versonnenheit beginnt mit der Bereitschaft, meine bisherigen Erfahrungen zurückzulassen, mich dem offenen Meer anzuvertrauen und auf die Eindrücke zu achten, die dort auf mich warten. Versonnenheit ist ein absichtslos-absichtsvolles Hin- und Herwandern der Gefühle und Gedanken. Oft wird sie ausgelöst durch das Glücksgefühl angesichts der Farbenpracht eines Sonnenuntergangs oder beim Anblick eines neugeborenen Baby, das gerade den ersten Schrei in diese Welt hinein entlässt. Ich kann mich aber auch bewusst entscheiden, vom Hier und Jetzt auszugehen und erwartungsvoll darauf zu achten, wohin mich das Gespräch mit mir führt (vgl. Jung, Versonnenheit, S. 9ff.). Versonnenheit ist somit ein Bild für einen Vorgang, der alltäglich ist und sich in Sätzen wie: „Ich bewege es in meinem Herzen“ ausspricht. Versonnenheit fasst diesen Vorgang aber präziser und macht ihn anschaulicher.

Ich habe bereits darauf verwiesen, dass für Dorothee Sölle Glauben mit dem Staunen beginnt. Staunen ist ein unmittelbar ausgelöster Gefühlszustand, Versonnenheit dagegen ein bewusster Vorgang, der dem Staunen nachgeht. Wenn das Staunen nicht zur Versonnenheit führt, bleibt der beginnende Glaube nur ein flackerndes Licht.
Damals habe ich den Vorgang der Versonnenheit im Blick auf das jubelnde Staunen und die damit verbundenen positiven Gefühle wie Jubel, Freude, Verbundenheit, Erhabenheit hin durchdacht. Mir war damals bereits bewusst, dass Versonnenheit wohl auch eine Chance darstellt, mit negativen Gefühlen umzugehen.

Versonnenheit ist eine Methode des Hin- und Her, ein Geschehen, das von mir weg und wieder zu mir zurückfindet. Im fröhlichen Staunen über die Schönheit der Natur und des Menschen fällt mir das leicht, und versonnenes Staunen öffnet schnell den Weg zum vertrauensvollen Glauben an Gott. Auf der dunklen Seite des Lebens fällt dieser Vorgang unendlich viel schwerer. Aber es macht auch an den Grenzen meines Lebens Sinn, mich einzulassen, in den Abgründen und den Momenten, in denen Leid, Gewalt und Böses mir jede Stimme raubt. Die Versonnenheit beschreibt hier einen Weg, auch mit diesen Seiten des Lebens umzugehen. Das innere Gespräch mündet dann nicht in Jubel und Lob, sondern in die Klage, in der zunächst Hin und Her bewegt und dann zur Sprache gebracht wird, was belastet und begrenzt, entsetzt und zerstört. Ich bewege – allein oder gemeinsam mit anderen – das, was grauenhaft ist, die schmerzhaften Grenzen und Einschränkungen meines, unseres Lebens bewusst in meinem Herzen und fasse es in Worte.

So besteht die Chance, das Nicht-Können und die Wunden, die Besonderheiten in die Kohärenz meines Lebens einzubeziehen. Auch hier tröstet und ermutigt das Bild, dass mein Leben ein Fragment ist – und bleibt. Ich lebe in der Spannung zwischen dem „schon jetzt“ und „noch nicht“, vielleicht lässt sich diese Spannung aber auch in dem Paar: „noch jetzt“ und „schon bald“ beschreiben.

Im versonnenen Hin und Her „zeigt“ sich das (für mich) Unabänderliche und (für mich) Hinnehmbare, aber auch das (für mich) Änderbare und Gestaltbare. Klage und Jubel bieten mir/uns die Chance, die Perspektive zu wechseln und nicht am Hier und Jetzt verhaftet zu bleiben. So öffnen sich vielelicht Räume für bisher nicht gesehene Möglichkeiten. Versonnenheit ist so die Weisheit, die zur Gelassenheit führt, weil im Vertrauen auf Gott in der Klage das hingehalten wird, was ich nicht verstehe, wir nicht verstehen, in dieser Welt und an ihm. Versonnenheit ist Mut, hinzuschauen und im staunenden Jubel die schier unglaubliche Größe zu achten und sich in der Klage als Frage an Gott, ans Leben, ans Schicksal, zu richten: Warum?

6. Wollen und Können, Jubel und Klage

Ich bin ausgegangen von der Frage: Was ist, wenn ich weiß, was ich wirklich, wirklich will und ich keine Chance sehe oder habe, so zu handeln?
Wenn ich weiß, was ich will, ist das ein Grund zur Freude, ja zu Jubel und Lobpreis. Es ist oft nicht leicht, herauszufinden, was ich wirklich, wirklich will. Weil ich nie darüber nachgedacht habe. Weil ich mich nie getraut habe, danach zu fragen. Weil andere mir sagten, was ich zu tun oder zu lassen habe. Die Frage zu stellen ist wichtig und richtig und ich erlebe es immer wieder, dass Menschen befreit, erleichtert, überrascht sagen: „Das hat mich noch nie jemand gefragt!“

Aber ich stoße auch schnell an Grenzen. Ich bin nicht allein auf der Welt und was ich wirklich, wirklich will, ist eingebunden in das Beziehungsgeflecht meines/unseres Lebens. Das kann als bitter und enttäuschend erlebt werden und sich auch als Frage an Gott richten: Wenn du mir diese Begabungen oder Befähigung, die Lust und Leidenschaften zu bestimmten Dingen ins Herz gelegt hast – warum gibt es keine Chance für mich, das zu realisieren? Das Gefühl wird unterschiedlich erlebt, vielleicht auch in den Generationen verschieden. In der mittleren und älteren Generation (zu der ich gehöre) taucht es zum Beispiel auf im „Gespenst der Nutzlosigkeit“, von dem Richard Sennet vor einigen Jahren im Blick auf die Arbeitslosigkeit in den Industriestaaten schrieb (Sennet, Die Kultur des neuen Kapitalismus, S. 67ff.).

Ich glaube, dass die Klage hier hilfreich sein kann. Die Klage beklagt meine Grenzen und so kommt mein Wollen und Nicht-Können in den Blick. Klagen nimmt die Spannung von Schmerz und Sehnsucht auf und fasst sie in meiner Situation in Worte. Anders gesagt: Sie beschreibt die Spannung zwischen Schmerz und Sehnsucht und führt mir vor Augen, dass mein Leben ein Fragment ist und bleibt.

Gleichzeitig geht die Klage aber über Schreien und Weinen hinaus. Sie ist ein erster Schritt in einer als ohnmächtig erlebten Situation gestaltend handeln zu können. Auch Schreien und Weinen sind Handlungsmöglichkeiten, aber sie sind entweder spontan oder durch das Laufenlassen der Tränen geprägt. Der Versuch, in der Klage in Worte zu fassen, was ich Grenze zwischen Wollen und Können erlebe, ist ein aktiv gestaltender Umgang mit der Situation. Ich drücke aus, was in mir ist, zwischen Schmerz und Sehnsucht, Trauer und Hoffnung. Für Christinnen und Christen steht die Klage zugleich unter der Verheißung, die sich in den Klageliedern des Alten Testaments ausspricht: Die Klage kann sich verwandeln in Lob und Jubel. Die Klage erhofft das „noch nicht“ im „schon jetzt“, bei allem Schmerz und Verzweiflung über die Grenzen, die sich mir/uns in den Weg stellen – auf dem Weg, das zu tun, was ich/wir wirklich, wirklich will/wollen.

 

Glaubenssätze erschließen Welt(en)

Auf der Denkumenta im August berichtete eine Teilnehmerin von einem Wendepunkt in ihrem Leben, am dem für sie das Patriarchat zu Ende gegangen war – als sie aufgehört habe, an das Patriarchat zu glauben.

Für mich als Theologen eigentlich leicht nachvollziehbar. Und doch hat mich die Eindringlichkeit, die Überzeugungskraft dieser Aussage beeindruckt. Es war nicht nur einfach eine Erkenntnis, sondern eine lebensbewegende Erfahrung. In dieser Frau wurde für mich anschaulich: Manche Glaubenssätze bestimmen Leben, denn sie beinhalten ein ganzes Weltbild.

Manche, nicht alle.

»Ich glaube, dass morgen gutes Wetter sein wird«, dieser Glaubenssatz mag auch mein Verhalten, Denken, Empfinden beeinflussen. Aber seine Reichweite bleibt begrenzt und ein Irrtum hat nur vorübergehende Folgen. Vielleicht werde ich klatschnass, wenn ich mich auf´s Rad ohne Regenkleidung gesetzt habe. Vielleicht habe ich morgen auch einen Schnupfen, aber das war es dann auch.

Es gibt andere Glaubenssätze, die Aussagen über meine Auffassung von »der Welt« machen. Sie prägen meine grundlegende Sicht auf Mensch, Kultur und Natur. Da sie grundlegender Art sind, liegen sie oft im Unbewussten, beeinflussen aber um so mehr mein Denken, Empfinden und Handeln. Ich habe grade noch von einem Menschen gehört, der in der Schule als Versager abgestempelt war und mit Anfang vierzig in seinem Betrieb bei einer Reihentest erfuhr, dass er hochbegabt ist. Ein Glaubenssatz, der ein Leben bestimmte, negativ. Ein anderer, der eine ganze andre Sicht auf das eigene Leben vermittelte.

Theologisch gesehen ist Luthers Formulierung aus dem Katechismus ein Satz solcher Art: »Ich glaube, dass Gott mich geschaffen hat samt allen Kreaturen.« Solchen Glauben kann ich nicht machen, er ist ein Geschenk, immer.

Gut theologisch formuliert. Bei solchem Glauben handelt es sich weniger um ein göttliches Einwirken von »außen« als eine geistgewirkte Erkenntnis über das, was die Welt, meine Welt im innersten zusammen hält. Vergleichbar mit Momenten, in denen mir ein Licht aufgeht, die Decke weggezogen wird, mit einem Mal die Welt völlig verändert aussieht. Solche Erfahrungen kann ich nicht »machen«, aber ich kann sie machen, sie geschehen. Der traditionelle theologische Begriff dafür lautet Offenbarung. Sie sind ein Erschließungsgeschehen, sie erschließen mir meine Welt neu. Glaube erschließt Welt (dazu mehr in: Jung, Entgrenzung und Begrenzung von Arbeit, S. 106f.). »Ich glaube, dass Gott mich geschaffen hat…« ist dann eine Aussage über eine Erfahrung mit dem Unverfügbaren, das sich mir so erschlossen, »gezeigt« hat, dass ich meine Welt mit anderen Augen sehe – unter der Perspektive, dass es eine Macht gibt, der wir den Namen »Gott« gegeben haben und die mich, uns durchdringt, umfasst, erhält…

Ein solches Verständnis göttlicher Offenbarung, vom Wirken der Geistkraft Gottes macht dieses Erleben mit anderem Glauben, anderen Erschließungsgeschehen anschlussfähig. Ich kann meinen Glauben, der in der christlichen Botschaft verankert ist, ins Gespräch bringen mit anderem Glauben und den Welten, die sich Menschen so erschlossen haben, dass sie davon bestimmt werden und sich bestimmen lassen.

Denn selbstverständlich gibt es Glaubenssätze, die Welten eröffnen oder bestimmen, ohne dass sie religiös geprägt sind. Glauben offenbart und erschließt Welt, wie auch immer. Wenn die Teilnehmerin auf der Denkumenta also davon sprach, dass sie aufgehört habe, ans Patriarchat zu glauben und es in diesem Moment für sie zu Ende war, verweist dies auf diesen Zusammenhang. Es war für sie eine Offenbarung, ihre Welt erschloss sich neu. Inwieweit/ob sie diese Erkenntnis für sich in einem religiösen Horizont einordnet, weiß ich nicht. Das ist aber nicht entscheidend, denn jede Frau, jeder Mann ist von Glaubenssätzen geprägt, die sie gelernt haben, wie und wo auch immer und die unserer Leben bestimmen, weil sie ein bestimmtes Bild von der Welt beinhalten.

Aber es geht noch weiter.

Das durch den veränderten Glauben zu Ende gegangene Patriarchat und das damit beginnende andere, neue Leben macht deutlich, dass es Strukturen in unserer »Welt« gibt, die Macht über mich beanspruchen. Sie zielen darauf, mein Denken zu durchdringen, mein Handeln zu bestimmen, mein Fühlen zu prägen. Wenn ich daran glaube, dass Männer über Frauen zu bestimmen haben, dann wirkt sich dies aus. Ich habe das gelernt, subtil zumeist, geerbt von meinen Vorfahr_innen, die es ihrerseits von ihren Vorfahr_innen übernommen haben. Niemand lebt isoliert, immer sind wir verwoben in ein Geflecht von Gedanken, Gefühlen und Handlungen, das andere zuvor gewebt haben und in das ich hineingeboren wurde. Noch einmal theologisch gesprochen: Wenn meine so geerbte Weltsicht nicht der Botschaft der hebräische und griechischen Bibel entspricht, ist sie als Erbsünde zu bezeichnen.

Interessant und bedeutsam ist nun, dass es offenbar problemlos möglich ist, dass auch »Irrlehren« im Gewand christlicher Weltsicht daher kommen. Jahrhundertelang war es völlig selbstverständlich, die Herrschaft von Männern über Frauen biblisch zu legitimieren. Der Glaube an die naturgegebene Macht des Marktes ist solch ein Satz. Oder das nur das in dieser Welt Wert besitzt, was in Geld aufgewogen werden kann.

Neu ist die Erkenntnis nicht. Schon Paulus selbst warnt in seinen Briefen vor Irrlehren und fordert auf, die Geister zu prüfen. Dieser Gedanke lädt mich ein, nach weiteren Glaubensätzen Ausschau zu halten, die mein Leben bestimmen und vergiften. Offenbar können sie nebeneinander in mir existieren, miteinander im Streit liegen oder sich schiedlich, friedlich auf einzelne Lebensbereiche beziehen – zumindest solange, wie ich mir dessen nicht bewusst bin. Glaubenssätze, die ebenfalls eine ganze Welt beinhalten.

Es wäre aber ein Missverständnis zu »glauben«, das mit dem Ende des Glaubens an die Macht Patriarchat und/oder Markt und Geld diese aufhören zu existieren. Als verselbstständigte Machtstrukturen bleiben sie wirkmächtig – aber ihre Macht auf mich und mein Leben wird eingeschränkt, gebrochen. Fragt sich also, wie der Markt für mich aufhört zu existieren, wenn ich nicht mehr an ihn glaube. Ich beginne vielleicht das Konkurrenzverhalten grundsätzlich in Frage zu stellen und nach anderen Formen der Kooperation Ausschau zu halten. Gleiches gilt für das Geld – wenn ich erkannt habe, wie stark auch ich von diesem Denken und Fühlen geprägt bin, alles und jedes nach seinem Geldwert zu bewerten, dann ist diese Denkstruktur bereits aufgebrochen und sie verliert ihre umfassende und ganzheitliche Macht. Vielleicht beginne ich darauf zu achten, welche Werte ich Dingen und Begebenheiten zuschreiben kann, ohne Geld. Vielleicht beginne ich zu tauschen (oder auch zu verschenken, bewusst), weil ich weiß, dass ich so dem Machtsystem Geld ein Schnippchen schlage.

Umgekehrt, und das ist das Schöne, es gibt auch Glaubenssätze, die ein anderes Denken, Fühlen und Verhalten befördern. »Ich glaube, dass Gott mich geschaffen hat samt allen Kreaturen« beinhaltet den Glauben an die Gleichwertigkeit aller Menschen und den achtsamen Umgang mit den Ressourcen der Umwelt. Solche Sätze müssen sich aber übersetzen lassen in einprägsame, bildhafte Vorstellungen, die dann Denken, Handeln und Fühlen durchdringen, beeinflussen, ja bestimmen lassen. »Das Patriarchat ist zu Ende, weil ich nicht mehr daran glaube!« ist so ein Satz. »Der Markt ist zu Ende, weil ich nicht mehr an ihn glaube!« ein anderer. »Ich glaube nicht mehr an die Festung Europa!« könnte ein ganz aktueller Glaubenssatz lauten. Oder der Mann, der in der Mitte seines Lebens sagen darf: »Ich glaube nicht mehr daran, dass ich ein Schulversager war!«

Es lohnt auf die Suche zu gehen nach Glaubenssätzen, die mich positiv wie negativ bestimmen. Beide existieren nebeneinander in meinem Kopf und Herz, das weiß auch die christliche Theologie. Sie ging und geht davon aus, dass das »neue Leben« sich nur ansatzweise, fragmentarisch, unter den Bedingungen unserer »Welt« realisiert. Aber immerhin, christlicher Glauben realisiert sich, ist nicht nur eine leere Luftnummer oder noch schlimmer, lediglich auf ein wie auch immer geartetes Jenseits fixiert. Und gleiches gilt für die anderen Glaubenssätze, die mit falschen, ungerechten Verhältnissen brechen und auf ein gutes Leben aller hoffen und darauf zugehen.

Lähmende Gewohnheiten überwinden. Anmerkungen zum Transformationskongress am 8./9. Juni in Berlin

zukunftHermann Hesse schreibt in seinem Gedicht »Stufen« von der lähmenden Gewohnheit, die es zu überwinden gilt, wenn Leben gelingen soll. Dazu braucht es den stetigen Neuanfang, genauer die Bereitschaft, stets neue Anfänge zu suchen. Das schließt auf der einen Seite gut an das an, was Ina Praetorius und andere im Anschluss an Hannah Arendt über die Bedeutung des Neuanfangs aus der Haltung der Geburtlichkeit sagen und schreiben. Mir stellt sich allerdings zunehmend die Frage, wie ändern wir Gewohnheiten, nicht nur individuell, sondern auch in Gruppen, Institutionen, der Gesellschaft, ja weltweit.

Das klingt jetzt ziemlich groß. Ausgelöst hat diese Frage ein Workshop auf dem Transformationskongress in Berlin, an dem ich diese Woche teilgenommen habe. Es ging um die Frage, wie Innovationen in Richtung einer nachhaltigen Wirtschaft zum Wohl der Menschheit und dieses Planeten gefördert werden können. Einig waren sich die Teilnehmenden, dass es dringend an der zeit ist, etwas zu tun, Vorschläge gibt es auch en massse – aber es gelingt nicht, sie umzusetzen. Immer wieder wird – wenn überhaupt – kurzfristig statt langfristig gehandelt. Paradoxe Forderungen kommen dazu – einerseits wird ein »starker Staat« gefordert, um zum Beispiel die Auswüchse des deregulierten Weltfinanzsystems eindämmen zu können, andererseits soll der Staat nichts einfach nur so gegen die Bürger durchsetzen, auch dann nicht, wenn er meint, im Sinne des Gemeinwohl zu handeln. Im Detail gibt es für beides gute Argumente, ich frage mich nur, wie soll das gehen und wer entscheidet am Ende, wo der Staat »stark« sein soll und muss und wo schwach.

Interessanterweise tauchte dann irgendwann das Stichwort Gewohnheiten auf, das mich schon länger in anderen Kontexten beschäftigt. Das wurde als eine (Bildungs-?) Aufgabe angesehen, der sich Staat und Zivilgesellschaft stellen müssen.

Ich habe darauf keine konkrete Antwort. Die Bereitschaft zum stetigen Neuanfang ist aus der biblischen und sicher auch außerchristlichen Literatur gut bekannt, motiviert durch die Zukunftsorientierung. Aber was ist mit der Gewohnheit? Die lähmende Gewohnheit verführt zum Stehenbleiben, Nichtstun. Theologisch gesprochen hat Gewohnheit viel gemein mit dem Begriff der Sünde. Nicht der moralischen verstandenen Tatsünde, sondern mit Machtstrukturen, die vor allem auf Angst beruhen und deshalb lähmen, hindern, stören, zerstören. Meine These lautet daher, sich die gegenwärtigen Gewohnheitsstrukturen mit der theologischen Tradition des Sündenbgeriffs zu betrachten, also überall da, ich von »Sünde« spreche, mal versuchsweise »Gewohnheit(en)« einzusetzen. Und umgekehrt – überall da, wo ich von Gewohnheit(en) spreche, das Wort Sünde zu verwenden. Wahrscheinlich werde ich feststellen, dass das nicht überall passt, aber vielleicht passt es viel häufiger als gedacht und führt so zu einem Erkenntnisgewinn.

Das hat die Schwierigkeit, dass der Sündenbegriff so ohne weiteres nicht anschlussfähig ist. Aber für die interne theologische Reflexion ist auch wichtig, diesen »alten« Begriff nicht aus den Augen zu verlieren. Wenn denn Sünde und Gewohnheit vieles gemeinsam haben, dann kann in einem weiteren Schritt – der ja auch parallel verlaufen kann – nach biblischen Motiven gesucht werden, Gewohnheiten im Kontext des Sündenbegriffs zur Sprache zu bringen und mit dem vertrauensvollen Neuanfang in Verbindung zu setzen. Neuanfang ist auch eine »Übersetzung«, Interpretation oder Auslegung des Begriffs Auferstehung.

Allerdings fällt mir dabei natürlich sofort ein, dass es auch gute Gewohnheiten gibt, die ich gar nicht ändern will. Deswegen gefällt diese Begriff »lähmende Gewohnheiten« von Hesse so gut. Lähmen, gelähmt sein, gelähmt werden, festgenagelt a Boden sein, keinen Schritt mehr gehen können, das hat alles mit Handlungsunfähigkeit und Unbeweglichkeit zu tun, und dahinter steckt oft Angst und Sorge und damit verbunden Gier, Egoismus, Gewalt.

Gewohnheiten erkennen ist das eine, neue Anfänge wagen das andere. Wie könnte eine Brücke aussehen, eine ganz praktische Brücke? Wie kommen wir vom Erkennen ins Tun? Theologisch gesprochen: wie kommt es zu heilsamen Handlungen der Liebe aus dem vertrauensvollen Glauben heraus, der die Sünde überwindet?

Auf dem Kongress wurde mehrfach sehr massiv vorgetragen, Menschen wollen Veränderungen, wir wollen Veränderungen. Dazu schließen wir uns nun zusammen. Soweit so gut, es bleibt aber die Macht der lähmenden Gewohnheiten, die sich in der alltäglichen Versandung von Impulsen, Initiativen und Aufbrüchen zeigt.

Der Philosoph Frithjof Bergmann wirbt seit Jahren für seine Konzept der »Neuen Arbeit«. Sein Ansatz besteht darin zusagen, wenn Menschen eine Arbeit haben, finden, ausüben können, die sie »wirklich, wirklich wollen«, dann ist die stärkste Motivation, die Menschen in ihrer Arbeit haben können. Der Weg, heraus zu finden, was ich »wirklich, wirklich will«, ist dabei keineswegs einfach zu begehen. Aber er lohnt sich, das bezeugen Menschen, die sich von Bergmann anregen lassen, immer wieder. Ich frage mich nun, ob dieses »wirklich, wirklich wollen« nicht auch über den Begriff der Arbeit hinaus (den Bergmann allerdings schon sehr weit fasst) für die anstehenden Fragen der Veränderungen unserer Gesellschaft und der globalen Problemlagen hilfreich gemacht werden kann. Was will ich, was wollen wir hier wirklich? Antworten darauf zu finden ist sicher noch schwierigere Herausforderung als eine Arbeit zu finden, die ich »wirklich, wirklich will«. Aber vielleicht doch eine lohnenswerte Frage?