Verlust, Krise, Aufbruch – welches Leitbild ist für kirchliches Handeln angemessen?

Vor zehn Tagen fiel mir beim Aufräumen das Buch: „Plädoyer für unvollkommene Gemeinden“ von Reiner Knieling in die Hände. Vor einigen Jahren hatte ich es gekauft, fand es aber nur mäßig interessant. In dieser Woche zwischen vielen Planungsgesprächen und -beschlüssen und einer NKF-Schulung (Neues Kirchliches Finanzwesen) habe ich es noch mal gelesen und diesmal hat es mich angeregt. Vor allem eine Passage, in der Knieling auf die Trauer angesichts innerkirchlicher Veränderungen zu sprechen kommt, aber betont, dass diese in die gesellschaftlichen Entwicklungen eingebunden sind, auf welche die einzelne Gemeinde, der/die einzelne Pfarrer_in keinen maßgeblichen Einfluss hat. Er zitiert Herbert Asselmeyer:

  • „Kirche verliert an Bedeutung (Relevanzverlust)
  • Kirche verliert an Größe (Mitgliederschwund)
  • Kirche verliert an Finanzen (Ressourcenverlust)
  • Kirche verliert an Personal (Potenzial- und Ressourcenverlust)
  • Kirche zieht sich aus Orten zurück (Identitätsverlust)
  • Kirche verliert Gebäude (Symbolverlust)
  • Kirche zieht sich von Aufgaben zurück (Sinnverlsut)
  • Kirche zieht sich von den Menschen zurück.“ (S. 113)

Knieling verweist in einer Fußnote auf Wolfgang Huber, Kirche in der Zeitenwende, der ähnlich formuliert und sieben Aspekte nennt, in der Kirche in der Krise ist (S. 223-234, ich zitiere nur die Kapitelüberschriften):

  • Mitgliederkrise
  • Finanzkrise
  • Mitarbeiterkrise
  • Vereinigungskrise
  • Organisationskrise
  • Krise des Krisenmanagements
  • Orientierungskrise

Ich teile weitgehend die Analysen, aber mich stört die Begrifflichkeit.

Spreche ich von Verlust, dann gehe ich davon aus, dass es in der Vergangenheit einen „besseren“ Zustand gab,der nun verloren geht.

Spreche ich von Krise, dann habe ich eine unsichere, unübersichtliche, vielleicht sogar chaotische Gegenwart vor Augen.

Ich frage mich, ob es nicht theologisch angemessener wäre, von der Zukunft her zu denken. Vom Reich Gottes, das auf uns zu kommt, unter uns beginnt, in der Spannung zwischen „schon jetzt“ und „noch nicht“. Die Sicht des Glaubens richtet auf, macht Mut und gibt Hoffnung, auch in schwierigen Zeiten. Vergangenheit und Gegenwart lähmen eher, drücken nieder, geben keine Perspektive, wecken Verlustängste und Orientierungslosigkeit. Zukunft dagegen und Hoffnung richten den Blick auf einen Weg, einen Aufbruch, einen Neuanfang.

Über diese Gemengelage habe ich in dieser Woche nachgedacht und dann fiel mir folgende These ein:
Vielleicht macht es  Sinn, zwischen Standpunkt, Blickwinkel und Bezugspunkt zu unterscheiden.

Ich frage daher:

  • Wo stehe ich? – Das ist mein Standpunkt.
  • Wo schaue ich hin? – Das ist meine Blickrichtung.
  • Was fixiere ich? – Das ist mein Bezugspunkt.

Dies kann ich nun auf die drei genannten Blickwinkel beziehen.

Von Verlust und Verzicht ist vielerorts die Rede. Hier gehe ich davon aus, dass es einen früheren Zustand gab, der irgendwie „besser“ war. Das Irgendwie gibt die Blickrichtung an. Im Beispiel von Asselmeyer: Mehr Mitglieder, mehr finanzielle Ressourcen, mehr Einfluss. Wird hier nicht ein vergangener Zustand zum Maßstab für gegenwärtiges und künftiges kirchliches Handeln erhoben? Und wenn ja, mit welchem Recht? Und was und wer wird durch diese Fixierung übersehen?

Von der Krise ist auch häufig die Rede. Das nimmt die Befindlichkeit auf, die viele kirchliche Handlungsträger, Frauen und Männer in unzähligen Positionen und Gremien beschleicht. Die Gegenwart ist komplex und kompliziert, das Gefühl, in Entscheidungssituationen überfordert zu sein, ist stetiger Begleiter. Lähmt die Fixierung auf die Krise(n) der Gegenwart aber nicht am Ende?

Von Zukunft, von Hoffnung, von Aufbruch und Neuanfang ist dagegen viel seltener die Rede. Das ist zunächst bedauerlich, aber ganz menschlich:

„Eine Veränderung kommt in der Regel nur zustande, wenn der Leidensdruck spürbar ist und wenn eine Vision und konkrete Vorstellungen von den ersten Schritten vorhanden sind. Leidensdruck ohne Vision und eine Vorstellung von den ersten Schritten macht noch keine Veränderung, genauso wenig wie eine Vision ohne Leidensdruck, ganz gleich, ob dabei eine Vorstellung von den ersten Schritten vorhanden ist oder nicht“ (Knieling, S. 87)

Das ist eine pragmatische Antwort, die ich aus eigener Erfahrung in vielen Strukturprozessen nur unterschreiben kann. Als Theologe fühle ich mich aber in Frage gestellt und herausgefordert, die biblische Botschaft in angemessene Leitbilder zu übersetzen, in Bilder, die mich und andere in Bewegung setzen. Ich frage mich: Verlust, Krise oder Aufbruch – welches Leitbild entspricht eher der biblischen Botschaft?

Die Antwort fällt mir nicht schwer, Konsequenzen zu bedenken und zu ziehen schon mehr.

In den letzten Monaten habe ich für mich angefangen, die Wüstenwanderung Israels als Leitmotiv (wiederzu-) entdecken. Israel, befreit aus der Knechtschaft, muss vierzig Jahre durch die Wüste wandern. Weil die Israeliten, Männer und Frauen, gespalten sind zwischen Hoffnung und Angst, Aufbruch und Verzagen. „Ich will euch in ein Land führen, in dem Milch und Honig fließen“, so lautet die Verheißung. Ich übersetze für mich: Ein Land, in dem (auch) in Zukunft gutes Leben möglich ist. Dorthin will Gott führen. Damals wie heute.

Ich bin noch lange nicht fertig mit dem Gedanken. Daher  habe ich vor, im März/April eine Predigtreihe zur Wüstenwanderung zu halten und hier weiterzudenken.
Eins habe ich aus den Texten bereits gelernt:
Auch wenn zwischendurch die Fleischtöpfe Ägyptens verlockend sind, Israel den Verlust dieser „Rundumversorgung“ beklagt und auf dem Weg manche Krise durchzustehen ist: der Blick geht nach vorn, das gelobte Land ist die Perspektive. Und Gott geht mit, genauer: voraus in Wolken- und Feuersäule.

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