Dazwischen im Durch/einander (I)

Dazwischen im Durch/einander (I)

Dazwischen sein, Inter-esse

„Das ‚Dazwischen‘ bezeichnet einen Raum zwischen (zwei) Personen oder Dingen, oder einen Abschnitt beziehungsweise eine Phase zwischen zwei definierbaren Zeitpunkten. Es liegt im Wesen des Dazwischen, dass es unbestimmt bleibt; es hat keine klaren Grenzen oder Qualitäten, vielmehr werden diese von der Beziehungsdynamik zwischen Personen oder Dingen und von Phasen des Übergangs und der Verwandlung bestimmt.“ (Anne-Claire Mulder, ABC des Guten Lebens)

Dazwischen ist ein schöner Ort.
Zwischen den Stühlen, zwischen den Welten.
Dazwischen, auf lateinisch: Inter-esse.
Da bin ich gern.

Durcheinander wirbeln

„Die deutsche Sprache kennt ein vielsagendes, zukunftsträchtiges Wort für den Zustand der Unordnung: das Durcheinander. Üblicherweise wird „durcheinander“ in einem Wort geschrieben. Viele empfinden, wenn sie dieses Wort hören, Unsicherheit (…) Nicht mehr zu wissen, was oben und unten ist, also die charakteristischen postpatriarchalen Schwindelgefühle, können zunächst als bedrohlich empfunden werden. Sie enthüllen sich aber als notwendiger Anfang des Neuen, wenn wir verstehen, dass wir durch einander in die Welt gekommen sind.“ (Ina Praetorius, ABC des guten Lebens)

Was für ein Durcheinander.
So beschreiben nicht wenige unsere gegenwärtige gesellschaftliche Situation.
Durch einander wirbeln Menschen durcheinander.
Und das ist gut.
Damit sich etwas bewegt.

Für sich sein (wollen), Desinter-esse

Doch das Durcheinander führt mitunter zu gefährlichen Schieflagen.
Wenn so viel durch die Luft wirbelt, das sich Menschen durch einander beschädigen.
Sie fliegen durch den Raum.
Prallen mit Wucht aufeinander.
Reißen Wunden.

Dann bewegt sich zwar eine Menge, aber nicht im Sinne von Inter-esse.
Eher führt es zu Des-Interesse, für sich sein (wollen).
Nicht verbindend, sondern trennend.
Nicht schöpferisch, sondern zerstörend.
Nicht neuanfangend, sondern rückwärtsgewandt.

Drunter und Drüber im großen Durcheinander

Gewohnte Grenzen lösen sich auf.
Offene Grenzen werden wieder geschlossen.
Was für ein drunter und drüber.
Neue Koalitionen bilden sich, alte zerfallen.
Industrie und Linke fordern gleichermaßen, Schengen nicht zu opfern.
Grün will, kann mit der CDU als Juniorpartner koalieren.
Manch einer träumt schon von der Macht der CDU/CSU an der Seite der AfD.
Und SPD und Linke sehen sich vereint nebeneinander, abgeschlagen auf den hinteren Bänken.
Vor einem Jahr praktisch alles unvorstellbar.
Wie so vieles andere.

Wir schaffen das!
Ja, sicher, klar, keine Frage.
Aber wollen wir es schaffen?
Wollen wir uns durcheinander bringen lassen?
Oder uns beschädigen durch Rückzug oder Draufschlagen?
Mit Worten oder mehr?

Worte finden mich, durch einander

In den letzten Monaten verstummte ich innerlich.
Vertraute Sprache passte nicht mehr.
Neue Worte waren noch nicht da.
Zwischen allen Stühlen.
Zwischen damals und heute und ohne Blick auf das Morgen.
Das große Durcheinander brachte mich völlig durcheinander.
Nach und nach wurde mir das quälend bewusst.
Dazwischen bin ich.
In einer Zeitenwende.
Zwischen den Zeiten in unruhigen Zeiten, darüber habe ich vor fünf Jahren schon mal geschrieben.
Satz für Satz stimmt noch und doch nicht.

Und jetzt, mit einem Mal, zeigt sich Neues.
Ich finde meine Sprache wieder.
Oder besser, sie findet mich.
Worte drängen sich mir auf.
Durch einander, es sind Worte anderer.
Langsam, tastend traue ich diesen Stimmen.
Höre hin.
Was ich wahrnehme, gefällt mir nicht wirklich.
Harte Wahrheiten kündigen sich an.
Aber ich fühle, spüre, ahne, wie es leichter wird in mir.
Sie kommen, die Worte.

Dazwischen im durch einander

Dazwischen im durch einander.
Spannend und aufregend,
anregend und berührend.
Genau hier, zwischen allen Stühlen im Chaos der Gefühle,
da zeigt sich, wenn es gelingt:
Wir Menschen – Frauen, Männer, Kinder –
wir sind verletzliche, bedürftige, schöne Wesen.
Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Begegnung auf Augenhöhe.
Durch einander, miteinander, mit einander.
Ein Neuanfang, immer wieder.

(Das ist der erste Text von zweien. Der andere findet sich hier: Dazwischen im Durch/einander (II)

Verlust, Krise, Aufbruch – welches Leitbild ist für kirchliches Handeln angemessen?

Vor zehn Tagen fiel mir beim Aufräumen das Buch: „Plädoyer für unvollkommene Gemeinden“ von Reiner Knieling in die Hände. Vor einigen Jahren hatte ich es gekauft, fand es aber nur mäßig interessant. In dieser Woche zwischen vielen Planungsgesprächen und -beschlüssen und einer NKF-Schulung (Neues Kirchliches Finanzwesen) habe ich es noch mal gelesen und diesmal hat es mich angeregt. Vor allem eine Passage, in der Knieling auf die Trauer angesichts innerkirchlicher Veränderungen zu sprechen kommt, aber betont, dass diese in die gesellschaftlichen Entwicklungen eingebunden sind, auf welche die einzelne Gemeinde, der/die einzelne Pfarrer_in keinen maßgeblichen Einfluss hat. Er zitiert Herbert Asselmeyer:

  • „Kirche verliert an Bedeutung (Relevanzverlust)
  • Kirche verliert an Größe (Mitgliederschwund)
  • Kirche verliert an Finanzen (Ressourcenverlust)
  • Kirche verliert an Personal (Potenzial- und Ressourcenverlust)
  • Kirche zieht sich aus Orten zurück (Identitätsverlust)
  • Kirche verliert Gebäude (Symbolverlust)
  • Kirche zieht sich von Aufgaben zurück (Sinnverlsut)
  • Kirche zieht sich von den Menschen zurück.“ (S. 113)

Knieling verweist in einer Fußnote auf Wolfgang Huber, Kirche in der Zeitenwende, der ähnlich formuliert und sieben Aspekte nennt, in der Kirche in der Krise ist (S. 223-234, ich zitiere nur die Kapitelüberschriften):

  • Mitgliederkrise
  • Finanzkrise
  • Mitarbeiterkrise
  • Vereinigungskrise
  • Organisationskrise
  • Krise des Krisenmanagements
  • Orientierungskrise

Ich teile weitgehend die Analysen, aber mich stört die Begrifflichkeit.

Spreche ich von Verlust, dann gehe ich davon aus, dass es in der Vergangenheit einen „besseren“ Zustand gab,der nun verloren geht.

Spreche ich von Krise, dann habe ich eine unsichere, unübersichtliche, vielleicht sogar chaotische Gegenwart vor Augen.

Ich frage mich, ob es nicht theologisch angemessener wäre, von der Zukunft her zu denken. Vom Reich Gottes, das auf uns zu kommt, unter uns beginnt, in der Spannung zwischen „schon jetzt“ und „noch nicht“. Die Sicht des Glaubens richtet auf, macht Mut und gibt Hoffnung, auch in schwierigen Zeiten. Vergangenheit und Gegenwart lähmen eher, drücken nieder, geben keine Perspektive, wecken Verlustängste und Orientierungslosigkeit. Zukunft dagegen und Hoffnung richten den Blick auf einen Weg, einen Aufbruch, einen Neuanfang.

Über diese Gemengelage habe ich in dieser Woche nachgedacht und dann fiel mir folgende These ein:
Vielleicht macht es  Sinn, zwischen Standpunkt, Blickwinkel und Bezugspunkt zu unterscheiden.

Ich frage daher:

  • Wo stehe ich? – Das ist mein Standpunkt.
  • Wo schaue ich hin? – Das ist meine Blickrichtung.
  • Was fixiere ich? – Das ist mein Bezugspunkt.

Dies kann ich nun auf die drei genannten Blickwinkel beziehen.

Von Verlust und Verzicht ist vielerorts die Rede. Hier gehe ich davon aus, dass es einen früheren Zustand gab, der irgendwie „besser“ war. Das Irgendwie gibt die Blickrichtung an. Im Beispiel von Asselmeyer: Mehr Mitglieder, mehr finanzielle Ressourcen, mehr Einfluss. Wird hier nicht ein vergangener Zustand zum Maßstab für gegenwärtiges und künftiges kirchliches Handeln erhoben? Und wenn ja, mit welchem Recht? Und was und wer wird durch diese Fixierung übersehen?

Von der Krise ist auch häufig die Rede. Das nimmt die Befindlichkeit auf, die viele kirchliche Handlungsträger, Frauen und Männer in unzähligen Positionen und Gremien beschleicht. Die Gegenwart ist komplex und kompliziert, das Gefühl, in Entscheidungssituationen überfordert zu sein, ist stetiger Begleiter. Lähmt die Fixierung auf die Krise(n) der Gegenwart aber nicht am Ende?

Von Zukunft, von Hoffnung, von Aufbruch und Neuanfang ist dagegen viel seltener die Rede. Das ist zunächst bedauerlich, aber ganz menschlich:

„Eine Veränderung kommt in der Regel nur zustande, wenn der Leidensdruck spürbar ist und wenn eine Vision und konkrete Vorstellungen von den ersten Schritten vorhanden sind. Leidensdruck ohne Vision und eine Vorstellung von den ersten Schritten macht noch keine Veränderung, genauso wenig wie eine Vision ohne Leidensdruck, ganz gleich, ob dabei eine Vorstellung von den ersten Schritten vorhanden ist oder nicht“ (Knieling, S. 87)

Das ist eine pragmatische Antwort, die ich aus eigener Erfahrung in vielen Strukturprozessen nur unterschreiben kann. Als Theologe fühle ich mich aber in Frage gestellt und herausgefordert, die biblische Botschaft in angemessene Leitbilder zu übersetzen, in Bilder, die mich und andere in Bewegung setzen. Ich frage mich: Verlust, Krise oder Aufbruch – welches Leitbild entspricht eher der biblischen Botschaft?

Die Antwort fällt mir nicht schwer, Konsequenzen zu bedenken und zu ziehen schon mehr.

In den letzten Monaten habe ich für mich angefangen, die Wüstenwanderung Israels als Leitmotiv (wiederzu-) entdecken. Israel, befreit aus der Knechtschaft, muss vierzig Jahre durch die Wüste wandern. Weil die Israeliten, Männer und Frauen, gespalten sind zwischen Hoffnung und Angst, Aufbruch und Verzagen. „Ich will euch in ein Land führen, in dem Milch und Honig fließen“, so lautet die Verheißung. Ich übersetze für mich: Ein Land, in dem (auch) in Zukunft gutes Leben möglich ist. Dorthin will Gott führen. Damals wie heute.

Ich bin noch lange nicht fertig mit dem Gedanken. Daher  habe ich vor, im März/April eine Predigtreihe zur Wüstenwanderung zu halten und hier weiterzudenken.
Eins habe ich aus den Texten bereits gelernt:
Auch wenn zwischendurch die Fleischtöpfe Ägyptens verlockend sind, Israel den Verlust dieser „Rundumversorgung“ beklagt und auf dem Weg manche Krise durchzustehen ist: der Blick geht nach vorn, das gelobte Land ist die Perspektive. Und Gott geht mit, genauer: voraus in Wolken- und Feuersäule.

Lähmende Gewohnheiten überwinden. Anmerkungen zum Transformationskongress am 8./9. Juni in Berlin

zukunftHermann Hesse schreibt in seinem Gedicht »Stufen« von der lähmenden Gewohnheit, die es zu überwinden gilt, wenn Leben gelingen soll. Dazu braucht es den stetigen Neuanfang, genauer die Bereitschaft, stets neue Anfänge zu suchen. Das schließt auf der einen Seite gut an das an, was Ina Praetorius und andere im Anschluss an Hannah Arendt über die Bedeutung des Neuanfangs aus der Haltung der Geburtlichkeit sagen und schreiben. Mir stellt sich allerdings zunehmend die Frage, wie ändern wir Gewohnheiten, nicht nur individuell, sondern auch in Gruppen, Institutionen, der Gesellschaft, ja weltweit.

Das klingt jetzt ziemlich groß. Ausgelöst hat diese Frage ein Workshop auf dem Transformationskongress in Berlin, an dem ich diese Woche teilgenommen habe. Es ging um die Frage, wie Innovationen in Richtung einer nachhaltigen Wirtschaft zum Wohl der Menschheit und dieses Planeten gefördert werden können. Einig waren sich die Teilnehmenden, dass es dringend an der zeit ist, etwas zu tun, Vorschläge gibt es auch en massse – aber es gelingt nicht, sie umzusetzen. Immer wieder wird – wenn überhaupt – kurzfristig statt langfristig gehandelt. Paradoxe Forderungen kommen dazu – einerseits wird ein »starker Staat« gefordert, um zum Beispiel die Auswüchse des deregulierten Weltfinanzsystems eindämmen zu können, andererseits soll der Staat nichts einfach nur so gegen die Bürger durchsetzen, auch dann nicht, wenn er meint, im Sinne des Gemeinwohl zu handeln. Im Detail gibt es für beides gute Argumente, ich frage mich nur, wie soll das gehen und wer entscheidet am Ende, wo der Staat »stark« sein soll und muss und wo schwach.

Interessanterweise tauchte dann irgendwann das Stichwort Gewohnheiten auf, das mich schon länger in anderen Kontexten beschäftigt. Das wurde als eine (Bildungs-?) Aufgabe angesehen, der sich Staat und Zivilgesellschaft stellen müssen.

Ich habe darauf keine konkrete Antwort. Die Bereitschaft zum stetigen Neuanfang ist aus der biblischen und sicher auch außerchristlichen Literatur gut bekannt, motiviert durch die Zukunftsorientierung. Aber was ist mit der Gewohnheit? Die lähmende Gewohnheit verführt zum Stehenbleiben, Nichtstun. Theologisch gesprochen hat Gewohnheit viel gemein mit dem Begriff der Sünde. Nicht der moralischen verstandenen Tatsünde, sondern mit Machtstrukturen, die vor allem auf Angst beruhen und deshalb lähmen, hindern, stören, zerstören. Meine These lautet daher, sich die gegenwärtigen Gewohnheitsstrukturen mit der theologischen Tradition des Sündenbgeriffs zu betrachten, also überall da, ich von »Sünde« spreche, mal versuchsweise »Gewohnheit(en)« einzusetzen. Und umgekehrt – überall da, wo ich von Gewohnheit(en) spreche, das Wort Sünde zu verwenden. Wahrscheinlich werde ich feststellen, dass das nicht überall passt, aber vielleicht passt es viel häufiger als gedacht und führt so zu einem Erkenntnisgewinn.

Das hat die Schwierigkeit, dass der Sündenbegriff so ohne weiteres nicht anschlussfähig ist. Aber für die interne theologische Reflexion ist auch wichtig, diesen »alten« Begriff nicht aus den Augen zu verlieren. Wenn denn Sünde und Gewohnheit vieles gemeinsam haben, dann kann in einem weiteren Schritt – der ja auch parallel verlaufen kann – nach biblischen Motiven gesucht werden, Gewohnheiten im Kontext des Sündenbegriffs zur Sprache zu bringen und mit dem vertrauensvollen Neuanfang in Verbindung zu setzen. Neuanfang ist auch eine »Übersetzung«, Interpretation oder Auslegung des Begriffs Auferstehung.

Allerdings fällt mir dabei natürlich sofort ein, dass es auch gute Gewohnheiten gibt, die ich gar nicht ändern will. Deswegen gefällt diese Begriff »lähmende Gewohnheiten« von Hesse so gut. Lähmen, gelähmt sein, gelähmt werden, festgenagelt a Boden sein, keinen Schritt mehr gehen können, das hat alles mit Handlungsunfähigkeit und Unbeweglichkeit zu tun, und dahinter steckt oft Angst und Sorge und damit verbunden Gier, Egoismus, Gewalt.

Gewohnheiten erkennen ist das eine, neue Anfänge wagen das andere. Wie könnte eine Brücke aussehen, eine ganz praktische Brücke? Wie kommen wir vom Erkennen ins Tun? Theologisch gesprochen: wie kommt es zu heilsamen Handlungen der Liebe aus dem vertrauensvollen Glauben heraus, der die Sünde überwindet?

Auf dem Kongress wurde mehrfach sehr massiv vorgetragen, Menschen wollen Veränderungen, wir wollen Veränderungen. Dazu schließen wir uns nun zusammen. Soweit so gut, es bleibt aber die Macht der lähmenden Gewohnheiten, die sich in der alltäglichen Versandung von Impulsen, Initiativen und Aufbrüchen zeigt.

Der Philosoph Frithjof Bergmann wirbt seit Jahren für seine Konzept der »Neuen Arbeit«. Sein Ansatz besteht darin zusagen, wenn Menschen eine Arbeit haben, finden, ausüben können, die sie »wirklich, wirklich wollen«, dann ist die stärkste Motivation, die Menschen in ihrer Arbeit haben können. Der Weg, heraus zu finden, was ich »wirklich, wirklich will«, ist dabei keineswegs einfach zu begehen. Aber er lohnt sich, das bezeugen Menschen, die sich von Bergmann anregen lassen, immer wieder. Ich frage mich nun, ob dieses »wirklich, wirklich wollen« nicht auch über den Begriff der Arbeit hinaus (den Bergmann allerdings schon sehr weit fasst) für die anstehenden Fragen der Veränderungen unserer Gesellschaft und der globalen Problemlagen hilfreich gemacht werden kann. Was will ich, was wollen wir hier wirklich? Antworten darauf zu finden ist sicher noch schwierigere Herausforderung als eine Arbeit zu finden, die ich »wirklich, wirklich will«. Aber vielleicht doch eine lohnenswerte Frage?

»Zwischen den Zeiten« in unruhigen Zeiten – Essayistische Relektüre eines Textes von Friedrich Gogarten

Vor fünfzehn Jahren habe ich über diesen Text von Friedrich Gogarten in der Woche zwischen Ewigkeitssonntag und 1. Advent im Pfarrkonvent unseres Kirchenkreises eine Andacht gehalten. In diesen Tagen erinnerte ich mich daran, las Andacht und Aufsatz noch einmal und begann über die Aktualität dieses Textes nachzudenken, der über 90 Jahre alt ist.

I.

»Das ist das Schicksal unserer Generation, daß wir heute zwischen den Zeiten stehen. Wir gehörten nie zu der Zeit, die heute zu Ende geht. Ob wir je zu der Zeit gehören werden, die kommen wird? Und wenn wir von uns aus zu ihr gehören könnten, ob sie je so bald kommen wird? So stehen wir mitten dazwischen. In einem leeren Raum. Wir gehören nicht zu den Einen, nicht zu den Anderen.«

Als Friedrich Gogarten 1920 seinen Aufsatz mit diesen Worten beginnt, ist er 33 Jahre alt und evangelischer Pfarrer in Thüringen. Der Weltkrieg ist vorbei, der Kaiser im Exil und auch in Kirche und Theologie ist kaum noch etwas, wie es vorher war. Zwischen den Zeiten – so fühlte er sich damals und traf damit den Nerv vieler Theologen seiner Zeit. »Alles, was als gut, wahr und schön, was als vernünftig, bürgerlich und liberal, was als edel und human gegolten hat, was für mehr als ein Jahrhundert eine Welt ausgemacht hatte, das war untergegangen«, so beschrieb Heinz Zahrnt einst diese Zeit.

Zwischen den Zeiten. Wenn ich das lese, beschleicht mich der Gedanke, dass auch in unserer Gegenwart Dinge zu Ende gehen, Vertrautes oder auch nur Gewohntes auseinanderfällt. Allerdings fühle ich mich anders als Gogarten seinerzeit dieser heute zu Ende gehenden Zeit zugehörig, erlebe mich mit ihr verwoben. Aufgewachsen in der Nachkriegszeit, immer im Frieden lebend, habe auch ich mich eine Zeit lang der Illusion hingegeben, dass mit dem Fall der Mauer und dem Ende des Sozialismus die Chance bestehen könnte, die Zukunftsaufgabe zu bewältigen, die sich damals auf der Tagesordnung stand, nämlich: Wie kann, wie will die Menschheit auf diesem Planeten überleben? Die damit verbundenen Probleme waren schon in den siebziger und achtziger Jahren in verschiedenen Berichten des Club of Rome glasklar beschrieben worden, aber Generationen der Handlungsträger verschoben die – unbequemen – Lösungen auf die Zukunft. Ende der achtziger, Anfang der neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts schien es dann eine Weile so, als existiere die Chance, dass nun überall auf der Welt blühende Landschaften entstehen, weil der große Feind allen Wohlstands, der Sozialismus nicht mehr die personellen und finanziellen Kräfte des Kampfes bindet. Schnell ist dieser Traum, diese Vision zerplatzt. Im Golfkrieg, im Bosnienkrieg, am 11. September 2001 und allem, was danach kam. Und vor allem ist die Hoffnung nachdrücklich zerstört worden, der siegreiche Kapitalismus könne nun ohne seinen Gegenspieler endlich gutes Leben für alle Menschen auf der ganzen Welt schaffen. Heute ahnen wir, spüren wir: Es wird nicht mehr so weitergehen. Es kann einfach nicht mehr so weitergehen.

Fukushima im März war ein Fanal, fast schon wieder vergessen, aber unterschwellig weiterwirkend. Sinkender Wohlstand seit Jahren in den sogenannten Industrienationen, dazu die neuen Global Player in Asien und Südamerika, die Ansprüche stellen und das »Gleichgewicht« der Mächte verändern. Der CO2 Ausstoß steigt Jahr für Jahr, trotz aller Absichtserklärungen und Klimakonferenzen. Eine Finanzkrise nach der anderen tobt um den Erdball und macht offenbar, wie Reichtum und Armut verteilt sind, nämlich grotesk ungerecht, ja obszön und unverschämt. Eigentum verpflichtet heißt es in unserem Grundgesetz, in diesen Zeiten klingt dieser Satz zumindest in meinen Ohren zynisch. Geld wäre genug da, sagen manche Ökonomen. Geld, die Schulden zu bezahlen. Geld, in Forschung und Entwicklung der überlebensnotwendigen Anstrengungen zu investieren. Die Vertreter der Ökosozialen Marktwirtschaft haben dies durchgerechnet – Geld wäre genug da, alle Schulden zu bezahlen und einen Neuanfang zu schaffen. Naiv? Weltfremd? Vielleicht. Aber ist die Alternative, einfach immer so weiter zu machen, nicht genauso naiv und weltfremd? Zeiten zerfallen. Wie erstarrt stehen wir zwischen den Zeiten und hören Tag für Tag die immer verrückter werdenden Nachrichten. Wir erahnen den Crash, der jeden Tag näher zu kommen scheint in diesen Wochen und Monaten. Alle Lösungsmöglichkeiten klingen wie die Wahl zwischen Pech und Schwefel. Und manch einer ersehnt den Tag des Zusammenbruchs herbei, weil die Ungewissheit immer stärker an den Nerven zerrt. Das unterscheidet mich, uns von Gogarten, er hatte die Katastrophe, den Untergang seiner vertrauten Welt, schon hinter sich.

II.

»Wir sehen heute (…) keine Formung des Lebens, die nicht zersetzt wäre. Habt ihr uns nicht gelehrt, in allem und jedem das Menschenwerk zu sehen? Habt ihr uns nicht selbst die Augen für das Menschliche geschärft, indem Ihr uns alles in die Geschichte und in die Entwicklung einstelltet? Wir danken Euch, daß Ihr es tatet, Ihr schufet uns das Werkzeug, laßt es uns nun gebrauchen. Nun ziehen wir den Schluß: Alles, was irgendwie Menschenwerk ist, entsteht nicht nur, es vergeht auch wieder. Und es vergeht dann, wenn das Menschenwerk alles Andere überwuchs.«

Auch wenn wir von der historischen Situation dieser in der Tiefe theologischen Kritik heute weit entfernt sind – die Erkenntnis, alles ist Menschenwerk, die sollten wir uns allerdings sehr zu Herzen nehmen und damit auf eine Ökonomie schauen, die sich trotz kapitaler und katastrophaler Folgen immer noch weitgehend als »natürlich«, d.h. als naturgesetzlich versteht und so den Anspruch erhebt, in immer weitere Lebensbereiche vordringen zu dürfen. Bis in unsere Tage wird offen oder verdeckt die Parole ausgegeben: Gebt die Märkte frei, lasst alles und jedes vom Marktgeschehen bestimmen und das Zeitalter des Wohlstands kommt schon, vertraut nur. So predigen es die Geistlichen der Finanzökonomie. Alles ist Menschenwerk, daran erinnert Gogarten seine Zeitgenossen, alles Menschenwerk wird geschaffen und vergeht wieder. Damals, in den Jahren nach dem Weltkrieg, war dies unübersehbar. Heute scheint es so, als gäbe es zur Eigengesetzlichkeit der Wirtschaft und der sie fördernden Politik überhaupt keine Alternative. Parolen machen die Runde: »Hauptsache, Arbeit!« »Hauptsache, Wachstum!« Arbeit und Wachstum als naturgesetzliche »Omniwerte«, wie Frithjof Bergmann einmal formuliert hat. Aber nein: Alles ist Menschenwerk, daran sollten wir uns von Gogarten erinnern, ja, ermahnen lassen. Alles ist Menschenwerk, auch solche Parolen und die dahinter stehenden Zielperspektiven. Sie sind nicht vom Himmel gefallen und keine »Schöpfungsordnungen«, deren Nichtbeachtung falsch, theologisch gesprochen: Sünde wäre.

III.

»Wir sind alle so tief in das Menschsein hineingeraten, daß wir Gott darüber verloren. Ihn verloren. Ja, wirklich verloren, es ist kein Gedanke mehr in uns, der bis zu ihm reicht. (…) Ist es ein Wunder, daß wir bis in die Fingerspitzen hinein mißtrauisch geworden sind gegen alles, was irgendwie Menschenwerk ist? Ja, uns selbst ist es ein Wunder. Denn wenn das Mißtrauen gegen das Menschliche auch noch das ist, was unser Gefühl am, meisten bestimmt, so ist dieses Mißtrauen, das vor nichts zurückscheut, doch nur möglich, weil ein Keim von Wissen des Anderen, der Nicht-Menschlichen in uns sein muß. Noch können wir Gott nicht denken. Aber wir erkennen immer deutlicher, was Er nicht ist, was Er nicht sein kann.«

Zwischen den Zeiten stellt Gogarten die Frage nach Gott. Nach Gott, der in den Wirren der Geschichte, des Menschenwerks verloren gegangen ist. Auch nach dem zweiten Weltkrieg wurde angesichts des Grauens die Frage gestellt, wo Gott in Auschwitz war und manch eine, manch einer erklärte ihn für tot. Im Menschsein so tief aufgegangen sein, dass Gott verloren ging… Dieser Gedanke geht mir nach, erschreckt mich, verstört mich… Und die Frage kommt in mir auf: Haben wir Gott in all dem Ökonomismus unserer Zeit vielleicht auch verloren? Ist auch heute kein Gedanke mehr da, der zu ihm reicht? Fragt überhaupt noch jemand nach Gott? Ja, sicher, natürlich. Unzählige Menschen schreien ihren Zweifel, ihren Schmerz, ihre Sehnsucht, ihre Hoffnung in der Frage nach Gott heraus. Anlässe gibt es wahrlich genug. Aber in den großen Zusammenhängen der Welt?

»Religion ist Privatsache.« Auch so eine Parole, die nicht wahrer wird, wenn sie immer weiter wiederholt wird. Aber sie nistet sich in den Köpfen der Menschen ein und vergiftet unser Denken und unseren Glauben. Natürlich ist Religion »Privatsache«, es gibt kaum etwas Persönlicheres als die eigenen Glaubensüberzeugungen. Aber Privatsache heißt doch nicht, dass damit der Glaube auf den privaten Lebensbereich beschränkt bleibt. Was wäre das für ein jämmerlicher Gott, reduziert auf die anscheinend so privaten Dinge wie Geburt und Tod, und, ach ja, bei der Liebe darf er auch noch ein wenig mitmischen. Aber in der »großen, weiten Welt«? In den wichtigen politischen Fragen, bei Krieg und Frieden, gar in der Ökonomie? Nein, da schütteln die Handlungsträger mehr oder weniger milde den Kopf. Nein, hier gelten andere Regeln, hier brauchen wir Gott nicht, hier stört er nur.

Doch Glaube enthält immer eine Vorstellung vom Menschen und der Welt im Ganzen, jeder Glaube, auch jeder Aberglaube. Und so muss heute schon gefragt werden: Haben auch wir Gott verloren in den Wirren unserer Zeit, in dem Wahn, selber durch Wachstum und »Arbeit« ein Reich der Erlösung aus Glück und Wohlstand zu schaffen? Haben auch wir Gott verloren, weil wir ihn in den privaten Bereich unseres Lebens abgeschoben haben, weil wir meinten, nein, glaubten, den Rest schaffen wir schon allein? »Wir erkennen immer deutlicher, was Er nicht ist, was Er nicht sein kann.« Privatsache, das kann Er nicht sein. Aber was dann? Vielleicht müssen auch wir heute, zwischen den Zeiten, die Frage nach Gott offen halten und nicht gleich nach Antworten suchen. Für mich als Pfarrer, als Theologen eine schreckliche Vorstellung. Von Gott schweigen zu müssen, und zugleich von Gott reden zu müssen.

IV.

»Es gab Zeiten da meinten wir, an einer neuen kommenden Kultur arbeiten zu können, und da glaubten wir, sie brächte dann das Heil. Ihr Bild stand uns groß und reich vor der Seele. Aber dieser Traum ist ausgeträumt. Wir wurden nicht nur gegen das Menschliche in dem, was andere taten, mißtrauisch, wir wurden viel mißtrauischer gegen das Menschliche in dem, was wir selbst tun und planen. Und das trennt uns von denen, die heute die Zeit bestimmen.«

Kulturprotestantismus wurde die enge Verbindung von Kultur und evangelischer Kirche und Theologie im 19. Jahrhundert genannt. Diese Zeit ist lange vorbei. Aber trifft die Haltung, die Gogarten hier beschriebt, nicht heute auch noch zu? Die Hoffnung scheint momentan zu zerbrechen, dass Demokratie an und für sich in Partnerschaft mit dem kapitalistischen System Heil auf Erden, nicht-theologisch gesprochen: eine neue Kultur von Freiheit und Wohlstand für alle bringen könne. Der Traum scheint ausgeträumt, zumindest für diese und wohl auch für die nächste Generation. Denn die wird, wenn das System nicht doch im Crash untergeht, an den Schulden abzutragen haben, die wir aufgetürmt haben, ein Leben lang. Wohin das Geld fließen wird? Ich weiß es nicht. Sicher ist aber: Es wird kaum für den Wohlstand für alle und zur Lösung der drängenden Probleme vorhanden sein.

Soweit kann ich Gogarten auch im Blick auf unsere Zeit folgen. Doch wogegen heute konkret misstrauisch sein? Sollte es heißen: Misstrauisch sein, werden und bleiben gegen den Kapitalismus und die sich mit ihm verbündete Demokratie? Ein gefährlicher Gedanke. Doch Misstrauen heißt nicht gleich Ablehnung. Auch hier hilft die Erinnerung Gogartens´s: Alles ist Menschenwerk. Vielleicht ist es sinnvoll, ja sogar geboten, gegen alles Menschenwerk mit einem grundsätzlichen Misstrauen heranzugehen. Nicht in einem abwertenden, zynischen, zerstörerischen Misstrauen, sondern mit einem offenen, vorsichtigen, fragenden Zweifel: Ist es wirklich so, wie behauptet oder könnte es vielleicht auch ganz anders sein?

Also, frage ich mich: Was erleben wir zur Zeit? Erkennen wir nicht die Hilflosigkeit von politischen Handlungsträgerinnen und -trägern, die gegen die computergesteuerten Börsenverkäufe keine Chance haben? Ein Fehler einer Ratingagentur und ein Riesenland wie Frankreich muss gleich höhere Zinsen zahlen. Demokratisch? Haben wir nicht längst eine Diktatur der Finanzmärkte? Märkte, deren Transaktionen so schnell sind, dass man schon glauben könnte, Maschinen hätten nicht nur den Handel, sondern zugleich auch bereits die Macht übernommen? Ein Hauch von Matrix weht durch die Börsenschauplätze, Computer übernehmen die Macht und versklaven die Menschheit. Wer hat die Instrumente, die »Macht«, dagegen den Kampf aufzunehmen? Die Hilf- und Vergeblichlosigkeit der letzten Monate, die Finanzmärkte mit demokratischen Mitteln zu beruhigen, wirft schon Fragen auf. Gefährliche Fragen, ich weiß. Sie nicht zu stellen, ist aber ebenso gefährlich.

V.

»Versteht man noch nicht, dass unsere Stunde (…) wahrscheinlich die Stunde der Buße ist? – Oder kann man mit ein und denselben Atem Buße tun und sein Programm für das Kommende entwickeln? Hüten wir uns in dieser Stunde vor nichts so sehr, wie dabei, zu überlegen, was wir tun sollen. Wir stehen in ihr nicht unserer Weisheit, sondern wir stehen vor Gott. Diese Stunde ist nicht unsere Stunde. Wir haben jetzt keine Zeit. Wir stehen zwischen den Zeiten.«

Die Stunde der Buße. Buße, ein Wort, das aus einer fernen Zeit zu stammen scheint. Buße, das ist die Erkenntnis des Irrtums. Die Erkenntnis des Versagens. Buße beinhaltet das Erschrecken und die Verzweiflung angesichts von Verstrickung, Ohnmacht und Schwäche. Die Erkenntnis, die Frage nach Gott ausgeblendet zu haben, von ihm nichts mehr zu erwarten – und von den Menschen auch nicht mehr. Buße ist im Kern Unglaube. Buße ist das Eingeständnis, keine Antworten sagen zu können. Buße, das ist biblisch gesprochen der Ruf zur Umkehr. Wenig populär, wenn die Theologen dieses Wort in den Mund nehmen. Und doch wird jeden Tag nach Buße gerufen in dieser Welt, zur Umkehr, von allen möglichen Menschen, die meinen, zu wissen, wo es lang zu gehen habe. Gogarten dagegen formuliert eine Absage in Richtung aller möglichen neuen Programme, da jetzt erst einmal die Zeit der Buße ist. Zwischen den Zeiten steht er, stehen wir vor Gott – und wir sollten uns hüten, vorschnell zu überlegen, was wir tun sollen.

Buße könnte heute darin bestehen zu erkennen und einzugestehen, dass unausgesprochen eine Fortschrittsgläubigkeit und eine damit verbundene Verdrängung der Risiken uns alle in Irre geführt hat. Wir haben uns vertrösten lassen und vertröstet, zwar nicht auf eine göttliche Gerechtigkeit in einer jenseitigen Welt, sondern auf ein innerweltliches Paradies auf Erden, das da schon kommen wird in der Zukunft. Und heute erkennen wir mit Schrecken, dass wir so dabei sind, eher die Hölle auf Erden zu schaffen. Gerade diese ungeheuren Zahlen mit den vielen Nullen am Ende, die heute Tag für Tag über die Bildschirme wabern, öffnen vielen Zeitgenossen die Augen dafür, dass es ein Wahnsinn ist, auf den wir uns eingelassen. Menschenwerk, wohlgemerkt, kein Naturgesetz, das vom Himmel gefallen ist. Vielleicht gehört zur Buße das Schweigen, die schmerzhafte Antwortlosigkeit aushalten zu müssen in einer Zeit, die voller Stimmen und Stimmungen ist, voller Aktivismus und Hektik, Programmen und Reformen ohne Anfang und ohne Ende, in der Gesellschaft wie auch in der Kirche. Buße heißt vielleicht sehr, sehr lange hinschauen ohne Aktivismus, ohne den hektischen, angstbesetzten Reflex: Da muss man doch was tun!

Und was könnten wir sehen? Vielleicht das: Effizienz und Zahlen regieren unausgesprochen hier wie da. Alles, was sich nicht in Zahlen übersetzen lässt, existiert nicht wirklich, so lautet vielleicht das große Glaubensdogma unserer Zeit. Und hier offenbart sich der Unglaube der Kirche, die an vielen Stellen ihre Hoffnung ebenfalls auf dieses Dogma setzt. Vom untergegangen Kulturprotestantismus geprägt schreibt Gogarten gegen denselben an. Nun ist diese Zeit längst Vergangenheit, aber evangelische Kirche und Theologie muss sich der Frage dennoch aufs Neue stellen, wo sie hier steht.

Traugott Jähnichen hat jüngst in einem Aufsatz die Zeitgeistanfälligkeit des deutschen Protestantismus im Blick auf kirchenreformerische Entwicklungen untersucht. Für die Gegenwart sieht er in der Kirche – parallel zu Entwicklungen staatlicher Institutionen – das Vordringen ökonomischer, ja, neoliberaler Denkmuster. Hier zeigt sich für den Protestantismus ein – vielleicht grundlegendes, unüberwindbares – Dilemma: Es ist die Stärke evangelischer Theologie, sich sehr stark auf die jeweilige Lebenswelt einlassen zu können, ganz nah bei den Menschen sein zu können, immer wieder neu nach Worten zu suchen und um sie zu ringen, mit denen »Gott«, das »Evangelium«, der »Glaube« angemessen beschrieben werden können. Doch diese Nähe ist zugleich die große Schwäche des Protestantismus, denn so steht er immer in der Gefahr, bis zur Unkenntlichkeit mit der Gegenwart zu verschmelzen.

Und heute steht die Kirche in der Gefahr, sich vom Ökonomismus bestimmen und verschlingen zu lassen, von Zahlen und Effizienz und vor allem: vom Zwang zu sparen.Wir hören: Sparen, sparen, sparen. Wir sparen unser Leben kaputt. Immer weiter machen wir mit dem Sparen. Auch in der Kirche. Auch die muss sparen. Immer weiter. Seit Jahren sparen wir schon. Eine Sparrunde folgt auf die nächste. Manchmal nennt man dies auch verschleiernd: Prioritätendiskussion. Mehr als die Hälfte meines beruflichen Lebens als Pfarrer bin ich mit Strukturfragen beschäftigt. Ich weiß nicht, in wie vielen Gremien ich gesessen habe, die sich mit Reformen beschäftigt haben, und Reformen, das hieß immer: sparen, sparen, sparen. Es waren auf jeden Fall mehr Stunden, als ich in Glaubens- oder Bibelseminaren mit Menschen über die Grundfragen des Lebens nachgedacht habe. Ich frage mich, was passieren würde, wenn ich anfangen würde, den Satz Gogartens pausenlos in solchen Kommissionen zu rezitieren: »Unser einziger praktischer Vorschlag, den wir machen, ist der: mit Entsetzen einzusehen, daß in der Lage, in der wie tatsächlich alle sind, gute Vorschläge nicht mehr helfen könnten.« Was soll das konkret heißen, würde ich wohl zu hören bekommen. »Buße tut Not, schweigen und nach Gott fragen«, müsste ich mit Gogarten sagen. Wahrscheinlich gäbe es ungläubiges Staunen, Schmunzeln, Achselzucken, vielleicht auch Gelächter. Und dann geht es weiter mit der Tagesordnung. Die muss abgearbeitet werden. Fristen rufen. Beschlüsse müssen umgesetzt werden. Einfach aufhören – und sei es nur für eine Weile –, nein, das scheint undenkbar. Und das Verrückte: Ich kann es verstehen, schließlich leite ich ja auch solche Gremien und kenne die Sachzwänge, die sich da die Türklinke in die Hand geben.

Zwischen den Zeiten stehen heißt heute höchstwahrscheinlich erkennen, dass wir zeitgleich in verschiedenen Zeiten stehen. Doch welche Zeit gibt den Takt an?Die Stunde der Buße – für Gogarten eine Zeit, die Frage nach Gott neu zu stellen und offen zu halten. Misstrauisch zu werden gegen alles und jedes, das uns Erlösung, Beruhigung, Glück verspricht. Also zunächst erkennen statt formulieren, schweigen statt reden, zweifeln statt einfach-so-weiter-für-wahr-halten? Schwer aushaltbar in einer Zeit, in der Worte Legion geworden sind, sich jede und jeder jederzeit zu Wort melden kann… Und doch: Alles hat seine Zeit (Koh 3,1).

VI.

»Wir suchen nach etwas Anderem als nach Fortschritt, und es bewegt uns kein kulturinteressierter Opportunismus mehr. Wir haben deshalb auch keine Vorschläge, wie man es besser machen könnte. Die Praktiker werden ja alle danach fragen. Unser einziger praktischer Vorschlag den wir machen, ist der (…): mit Entsetzen einzusehen, daß in der Lage, in der wie tatsächlich alle sind, auch wenn es bis heute nur Wenige erkannten, gute Vorschläge nicht mehr helfen könnten.«

Wir leben in einer Fassade, die brüchig geworden ist und täglich neue Risse erhält. Und wir machen weiter, obwohl wir genau wissen: Das, was wir tun, führt uns eher noch weiter an den Abgrund. Wir tun so, als wäre alles wie immer. Advent und Weihnachten stehen vor der Tür. Rituale sind ja auch wichtig für unser Leben, sie strukturieren Leben. Und doch: Beruhigen sie uns nicht oft auch nur…? Wir machen einfach weiter. Mit seltsam gemischten Gefühlen, wir sehen die Fassade und die Leere dahinter, die Leere in dem Konsumversprechen, kauf nur, ganz egal was, und es geht dir gleich besser. Unbehaglich fühlen wir uns dabei. Aber was sollen wir sonst tun? Einfach aufhören, das geht ja nun auch nicht. Oder zumindest nicht so einfach. Doch die Unzufriedenheit nimmt genauso zu wie die Ratlosigkeit.

Vielleicht wäre es gut, wenn wir uns heute von Gogarten ermahnen lassen würden: »Wir haben noch keine Vorschläge und wir sollten uns hüten, zu sagen, was getan werden sollte.« Das erinnert mich stark an die Occupy-Bewegung, die sich gerade auch (erst) einmal allen Vorschlägen verweigert. Vielleicht liegt darin verborgen die Erkenntnis, dass jeder voreilige, lösungsorientierte Vorschlag doch nur Teil des alten, brüchigen Systems ist. Und vielleicht, ja vielleicht ist das laute »Nein!« das Gebot der Stunde zwischen den Zeiten. Also nichts tun? So wirklich gar nichts? Gogartens Formulierung legt dies vielleicht nahe. Aber gar nichts tun, das taten Gogarten und seine Mitstreiter auch nicht. Schließlich war auch damals am Sonntag zu predigen, Kinder waren zu taufen und Trauernde zu trösten. Aber sein Aufsatz war ein Weckruf, für sich selbst und andere: So kann es nicht weitergehen. Er stellt die Frage nach Gott neu und radikal, vielleicht offen und sehnsüchtig, und er und seine Mitstreiter fanden Gott dann auch erst einmal im »ganz Anderen«. Und diese radikale theologische Frage eröffnete später die Chance, im Nationalsozialismus und der mit ihm verbundenen Bewegung der »Deutschen Christen« das theologische Handwerkszeug zu besitzen, entschieden »Nein!« sagen zu können.

Einer, der ganz ähnlich und zugleich ganz anders formulierte, war Dietrich Bonhoeffer. 1943 schreibt er: »Es schien uns bisher zu den unveräußerlichen Rechten menschlichen Lebens zu gehören, sich einen Lebensplan entwerfen zu können, beruflich und persönlich. Damit ist es vorbei. Wir sind durch die Macht der Umstände in die Situation geraten, in der wir darauf verzichten müssen, ›für den kommenden Tag zu sorgen‹ (Matth. 6,34). (…) Uns bleibt nur der sehr schmale und manchmal kaum noch zu findende Weg, jeden Tag zu nehmen, als wäre er der letzte, und doch in Glauben und Verantwortung so zu leben, als gäbe es noch eine große Zukunft. (…) Denken und handeln im Blick auf die kommende Generation, dabei ohne Furcht und Sorge jeden Tag bereit sein zu gehen – das ist die Haltung, die uns praktisch aufgezwungen ist und die tapfer durchzuhalten nicht leicht, aber notwendig ist.«

Bonhoeffer argumentiert hier aus der für ihn todesgefährlichen Verstrickung in den Widerstand gegen das Nazi-Regime, einer Situation, die so für uns, für mich nicht zutrifft. Aber ist es nicht so, dass es für viele heute kaum noch möglich scheint, einen Lebensplan aufstellen zu können? Natürlich, auch »früher« gab es genügend Risiken, dass ein Plan nicht aufgeht. Das weiß auch Bonhoeffer und dennoch spricht er von dem unveräußerlichen Recht des Menschen, Lebensplanung betreiben nicht nur zu dürfen, sondern dies auch tun zu können. Junge Menschen stellen sich diese Frage heute angesichts ihrer beruflichen Aussichten. Wie leben, ohne planen zu können? Wie leben, ohne das – wenn auch brüchige – Versprechen der Gesellschaft: es gibt auch für dich einen Ort, eine Aufgabe, eine Herausforderung? Und wir, die Generation, der heutigen Handlungsträger? Wie sieht unsere Zukunft aus? Was können wir noch planen? Wie viel sind die angeblich ach so sicheren Vorsorgepläne für unser Alter wert? Und die heute Alten, sie zittern um ihre Renten und Pensionen, weil sie wissen, sie haben kaum noch Möglichkeiten, hier entscheidend die Weichen mit und anders stellen zu können.

Die heutige Zeit verspricht keine Zukunft mehr. Sie türmt immer höhere Lasten auf, indem sie Lösungen auf die Zukunft verschiebt. Finanzielle Lasten, Umweltlasten. Die Zukunft scheint vorbei, bevor sie begonnen hat. Doch gegen eine solche pessimistische Haltung wehrt sich Gogarten, er will zwischen den Zeiten die Frage nach Gott offen halten, hinhören in der Hoffnung auf neue Antworten. Er hofft auf Gott in einer Zeit, in der er ihn verloren hat. Und wenn wir ihm folgen, innehalten ohne Vorschläge, ohne Programme, dann beinhalten Buße und eine offene Fragehaltung die Chance, die eigene christliche Tradition zunächst selbst neu zu reflektieren und dann mit der Gegenwart ins Gespräch zu bringen. Ansätze dafür gibt es.

Ina Praetorius setzt sich z.B. dafür ein, die »Welt als Haushalt« zu verstehen und ich finde, sie hat völlig recht. Haushalte sind ursprünglicher als Märkte, sie sind, wenn man so will, »natürlicher«: Menschen wachsen in Haushalten auf, bevor sie auf Märkte gehen können. Haushalte leisten eine Grundversorgung menschlicher Bedürfnisse vom Geburt bis zum Tod. Es geht ihr nicht darum, den Privathaushalt zu glorifizieren oder als direktes Vorbild für gesellschaftliches Handeln anzusehen. Genau sowenig geht es ihr darum, das Haushaltswesen unseres politischen Systems zu verabsolutieren. Diese begriffliche Nähe ist sicher ein Schwachpunkt im Leitbild einer Welt, die sich als Haushalt verstehen will, weil »Haushalt« oftmals auch mit Verschwendung und Missmanagement in Verbindung gebracht wird. Nein, sie möchte den Haushalt als ein Leitbild für leben, arbeiten, wirtschaften im Ganzen ansehen. So wird eine Vision aufgespannt, der Welt ein Rahmen gesetzt für Tun und Lassen. Ein Rahmen, der sich absetzt von der unerträglich gewordenen Durchdringung so gut wie aller Lebensbereiche durch marktförmiges Denken, welches in den letzten zwanzig Jahren offen und verdeckt vorangetrieben worden ist und dessen grundlegendes Scheitern immer offenbarer wird. Praetorius dreht mit diesem Leitbild die Sache um, es wird auf die Beine gestellt, was auf dem Kopf stand. Andere sprechen hier von Nachhaltigkeit, aber ich finde, die »Welt als Haushalt« zu begreifen, ist anschaulicher.

Was aber tun? Anschauung allein reicht nicht. Selbst wenn es – noch – keine Vorschläge gibt, geben kann und vielleicht auch noch nicht geben sollte, wohin »die Welt« treibt, stellt sich doch Tag für Tag tausendfach die ganz konkrete Frage: Was tun? Wir können ja nicht nicht handeln. Aber wir können nun die Frage präziser stellen: Wie haushälterisch leben, handeln, wirtschaften, arbeiten? Ina Praetorius beantwortet diese Frage so: »Im ausgehenden Patriarchat gut zu handeln, heißt deshalb, vertrauensvoll und unbeein­druckt von Widersprüchen immer neue Anfänge in die Welt zu setzen, die das Zusammen­leben auf die eine oder andere Art stützen und nähren wollen, wohl wissend, dass die und ›der Handelnde so gut wie niemals die Ziele, die ihm ur­sprünglich vorschwebten, in Reinheit‹ verwirklichen kann.«

Das erinnert mich doch sehr an Luthers Apfelbäumchen und Bonhoeffers Suche nach dem schmalen Weg. Der Weg in die Zukunft kann in einer Zeit zwischen den Zeiten vermutlich nicht anders gegangen werden. Schrecklich auf der einen Seite, weil Schritte in tiefer Dunkelheit immer nur tastend, vorsichtig und angstbesetzt gegangen werden können. Entlastend auf der anderen Seite, wenn so etwas wie Glaube an Gott den Rahmen allen Tun und Lassens abgibt und so schon, wenn auch allgemein und nicht konkret, das Ziel beschreibbar wird nämlich das gute Leben aller an allen Orten in einer Welt, die sich als Haushalt begreift.

Und das mag vielleicht zunächst bedeuten, dem Geist des Ökonomismus zu wehren in kleinen Schritten. Diesem Geist, der uns alle so durchdrungen hat, dass wir alles und jedes abwerten, das nicht in Geld aufgewogen werden kann. Und vielleicht wird unser Zusammenleben dadurch zu bereichern sein, dass wir erkennen, materielle Güter haben wir mehr als genug, aber in einer Zeit, in der es an »Geld« merkwürdigerweise mangelt, können auch geistige und seelische Güter »satt« machen. Haushalte sind ursprünglicher als Märkte, und was jedes neugeborene Menschenkind dort lernt, ist nicht mit Geld aufzuwiegen. Wäre es aus dieser Perspektive der »Geburtlichtkeit«, wie Ina Praetorius dies nennt, vielleicht an der Zeit, sich ganz gezielt all den Dingen zuzuwenden, die sich nicht in Zahlen übersetzen lassen? Güter zu entwickeln, die nicht zu bezahlen sind? Auch dafür gibt es bereits Ansätze und Erfahrungen. Peter Plöger hat gerade ein ganzes Buch dazu geschrieben, in dem er eigentlich nichts anderes tut, als praktische Beispiele für ein gutes Leben im Aufbruch in eine neue Gesellschaft zu beschreiben.

VII.

»Der Raum wurde frei für das Fragen nach Gott. Endlich. Die Zeiten fielen auseinander und nun steht die Zeit still. Einen Augenblick? Eine Ewigkeit?«

Friedrich Gogarten fühlte sich zwischen den Zeiten stehend. Seine Welt war zerbrochen in ein Gestern und ein Morgen, zwischen denen für ihn keinerlei Anknüpfungspunkt, keine Brücke, keine Kontinuität zu existieren schien. Für ihn stand die Zeit daher still. Auch ich fühle mich zwischen den Zeiten. Aber anders. Die Zeit zerfällt nicht in Blöcke, in ein untergehendes Gestern und ein noch nicht fassbares Morgen. Nein, wir stehen heute anders zwischen den Zeiten. Sicher, das Gestern ist noch sehr lebendig und das Morgen nicht recht greifbar. Aber das Heute ist geprägt durch die Gleichzeitigkeit all dieser Zeiten. Das Gestern ist noch mächtig, aber das Morgen beginnt in vielen kleinen Neuanfängen bereits in der Gegenwart. Und so kann vielleicht heute die Frage nach Gott offen gehalten und gestellt werden, zur Buße gerufen werden und zugleich können Neuanfänge in die Welt gesetzt werden, im Vertrauen darauf, dass sich aus vielen neuen Anfängen ein schmaler Weg abzeichnen wird.

Den Text gibt es mit Literaturhinweisen auch unter diesem Link