Frigga Haug (Die Vier-in-einem-Perspektive) und Frithjof Bergmann (Neue Arbeit, neue Kultur)

Frigga Haug habe ich vor kurzem neu entdeckt, mit der von Frithjof Bergmann entwickelten »Neuen Arbeit, neue Kultur« beschäftige ich mich in unterschiedlicher Form seit etwa fünf Jahren, unter anderem in meiner Dissertation über das Verständnis von Arbeit aus evangelischer Sicht.
Als ich nun »Die Vier-in-einem-Perspektive« von Frigga Haug gelesen habe, wurde ich an vieles erinnert, dass ich bei Bergmann auch gelesen habe, zugleich gibt es sehr verschiedene Blickwinkel. Ich möchte hier holzschnitzartig Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede benennen, die mir aufgefallen sind. Nicht mit wissenschaftlichem Anspruch, sondern eher um die Lektüre beider Ansätze zu empfehlen – reizvoll und lohnenswert sind sie beide.

I. Gemeinsamkeiten

Bergmann und Haug gehen davon aus, dass Arbeit zentrale Bedeutung für den Menschen hat, Arbeit aber deutlich mehr ist als die Verengung auf Erwerbsarbeit.
Beide sind zugleich davon überzeugt, dass wir die Wertigkeit unserer Zeit neu ordnen müssen, dem Heilsanspruch der gegenwärtigen Ökonomie ist etwas Neues entgegenzusetzen. Erwerbsarbeit ist nicht das ganze Leben, es ist falsch, alles und jedes unter dem Leitbild des »homo oeconomicus« zu betrachten.
Beide sprechen von einer anzustrebenden Drittelung bzw. Viertelung der Zeit. Die Erwerbsarbeit soll nicht das Mass aller Dinge sein. Haug spricht von vier Teilen: Erwerbsarbeit, Reproduktionsarbeit (Haus- und Familienarbeit), kulturelle Arbeit (Entfaltung aller individuellen Möglichkeiten) und politische Arbeit. Bergmann spricht von den drei Teilen: Erwerbsarbeit, High-Tech-Eigenproduktion (Produktion sinnvoller Güter durch moderne Technik) und Arbeit, die ich wirklich, wirklich will, er macht aber immer wieder auch deutlich, dass die Neue Arbeit kein individuelles Programm ist, sondern auch für den politischen Raum gilt. Insofern sind Haugg und Bergmann ganz nach beieinander. Dies ist einfach, klar und eingängig, hilfreich für die Diskussion und die eigene Reflexion.

II. Unterschiede

Bergmann Ausgangspunkt sind die zerstörerischen Auswirkungen unseres neoliberalen Wirtschaftssystems, Haug geht von der grundlegende doppelte Herrschaftsstruktur Kapital/Arbeiter bzw. Mann/Frau aus. Das Geschlechterverhältnis bzw. die Geschlechterverhältnisse spielen bei Bergmann keine zentrale Rolle, die Männer/Frauen-Thematik wird von ihm nirgends durchgängig reflektiert.
Bergmann fragt nach der Rolle der Motivation in all dem, was ich tue: Wie kann ich ein lebendiges, selbstbestimmtes Leben in Freiheit führen. Haugg fragt dagegen nach der Rolle der Unterdrückung in all unseren Lebensbezügen. Auf eine vereinfachte Formel gebracht: Haugs Interesse gilt der Aufdeckung der Widersprüchlichkeiten in unserer Gesellschaft – Bergmann sucht nach der Heilung des Widerspruchs, dass Menschen sehr häufig unter entfremdeter, langweiliger, sinnloser Arbeit leiden und ihr Leben so nicht leben.
Beide kommen von einer Utopie her. Bergmann lässt sich leiten von der Vision einer globalen Welt, in der alle Menschen einer Arbeit nachgehen, die sie wirklich wirklich wollen (und die so zu einem erfüllten Leben auch in der Gemeinschaft führt) – Haug lässt sich von der Hoffnung auf einen neuen, anderen Gesellschaftsvertrag leiten, in denen die Geschlechterverhältnisse und das Verhältnis Arbeit/Kapital anders geregelt sind:

»Es geht um eine Neubestimmung und daran anschließende Verteilung gesellschaftlicher notwendiger Arbeit, in welche die Frauentätigkeiten selbstverständlich einbezogen sind. Es geht um eine Unterordnung der warenproduzierenden und konsumierenden Bereiche unter die der Organisation, der Pflege und des Schutzes von Leben im umfassenden Sinn.« (Die Vier-in-einem-Perspektive, S. 187)

Der »Übergang« zwischen heute und morgen, zwischen Gegenwart und Utopie ist bei Bergmann im Sinne einer Art Bekehrung verstanden, Haug hält sich hier eher bedeckt und verweist auf die Mühen der politischen Arbeit.
Im Kern ist leicht erkennbar, dass Bergmann von Hause aus Philosoph ist, Haug dagegen Soziologin. Ersterer vertritt einen anthropologischen, letztere einen sozialen Ansatz. Bei Bergmann steht das Individuum im Fokus, bei Haug die Gesellschaft.
Auch dieser letztgenannte Unterschied hat zunächst eine Gemeinsamkeit: Beide Ansätze sind aus der Praxis heraus entwickelt worden. Bergmann hat dafür eines Tages den universitären Kontext verlassen und reist seither als »Botschafter« der Neuen Arbeit buchstäblich durch die Welt. Haug, so mein Eindruck, verbleibt vornehmlich innerhalb des universitären Bereichs und damit zugleich im mitteleuropäischen politischen Raum aktiv.

Auch in der Rolle des technischen Fortschritts, mit dem beide sich auseinandersetzen, gibt es Unterschiede: Bergmann setzt große Hoffnungen z.B. auf den »personal fabricator«, mit dem die High-Tech-Eigenproduktion befördert und Unabhängigkeit von Großkonzernen erreicht werden soll; Haug meldet aufgrund empirischer Studienprojekte Ende der achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts im Bereich der sich entwickelnden Computertechnik eher vorsichtige Skepsis an. »Aktuell« sind beide nicht, die rasant fortschreitende digitale Vernetzung mit ihren Möglichkeiten spielen bei Haug keine Rolle mehr, bei Bergmann bisher nur am Rand. Dies ist sicher auch dem Alter geschuldet: Haug ist ca. zwanzig Jahre älter als Bergmann.

Beide messen der politischen Arbeit Bedeutung zu, allerdings wird das bei Bergmann nicht spezifisch ausgeführt. Er setzt seine Hoffnung auf Veränderung durch die Individuen, die sich von der Neuen Arbeit und ihrer Philosophie anstecken lassen und die Hoffnung auf ein Leben, das unabhängiger von den Großkonzernen, den internationalen Finanzmärkten ist. Er plädiert für eine Veränderung durch viele kleine Schritte, angesichts konkreter Projekte und Beobachtungen in den Ländern des Südens bewegt ihn die drängende Frage, wie die Menschheit (über-)leben kann. Die wissenschaftliche Anschlussfähigkeit ist eher gering, manches ist holzschnittartig formuliert. Bergmann zeigt wenig Interesse am wissenschaftlichen Diskurs, es gibt kaum aktuelle und neuere Texte. Bergmanns Stärke (so habe ich ihn kennengelernt) liegt im persönlichen Gespräch, im Vortrag, in der Diskussion mit einer Gruppe. Hier gelingt es ihm immer wieder sehr gut, leidenschaftlich zu vertreten, wofür er streitet.
Haugs politische Arbeit mündete in den letzten Jahren in der Entwicklung und Verbreitung der Vier-in-einem-Perspektive. Sie bemüht sich viel stärker als Bergmann um Anschlussfähigkeit (das zeigt sich zB in ihrer Auseinandersetzung um das bedingungslose Grundeinkommen), bleibt aber »blasser«, es ist manchmal nicht ganz so einfach, in wenigen Sätzen zu formulieren, was sie unter der Vier-in-einem-Perspektive konkret versteht. Zumindest ist dies mein Eindruck, das kann aber auch daran liegen, dass ich mich bislang noch lange nicht so intensiv mit ihrem Ansatz auseinandergesetzt habe wie mit der »Neuen Arbeit«.

Infos zur „Vier-in-einem-Perspektive“:  Die Vier-in-einem-Perspektive und das bedingungslose Grundeinkommen

Infos zur „Neuen Arbeit, neuen Kultur“:  Neue Arbeit, neue Kultur

Ein Gedanke zu “Frigga Haug (Die Vier-in-einem-Perspektive) und Frithjof Bergmann (Neue Arbeit, neue Kultur)

  1. Pingback: Arbeit ein gesundes Maß geben – in Kirche und Diakonie | matthias jung

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