FuckUp Night – oder auch: Vom Umgang mit unternehmerischem Scheitern

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Fuck up – das heißt so viel wie verbocken, vermasseln, Mist bauen. Man könnte auch sagen: scheitern.
Unter der Überschrift „FuckUp Nights“ breitet sich ein Veranstaltungsformat aus, in dem Menschen von ihrem unternehmerischen Scheitern erzählen. Am Donnerstag (12.02.) fand die erste FuckUp Night in Hannover statt und ich war dabei.

160 Personen hatten sich im Freizeitheim Linden eingefunden, die meisten noch keine dreißig Jahre alt. Zwei Männer und eine Frau trugen kurze Berichte vor, die sich auf sehr unterschiedliche Misserfolgsgeschichten bezogen. Einer scheiterte vor allem an sich plötzlich ändernden gesetzlichen Rahmenbedingungen, die andere durch unüberlegtes Vorgehen. Das ganze lief in einer heiteren, oft humorvollen Art und Weise ab. Nach jeder Kurzpräsentation konnten Fragen gestellt werden. Nach knapp siebzig Minuten löste sich die Versammlung wieder auf, es gab weitere Gespräche im Gang und an der Theke. Meine Frau Christine und ich zogen mit Sandra Bils und Maria Hermann (Kirchehochzwei) in eine Kneipe mit dem passenden Namen „Debakel“ und diskutierten noch eine ganze Weile übers Scheitern.

Denn meine Frau und ich waren bereits im Rheinland intensiv an der Thematik des unternehmerischen Scheiterns dran. Ausgehend von der Frage eines Insolvenzanwalts, was denn Kirche an seelsorgerichen Angeboten für Menschen vorhält, die unternehmerisch gescheitert sind, gründete sich die sogenannte „INSO-AG“ und führte 2012-14 bislang drei Tagungen in der Akademie Rheinland in Bad Godesberg durch. Die Erfahrungen, die wir dort gesammelt haben, möchten wir nun gerne in unserer „neuen“ Landeskirche auch einbringen. Denn Scheitern ist ein Thema, das ganz viele Menschen in sehr unterschiedlicher Art und Weise beschäftigt und mit dem höchst verschieden umgegangen wird. Daher waren wir am Donnerstag bei der Fuck Up Night.

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Dort fiel mir ein Aspekt sehr stark ins Auge, der auch bereits im Rheinland zutage trat: Offenbar gehen jüngere Menschen anders mit Scheitern um als ältere. Es mag Zufall gewesen sein, aber die drei Gesprächspartner hatten alle Startups in den Sand gesetzt, aber nirgends war etwas davon zu hören oder zu spüren, dass dies zu ähnlichen tiefgreifenden Lebenskrisen führte, von denen Menschen über 35, 40 erzählen. Insbesondere dort, wo die eigene Familie finanziell mit in den Abgrund gerissen wird oder Verantwortung für Arbeitsplätze bei den unternehmerisch Gescheiterten vorhanden war, wird oft von schweren psychischen, manchmal auch körperlichen Belastungen berichtet.

Dennoch scheint es darüber hinaus so zu sein, dass in der jüngeren Generation anders übers Scheitern nachgedacht wird als unter uns Älteren. In meiner Generation kann zumindest für Deutschland gesagt werden, dass Scheitern zumeist persönlich genommen wird. Wer scheitert, gibt sich selbst die Schuld, auch wenn die Gründe häufig objektiv an ganz anderer Stelle liegen. Ähnliche Tendenzen beobachteten wir auch in Gesprächen mit einigen jüngeren Teilnehmer/-innen der Tagungen in Bad Godesberg.

Daher ist das Format FuckUp Night vielleicht gut geeignet, zum einen eher jüngere Menschen zum Austausch über ihre Misserfolge einzuladen. Zum anderen aber besteht für die ältere Generation hier in der Begegnung mit Jüngeren die Chance, eigenen unbewusste Vorstellungen übers Scheitern auf die Spur zu kommen und diese zu überdenken. Mal schauen, wie sich das entwickelt und wo sich Anküpfungspunkte in meiner Tätigkeit im KDA in den nächsten Monaten ergeben.

Link zur Website der FuckUp Night Hannover:
http://fuckupnights.com/hannover/

Auch an der vierten FuckUp Night habe ich im März 2016 teilgenommen. Darüber hat meine Frau gebloggt:
Ist unternehmerisches Scheitern geil?

Frühere Texte von mir zum Thema Scheitern:

Bericht über die Akademietagung 2013:
Angst frisst Seele auf

Interview mit mir zur Tagung 2013 im Bonner Generalanzeiger:
Interview mit Pfarrer Matthias Jung

Mein Text zur Eröffnung der Tagung 2014:
Scheitern ist nicht das Ende

Andacht im Pfarrkonvent – Scheiternde Pfarrer/-innen:
Scheiternde Pfarrer/-innen

Theologische Überlegungen:
Scheitern – mitleiden – klagen

(Textgleich parallel veröffentlicht auf: https://kda-osnabrueck.wir-e.de/)

3 Gedanken zu “FuckUp Night – oder auch: Vom Umgang mit unternehmerischem Scheitern

  1. Pingback: Presseschau FuckUp Night Hannover | FuckUp Nights

  2. Pingback: Social Franchising vs. Startup-Kultur | Pastorsandy

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