39 Grad in Katerini

Es ist 16 Uhr, das Thermometer zeigt 39,5 Grad. Ich bin mit vier Frauen und Männern aus der Ev. Jugend Hannover nach 2020 ein zweites Mal in Katerini bei Kapnikos Stathmos, einem bürgerschaftlichen Projekt. Die jungen Leute engagieren sich zB in der Sozialen Apotheke, kontrollieren den Medikamentenbestand. Mehr zu Kapnikos und dem Workcamp findet sich auf dieser Website: http://kikaf.spt20.de/

Ich bin mit der Gruppe am Sonntag nach Thessaloniki geflogen, weil ich im Rahmen meiner dreimonatigen Studienzeit vor Ort der Frage nachgehen möchte, ob und was „wir“ in Deutschland von dieser „nichtmonetären Kreislaufwirtschaft“ lernen können im Blick auf Klimaanpassungsstrategien, Transformationsbemühungen, Neuausrichtungen unserer Wirtschaft und Gesellschaft – kurz: Ich darf mich drei Monate mit der Idee einer „Zirkulären Gesellschaft“ befassen (danke, liebe Landeskirche Hannovers!)

Die erste Lernerfahrung ist aber diese ungeheure Hitze, unter der Griechenland, die Türkei und Italien gerade stöhnen. Ich habe meines Wissens noch nie 40 Grad erlebt, gestern war es so weit und heute stehen wir knapp davor. Anders als im Vorjahr gibt es eine komplette Pause zwischen 14 und 18 Uhr. Gehe ich in dieser Zeit aus dem – Gott sei Dank! – klimatisierten Arbeitsraum hinaus, ist die Sonne wie ein Keulenschlag. Der Weg zum WC oder zum Kühlschrank mit Wasser treibt schon den Puls hinauf, länger in der Sonne aufhalten, ich glaube, in einer Viertelstunde wäre ich am Ende.

Natürlich habe ich schon von solchen Erfahrungen gehört, aber selbst die Griech:innen hier vor Ort sprechen mit Respekt und Sorge, vielleicht auch Angst von der jetzigen Hitzewelle. Anders als vor Jahren, als mehrere tausend Menschen starben, gibt es nun viel mehr Klimaanlagen und die Kommunen richten Kälteräume ein. Zugleich lesen wir davon, dass die Energiewirtschaft in Alarmbereitschaft ist.

Ich bin hier, um über künftige Wirtschafts- und Gesellschaftsmodelle nachzudenken. Auf dem Papier in kühlen Räumen in Hannover hört sich das mit der Klimakrise schnell abstrakt an, wenn es heißt, irgendwann wird es in Hannover so warm wie in Barcelona sein. Die Prognosen für Griechenland sprechen von 4 – 6 Grad mehr im Schnitt, das hieße dann vermutlich, jeden Sommer wird es mindestens so heiß wie jetzt gerade, also im Durchschnitt. (Siehe zB hier: Klimaprojektionen Mittelmeerraum)

Und ich frage mich, wer kann dann hier noch (über-)leben? Und wo sollen die Nachkommen der heutigen Griech:innen dann hin? Und all diejenigen, die noch kommen werden und an den Grenzen Europas stehen und anklopfen werden? Die Unfähigkeit Europas, schon jetzt kein gemeinsames Konzept für die sogenannte „Flüchtlingskrise“ zu finden, wird sich wohl noch rächen.

Zugleich wird mir damit klar: Wenn ich über so etwas wie eine zirkuläre Gesellschaft nachdenke, dann geht das nur, indem die Räume jenseits der eigenen Gesellschaft mitbedacht werden, zunächst Europa und dann weiter. Eine Gesellschaft, die sich an die Klimakrise anpassen möchte, muss damit rechnen, dass es höchst ungemütlich wird. (Und wenn „wir“ nicht darüber nachdenken, wird es vermutlich noch viel ungemütlicher…) Die Hochwasserkatastrophe in Rheinlandpfalz und NRW vor drei Wochen hat vielen brutal erneut die Augen geöffnet, dass die Klimakrise mit Macht auch in Deutschland ihre Spuren hinterlässt und hinterlassen wird. Aber wir sind verbunden und verwoben, die Hitze im Süden und die Fluten im Norden sind eine Chance, dies wahr- und ernstzunehmen und ins Fühlen, Denken und Handeln einzubeziehen. Zirkuläre Gesellschaft jenseits des linearen Wachstumspfades der letzten Jahrzehnte, das klingt schön und hoffnungsvoll, die Gefahr sehe ich darin, dass hier – unbewusst und unabsichtlich – zu schnell romantisiert wird. Jetzt grade bin ich dankbar, dass die Klimaanlage läuft, die Hitze ist nur wenige Meter entfernt. Aber ich hoffe, dass die Erinnerung an diese Tage sich buchstäblich tief in mein Gedächtnis „einbrennt“, wenn ich künftig über die Klimakrise und so weiter nachdenke, schreibe und rede.

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