Irritierende Leichtigkeit.

Gefühle und Gedanken um meinem sechzigsten Geburtstag herum

Vor einigen Tagen wurde ich sechzig und war irritiert. Anders als erwartet war da kein Gefühl von Wehmut und Trauer, dass ich nun schon so alt bin. Ganz im Gegenteil, mich durchzog eine heitere, befreite Leichtigkeit, die ich mir nicht erklären konnte.

Nach dem Geburtstag ging ich diesen Gefühlen nach. Schnell tauchte ein Bild auf: Ich habe eine Anhöhe erreicht, vor mir liegt eine sanft abfallende bunte und reiche Landschaft, in die ich entspannt hinein gleiten darf. Ich spürte, dieses Bild passt, aber wie? Angesichts der unaufhaltsam tickenden biologischen Uhr, angesichts all der Herausforderungen, vor denen „wir“ stehen? Just an meinem Geburtstag rückte die Klimakrise erneut ganz nah, sintflutartiger Regen überschwemmte Landstriche im Westen unseres Landes. Corona ist auch noch lange nicht bewältigt, und, und, und… Woher also diese heitere Leichtigkeit?

In Gedanken ging ich zehn Jahre zurück. Der fünfzigste Geburtstag war nicht nur überschattet über den Tod meiner Mutter. Seinerzeit war vieles unklar. Ich war fast mit meiner Dissertation fertig. Unsere drei Kinder waren weitgehend aus dem Haus und im Studium. Meine Frau und ich sehnten uns danach, nach über zwanzig Jahren noch einmal etwas anderes als den Niederrhein erleben zu können, aber die Versuche, die Pfarrstelle zu wechseln, waren in den Vorjahren bislang gescheitert. Was bringt die nächste Dekade? Was mache ich mit und nach dem Doktortitel? Bleiben wir bis zum Ruhestand in Voerde oder tut sich doch noch eine Tür auf?

Die ersten drei Jahre danach waren schwierig. Mit Abschluss der Dissertation intensivierte ich die Versuche, eine andere Stelle zu finden. Gleich der erste Versuch war fast erfolgreich, im Sommer 2012 scheiterte ich haarscharf, nach Teltow bei Berlin ins dortige Diakonissenhaus wechseln zu können. Das hat uns damals sehr getroffen, zumal alle weiteren Versuche erfolglos blieben – bis 2014.

Dann konnten wir nach Osnabrück ziehen und drei Jahre später nach Hannover. Hauptamtlich im KDA wirken zu können, war eine faszinierende Chance. Zunächst im westlichen Niedersachsen und dann als Landessozialpfarrer und Fachbereichsleiter in diesem quirligen, unruhigen, kreativen Haus kirchlicher Dienste der hannoverschen Landeskirche.

Nach fünf Jahren bin ich hier mittlerweile angekommen, wie es so schön heißt. Und ich muss nichts mehr erreichen im beruflichen Leben, die sogenannte Karriere neigt sich dem Ende zu. Das löst schon einen Hauch von Narrenfreiheit aus, reicht aber nicht, um die irritierende Leichtigkeit zu erklären. Müsste nicht angesichts der düsteren Perspektiven nicht erst recht Trauer und Pessimismus angesagt sein? Meine besten Jahre sind doch wohl vorbei, ob es nun immer heißer wird, Reisen teurer, Wasser knapper und so weiter. Im September werde ich Großvater und mich beschäftigt schon die Frage, wie das Leben meines Enkels verlaufen könnte, der zunächst einmal gute Chancen hat, das 22. Jahrhundert zu erreichen – doch wird er auch gut leben können, so wie ich lange Zeit? Also, woher kommt dieses Gefühl, künftig heiter und entspannt surfen zu können, in einer Landschaft oder über eine Landschaft, wie die Gleitschirmflieger:innen im Bild?

Ist es vielleicht die Perspektive, dass immer mehr Klimaexpert:innen sagen, naja, bis 2040, 2050 werden die Auswirkungen noch nicht ganz so rasant sichtbar und spürbar werden, erst danach wird es erst richtig ungemütlich, wenn die Weltgemeinschaft das mit dem 2-Grad-Ziel nicht schafft? Ich gestehe, das erleichtert mich schon ein wenig, 2051 wäre ich neunzig und dann ist wohl wirklich endgültig irgendwann Schluss mit mir – und ich schäme mich zugleich für den Gedanken. Andererseits beschäftigt mich dieser Horizont und die Zukunft meiner, unserer Welt Tag für Tag und ich suche weiter nach Fäden, die ich sinnvoll in gute und nachhaltige Muster einweben kann, und die Initiative „Für unsere Enkel“ bekommt mittlerweile ein persönliches Gesicht.

Doch das erklärt erst recht nicht meine Irritation. Ich spüre also weiter diesem Bild in mir nach. Während einer Laufrunde taucht mit einmal mal noch ein anderes Gefühl auf: Die Zukunft macht mir keine Angst mehr. Okay, Überraschung, wie kommt das denn?

Es gab in meinem Leben ein von mir selbst geschriebenes Gesetz: Sechzig musst du werden, alles drunter wäre nicht nur schade, nein, und nicht nur vergeblich, sondern auch irgendwie (d)ein Versagen. Ich weiß, das klingt etwas spinnert, aber mit solchen Glaubenssätzen oder Skripts, wie ich im Anschluss an Eric Berne lieber sage, ist das ja so eine Sache, mit Vernunft allein komme ich da nicht weit. Es gab lange ein Skript meiner Eltern in mir, das lautete: Studiere, egal was, und dann ist es gut. Dahinter steckte der Gedanke, Ihr sollt es einmal besser haben als wir, und das bezog sich eben vor allem auf die Möglichkeit zu studieren, was meine Eltern nicht konnten in den Nachkriegsjahren. Ich weiß noch, der Abschluss von Studium und Vikariat und die Stelle in Voerde lösten seinerzeit ein ähnliches Gefühl der Erleichterung aus – du hast es geschafft, nun bist du frei! Freiwillig und gerne habe ich dann später noch ein paar Schippen drauf gelegt mit Zweitstudium und Dissertation.

Und nun, mehr als dreißig Jahre später sitze ich auf diesem Hügel, noch schweißgebadet, schaue in die lichtdurchflutete Landschaft vor mir, der Wind streift um meine Beine, die Wiese duftet nach Bergwiesenheu, die Sonne wärmt mein Gesicht. Ich bin da und angekommen, frei von mir selbst und der Rest ist pure Leichtigkeit. Es klingt verrückt, oder?

Irgendwann werde ich mich noch mal fragen, wie und warum ich mir diese Vorgabe mit den sechzig Jahren gegeben habe, aber jetzt grade nicht, ich will lieber die heitere Leichtigkeit eine Weile genießen.

2 Kommentare

  1. federfluesterin

    Man muss einfach nichts mehr, man könnte, aber man muss eben nicht mehr. Erst dann, wenn man nicht mehr (innerlich) so getrieben ist, ist das Leben leicht.
    Aber, das mit der Klimakatastrophe und dass sie sich für einen persönlich nicht mehr sooo auswirkt, habe ich auch mal gedacht – und saß dann urplötzlich als gebürtige, Rheinhochwassererprobte ausgerechnet mitten auf einem Berg im Bergischen Land in der Flutkatastrophe mit 15 Stunden Stromausfall…. (Ist aber alles letztlich für mich glimpflich abgelaufen, andere sind es , die schwer getroffen wurden.)

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  2. Xeniana

    Ich hab irgendwo Mal gelesen dass der fünfzigsten sehr viel schwieriger ist, jedensfalls in der Weiblichen Hemisphäre als der 60.
    Mit 50 hängt man irgendwie dazwischen. Die nächste Dekade ist noch nicht erreicht, mit 60 aber schon.

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