Was für eine Vermessenheit zu glauben, ich hätte einen Anspruch darauf, dass mein Tun Wirkung erzeugt.

Gedanken von und zu Kübra Gümüşay zu Beginn der Mitgliederversammlung des Verbands Kirche-Wirtschaft-Arbeitswelt (KWA) am 6. März in Hannover

Liebe Delegierte,
am letzten Sonntag höre ich auf einer Laufrunde am Maschsee einen Podcast.
Matze Hielscher betreibt im Netz das „Hotel Matze“.
Er spricht dort (Zitat): „regelmäßig mit schlauen, smarten und spannenden Menschen und versucht mehr über sie zu erfahren. Sie sprechen über ihre Geschichte, über Erfolge und Misserfolge, über Einflüsse und Entscheidungen.“

Zuletzt hat er Kübra Gümüşay getroffen.
Sie hat gerade das faszinierende Buch „Sprache und Sein“ geschrieben.
Im Podcast spricht Kübra Gümüşay an einer Stelle über die Wut, die sie jahrelang empfand:

„Ich mache das schon so lange, setze mich für eine bessere Welt ein.
Warum passiert so wenig, wo ich doch so viel tue?
Und warum packen die anderen nicht mit an?
Warum wird es einfach nicht besser in der Welt?‘
Ich war frustriert.
Und wütend.“

Eines Tages trifft sie sich mit einer Freundin.
Sie kotzt sich mal so richtig aus .
Hofft, dass die Freundin ihr Recht gibt.
Doch die meint zu ihr:
„Kübra, dir mangelt es an Demut.“


Völlig empört antwortet Kübra:
„Was? Bei allem, was ich getan habe, fehlt es mir an Demut?!“
Und doch weiß sie schon während sie spricht, ihre Freundin hat recht:

„Was für eine Vermessenheit zu glauben:
Nur weil ich so viel für die Welt tue, hätte ich einen Anspruch darauf, dass mein Tun Wirkung erzeugt.
Es ist schon meine Verantwortung zu tun, was mir möglich ist.
Aber dass es funktioniert, das liegt nicht in meiner Hand.
Die Erwartungshaltung:
Das, was ich tue, muss funktionieren, die ist vermessen.
Diese Haltung ist ein eklatanter Mangel an Demut.
Als ich das realisiert hatte, ist die Wut verflogen.“

Wow, denke ich beim Traben, was für eine Erfahrung.
Doch mir bleibt keine Zeit, Luft zu holen, es geht schon weiter:

„Ich tue heute, was ich kann.
Ich versuche auch andere zu bewegen etwas zu bewegen.
Aber ich weiß jetzt, dass ich keinen Anspruch auf Wirkung habe.
Das ist der Moment, wo du soviel Glück darüber empfinden kannst, dass du etwas beisteuern kannst.
Ob es wirkt oder nicht, das kannst du nicht kontrollieren.
Aber du kannst Freude darüber empfinden, weil du etwas in die Gesellschaft geben kannst.
Etwas, das Wirkung erzielen kann und hoffentlich erzielt.
Und das ist eine so schöne Freude – die ich mir abgewöhnt hatte.“

Kübra Gümüşay sieht, dass es vielen Menschen so geht wie ihr lange Zeit.
Sie glauben angesichts des unendlichen Leids in der Welt, in unserem Land, in unserer direkten Nachbarschaft, keine Freude empfinden zu dürfen.
Sie glauben in ihrem Weltschmerz nicht glücklich sein zu dürfen.
Aber es ist so wichtig, Freude über das zu empfinden, was gut ist.
Denn, und dann zitiert sie einen Satz von James Gilbert:
„To make injustice the only measure of our attention is to praise the Devil.“
Auf deutsch so viel wie:
„Die Ungerechtigkeit zum einzigen Maß unserer Aufmerksamkeit zu machen ist nichts anderes als den Teufel zu preisen.“

Eins noch, bevor ich den Gedankengang von Kübra Gümüşay verlasse:
Besonders aufgefallen und bewegt hat mich der Tonfall, in dem sie spricht.
Klar.
Zugewandt.
Locker.
Mit Freude im Herzen.
Da ist nichts von diesem moralischen:
„Man müsste doch…!“
Da ist nichts von diesem zornigtraurigen:
„Die Welt ist so furchtbar schlecht und deswegen…!“
Da ist nichts von diesem weltschmerzartigen:
„O Gott, wie soll das alles nur weitergehen…!“
Aber da ist viel von fröhlichem Engagement.
Von kraftvoller Hoffnung, dass mein Tun doch etwas bewirkt.
Ob ich es nun sehen darf oder nicht.
In ihrer Stimme ist viel von Glaube.
Und von Zuversicht.
Ich spüre die Freude, die sie ermutigt, und, ja – glücklich macht.
Trotz allem und in allem.

Ich höre diese Passage am Maschsee.
Während ich laufe und lausche, fallen mir Worte von Martin Luther ein.
Sie klingen ganz ähnlich.
Auch in ihnen geht es um Glauben:

„Der innerliche Mensch ist mit Gott eins, fröhlich und lustig um Christus willen, der ihm so viel getan hat, und all seine Lust besteht darin, dass er seinerseits Gott auch umsonst in freier Liebe dienen möchte. (…)
Die Werke sind nicht das rechte Gut, durch das der Mensch vor Gott rechtschaffen und gerecht ist; sondern er tue sie umsonst aus freier Liebe, um Gott zu gefallen. (…)
Denn ebenso wie unser Nächster Not leidet und unseres Überflusses bedarf, haben wir vor Gott Not gelitten und seiner Gnade bedurft. Darum sollen wir so, wie uns Gott durch Christus umsonst geholfen hat, mit dem Leib und seinen Werken dem Nächsten helfen.“
(Von der Freiheit eines Christenmenschen, Abschnitte 20, 21 und 27)

Fröhlich und lustig sein um Christi willen.
Traue ich mich oft nicht.
Weil doch die Welt so schlecht ist.
Oder nur mit schlechtem Gewissen.
Oder eben mit Wut.
Luther würde dazu sagen:
Das ist schon die Sünde.
Kübra Gümüşay sagt mit James Gilbert:
Schaust du nur auf die Probleme, dann dienst du dem Teufel.
Und die Wut nimmt in dir Raum.

Liebe Delegierte,
gleich gehen wir in unseren Workshop.
Wir werden uns dann mit Strategien und Zielen und Möglichkeiten beschäftigen.
Ich hoffe für mich und für uns uns, dass wir dort nicht auf das starren, was nicht geht oder zukünftig nicht mehr geht.
Das lähmt und macht schlechte Laune.
Ich hoffe für mich und für uns, dass wir auf das schauen, was wir haben und können.
Und darauf vertrauen, dass wir Wirkung erzielen – wann und wo der Geist Gottes es will.
Der weht nun mal, wo er will (Johannes 3,8).
Und lässt sich nicht messen und planen und kontrollieren.
Oder in Zielvereinbarungen pressen.
Deswegen tut auch mir Demut gut.
Und paradoxerweise zaubert gerade sie ein Lächeln auf mein Gesicht.
Ich wünsche uns einen fröhlichen und lustigen Nachmittag.
Um Christi willen.
Amen.


Hier könnt ihr das Gespräch mit Kübra Gümüşay direkt hören:

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