Wandelpunkt 48/2019: Vom Rad auf die Füße

Die folgenden Gedanken sind persönliche Überlegungen, kein Plädoyer gegen das Radfahren oder für das Laufen. Sie entstanden heute früh auf einer Laufrunde, während ich darüber nachdachte, welchen Wandelpunkt ich heute in unserem Instagram-Projekt beschreiben könnte.

Ich laufe jetzt seit etwas mehr als zwei Jahren, nachdem ich davor fünfundzwanzig Jahre mein Sport darin bestand, sehr viel Rad zu fahren. Bewegung habe ich immer als Ausgleich und Anregung gleichermaßen gebraucht. Mittlerweile stelle ich mehr und mehr fest, dass das Laufen für  mich viel besser in die Gegenwart passt.

Ich habe das Radfahren immer sehr geschätzt. Ziel war es, Jahr für Jahr einige Zeit in die Berge zu fahren und die Pässe in den Alpen abzuklappern. Dafür war regelmäßiges Training notwendig. Also stieg ich in der Regel im Januar dick eingepackt auf mein Rad und los ging es. Ich habe in diesen Jahren viel gelernt über meine körperliche Leistungsfähigkeit, den Zusammenhang zwischen Disziplin und Erfolg, das längerfristige Verfolgen eines Zieles. Ich stand auf einer Vielzahl von Passhöhen und ich habe mich nicht nur dort wohl gefühlt in meinem Körper. Ich genoss es, die Jahreszeiten zu erleben, Wind, Sonne, Regen, Kälte, Hitze…

Heute wird mir mehr und mehr bewusst, dass es dennoch für mich ein statisches Erleben war. Ich saß auf dem Rad und strampelte vor mich hin. Körperlich bewegten sich weitgehend meine Beine. Beim Laufen ist das anders. Der ganze Körper wird nach und nach einbezogen. Längere Strecken führen zu Muskelkater in den Schultern. Die mit der Zeit kräftigeren Schultern führen zu längeren oder schnelleren Läufen und zeigen an, dass die Sehnen in den Beinen ungleich ausgeprägt sind und so weiter und so fort. Ich wäre nie beim Radfahren darauf gekommen, spezielles Training für die Rumpfmuskulatur zu machen, aber das grausam schmerzhafte „Läuferknie“ beim Halbmarathon in Dortmund im Oktober hat mir deutlich gemacht: Entweder machst du das jetzt oder du kommst nicht weiter.

Dabei ist mein Ziel nicht immer schneller zu werden, sondern runder zu laufen. Ich bin vom Rad auf das Laufen umgestiegen, weil regelmäßige Radrunden in meinen heutigen Alltag nicht zu integrieren sind. Ich merke aber anders als beim Radfahren von Anfang an, dass sich allmählich mein ganzes Körpergefühl verändert. Die Haltung wird aufrechter und zentrierter, die Hände sind locker und nicht mehr verkrampft. Ich spüre den Zusammenhang zwischen Herzfrequenz und Geschwindigkeit und so weiter. Das ist sehr reflexiv, ich bin überrascht, wie sich das Laufen in mein Leben, Fühlen und Denken integriert, einwebt.

Und ich erlebe, wie innen und außen erneut bei mir in Beziehung stehen. Es ist immer auch noch Disziplin, Ausdauer und die Ausrichtung auf Ziele, heute eben einen Halbmarathon oder andere Läufe. Aber es ist viel mehr Bewegung im System. Die verschiedenen Körperteile spielen anders zusammen und müssen das auch. Es ist ein aufmerksames Hinspüren, was geht und was nicht, was zu wenig ist oder zu viel. Das passt zu den verrückten Zeiten, in denen wir uns befinden. Lineare Zielorientierung hilft kaum noch, die Herausforderungen der sozial-ökonomischen Transformation sind nicht durch einen abzuarbeitenden „Masterplan“ zu bewältigen. Diese Erfahrung beim Laufen wirkt zurück auf meine Beschäftigung mit den verzwickten Fragen, die Klimakrise und Co. stellen.  Seinerzeit hat das disziplinierte Rad-Training große Auswirkung auf meine Arbeitseinstellungen gehabt, heute sehe ich, dass dies für das Lauftraining erneut und zugleich ganz anders gilt. 

Ich sage nicht, dass alle jetzt Laufschuhe kaufen sollen. Für mich passt das wunderbar zusammen. Laufen ist Teil meiner Reflexion, meiner Arbeit, meiner persönlichen Suche nach Wegen und Wandelpunkten. 

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