„Die Privatisierungen haben viele positive Effekte“ – Tag 2 der Studienreise nach Thessaloniki

Vormittags Stadtführung zu deutschen Spuren in Thessaloniki. Unser Guide Vasilis Nanis vom Goethe-Institut zieht mit uns fast drei Stunden durch die Stadt. Überraschend viele Spuren haben Deutsche über die Jahrhunderte hier hinterlassen. Natürlich spielt die Zeit während des Zweiten Weltkriegs eine besondere Rolle, aber es gibt noch viel mehr zu entdecken. Tragisch finde ich, dass nach dem Krieg die einst multikulturell und -religiös geprägte Stadtgesellschaft (Christen, Juden, Muslime) faktisch als Monokultur weiter existiert.

Am frühen Nachmittag treffen wir Matthias Hoffmann und Giorgos Theodorakis von der Deutsch-Griechischen Industrie- und Handelskammer. Das – leider viel zu kurze – Gespräch macht mir wieder deutlich, wie wichtig direkte Kontakte sind, Gespräche mit Menschen vor Ort. Natürlich ist die wirtschaftliche Lage nach wie vor nicht gut und die Auflagen der EU behindern Investitionen im Land. Junge Menschen gehen aus dem Land und kommen nicht wieder. Die Jugendarbeitslosigkeit ist nach wie vor riesig, die Wirtschaft wächst ein wenig – aber auf dem Hintergrund, dass sie in der Krise um 30% eingebrochen ist. Da ist nicht neu. Interessant ist, wo sich etwas tut. Griechische Softwareexpert*innen sind deutschen Unternehmen willkommen, da in Deutschland hier bereit massiver Fachkräftemangel herrscht. Die Anfragen deutscher Unternehmen an die Kammer haben erheblich zugenommen. Hoffmann und Theodorakis nennen einige solcher Hoffnungsschimmer, ohne die – häufig bürokratischen – Hürden auszublenden.

Ich nenne nur ein Beispiel, weil es bei uns Erstaunen ausgelöst hat: „Wir sehen die Privatisierungen von Flughafen und Hafen positiv.“ Natürlich sagt auch Hoffmann, die Verkaufssumme ist viel zu niedrig gewesen. Aber es ändert sich etwas, und zwar alleine durch Veränderungen von Arbeitsabläufen – und das führt zu erheblichen Produktivitätssteigerungen. So findet der Schichtwechsel der Kranführer im Hafen nicht mehr oben auf dem Kran statt, sondern unten. Früher, so Hoffmann, wurde oben in der Kabine dann erst mal eine Weile gequatscht, unten stand der Betrieb still. Das ist jetzt anders.
Am Flughafen wird investiert, mir war sofort der Neubau eines Terminals aufgefallen, als wir gelandet waren. Teilnehmer*innen aus der Gruppe, die häufiger nach Thessaloniki fliegen, bestätigen auch, dass sich am Flughafen in den Abläufen vieles verbessert hat. An der These von Hoffmann ist also etwas dran. Trotzdem bleibt ein schaler Nachgeschmack, denn privatisiert ist privatisiert, die künftigen Erlöse gehen in andere Taschen. Aber es entstehen auch Arbeitsplätze. Offen bleibt die Frage, wo die staatlichen Beamten, die früher am Flughafen tätig waren, nun untergekommen sind. (Wobei klar ist: Alle hoheitlichen Tätigkeiten wie Fluglotsen usw. liegen nach wie vor in staatlicher Hand.)

Die beiden Herren sind gut nachgefragt, das merken wir nach gut einer Stunde, ihr nächster Gesprächspartner steht schon unten in der Hotellobby und scharrt mit den Füßen. Wir haben viele Anregungen bekommen, aber viele Fragen bleiben offen. Trotzdem: Ich bin Hoffmann vor vier Jahren bereits begegnet, da klang er eher pessimistisch, da hat sich etwas verändert. Da ist heute vorsichtiger Optimismus, der zum einen um die vielen Hindernisse weiß und zum anderen von einem sehr niedrigen Niveau ausgeht.

Abends wird es dann noch einmal richtig spannend. In Thessaloniki hat sich das erste Konsortium in dieser Art auf griechischem Boden gegründet, das eine Allianz zwischen Stadt und sozialwirtschaftlichen und sozialgenossenschaftlichen Unternehmen darstellt: „Ta Panta Re“, alles fließt. Gemeinsames Ziel ist es Abfallmengen zu reduzieren, Kreislaufwirtschaft zu fördern und Menschen den Gedanken von Mülltrennung, Repaircafes und Second-Hand-Kaufhäusern nahe zu bringen, um nur mal einige Stichworte zu nennen.

Leider ist auch hier viel zu wenig Zeit, um tiefer ins Detail zu gehen. Viele Fragen können nicht gestellt werden, aber wir tauschen Kontaktdaten aus, mal sehen, ob und was daraus wird. Beim anschließenden Abendessen diskutieren wir eine Weile über die Frage, wie Bewusstsein sich wandeln kann, welche Rolle Bildung darin besitzt, welche Hindernisse und blinden Flecke zu überwinden sind. Ich erinnere mich wieder an das schöne Bild von Uwe Schneidewind: „Es geht nicht darum, anderen zu sagen, was sie angeblich falsch machen. Leben Sie einfach, was Sie für sich als richtig und wichtig erkannt haben. So werden Muster neuen Verhaltens nach und nach gewebt, die andere wieder anstecken.“

 

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