Zwischen #fridaysforfuture und #fuerunsererenkel

In der letzten Woche sprach ich mit Petra Bahr, Landessuperintendentin im Sprengel Hannover, darüber, ob die evangelische Kirche aktiv zum Internationalen Schulstreik der Jugendbewegung #fridaysforfuture am 15. März aufrufen soll. Petra Bahr sagte:
„Wir sollten als Kirche die jungen Leute ihr Ding machen lassen und uns nicht einmischen. Aber hingehen können und sollten wir, wenn die Jugendlichen uns für den 15. März gezielt eingeladen haben.“

Ich fand dies nachvollziehbar. Wir kamen dann noch auf Ulrich Kasparick und sein Engagement „Für unsere Enkel“ zu sprechen. Ulrich versucht gezielt, (als Großvater) die Generation der Großeltern zum Kampf gegen die Klimakrise zu bewegen, indem er sie emotional bei ihren Enkeln zu packen versucht.

Nach dem Gespräch dachte ich: Was macht jetzt eigentlich meine Generation? Diejenigen, die „in den besten Jahren“ sind? Die Kinder sind aus dem Haus, Enkel noch keine da und bis zum Ende der Berufstätigkeit sind es auch noch zehn Jahre. Sind wir diejenigen, die sich sagen müssen, wir haben das in den letzten dreißig Jahren unterschätzt, nicht wahrhaben wollen oder was auch immer?

Ich fühle mich unwohl. Ich könnte natürlich mein Gewissen beruhigen. Du hast kein Auto mehr, Ökostrom ist selbstverständlich, der Einkauf im Bioladen auch. Und doch weiß ich: Es reicht nicht.

Sonntag früh auf meiner Laufrunde hörte ich ein Interview mit Luisa Neubauer, einer der deutschen „Gesichter“ von #fridaysforfuture. Vehement sprach sie sich für politische Lösungen und Entscheidungen aus, die zu treffen sind. Auf die Frage, ob nicht auch das persönliche Engagement wichtig und vielleicht zielführender ist, antwortete sie:
„Wenn ich morgens aufstehe und noch gar nichts getan habe, keinen Kaffee gekocht, nichts gegessen, im Sommer auch die Wohnung nicht geheizt – dann habe ich doch bereits mit meinem ökologischen Fußabdruck mehr CO2 verbraucht, als ich eigentlich darf, wenn wir die Klimaziele einhalten wollen. Warum? Weil unsere gesamte Infrastruktur so aufgebaut ist.“
Als ich vor ein paar Wochen so einen Fragebogen ausgefüllt hatte, war mir das auch aufgefallen, dass sich mein Rucksack ruckzuck füllte und mein eigener Handlungsspielraum eher klein ist. Da fühlte ich mich auch schon unwohl.

Plötzlich stand mir etwas vor Augen, als ich Luisa zuhörte. Meine Eltern haben mir und meinem Bruder immer wieder gesagt: Ihr sollt es mal besser haben als wir. Sie meinten damit nicht Geld und Konsum. Sondern: Es war ihnen wichtig, dass wir eine gute Ausbildung bekommen sollen und möglichst auch studieren. Das war etwas, das sie in ihren jungen Jahren im Nachkriegsdeutschland für sich nicht realisieren konnten. Wirtschaftlicher Aufschwung, den erlebten sie. Und dennoch hatten sie noch einen Traum für uns von einem besseren Leben.

Ich fragte mich: Habe ich so einen Wunsch an meine Kinder weitergegeben, von einem besseren Leben zu träumen und sich dafür einzusetzen, zu kämpfen? Selbstkritisch muss ich sagen: Eher nicht. Ja, es herrschte zumindest bei mir ein Unwohlsein vor, wenn ich an die Zukunft dachte. Dass die Zukunft „besser“ werden könnte, nein, das glaubte ich nicht wirklich. Immer noch mehr Konsum und Dinge? Hm. Aber weniger? Irgendwie wurde es doch immer mehr, alle Welt sprach vom Wachstum, ich auch. Wie eine Welt anders wachsen könnte, das konnte ich mir schwer vorstellen. Ich kannte natürlich entsprechende Initiativen und Personen, aber ich bin mir nicht sicher, ob ich wirklich daran geglaubt habe.

Von daher bin ich froh und dankbar für die jungen Menschen, die freitags die Schule schwänzen. Und für Großeltern, die grade ihre Macht entdecken (es gibt ja neuerdings auch die „Omas gegen rechts“, großartig).

Aber angenehm ist das nicht. Es macht mir auch ein schlechtes Gewissen, das Gefühl, zu lange zu wenig getan zu haben, mich vorschnell zufrieden zu geben. Aber Generationen vor uns waren bereit, für ihre Träume viel einzusetzen. Und jetzt sind wir dran. Es gilt den Traum von einem besseren Leben zu träumen. Und die Richtung zeigen mir diese Sätze von Harald Welzer aus seinem neuen Buch „Alles könnte anders sein“ an:

„‚Die fetten Jahre sind vorbei‘ könnte ja als frohe Botschaft verstanden werden, in einer Welt, in der mehr Menschen an Übergewicht als an Unterernährung leide, in der die Autos, die Schiffe, die Häuser immer fetter werden. Jetzt kommen leichtere, schlankere, sportlichere Zeiten.“ (49)

Und es fängt an. Ich habe gelesen von #parentsforfuture und mein Kollege Heiko Kuschel in Schweinfurt hat jetzt den Hashtag #churchforfuture in die Welt gesetzt. Die evangelische Kirche hat im letzten Jahr einen Text veröffentlicht unter der Überschrift: „Geliehen ist der Stern, auf dem wir leben“. Diese Denkschrift richtet sich an die Gesellschaft, klar, aber vor allem auch an die Kirche selbst: Tut was! Genauer: Tut mehr! Da kann ich anzuknüpfen. Im beruflichen Kontext, im privaten genauso.

Dazu gehört für mich dreierlei.

Einmal den Traum vom besseren Leben zu träumen, ihn vielleicht in Szenarien anschaulich zu machen, zuallererst für mich selbst, und (später) auch mit/für andere.

Zum zweiten zu schauen, was ich schon konkret mache, weil das immer auch ansteckend wirken kann. Das Projekt wandelpunkte.de ist so ein Versuch einer „Bilanz“, den meine Frau und ich uns in diesem Jahr vorgenommen haben.

Und zum dritten zu überlegen, wo noch mehr geht, im persönlichen genauso wie im politischen Bereich – und dabei bereit sein, auch an die schmerzhaften Punkte heranzugehen.

Der Titel der Denkschrift ist einem Lied aus dem Gesangbuch entnommen. Der Liedvers heißt vollständig:

„Die Erde ist des Herrn, geliehen ist der Stern, auf dem wir leben, drum sei zum Dienst bereit, gestundet ist die Zeit, die uns gegeben.“

Da steht alles drin.
Traum,
Verpflichtung,
Richtung,
Haltung.

2 Comments

  1. Fiedler

    Mir geht es so ähnlich. Als vor 30 Jahre Jute statt Plastik abebbte, als eigene Behälter für Lebensmittel im Laden aus hygienischen Gründen nicht mehr zulässig waren, als bei meinen Teenagern shopping zur sozialen Freizeitbeschäftigung wurde, habe ich nicht nachgefragt was die Folgen sind.
    Für mich gibt es nur einen Weg, konsequent die eigene Komfortzone verlassen, unerbittlich den eigenen Idealen von Rücksicht und Miteinander folgen und diese einfordern. Nicht mehr nehmen als ich meine zu benötigen, teilen wo ich kann, auch Wissen und Können.
    Gemüsegärten statt Vorgärten, Fahrgemeinschaften statt Individualverkehr, Querdenken, Neues wagen statt das Rentnerleben herbeizusehnen.
    Wir, in den demokratischen Ländern haben Handlungsfreiheit und politische Macht. Wir können und müssen das nutzen.

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