Warum Kirchen die neuen Unternehmen sein könn(t)en – Antwort an Markus Väth

Vor einigen Wochen hatte ich ein langes Gespräch über „New Work“ mit einer Frau, die eine große kirchliche Einrichtung leitet. Wir stellten im Verlauf fest, dass wir uns über zwei Dinge einig sind:

a) Bei unseren Erwerbsarbeitsplätzen läuft „bei Kirchens“ bei weitem nicht alles rund. Viele Mitarbeitende sind unzufrieden und überlastet, es gibt mannigfaltiges Führungsversagen u.a.m..

b) Gleichzeitig gibt es in der Kirche vielfältig gelingendes Arbeiten, weil sowohl Mitarbeitende als auch die Führungskräfte nicht nur hoch motiviert sind, sondern aus ihrer Motivation und Grundhaltung heraus nach Wegen suchen, auf Augenhöhe miteinander zu arbeiten.

Wir gingen am Ende mit dem Gefühl auseinander, dass Unternehmen und Dienstleister am „freien Markt“ und kirchliche Arbeitgeber gar nicht so weit auseinander sind, denn sowohl a) wie b) gibt es auch in vielen anderen Branchen und Arbeitswelten.

An dieses Gespräch musste ich wieder denken, als ich gestern Abend den Blogbeitrag: „Warum Unternehmen die neuen Kirchen sind“ von Markus Väth gelesen habe und er mich gezielt auf Facebook fragte, was ich dazu sage. Spontan schoss mir durch den Kopf, dass meine Antwort eigentlich nur so lauten kann, wie hier in der Überschrift formuliert.

Das ist spitz formuliert und wird Widerspruch auslösen, vielleicht auch Gelächter. Mag sein. Wie komme ich auf diesen Gedanken?

Ich stimme der Analyse von Markus zu. Sinn wird gerade ein neuer Hype. Noch in der letzten Woche hat dies Anette Fintz auf dem Wilhelmshöher Impuls in Kassel eindrücklich beschrieben.

Arbeit ist eine Grundkonstante menschlichen Lebens, das sagt schon die Bibel und auch Frithjof Bergmann, der „Urvater“ von New Work. Und ja, Spiritualität und Transzendenz sind aus der Kirche ausgewandert und für etliche Menschen ist die Arbeit und/oder eine Ichbezogenheit heute der zentrale Bezugspunkt des Lebens.

Zwei Konsequenzen, die Markus daraus zieht, kann ich allerdings nicht zustimmen:

„Unsere Unternehmen werden die neuen Kirchen und Kathedralen, werden die neuen Sinngeber und der Kompass für eine richtungslose, aber arbeitswillige Identität.“

„(Die Unternehmen) springen nur zu bereit in die spirituelle Lücke und gerieren sich als Sinngeber, als angeblich altruistischer Geburtshelfer unseres persönlichen Arbeitssinns.

Unternehmen können natürlich versuchen, die neu aufbrechende Sinnsuche in diesem Sinn zu instrumentalisieren. Das wird aber nicht lange gut gehen, weil die Menschen den Braten schnell riechen werden. Denn letztlich ist Sinn immer etwas, das über mich hinaus verweist, in bestimmter Weise auch unverfügbar ist. D.h., wenn Unternehmen versuchen, hier einfach auf einen Zug aufzuspringen, wird schnell Enttäuschung einkehren.

Die Unternehmen wie die Einzelnen müssen, können, dürfen, sollen dagegen versuchen, für sich selbst und in idealer Weise gemeinsam versuchen, Sinn „zu finden“ und zu formulieren. Zu finden meint: Teil einer größeren Bewegung, eines größeren, über mich, uns hinaus verweisenden Narrativs zu werden. Dann kann das wahr werden, dass der Begriff Sinn sich sowohl für Arbeitgeber/innen und Arbeitnehmer/innen „sinnvoll“ füllen lässt.

Und da kommt für mich Kirche ins Spiel. „Wir“ haben nicht automatisch diesen Sinnhorizont, aber alle Potentiale sind vorhanden.

Es gibt Narrative, Erzählungen in den Schriften der hebräischen und griechischen Bibel, die – wie auch andere mythologische oder religiöse – Traditionen aktualisiert werden können. Anette Fintz hat dies in Kassel ausdrücklich betont: Kirche kann nicht davon ausgehen, dass sie diesen Sinnhorizont automatisch hat, sondern sie muss ihn je neu formulieren – sonst wenden sich die Menschen (wieder) enttäuscht ab.

Von daher, so meine kühne und visionäre These, könnten kirchliche Einrichtungen hier „neue“ Unternehmen werden, die ihren Sinn so zur Sprache bringen, dass Frauen und Männer, die bei uns arbeiten (wollen) sich mit ihrem je persönlichen Sinn darin wiederfinden. Wir haben vielfach hochmotivierte Mitarbeitende, die auch ausdrücklich betonen, dass sie aufgrund ihrer Grundüberzeugungen (gerne) bei Kirche arbeiten (wollen), dieses Potential gilt es fruchtbar zu machen.

Gelingt es, könnten tatsächlich kirchliche „Unternehmungen“ zu Vorreitern und zu „Sinnstiftern“ auch für andere Unternehmen und Dienstleister in einer Arbeitswelt werden, in der gerade – aufgrund der vielfältigen Herausforderungen und „Krisen“ – die Frage nach dem Sinn all unseren Arbeitens, Wirtschaftens und letztlich Lebens mit neuer Intensität und Nachdrücklichkeit gestellt wird.

3 Comments

  1. federfluesterin

    Wenn Kirchen Vorreiter bei Arbeitsbedingungen und Arbeitsmodellen sind, die Sinn vermitteln, im Sinne der religiösen Botschaft, könnte das gelingen.
    Soweit ich es beobachte, kommen seit einiger Zeit die meisten Anstösse jedoch aus Unternehmen aus dem Internet-Bereich, wobei in der Anfangszeit das noch verbunden war mit einer Vision von einer schönen neuen, freien, fundamentaldemokratischen Internet-Welt“, die ja mittlerweile auch schon wieder weitgehend zerbröselt ist.

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    1. matthias jung

      Das ist richtig. Deswegen ist mir der Dialog wichtig. Und der erste Gedanke ist für mich selbst auch noch neu und unvertraut. Aber ich sehe das Potential. Als Markus mich anschrieb, war ich schon an einem Text dazu dran. Kommt irgendwann später, das war erst mal ein Testballon auch für mich selbst.

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