Gedankenspielerei über den Leuchtende-Augen-Index von Hartmut Rosa

Kein Buch hat mich in den letzten Monaten mehr beeindruckt wie Hartmut Rosas 800 Seiten über Resonanz. Und keine einzelne Passage darin hat mich mehr zum Nachdenken gebracht wie der „Leuchtende-Augen-Index“. Rosa schreibt:

„Resonanzerfahrungen (sind) immer und unmittelbar auch leibliche Erfahrungen. (…) Deshalb habe ich nur halb im Scherz vorgeschlagen, einen Leuchtende-Augen-Index zur Bestimmung von Lebensqualität zu entwickeln: Das, was wir meinen, wenn wir alltagsweltlich davon reden, dass eine Begegnung jemandes Augen zum Leuchten gebracht hat, ist eine empirische Realität und keine esoterische Phantasie.“ (Rosa, Resonanz: Eine Soziologie der Weltbeziehung S. 751)

Diesen halbernsten Vorschlag hat Rosa einige Jahre früher in einem Artikel gemacht, dort beschreibt er die Erfahrung so:

„Das Leuchten der Augen bringt zum Ausdruck, das eine Weltbeziehung gelingt: Wir sind an einen oder mehrere Menschen, an eine Sache, eine Situation ganz hingegeben, wir werden von ihr berührt, und wir scheinen unsererseits in der Lage, andere zu berühren. Wessen Augen leuchten, der hat so etwa wie einen ‚vibrierenden Draht‘ zur Welt, und diese Verbindung bedeutet gelingendes Leben.“ (Philosophiemagazin 4/2015 S. 20)

Augen sind das Tor zur Seele. Wir wissen, was Blicke anrichten können, manche können töten. Und wir kennen alle diesen Moment, wo ich einer, einem anderen in die Augen blicke und sich sofort ein Gefühl der Verbundenheit einstellt. Unsere Augen strahlen und Wärme breitet sich in meinem Bauch aus. Das kommt keinesfalls nur in Liebesbeziehungen oder mit vertrauten Menschen vor, es kann auch mit wildfremden Personen auf der Straße geschehen.

Nun weist Rosa darauf hin, dass diese Erfahrung nur bedingt als Beispiel für Resonanz geeignet ist, weil es hier zunächst und vor allem um Momentaufnahmen geht. Für gelingende Weltbeziehungen bedarf es aber (auch) dauerhafter Resonanzachsen. Das ist richtig, ich lege den Akzent hier aber auf etwas anderes: In einer Zeit voller Smartphones und Hasspredigten ist die Bereitschaft, die Haltung, anderen mit leuchtenden Augen begegnen zu wollen, von existentieller Bedeutung.

„Die leuchtenden Augen eines Menschen können als sicht- und tendenziell messbares Indiz dafür gelesen werden, dass der ‚Resonanzdraht‘ in beide Richtungen in Bewegung ist: Das Subjekt entwickelt ein intrinsisches, tendenziell handlungsorientiertes und öffnendes Interesse nach außen, während es zugleich von außen in Schwingung versetzt oder affiziert ist.“ (Resonanz S. 279)

Seit ich Rosas Zeilen gelesen habe, gehe ich durch die Welt, die Stadt, den Alltag und achte auf die Blicke, die Menschen werfen. Viele schauen auf ihr Smartphone, klar. Aber es fällt schon auf, wie viele Menschen mit leeren, abgehetzten Augen durch die Welt gehen. Manchmal auch hasserfüllt und total verschlossen. Mir liefen vor einigen Wochen die Schauer über den Rücken, als ich durch Zufall in Dresden in eine Montagsdemonstration von Pegida geriet. Wenn überhaupt, dann verstärkt sich durch Blicke in leere Augen nur die weltverschlossene, abweisende und feindliche Haltung, zu wirklicher Resonanz kommt es nicht. Diese brauchen wir aber in dieser Zeit – und nicht nur innerhalb unserer Filterblasen, wo sich leuchtende Augen eher einstellen als anderswo. Zum Glück kann sie auch im Alltag mit mir unbekannten Personen vorkommen: mit der Postbotin, dem Kellner, der Frau neben mir auf de Bahnsteig – es entscheidet die offene, zugewandte Haltung und es kommt zu einer „vibrierenden“ Begegnung.

Solche Resonanzerfahrungen kann ich fördern, indem ich mit offenen Augen durch die Welt gehen und bereit für den Moment bin. Es können flüchtige Begegnungen sein, aber es kann auch in verabredeten Gesprächen geschehen. An anderer Stelle habe ich beschrieben, dass ich gute Erfahrungen damit mache, Menschen anzubieten, einfach mal auf einen Kaffee vorbei zu kommen. Wir haben diese Erfahrung im Team reflektiert, schon bevor ich auf den Leuchtende-Augen-Index gestoßen bin. Wir haben seinerzeit gesagt: Das Angebot, sich auf einen Kaffee zu treffen, hat etwas unverbindlich Verbindliches. Es kann vieles oder auch nichts passieren und beides ist in Ordnung. Die Haltung, die sich hier ausspricht, ist die eines qualifizierten So-Seins im Da-Sein: Ich bin offen und neugierig jetzt hier da. Und nicht selten stellen sich dann in solchen Gesprächen leuchtende Augen ein.

Zwei Fragen zum Schluss.
Zunächst: Rosa denkt beim Leuchtende-Augen-Index an direkte Begegnungen mit Menschen. Ist diese Erfahrung auch digital vermittelt möglich? Leuchten nicht meine Augen auch manchmal, wenn ich chatte und ich sehe sozusagen vor meinem inneren Auge, dass auch die Augen meines Gegenüber zu leuchten beginnen?

Und dann: Ich frage mich, ob wir Menschen auch mit anderen Sinnen ähnliche Erfahrungen machen können. Rosa hält dies für möglich, weil sich Resonanzerfahrungen eben körperlich manifestieren. Ich bin unsere menschlichen Sinne durchgegangen.

Mit dem Hören oder Riechen scheint es mir schwierig, aber beim Tastsinn sieht es anders aus. Wir kennen das aus Liebesbeziehungen oder auch aus dem Bereich von Massagen und Therapien, wie Hände und/oder Körperkontakt wirken. Vergleichbar mit dem Leuchtende-Augen-Index scheint mir der Händedruck oder auch die Umarmung zu sein. Hier kann ebenfalls eine offene Beziehung ausgedrückt werden. Ich schlage also vor, über einen „Verbindender-Händedruck-Index“ und einen „Wärmende-Umarmung-Index“ nachzudenken. Vor allem in meiner Zeit als Gemeindepfarrer habe ich die Erfahrung gemacht, dass der nur um Sekundenbruchteile längere Händedruck bei der Verabschiedung nach dem Gottesdienst an der Kirchentür zB einem/einer Trauernden signalisiert: Ich weiß.

Eine Einschränkung gibt es allerdings: In aller Regel lassen wir Menschen nicht so nah an uns heran, mit den Blicken ist das einfacher. Dennoch bin ich davon überzeugt, dass wir mit Händedruck und Umarmung ähnliche Effekte erzielen können, wenn ich entsprechend offen und achtsam bin und vielleicht einen Moment länger die Hand meines Gegenübers drücke oder die Umarmung einen Hauch fester ausfällt, als „üblich“. Ich will das weiter üben. Denn alles, was Resonanz im Sinne gelingender (Welt-) Beziehung ermöglicht, ist ein Baustein fürs gute Leben.

One Comment

  1. socopuk

    Ja, ja das geht auch digital! Davon lebt die ganze Bloggosphäre 🙂
    Und welches Augenleuchten es auslösen kann, wenn man auf einen provokanten/riskanten/selbstoffenbarenden Post ein herzliches, tröstendes Feedback bekommt…!

    Gefällt mir

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