Der Worte der AfD der kapern

Der Worte der AfD der kapern

Carsten Leinhäuser schrieb vor ein paar Tagen auf Facebook einen Beitrag, der auf hohe Resonanz und Zustimmung stieß:

Sollten wir nicht einfach beginnen, die Schlüsselbegriffe der AFD zu kapern: Patriotismus, Heimat, Christliches Abendland, Alternative?
Wir könnten zeigen, dass wahrer PATRIOTISMUS sich für ein Land stark macht, das bunt und offen ist. Dass wahrer Patriotismus für ein Land steht, welches der Welt zeigt, was Menschlichkeit und Einsatz für Benachteiligte bedeutet – und darauf mit Recht stolz sein kann.
WIR SIND PATRIOTEN.
Wir könnten zeigen, dass unsere HEIMAT so schön, reich und groß ist, dass wir sie gerne mit Menschen teilen, die ihre Heimat verloren haben und nun Zuflucht suchen. Dass Heimat nur dann wirklich schön und reich und groß ist, wenn sich Freunde und Fremde willkommen und sicher fühlen.
WIR LIEBEN UNSERE HEIMAT.
Wir könnten zeigen, dass das CHRISTLICHE ABENDLAND den Bezug zu seinen Wurzeln – zur Frohen Botschaft – nicht vergessen hat. Dass wir den Auftrag Jesu, unseren Nächsten zu lieben, ernst nehmen. Auch, wenn’s nicht immer leicht und bequem ist.
WIR BEWAHREN DAS CHRISTLICHE ABENDLAND.
Wir könnten zeigen, dass es ALTERNATIVEN gibt zu verschlossenen Türen und Herzen. Zu Fremdenhass, Angst vor der Zukunft und platten ideologischen Parolen.
WIR STEHEN FÜR ALTERNATIVEN ZU RECHTSPOPULISMUS.
Sollten wir nicht einfach beginnen, DAS Schimpfwort, mit dem die AFD uns belegt, mit Stolz zu tragen: Gutmenschen?
Wir könnten zeigen, dass GUTMENSCHEN tatsächlich das Gute in der Welt suchen. Und alles geben, um diese Welt wirklich besser zu machen. Dass es die Gutmenschen waren und sind, die Frieden, Fortschritt und Freiheit in die Welt gebracht haben.
WIR SIND GUTMENSCHEN (und lieber links-grün-Versifft als Kackbraun).
Sollten wir das? Könnten wir das? So viele Gedanken, die durch meinen Kopf schwirren…

Der Beitrag von Carsten hat spontan sehr viel Zustimmung auf Facebook gefunden und wurde etliche Male geteilt, auch von mir. Heiko Kuschel schrieb:

Ich danke dir für diese Gedanken, die mich seitdem nicht mehr loslassen. Ich weiß noch nicht genau, wie ich damit weiterarbeiten kann. Aber das ist für mich ein sehr sehr wichtiger Post.

Das waren auch meine Gedanken. Es hakte sich etwas in mir fest und ich habe mich gefragt: Was ist das? Ich habe mal aufgeschrieben, was mir so unsortiert in einem Kopf herumschwirrt. Das ist unfertig und spontan.

Diese „Kaperfahrt“ ist eine Möglichkeit, dem Rechtspopulismus entgegenzutreten. Nur eine, wohlgemerkt. Denn die Ursachen müssen genauso erkannt und bekämpft werden. Hier geht es um die Frage, wie Sprache Welt schafft und durch verbale Irritation die mediale Inszenierung der Rechten (und das gilt umgekehrt auch für Linke) – nein, nicht zerstört, aber doch irritiert werden kann.

Carsten fragt: Sollten wir das? Könnten wir das?
Im Sollen steckt für mich die Frage nach der Sinnhaftigkeit, im Können die Frage nach der wirksamen Umsetzung.

Zum Sinn:

Worte allein reicht nicht, weil sich Worte immer verbinden mit einer Sicht auf die Welt, einem Weltbild. Es gilt also, sozusagen unser Weltbild mit den Worten der Gegner formulieren. Der Populismus will an die Macht, um ein bestimmtes Lebensgefühl ablösen zu können. Weil das westlich-liberal-christliche Bild (um es so vereinfacht zu sagen, aber anders geht es nicht, das ist ein Teil des Problems) für viele keine Hoffnung mehr beinhaltet, sondern nur noch Angst vor dem Untergang, Verlust der Sicherheit, und, vor allem, das Gefühl, ausgegrenzt zu sein und nicht dazuzugehören. Wo gehöre ich hin? Wem kann ich vertrauen? Mit wem mich verbunden fühlen? Wer gibt mir Zuversicht? Weil die Rechten noch nicht regieren mussten, können sie das Blaue vom Himmel herunter versprechen. Wenn sie regieren, setzen sie ihren ausgrenzenden Ton in Fakten um, das kann in der Türkei und leider, so scheint es, auch in den USA beobachtet werden.

Doch ich finde, wir müssen ehrlich sein: Das ist ein Reflex auf die ausgrenzenden und übersehende Politik der letzten Jahrzehnte. Die Mittelschicht glitt und gleitet allmählich Richtung Hartz IV ab (ich vereinfache, aber nur so kommen wir weiter), während es der anderen Hälfte gut und einigen wenigen immer besser ging. Oder: Langzeitarbeitslose haben keine Lobby in Deutschland, seit ewigen Zeiten nicht, ihnen hängt das Schild „Selber schuld“ um und sie wissen zugleich ganz genau, dass das nicht stimmt. Gut, jetzt wählen Langzeitarbeitslose vermutlich nicht die AfD (weil sie vielfach überhaupt nicht wählen), aber genau dieses Gefühl, abzugleiten zerstört bei der Hälfte der Gesellschaft (nicht nur in unserer Gesellschaft) das Gefühl, wie gehören dazu, wir werden gesehen, um uns wird sich gekümmert.

Also, die Worte kapern macht Sinn, ja. Aber wir müssen die Uminterpretation mit anderen politischen Inhalten verbinden, sonst entlarven unsere Gegner uns – zu Recht! – als naiv. Dabei geht es, glaube ich, gar nicht darum, ein ausgefeiltes politisches Programm zu haben, sondern einen Entwurf für eine Weltsicht, ein Weltbild zu formulieren. Und vielleicht entdecken wir dann Gemeinsamkeiten in den Problembeschreibungen (wenn auch nicht in den Antworten)?

Ein Beispiel:
Amerika first, Deutschland zuerst – ich halte regionale Konzepte ebenfalls für höchst sinnvoll. Ich war gestern auf der Grünen Woche ein Berlin und bin durch die Hallen gestreift. Jedes Bundesland war vertreten, auch viele andere Länder. Ich dachte: Was für eine Strauß lokaler, regionaler, nationaler Schätze war zu sehen, zu schmecken, zu riechen (es war unglaublich, an jeder Ecke roch ich wieder neue Gewürzdüfte). Heimatverbundenheit? Ja! Patriotismus? Ja! Sonst geht das alles verloren in einem globalen Einheitsbrei. Aber: Das geht alles auch mit- und nebeneinander, statt nur abgrenzend und abwertend. Und, ja, natürlich konkurrieren die Anbieter/-innen auch um die Euros in unseren Taschen, aber das ist Teil des Marktgeschehens. Aber sie konkurrieren auch gegen immer weniger und immer größere globale Handelsketten, die uns ihren Angebot zu Dumpingpreisen unterjubeln – und im Namen der freien Marktwirtschaft Märkte zerstören. Dagegen grenze ich mich gerne ab. Wo stehen eigentlich die Gegner/-innen, wo ich, wir? (Ich vermute, dass Sarah Wagenknecht auch auf dieser Spur denkt und redet, aber irgendwie sehr missverständlich.) Soweit, so gut. Dann war ich abends mit meinen Kindern in einem türkischen Restaurant. Überaus wohlschmeckende Speisen, teils türkisch, teils international. Aber keinen Alkohol im Ausschank. Ich dachte, geht doch, selbstbewusst die eigene Identität leben, ohne auszugrenzen.

Klar, es besteht hier immer die Gefahr der Vereinfachung. Aber das ist unumgänglich. Die extreme Komplexität dieser Welt macht doch auch uns zu schaffen. Macht es Sinn, dies immer wieder jammernd und bedeutungsschwer vor uns her zu tragen? Was gibt mir eigentlich Hoffnung und Zuversicht in dieser Hyerkomplexität? Sicher nicht der endlose, höchst differenzierte Vortrag (der ermüdet, verängstigt und lähmt doch auch mich), sondern eingängige Bilder, die mein Herz berühren und eben mehr sagen als Worte. Der #WomansMarch ist so ein Bild, gerade weil er viele Bilder schuf, die das eine Bild bekräftigten. Wenn wir also Aufmerksamkeit erreichen wollen, müssen wir mutig (!) vereinfachen. Wenn wir die Aufmerksamkeit haben, dann gilt es differenziert Auskunft zu geben. Aber das schaffen wir, oder?

Zur Wirksamkeit:

Worte lösen Bilder und Emotionen aus. Heimat, Patriotismus, Alternative, christliches Abendland, diese Worte finden Zustimmung bei denen, die der AfD nahe stehen, weil sie das Sicherheitsbedürfnis ansprechen, Verbundenheit schaffen, ja Hoffnung wecken. Die Frage ist, ob die gekaperten Begriffe eine ähnliche Wirksamkeit erreichen können. D.h., sind sie tendenziell geeignet, als Träger von Botschaften zu dienen? Das Ziel wäre ja, Anhänger/-innen der AfD ein Gegenbild vor Augen zu malen, andere Perspektiven aufzuzeigen. Und so das Alleinstellungsmerkmal der Verwendung dieser Begriffe in der medialen Öffentlichkeit zu durchbrechen. Dazu müssen diese Begriff auch für uns positiv besetzt sein. Carsten hat dazu einen Aufschlag gemacht und ich gestehe, mit den Begriffen tue ich mich erst mal emotional schwer. Am Heimatbegriff habe ich das vor einigen Jahren schon mal durchgekaut und eine Deutung gefunden, mit der ich leben kann – nur: Ich verwende den Begriff in meiner alltäglichen Sprache nicht. Und das ist der entscheidende Punkt: Nur wenn wir bereit sind, die gekaperten Begriffe ständig (!) zu verwenden, haben wir eine Chance, zu irritieren. Sie müssen meine Worte werden.

Die Gefahren lauern dabei gleich um die Ecke – in unserer überhitzt und kurzfristig reagierenden medialen Welt steht jede/r schnell in der braunen Ecke, wenn er oder sie von Heimat, Patriotismus und so weiter spricht. Damit müssen wir rechnen. Okay, notiert, weiter.

Wirksamkeit erreichen wir durchs Kapern der Worte vielleicht eher, als uns ständig über AfD-Rhetorik zu empören. Empören ist ja so einfach. Machen auch Herr Höcke und die Frauen Storch und Petry ständig. Und gut. Und sie wollen auch etwas verteidigen, etwas, das verloren ging. Vielleicht müssen wir erst mal aufwachen und feststellen, hey, unsere so vertraute Welt existiert auch nicht mehr oder ist höchst gefährdet. Es macht doch Sinn, über Heimat, das christliche Abendland und vor allem, über Alternativen zu reden. Vielleicht liegt die Herausforderung und die Chance darin, unsere Antworten auf die gegenwärtigen zahlreichen Probleme in die Worte zu kleiden, die unsere Gegner/-innen verwenden. Uns eint dabei sogar, dass wir alle ahnen und wissen, so kann und wird es nicht weitergehen. So ein wenig leuchtet das für mich in der Zustimmung auf, die Bernie Sanders im US-Wahlkampf erhielt.

Ich werde es mal in den nächsten Tagen weiter bedenken und versuchen, wie das im Alltag gehen kann, diese Worte zu verwenden, sie in meine Sprache und meine Weltsicht zu integrieren. Vielleicht machen ja noch mehr mit.

Den Ritterschlag gibt’s, wenn die AfD reagiert auf die Kaperfahrt.

Verbinden, verbunden, Verband – Über die Doppeldeutigkeit einer „Dreifaltigkeit“

Ist Euch/Ihnen schon mal aufgefallen, dass die Worte verbinden, verbunden, Verband in ihrer „Dreifaltigkeit“ doppeldeutig sind?

Ich verbinde eine Wunde, danach ist sie mit einem Verband verbunden und kann heilen.

Ich verbinde mich mit Menschen, weiß mich anschließend mit ihnen verbunden und wenn dies noch einen stärkeren äußeren Rahmen braucht oder wünscht, dann bilden wir einen Verband.

Ich glaube, diese Doppeldeutigkeit ist kein Zufall.

Wir können auf vielfältige Weise etwas miteinander machen, kooperieren, Projekte zustande bringen, aber dies kann alles ohne Verbundenheit untereinander geschehen.
Natürlich hat all dies mit Beziehungen untereinander und den dahinterstehenden Bezogenheiten zu tun, in den wir uns alle ununterbrochen bewegen.

Verbundenheit ist aber mehr.

Verbundenheit zwischen Menschen hat mit dem Verbinden von Wunden zu tun.
Mit den Wunden, die wir uns als Menschen gegenseitig zufügen und empfangen.
Mal als Täter/-innen, mal als Opfer.

Verbundenheit ist nur möglich, wenn wir uns so verbinden, dass Schmerz, Leid, Tränen, Scheitern, Entbehrung, missachtete und unbefriedigte Bedürfnisse mitgedacht werden.
Im Blick sind.
Sinnvollerweise ausgedrückt werden.
Sowohl die ganz persönlichen Wunden als auch Verletzungen, die ich als Rollenträger/-in zufüge oder empfange.
Sei es als Mann und Frau.
Sei es als Wohlhabende und prekär Lebende.
Sei es als Mensch des Westens und Mensch der Einen Welt.

Verbundenheit entsteht durch das Verbinden der Wunden.
Das ist mit einer oberflächlichen Beziehung nicht möglich, es braucht Mut und Vertrauen.
Denn ich zeige mich verletzlich und muss es zugleich aushalten, dass die/der andere dies ebenfalls wagt.
Und wir vielleicht feststellen, dass eine einfache Lösung unmöglich ist.

Der Akt des Verbindens hält die Situation offen.
Die Wunde heilt nicht, indem sie beseitigt wird.
Sondern sie heilt, weil sie verbunden wird und in diesem Geschehen etwas Neues entsteht, entstehen kann.
Verbundenheit beinhaltet daher Aktualisierung und Transzendierung meiner, deiner, unserer Situation.

In der Aktualisierung wird unsere Beziehung in den Blick genommen, die Wunden gesehen und geöffnet.
Manche Wunde braucht nur gesehen werden, andere Eiterbeulen müssen überhaupt erst geöffnet werden.
Dies geschieht durch Achtsamkeit, durch Mit-Denken, Mit-Fühlen.

Ich sehe meinen Schmerz in den Tränen der Anderen.
Ich höre deinen Schmerz in der Stimmung deiner Worte.
Ich spüre unsere Verletzung(en) in Gestik, Mimik und Körperspannung.

Dieses achtsame Wahrnehmen geht auch einseitig, in der Form der Empathie.
Wenn ich zwar etwas wahrnehme, es vielleicht auch ausdrücke, aber der/die Andere(n) nicht antwortet/n, reagieret/n kann/können oder will/wollen.
Zur Verbundenheit führt dies erst, wenn wir uns im Moment miteinander verbinden.
Wir zwei oder wir, die wir uns hier begegnen.

Es muss dabei nicht alles gesagt, ausgesprochen werden.
Es reicht das Spüren und Verbinden.
Durch Blicke, Umarmungen oder gemeinsame Tränen.
Ja, das ist missverständlich – aber Worte, Gesten, Taten sind es auch.

Und dieses Geschehen wirkt weiter in unserem Gedächtnis.
Die Erinnerung an den Akt des Verbindens hält die Verbundenheit so auch über Raum und Zeit lebendig.
Sich untereinander solcherart verbinden verstehe ich daher als einen Akt der Heilung.
Oder zumindest den Beginn derselben.
Weil etwas verbunden worden ist und der Verband die Wunde hält und schützt.
Daher öffnet sich die Verbundenheit zur Transzendierung der Situation.

Damit meine ich, dass nun etwas Neues geschehen kann.
Aber eben auch erst jetzt.
Der Akt des Verbindens ermöglicht und schafft Verbundenheit.
Und eröffnet so Chancen.
Hier geht es um das, was ich an anderer Stelle mit dem „Stehen vor der leeren Leinwand“ beschrieben habe.

Der Verband schließlich ist dann der bewusste Versuch, die Verbundenheit „festzuhalten“.
Er ist etwas äußerlich Sichtbares.
Schenkt einerseits zusätzlichen Schutz für die heilende Wunde.
Anderseits ist er sichtbarer Ausdruck einer Verletzung, einer Verletzlichkeit meiner, deiner, unserer Person.

Nachtrag für die christlich orientierten oder interessierten Leser/-innen:

Ich bin davon überzeugt, Jesus war in der Lage, so zu verbinden und Verbundenheit zu schaffen.
Zwischen sich und dem/der/den Anderen.
Aber auch mit der Macht, die wir gewohnt sind, Gott zu nennen und uns so manche Erfahrung mit ihr vorschnell verbauen.

In der Doppeldeutigkeit von Verbinden und Verbundensein fällt mir für sie der Begriff „Grund unseren Seins“ ein.
Noch so ein doppeldeutiger Begriff.
Grund als Ursprung, Begründung und vielleicht auch Ziel.
Grund als Ort in der Tiefe, in die ich mich, wir uns fallen lassen können, in der Gewissheit, nicht im Bodenlosen zu versinken, sondern irgendwann und irgendwo aufgefallen zu werden.

Differenz und Verbundenheit. Rückblick auf die Denkumenta 2013

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Eingang

Heute vor einer Woche ging die Denkumenta in St. Arbogast bei Götzis zu Ende. Vor einigen Jahren war ich beim theologischen Nachdenken übers Arbeiten zunächst auf die Bücher von Ina Praetorius und das postpatriachale Denken aufmerksam geworden. Ende letzten Jahres habe ich Antje Schrupp in Frankfurt in einem Cafe getroffen, nachdem es bis dahin mehr oder weniger intensive Kontakte in den sozialen Netzwerken gab. Das machte mich neugierig auf die Menschen, die hinter dem »ABC des guten Lebens« stehen. Und ich wollte es genauer wissen, was hier gemeint ist mit dem »guten Leben«, ein Begriff, der ja nun an vielen Orten und von vielen Menschen unterschiedlich verwendet wird. Meine Frau und ich planten unseren Urlaub um die Denkumenta herum und meldeten uns an.

Es nahmen teil:

Siebzig Frauen und zwei Männer.
 
Differenz

Etwas mulmig war mir schon. Wie würde das gehen? Es ging gut. Und zwar von Anfang an. Eine hohe Konzentration und Achtsamkeit im Umgang prägte die Begegnungen im Plenum, in den Workshops, beim (guten!) Essen, auf Gängen und Plätzen. Es wurde mir in Wort und Tat vermittelt, dass ich willkommen war. Mehr noch, es wurde als schön empfunden, dass zumindest zwei Männer sich »trauten«, wie es eine Teilnehmerin mir gegenüber formulierte. Dabei fiel mir dies nicht schwer, ich empfand ich keinen Moment Feindlichkeit, Ablehnung oder Misstrauen – trotz der Ablehnung des Patriarchats und des Zorns, der bei Teilnehmerinnen zu spüren war. Vielleicht gab es hier und da etwas Vorsicht und Skepsis, doch wie hätte es auch anders sein können. Umgekehrt ging mir dies genauso, als Teil auch der Achtsamkeit.

Auf mein »Mann-Sein« bin ich nie direkt angesprochen worden. Als Mensch, Person, Mann fühlte ich mich akzeptiert und respektiert. Ich war Teilnehmer wie alle anderen auch. Und doch empfand ich schnell eine große Distanz. In einem Gespräch drückte ich es so aus: »Ich habe das Gefühl, in einer anderen Welt als ihr Frauen zu leben, dies spüre ich hier für mich sehr deutlich.« Allerdings kam sofort die Gegenfrage, ob das wirklich eine Differenz zwischen mir als Mann und den anderen Frauen sei oder ob es nicht (noch/doch) um etwas ganz anderes geht.

Das hat mich nachdenklich gemacht. Der Begriff der Differenz spielt im »ABC des guten Lebens« eine große Rolle. Ich kam dann auf eine andere Idee.

Als Pfarrer und Theologe spreche ich immer wieder von der Einzigartigkeit jedes Menschen und dass aufgrund dieser Tatsache auch all unsere Beziehungen untereinander einmalig und unwiederholbar sind. Bei Beerdigungen drücke ich das so aus, dass ich von dem sichtbar gewordenen Netz der einzigartigen Beziehungen spreche, in dem der oder die Verstorbene gelebt hat, das durch die anwesenden Trauernden repräsentiert wird.

Auf der Denkumenta und im ABC, so mein Eindruck, steht der Begriff der Differenz in Beziehung zu dieser Einzigartigkeit – und durch die immense denkerische Arbeit traten diese Differenzen in besonderer Weise zu Tage. »Jede Frau ist schön und durch das gemeinsame Denken hier will ich noch schöner werden«, so ähnlich formuliert eine Teilnehmerin im Plenum zu Beginn ihre Hoffnung. Eine so dichte und intensive Denk-Arbeit von siebzig Menschen habe ich bislang kaum erlebt und vielleicht, so meine Vermutung und meine Hoffnung, lag in dem Gefühl des Unterschiedes zu den anderen Frauen genau diese Erfahrung begründet, dass gerade durch die Denkarbeit die Differenzen, die Einzigartigkeiten deutlich zu Tage traten. Und diese Differenzen wurden ausgehalten, bejaht und fruchtbar gemacht im gemeinsamen Denken. Das negiert nicht das Gefühl, dass Männer und Frauen in verschiedenen Welten leben, aber im gemeinsamen Denken, Reden und Handeln wurde dieser Graben gesehen und kleine Brücken darüber gebaut – eben auch zwischen den Frauen untereinander.

Denken führt zu verstärkter Wahrnehmung der Differenzen und zum Staunen. Staunen, ein Wort, das mir im Anschluss an Dorothee Sölle viel bedeutet (»Staunen ist der Beginn des Glaubens«) sehr viel bedeutet, dass aber auch im ABC eine große Rolle spielt (Staunen).
 
Verbundenheit

Je länger die Tagung dauerte, entwickelte sich daher bei mir unter, neben oder auch quer zu dem Empfinden der Fremdheit ein zweites Gefühl: Verbundenheit.

Aus den Verbindungen in zahllosen Gesprächen und den vielen Workshops trat sie ans Licht. Die vielfältigen, eben sehr differenzierten Beziehungen, die neugierig, offen und mutig in die vorhandenen Bezogenheiten geknüpft wurden, schufen in dem geschützten Raum der Denkumenta eine kreative Atmosphäre, aus der heraus auch verschiedene Folgeprojekte entstanden. Zu diesem Klima trug die dezente und dennoch professionelle Vorbereitung und Leitung durch die Organisatorinnen bei, aber vor allem die Bereitschaft der Anwesenden, sich aufeinander einzulassen. Dies ging so weit, dass der zweite Mann mir anfangs sagte, dass er »aus Solidarität« in meinen Workshop zur Visionsentwicklung kommen werde – und genau dies am Ende nicht tat, weil es »falsch« gewesen wäre. Es gibt die Hoffnung, dass einst die üblichen Geschlechterrollen und die Zweiteilung der Welt keine Bedeutung mehr haben. Vielleicht haben wir an dieser Utopie geschnuppert, drei Tage lang, und das führte – zumindest bei mir – zu dem Gefühl der Verbundenheit.

Ich will es noch einmal in anderen Worten beschreiben. Eine Frau berichtete engagiert von der Vorgängertagung 2002 in Salzburg, auf der für sie das Patriarchat mit einem Mal zu Ende gewesen sei – weil sie aufgehört habe, daran zu glauben. Ich dachte, vielleicht geht das auch umgekehrt: Auch wenn die Zweiteilung der Welt noch lange nicht zu Ende ist: Wir können glauben an eine andere Form des Denkens und Lebens, in der die Differenzen zwischen uns einzigartigen Menschen als schön und bereichernd wahrgenommen werden – und dann beginnt diese Utopie unter uns. Eben weil wir daran glauben. Fragmentarisch, aber real existierend.

Der für mich berührendste Moment der Denkumenta kam in der Schlussrunde. Eine Teilnehmerin bedankte sich bei allen Frauen für die engagierten Gespräche, die offene und konzentrierte Haltung im Umgang miteinander und fügte hinzu, »…in diesem Fall schließe ich auch die anwesenden Männer mit ein.«

Verbundenheit.
 
Ausgang

All das klingt in meinen Ohren jetzt doch zu schön und friedlich. Daher gieße ich noch zwei Schluck Wasser in den Wein.

Es gab einen winzigen Moment, in dem deutlich wurde, wie brüchig die Oberfläche des gemeinsamen Denkens auch auf der Denkumenta noch war. Ein einziges Mal saßen die beiden Männer für eine Viertelstunde in einer Werkstattrunde in einer Gesprächsrunde, wir sind uns sonst mehr oder weniger bewusst aus dem Weg gegangen. Und es ergab sich, dass es einen Dialog zwischen uns beiden gab, keine vier oder fünf Sätze – und sofort ging eine Frau dazwischen, weil sie das Gefühl hatte, das artet jetzt aus, ihr Männer schließt gerade wieder die Frauen aus. Wir beide schauten uns an, verstanden zwar den Impuls, fanden aber doch, dass es während einer viertägigen Tagung »erlaubt« sein darf, einen kurzen Dialog »unter Männern« zu führen, ohne dass »die Frauen« das Gefühl haben, sich ausgeschlossen zu fühlen. Ich will das nicht überbewerten, es war ein Moment, der auch keine Verstimmung hinterließ. Aber es zeigte sich für einen Augenblick, wie dünn und gefährdet das Band der Verbundenheit war und ist.

Das ist das eine. Und das andere:

Mir ist bewusst, ich habe leicht reden. Ich bin und bleibe immer noch ein Mann und habe auch meine Chauvianteile. Ich lebe zumeist in der »oberen« Hälfte der Welt, ob ich will oder nicht – weil sich andere entsprechend auf mich beziehen und ich auf sie. Was das bedeutet wurde mir vor einigen Jahren sehr hautnah bewusst, als ich mich aus reiner Neugier in einem Online-Spiel mit einem weiblichen Avatar anmeldete und auch den Haken bei »weiblich« machte. Es folgten schnell mehr oder weniger offene Anzüglichkeiten, Anspielungen. Dieser kaum merkbare feine Unterschied (frei nach Bourdieu) hat mich betroffen gemacht. Gut, dass es geschützte Momente eines anderen Umgangs miteinander gibt, die hoffentlich Langzeitwirkungen zur Folge haben.

Daher, und das bleibt auf der Habenseite, bin ich dankbar für die Erfahrungen auf der Denkumenta, für Differenz und Verbundenheit, für das gemeinsame Denken, die Arbeit am (Um-) Formulieren und Neuschaffen von Wörtern. Ich nehme das wunderbare Wort »Neubegehren« von Ina Prätorius mit (für Neugier), die Verabredung, miteinander weiter zu arbeiten (z.B. über das Grundeinkommen) und vor allem die Hoffnung, dass diese Geschichte weitergeht, weitererzählt und -gestrickt wird – und dass bei der nächsten Denkumenta mehr als zwei Männer dabei sind.
 
Post scriptum
Ich habe in einem Workshop gelernt, was ein Haiku ist. Seither habe ich jeden Tag mindestens eins geschrieben.

Zwei auf der Denkumenta:

Siebzig Frauen hier
auf der Suche nach Schönheit
und zwei Männer auch.

Was wollen wir hier?
Frei durcheinander denken
fürs gute Leben.