Erdkugel aus dem Weltall

Geliehen ist der Stern, auf dem wir leben

Predigt über Lk 12,16-21 bei der Andacht zum Klimapilgerweg am 4. Oktober 2019 in Hannover

Jesus sagte ihnen ein Gleichnis und sprach: Es war ein reicher Mensch, dessen Land hatte gut getragen. Und er dachte bei sich selbst und sprach: Was soll ich tun? Ich habe nichts, wohin ich meine Früchte sammle. Und sprach: Das will ich tun: Ich will meine Scheunen abbrechen und größere bauen und will darin sammeln all mein Korn und meine Güter und will sagen zu meiner Seele: Liebe Seele, du hast einen großen Vorrat für viele Jahre; habe nun Ruhe, iss, trink und habe guten Mut! Aber Gott sprach zu ihm: Du Narr! Diese Nacht wird man deine Seele von dir fordern. Und wem wird dann gehören, was du bereitet hast? So geht es dem, der sich Schätze sammelt und ist nicht reich bei Gott.

Liebe Gemeinde,
was ist so schlimm am Kornbauer?
Sicherheit hat doch einen hohen Wert in unserem Leben.
Menschen streben nach Sicherheit.
Am Arbeitsplatz, im Verkehr, in unseren Wohnungen und Beziehungen.
Ver-sicher-ungen leben davon.
Lebensversicherung, Unfallversicherung, Haftpflichtversicherung.
Der Sozialstaat verspricht eine Grundsicherung.
Niemand soll in Bodenlose fallen.
So die Theorie.
Was also ist so schlimm am Kornbauer?

Eine andere Geschichte aus der Bibel gibt eine Antwort.
In der Wüstenwanderung versorgt Gott das Volk Israel.
Mit Mannah und Wachteln.
Jeden Tag aufs Neue.
Denn Mannah und Wachteln hielten in der Wüste nicht länger als einen Tag.
Gottes Ansage lautete:
Vertraut mir, es ist genug für alle da, heute und morgen.
Ich versorge euch unterwegs, ihr seid sicher.

Der technologische Fortschritt brachte Kühlschränke.
Später Eisschränke.
Konservierungsstoffe und vieles mehr.
Das verspricht auch Sicherheit.
Und Hand aufs Herz, wer mag darauf verzichten?

Bitte nicht falsch verstehen:
Ich plädiere nicht romantisch für ein zurück-in-die-Wälder.
Aber ich möchte aufzeigen:
Der ganze Fortschritt der letzten Jahrhunderte geht auch davon aus:
Es ist doch genug da, o ja.
Reichlich stellt die Natur Ressourcen zur Verfügung.
Wir müssen nur zugreifen.
Zugreifen und uns Sicherheit schaffen.
In möglichst vielen Lebensbereichen.
Bollwerke errichten gegen Hunger, Kälte und Krankheit.
Das haben wir getan in den sogenannten westlichen Industrielandschaften.
Sehr gründlich haben wir das getan.
Und dabei das Gefühl verloren im Einklang zu leben mit unserer Umwelt.
Die Kinder, die glauben, dass Kühe lila sind, sind nur die Speerspitze der Entwicklung.

Franziskus lehrte anderes.
Er sprach von Bruder Wind und Schwester Wasser, von Bruder Feuer und Schwester Erde.
Bruder und Schwester stehen mir nahe.
Ich bin ihnen eng verbunden, wenn es gut läuft.
Wir sind verwandt, von gleicher Abstammung.
Genau das will Franz uns lehren:
Sie alle können mir Bruder und Schwester sein:
Wind und Wasser, Korn und Wein –
Ja, auch Medikamente und schwere Maschinen
und Strom und Internet –
Es ist die Haltung, die entscheidet.
Ziehe ich meine Sicherheit aus all den Dingen, die ich um mich herum versammle?
Oder ziehe ich meine Sicherheit aus dem Vertrauen auf Gottes Zusage: Es ist genug für alle da?

Zwischen Kornbauer und Mannah gilt es immer wieder zu entscheiden.
Der Kornbauer hortet und stirbt, hinterlässt eine volle Scheune voller Güter.
Wir horten und sterben, hinterlassen paradoxerweise eine immer leerer werdende Natur.
Das ist die Haltung des Kornbauers.
Wie geht es anders?

In der letzten Woche hat die EKD einen Text veröffentlicht.
„Geliehen ist der Stern, auf dem wir leben.“
In der Einleitung heißt es:

„Wir Christinnen und Christen glauben an einen Gott, der wie eine liebevolle Mutter und ein liebevoller Vater zu allen Menschen ist.
Er will, dass wir wie Schwestern und Brüder miteinander umgehen und seine Schöpfung in ihrer Vollständigkeit und Schönheit bewahren.
Gott will, dass alle Menschen ein gutes Leben und „volle Genüge“ haben (Joh 10,10).

Das Leben auf unserem Planeten hat Grenzen.
Wir Menschen sind dabei, sie zu übertreten.
„Weiter so“ geht nicht mehr. (…)
Die alte Weisheit einer „Ethik des Genug“ wird neu verständlich.
Der christliche Glaube gibt die Freiheit zur Begrenzung.
Er hilft uns, die aktive Begrenzung eigener Möglichkeiten und Interessen als einen Ausdruck christlicher Befreiung zu erkennen, der wohl tut. (…)
Selbstbegrenzung aus Freiheit ermöglicht eine Haltung inspirierten Fragens:
Wovon habe ich im Überfluss zu wenig?
Wovon habe, nutze oder konsumiere ich zu viel?
Wo kann Verzicht Gewinn sein?
Was ist das rechte Maß?
Wann wird mein Handeln zur Belastung für andere und für unsere Umwelt?
Was fehlt Menschen weltweit, um existenzielle Grundbedürfnisse zu befriedigen und in Sicherheit und Würde zu leben?
Was hat das mit mir zu tun?
Was fehlt den Tieren, was der gesamten geschaffenen Welt?

Bei der Beschäftigung mit diesen Fragen entdecken viele Menschen wieder, dass vieles, was keinen Preis hat, von großem Wert ist:
Zeitwohlstand, geglücktes Leben, Nächstenliebe, Gemeinschaft, Spiritualität, Begegnungen mit anderen Menschen und mit den Geschöpfen in der Natur.
So vieles von dem, was nicht käuflich ist, ist wertvoll.
Die Frage nach dem rechten Maß, nach Mitgefühl und Barmherzigkeit mit allen Menschen und der gesamten Schöpfung eröffnet uns den Weg, in dieser Welt dankbar, in Freude und in verantwortlicher Freiheit mitzuwirken. (…)

Wir entdecken die schöpfungsfreundlichen Traditionen in den Religionen neu.
Wir sind dankbar für die Selbstverständlichkeit, mit der wir uns ökumenisch gemeinsam auf den Weg machen, um die großen Herausforderungen wie die Begrenzung des Klimawandels, die Bewahrung der Schöpfung oder den Schutz der universellen Menschenrechte, im Vertrauen auf Gottes Liebe zur Welt anzu-nehmen. (…)

Wir sind gefragt, an unserer Stelle Verantwortung zu übernehmen.
„Wir“, das ist in diesem Fall die Kirche mit ihren Gemeinden sowie kirchlichen und diakonischen Einrichtungen.
Wir können und müssen mehr tun.
Vom biblischen Auftrag kommt uns die besondere Verantwortung zu, Mahner, Mittler und Motor für eine nachhaltige Entwicklung im Dienst der Bewahrung der Schöpfung zu sein und für diese Aufgabe zu werben.“ (S. 11.12.14)

Da spricht sich eine Haltung der Dankbarkeit aus.
Eine Haltung des „Es ist genug für alle da“.
Eine Mannah-Haltung.
Eine Einladung, Menschen und Ressourcen der Natur nicht als Dinge zu verstehen.
Sondern in ihnen Geschwister, Brüder und Schwestern zu sehen.
Und dann auch entsprechend zu handeln, nicht nur zu reden.

Lieber Klimapilgerinnen und Klimapilger,
genau dafür werben Sie auf dem Weg.
Sie sagen:
„Geht doch!“
Und sie üben ein, Schritt für Schritt, mit offenen Augen, unsere Umwelt als Brüder und Schwestern wahrzunehmen.
Sie geben Schritt um Schritt, mit offenen Augen, Zeugnis für die Haltung ab:
Mannah statt Kornbauer, denn es ist genug für alle da, heute und morgen.
Amen.

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