Selbstverbrennung.

Liebe Kolleginnen und Kollegen,
es ist heiß.
Schon länger.
In diesem Sommer wird viel über den Klimawandel gesprochen.

Ich erinnerte mich irgendwann in diesen Tagen an dieses Buch:
„Selbstverbrennung“ von Hans Joachim Schellnhuber.
Selbstverbrennung…
Es beschreibt die Dreiecksbeziehung zwischen Klima, Mensch und Kohlenstoff.
Es tut weh, sauweh, das Buch zu lesen.
Weil auf bald jeder Seite sichtbar wird:
Ich kann tun und lassen, was ich will –
die fatalen Verstrickungen meines Alltags machen mich mitschuldig.
Ununterbrochen und unabwendbar.

Hannah Arendt hat einst ein wunderbares Bild geprägt:
All unser Tun ist Fäden in ein Gewebe zu schlagen, das andere vor uns gewebt haben.
Nicht mehr, aber auch nicht weniger.
Ich habe das stets positiv gehört.
Ich stehe in einem Geflecht aus Beziehungen und Bezogenheiten.
Dieses Gewebe hält und trägt mich.
Und ich verändere es durch mein Tun.
Aber ich schaffe es nicht neu, nie.

Aber nun ahne ich, es gibt auch eine dunkle Seite dieses Bildes.
Auch Schellnhuber beschreibt ein Gewebe.
Ein selbstzerstörerisches Muster.
„Die Menschheit“ hat dieses Muster in den letzten zwei Jahrhunderten gewebt.
Ich bin drin in diesem Gewebe, es hält mich fest und ich kann nicht raus…

Während ich darüber nachdenke, bringt ein uraltes religiöse Wort in mir etwas zum schwingen:
Erbsünde…
Geerbte Sünde…
Und mir geht durch den Kopf:
Ist mein Gefühl ähnlich dem, das Martin Luther umtrieb auf der Suche nach dem gnädigen Gott?
Damals:
Ich kann tun und lassen was ich will, die Waagschale wird sich immer Richtung ewiger Verdammnis neigen?
Heute:
Ich kann tun und lassen was ich will, ich heize die Erde mit meinem Tun und Lassen doch nur weiter auf?

Martin Luther erkannte:
Ich kann mir Gnade nicht verdienen.
Gnade ist ein Geschenk.
Gnade erlöst mich im Glauben aus den Verstrickungen meiner Schuld.
Und weist mich – vergnügt, erlöst – direkt wieder zurück in dieses Leben.
Gnade befreit mich zum frohen und dankbaren Dienst an der Geschöpfen Gottes.
So weit Luther, so weit, so gut.

Ich schaue aus dem Fenster, sehe den Himmel und schon meldet sich die nächste Frage:
Vergebung und Gnade ist ja gut und schön, aber…?
Ja, aber was?
Was bringt mir die Gnade, ganz konkret, in diesem Leben?
Modern gesprochen:
Was habe ich davon?
Beruhigt sich meine Angst?
Erlöst sie mich von meinem unendlichen Schuldgefühlen?
Oder gehört es vielleicht zum Wesen der Gnade, diesen Zwiespalt, diesen Schmerz aushalten zu zu können, nicht nur zu müssen?
Und weiter, gilt auch hier Luthers Diktum: „Pecca fortiter“, – Sündige kräftig“ – statt dich im Stand der Gnade selbst zu zerfleischen?
Viele Fragen…

Mein Blick wandert von dem einen dicken Buch auf meinem Schreibtisch auf das andere.
Ein Schatz voller Geschichten steht da drin.
Immer wieder leuchteten Texte in bestimmten Zeiten ganz neu auf.
Das gibt Hoffnung.
Und ich fange an zu blättern.
Lese hier, lese da.
Dann bleibt mein Auge plötzlich hängen.

Jesus erzählt vom Reich Gottes.
Das auf uns zukommt und zugleich unter uns beginnt.
Dazu malt Jesus Bilder vor unsere Augen.
Wie das gehen kann mit dem Reich Gottes.
Um uns Mut zu machen.
Loszugehen.
Eins dieser Bilder geht so:

Wieder begann Jesus, am See zu lehren. Um ihn versammelte sich eine sehr große Volksmenge, so dass er in ein Schiff stieg, sich setzte und vom See aus sprach. Das ganze Volk blieb am Seeufer auf dem Land. Vieles lehrte er sie in Gleichnissen. Er lehrte sie: »Hört zu! Bauersleute gingen hinaus, um zu säen. Beim Säen fiel nun einiges auf den Weg. Da kamen die Vögel und pickten es auf. Anderes fiel auf dünnen felsigen Boden, wo es nicht viel Erde fand. Sofort ging es auf, weil es keine tiefe Erdschicht vorfand. Als die Sonne aufging, verbrannte es. Und weil es keine tiefen Wurzeln gefasst hatte, vertrocknete es gänzlich. Anderes fiel zwischen die dornigen Pflanzen. Die Dornenbüsche wuchsen und erdrückten es, und es trug keine Frucht. Wieder andere Samenkörner fielen in gute Erde. Indem sie aufgingen und heranwuchsen, trugen sie Frucht – einige trugen dreißigfach, andere sechzigfach, manche hundertfach.« Und er fügte hinzu: »Die Ohren haben zu hören, sollen genau hinhören!« (Markus 4, Bibel in gerechter Sprache)

Amen.

(Gedanken im Mittagsgebet im Haus kirchlicher Dienste, Hannover)

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