Die Rolle der Kirche in den Change-Prozessen von Arbeit und Wirtschaft

Impuls auf dem [vdav] -Branchentreff am 18. Juni in Berlin

(1) Vor Jahren, als das mit den Talkshows anfing, da saßen bei vielen Themen kirchliche Vertreter/in in der Runde. Das ist vorbei. Vor längerer Zeit habe ich mal gebloggt: Kirche sitzt nicht mehr automatisch auf den Podien, sondern wir stehen unten bei den anderen – und das ist gut so. Wir sind nicht mehr diejenigen, die der Gesellschaft sagen, was gut und falsch ist. Und wenn wir es noch tun (würden), dann hört uns niemand mehr zu oder wir machen uns lächerlich. Aber das heißt nicht dass wir keine Rolle mehr spielen. Zuhören statt zutexten, so sind wir an vielen Stellen geschätzt. Das erleben (nicht nur) wir im KDA (Kirchlicher Dienst in der Arbeitswelt) immer wieder. Und es berührt uns sehr. Und weiter: Wenn wir offen, neugierig, zugewandt zuhören, uns interessieren für die Arbeit von Menschen, dann werden wir plötzlich gefragt: Wie sieht du das denn als Pastor? Oder: Was sagt denn die Kirche dazu? Als ein Beitrag zur Orientierung in einer komplexen und unübersichtlichen Welt ist Kirche immer noch gefragt.

Unsere Rolle, so wie ich sie sehe, kann ich mit drei Stichworten beschreiben: Dialog – Moderation – Provokation.
Dialog meint diese Form des aktiven, zugewandten Zuhörens. Moderierend sind wir gefragt, wenn wir dazwischen gehen und Menschen versuchen miteinander in Gespräch zu bringen. Und hier und da gilt es dann auch mal Positionen zu beziehen, unbequeme Dinge anzusprechen, Kritik zu äußern, zu provozieren. Alles, um uns Menschen miteinander auf dem Weg voran zu bringen, wie gemeinsames Leben, Arbeiten, Wirtschaften, Feiern, Ausruhen gelingen kann.

Für diese drei Formate finden sich auch in unserer biblischen Tradition jede Menge Anknüpfungspunkte. Sie hält viele Narrative bereit, die wir in die Gegenwart einsprechen können, um Vergangenheit und Gegenwart zu verstehen, und Zukunft gezielt gestalten zu können.
Drei konkrete Stichworte möchte ich nennen, die alle irgendwie miteinander verwoben sind, aber das gilt ja für alle möglichen Fragen und Herausforderungen in der Gegenwart. Drei Stichworte, die ich als mögliche Antwortteile sehe, welche Rolle wir als Kirche, als KDA in den Changeprozessen spielen (können, könnten). Und zwar je ein Beispiel für Provokation, Moderation und Dialog, in dieser Reihenfolge.

(2) Als erstes möchte ich eine dieser unbequeme Wahrheiten ansprechen, die in der ökonomischen Diskursen selten vorkommt. Politiker/innen können stundenlang über Herausforderungen der Gegenwart sprechen, ohne das Wort Klimawandel in den Mund zu nehmen. In Hintergrundgesprächen wissen sie oft sehr viel darüber, aber geben offen zu: Mit dem Hinweis, dass der Klimawandel dramatische Veränderungen mit sich bringt, sind keine Wahlen zu gewinnen. Damit stehe ich nicht allein: Genauso hat es am Wochenende auch Ulrike Herrmann, taz-Mitarbeiterin, auf einer Tagung anlässlich des 200. Geburtstages von Karl Marx beschrieben.

Natürlich wird vielerorts über Klimawandel nachgedacht. Aber im Mainstream der Politik und der Ökonomie spielt das nach wie vor kaum eine Rolle. Das ist zwar verständlich, weil alle vier Jahre Wahlen sind, aber nicht hinnehmbar. Deswegen spreche ich diese Thematik gebetsmühlenartig bei allen möglichen Gelegenheiten an, vielleicht nerve ich damit auch, bewusst. Um einen, meinen kleinen Beitrag dazu zu geben, dass die Einsicht in der Bevölkerung wächst, dass 1. hier eine Menge auf uns zukommt und 2. eine Menge zu tun ist und Zeit, Kreativität und nicht zuletzt einen Haufen Geld kosten wird. Erst wenn wir als Wählerinnen und Wähler von unserer Politik genau das erwarten, erst dann wird sich etwas bewegen. Kirche kommt hier von dem Gedanken der ersten Seiten der hebräischen Bibel her: die Schöpfungserzählung erinnert uns daran, die Welt und damit unser Leben ist ein Geschenk, sie ist uns anvertraut, wir sollen sie bebauen und bewahren. Klimawandel politikfähig machen, eine Rolle von Kirche in Changeprozessen.

(3) Ich kann mich noch an eine Zeit erinnern, da wurde in unserer Gesellschaft über die Humanisierung der Arbeitswelt diskutiert. Dieser Prozess fand mit der aufkommenden Massenarbeitslosigkeit ein ziemlich abruptes Ende. Hauptsache, Arbeit hieß es seither, gemeint war natürlich die Erwerbsarbeit. Diese Zeit geht zu Ende, nicht nur durch den beginnenden Fachkräftemangel und die befürchteten Folgen der Digitalisierung. Für mich Anlass zu fragen: Welche Güter und Dienstleistungen wollen wir denn eigentlich herstellen? Welchen Sinn hat unser Arbeiten? Warum arbeiten wir denn überhaupt? Um Geld zu verdienen? Um Karriere machen? Um unsere Potentiale und Fähigkeiten umsetzen zu können?

Mein Eindruck: In unserer Gegenwart gehen die Vorstellungen und Meinungen hierzu meilenweit auseinander. Andrea Nahles hat in der letzten Legislaturperiode den Prozess Arbeiten 4.0 aufgesetzt. Darin gab es die für mich hochaufschlussreiche Untersuchung Wertewelten der Arbeit. Ich habe die Vorstellung dieser Studie seinerzeit live miterlebt und mir wurde schlagartig klar, warum es in vielen Abteilungen kaum möglich ist, sich auf einen Betriebsausflug oder die Gestaltung der Weihnachtsfeier zu einigen: Weil die Werte, die wir mit Arbeit verbinden, extrem weit auseinandergehen und wir sehr darauf bedacht sind, unsere individuellen Wünsche möglichst effektiv umzusetzen.

Was folgt daraus für die Rolle der Kirche? Wir leben in einer Zeit, in der Menschen sich mehr und mehr nur noch in ihren Filterblasen bewegen, die Algorithmen der sozialen Netzwerke verstärken das noch. Eine Rolle von Kirche sehe ich darin, Diskursräume zu eröffnen, sie anbieten, vorhandene zu unterstützen. Diskursräume meint: Erzählen und zuhören first. Und in solchem Respekt kommen, da bin ich sicher, schnell die tiefsitzenden ethischen Fragen auf den Tisch, die sich mit der Digitalisierung stellen: Pflegeethik – wie viel Robotik wollen wir da? Big Data und Persönlichkeitsrechte – sollte uns nicht Facebook Geld bezahlen, wenn wir mit unseren Klicks ihre Datenbanken füttern? Medizinethik – bauen wir im Blick auf Gentechnik, aber auch im Blick auf verbesserte Ersatzteile am neuen Menschen? Beim Auto fragen wir schon: Wenn da immer mehr Software verbaut, ab welchem Punkt ist ein Auto kein Auto mehr, sondern ein Computerwerkzeug? Und beim Menschen: Wie viele „Ersatzteile“ braucht es, bis sich diese Frage eines Tages stellt? Und weiter: gibt es am Ende einen Optimierungszwang für bessere Hände, Augen, Herzen…?

Es gibt unter uns eine Fülle von Diskussionsbedarf über ethische Fragen. Und ich werde relativ schnell gefragt: Wie sieht eigentlich die Kirche das? Da geht es nicht darum, dass ich dem, der anderen sagen soll, was sie, er ethisch hier denken soll. Nein, aber offenbar traut man mir und Kirche immer noch zu, dass wir da etwas sagen können, das hilfreich empfunden wird für die eigene Meinungsfindung.

(4) In Artikel 1 des Grundgesetz heißt es: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Nicht die Würde der Menschen ist unantastbar. Das kann man so verstehen, dass hier das Individuum im Mittelpunkt steht,die bzw. die Einzelne. Das haben wir in den letzten Jahrzehnten ziemlich konsequent weiter ausdifferenziert. Letztens sagte jemand, der vielleicht fünf Jahre älter ist als ich: „In meiner Jugend wollte ich genau den gleichen Parka haben wie alle meine Kumpels, das war das höchste der Gefühle. Heute muss es die ganz eigene Klamotte sein, möglichst nur einmal getragen und unverwechselbar mich ausdrücken.“

Wahrscheinlich überspitzt formuliert, aber es kann kein Zweifel daran sein, dass wir in einer Zeit leben, die durch einen extremen Individualismus geprägt ist. In der Wirtschaft nähert sich die Industrie mehr und mehr der Losgröße 1 als Zielpunkt an. Gesellschaft der Singularitäten, so lautet ein Buchtitel. Aber ich glaube, dieses Zeitalter hat seinen Zenit bereits überschritten. An vielen Stellen in unserer Gesellschaft beginnt die Suche nach dem Gemeinsamen, nach dem, was uns verbindet. In Nachbarschaften und Stadtteilen, aber auch in Unternehmen. Wir als Kirche haben hier eine zweitausendjährige Tradition der Gemeinschaft, in der zugleich das Individuum mit im Blick ist. Und zwar nicht nur das perfekte, gute, aufrechte Individuum, sondern vor allem auch das schwache, geknickte, geknechtete Individuum. Und allein deswegen brauchen wir die Gemeinschaft, weil wir bedürftige Individuen sind, die allein nicht lebensfähig sind.

Von daher glaube ich, dass wir als Kirche die Rolle haben, dieses beginnende Gemeinschaftszeitalter (so der Titel einer Veranstaltung) mit voranzutreiben. In Quartieren und Stadtteilen, Dörfern und Kleinstädten, aber auch in Wirtschaft und Unternehmen. Wir vom KDA Hannover haben uns in diesem Jahr auf den Weg gemacht und sprechen mit vielen Genossenschaften. Anlass ist der 200. Geburtstag von Friedrich-Wilhelm Raiffeisen, einem der beiden Begründer der Genossenschaftsbewegung. Wir treffen auf faszinierende Unternehmungen, kleine und große, alte und junge. Und in dieser Idee steckt noch viel Potential. Weil es dort nicht in erster Linie um Gewinnmaximierung geht, sondern darum, gemeinsam etwas auf den Weg zu bringen, dass einer Gemeinschaft nutzt. Dazu braucht es natürlich auch die individuellen Fähigkeiten und Erfahrungen. Aber ich glaube, es ist der soziale Aspekt, der Menschen dort vielfach antreibt.  Rolle von Kirche ist die Unterstützung solcher Initiativen.

Soweit mein Impuls.

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