Just connect – ein sicherer kirchlicher Messenger für alle?!

Just Connect – so heißt der Messenger, den die ev.-luth. Landeskirche für die interne Kommunikation unter haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitenden entwickelt hat und der allen Ansprüchen des Datenschutzes genügt. Der Messenger war bereits in das Intranetsysten intern-e integriert, dass auf einem kirchlichen Server läuft. Jetzt wurde für Handys und Tablet eine App vorgestellt, mit der androidbasierte Geräte ohne den „Umweg“ über das Intranet miteinander kommunizieren können (fürs iPhone kommt die App später). Das blieb logischerweise nicht unbemerkt, und so entwickelte sich in einer Facebookgruppe dazu sofort eine Diskussion.

Ich habe die Beta-Version installiert, sie läuft prima. Und so dachte ich: Wenn Just Connect so sicher ist, dann wäre es doch super, wenn meine Familie und Freund/innen das Teil auch nutzen könnten und ich nicht zwei Messenger nebeneinander nutze (privat nutzen wir schon lange Telegram, Whatsapp geht ja gar nicht.)

Ich schrieb Klaus Motoki Tonn, den Kommunikationschef unserer Landeskirche, diesbezüglich über Just Connect an:

Ich • 8:36
Moin, die App funzt prima. Um sich durchzusetzen braucht es mE aber zweierlei: eine Stand Alone Lösung für den PC, ohne Umweg über intern-e. Und auch die Möglichkeit, den Messenger privat nutzen zu können, dazu müssten Familie und Freunde aber Zugang erhalten. Gruß Matthias

Klaus Motoki Tonn • 8:55
Alright! Du kannst die Family auf intern-e einladen 🙂

Als ich das las, dachte ich: Meine Familie zu intern-e einladen? Ne, das passt nicht, was sollen die denn da?! Dann schoss mir durch den Kopf: Wie wäre es umgekehrt, wenn die Landeskirche hingeht und diesen sicheren Messenger für alle öffnet, der „Gesellschaft“ sozusagen diesen sicheren Kommunikationskanal „schenkt“? Frei nach dem Motto:

„Für Uns als Kirche ist Kommunikation zentral und wir fördern Kommunikation. Zugleich ist uns wichtig, dass in der (nicht nur digitalen) Kommunikation grundsätzliche Menschenrechte im Blick auf Datenschutz beachtet werden. WhatsApp und praktisch alle andere auf dem Markt befindlichen Messenger erfüllen diese Vorgaben nicht. Deswegen öffnen wir unseren Messenger für alle, die sicher kommunizieren möchten, und zwar kostenlos.“

Absurde Idee? Die evangelische Kirche schenkt der Gesellschaft einen Messenger?

Im Prinzip nicht, meinte Motoki, als ich mit ihm kurz drüber sprach. Es wäre durchaus technisch machbar, zumal ja nicht zu erwarten ist, dass Just Connect auch nur ansatzweise Userzahlen wie WhatsApp erreichen würde. Es müsste zwar geschaut werden, wie die Anmeldung gesteuert wird, weil derzeit der Zugang zu Just Connect gleichzeitig zum Intranet der Landeskirche bedeutet. Aber das wäre auch keine unüberwindbare Hürde, so Motoki (und ich darf ihn so zitieren, schrieb er).

Wenn die Technik kein Hindernis ist, dann stelle ich mal eine ganze Reihe von Fragen zur Diskussion:

  • Was wäre denn, wenn die evangelische Kirche eine mediale Kampagne startet und Menschen einlädt, künftig den sicheren Messenger Just Connect zu nutzen? Für private wie dienstliches Chatten, kostenfrei und werbungsfrei? Würde das Zustimmung finden? In vielen anderen Bereichen wirkt Kirche mit Angeboten in die Gesellschaft hinein, warum nicht auch mit einem sicheren Messenger in einem Bereich, in dem sehr viel Missachtung von Menschenrechten geschieht?
  • Oder machen wir uns mit solch einem Vorstoß lächerlich? Wird es nicht sofort heißen: „O nein, nicht NOCH ein weiterer Messenger…“ Weil vielen/den meisten letztendlich der einfache Kontakt über Whatsapp immer noch wichtiger ist als alle Datenschutzfragen und zwar bis weit, weit in die Kirche hinein?
  • Schallt uns entgegen: „Bleibt doch besser, bei dem was ihr könnt.“ Aber wir können doch als Kirche Kommunikation oder haben zumindest den Anspruch. So könnte Just Connect ein Beitrag zum Dialog über die Rolle von Kirche in der Gesellschaft darstellen.
  • Wie groß wäre das Vertrauen in ein kirchliches System? Der „Ruf“ von Kirche in unserer Gesellschaft ist sehr unterschiedlich ausgeprägt. Neben vielen guten Kommunikationserfahrungen, die Menschen mit uns als Kirche machen, stehen auch viele misslungene und schmerzhafte Erfahrungen.
  • Würde der Einsatz von Kirchensteuermitteln an dieser Stelle positiv oder negativ gesehen? Dahinter verbirgt sich die spannende und tiefgehende Frage, was und wofür die Einnahmen der Kirche eingesetzt werden sollen: (Nur) für die „klassischen“ Angebote von Kirche (Gottesdienste, Taufe, Hochzeit, Beerdigungen, kirchliche Gebäude…) oder auch (hier und da) um Lücken in der Infrastruktur zu schließen, also auf Bedürfnisse zu reagieren, die anders (gerade) nicht befriedigt werden können – hier eben das Bedürfnis, sicher digital kommunizieren zu können?

Gedankenspiele, unabgeschlossen. Ihr seid dran.

3 Comments

  1. e

    Wenn dann bitte direkt als ökumenisches Projekt: mit der RKK, den Altkatholiken, den Freikirchen und den Ost- und orientalischen Kirchen. Ein Messenger ist echt nichts konfessionelles.

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  2. matthias jung

    Es gab auf meinen Vorschlag eine Reihe von Rückmeldungen und Anregungen auf Facebook und Twitter und Co., die ich hier mal kursorisch zusammenfasse:

    – Wenn die Landeskirche Hannovers solche eine Idee ernsthaft verfolgen sollte, dann bitte landeskirchenübergreifend angelegt und auch die katholischen Bistümer ins Boot holen.

    – Angeregt wird, den Messenger dann als Open Source zur Verfügung zu stellen. Das ist eine Anregung von Johannes Brakensiek und er geht noch weiter, ich zitiere ihn mal von Twitter: „Auch ein dezentrales Netz (Just nutzt das eigentlich dezentrale XMPP) ist sinnig: Jede Körperschaft könnte ihren eigenen Server betreiben, aber alle können miteinander interagieren. Das wäre für mich digitale Ökumene.“

    – Es gibt kritische Rückfragen, die ich nicht beantworten kann: Warum sind Messenger wie Signal und Co. datenschutzkonform?

    – Auf einer Tagung in Berlin kam ich mit einer Frau am Wochenende auf diese Idee zu sprechen, die im Horizont der EKBO unterwegs ist. Sie fand das sehr spannend, und zwar nicht nur den Messenger, sondern auch das Intranet intern-e – und zwar deswegen, weil es bereits von zwei Landeskirchen gemeinsam genutzt wird (Hannover und Oldenburg). Warum muss jede Landeskirche immer alles neu erfinden, so schrieb auch jemand auf Facebook.

    – … natürlich wird auch die Gefahr gesehen, dass Kirche sich hier lächerlich macht. Ja, die sehe ich auch, aber ich fände es schon spannend, unsere Kommunikationsprofis nehmen die Idee erst mal auf und diskutieren sie weiter.

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  3. Roland Hummel

    Lieber Matthias, danke für diesen wichtigen Diskussionsbeitrag zu digitalen kirchlichen Infrastruktuen.

    Ich greife sogleich die Frage „Oder machen wir uns mit solch einem Vorstoß lächerlich?“ auf: Eine kirchliche digitale Infrastruktur, die auf einen weiteren unfreien/proprietären Dienst setzt, macht sich in der Tat lächerlich. Das Angebot von intern-e.de basiert letztlich auf von just.social unfrei entwickelten Programmen, was mir auf Nachfrage von Just Social bestätigt wurde:

    „JUST SOCIAL Support, 9. Nov., 08:26 CET

    Hallo …,

    die gesamte Software inkl die Android App Just Connect wurden von uns entwickelt. Es handelt sich daher um eine proprietäre Software. Wir verwenden lediglich ein paar Bibliotheken. Die für die Android App verwendeten können innerhab der App in den Einstellungen aufgerufen werden.

    Viele Grüße
    …“

    Ein kirchliche digitale Infrastuktur auf Basis proprietärer/unfreier Software macht, sofern es wirklich darum gehen soll, zivilgesellschaftlich plausibel kontrollier- und gestaltbare digitale Infrastukturen zu schaffen, am Ende nichts besser als die Dienste großer Monopol-Unternehmen, von denen man sich entfernen möchte (also bspw. WhatsApp, Facebook, Google), denn kein noch so gut formuliertes Datenschutzgesetz bringt etwas, wenn sich die digitalen Infrastrukturen nicht plausibel kontrollieren lassen (was damit beginnt, die eingesetzte Software zivilgesellschaftliche prüfen zu können, was bei den intern-e-Apps nicht der Fall ist).

    Ich stimme Johannes Brakensieks Vorschlag zu, dass ein freies Messenger-Prokotoll wie XMPP auf jeden Fall der bessere Ansatz für ein kirchliches Kommunikationsnetzwerk wäre als ein weiterer „walled garden“, wobei ich persönlich lieber das ebenso freie, allerdings sehr viel jüngere Matrix-Protokoll bevorzuge, weil die Client-Situation dort aktuell eine Reihe von Vorteilen gegenüber etablierten XMPP-Clients bietet, durch die Matrix um einiges konkurrenzfähiger hinsichtlich von Features ist, die WhatsApp/Slack-User gewohnt sind und (durchaus berechtigt) erwarten (angefangen bei Audio/Video-Telefonie, die kein mir bekannter XMPP-Client derzeit vernünftig bietet).

    Zivilgesellschaftlich *plausibel* gestalt- und kontrollierbar (also auf Basis Freier Software, wofür https://publiccode.eu/ anschaulich plädiert) ist die Forderung und Förderung von öffentlichen kirchlichen digitalen Infrastrukturen alles andere als lächerlich, denn die Schaffung von Räumen zur Kommunikation des Evangeliums muss im digitalen Zeitalter nunmal auch den digitalen Raum betreffen.
    Den Versuch einer auch theologischen Begründung dieses Gedankens habe ich in einem Praktikumsbeitrag für den Datenschutz der Evangelischen Kirche unternommen: „Kirchlicher Datenschutz im Perspektivwechsel des digitalen Zeitalters nach Snowden“ ( https://doi.org/10.18452/18859 ). Auch darin empfehle ich den konsequenten Einisatz von Freier/Libre/Open Source Software – leider hat der BfD EKD Herr Jacob diese Empfehlung meines Wissens nach bisher nicht übernommen.

    Zu Deiner Frage: „Warum sind Messenger wie Signal und Co. datenschutzkonform?“

    Zunächst: Wer behauptet das, warum und wer ist „Co.“?
    Für mich beginnt plausibler Datenschutz damit, dass ich die Systeme, die Daten erheben und verarbeiten, zivilgesellschaftlich plausibel kontrollieren kann. Das geht meiner Meinung nach ausschließĺich durch Verwendung Freier/Libre/Open Source Software. „Signal“ ist zwar eine solche Software, hier besteht aber ein anderes Problem: Die Server-Software von Signal sieht keine föderalen Infrastrukturen vor, weswegen Signal ein zetralisierter Messenger ist („walled garden“). Gleiches gilt für Telegram. Solange deren Server laufen, können wir kommunizieren – aber was, wenn gewisse Regierungen sagen, dass die Server abgeschaltet werden sollen? Das kam bei WhatsApp schon vor.

    Desweiteren: Bei Verwendung unfreier/proprietärer Dienste („Co.“) auf juristischen Schutz allein zu vertrauen, halte ich spätestens seit dem spannenden, leider auch sehr „dichten“ CCC-Beitrag „The Cloud Conspiracy 2008-2014 : how the EU was hypnotised that the NSA did not exist“ von Caspar Bowden ( https://media.ccc.de/v/31c3_-_6195_-_en_-_saal_g_-_201412272145_-_the_cloud_conspiracy_2008-2014_-_caspar_bowden#t=3661 ) für naiv, denn die Lobby derer, für die Datenschutz ein lästiges Hindernis ist, ist auf Seiten derer, die die Gesetze, so auch den Datenschutz, definieren, mittlerweile viel zu stark.

    Letzt muss eine digitale Zivilgesellschaft (zumindest die in Deutschland) endlich damit beginnen, an den digitalen Raum die gleichen Forderungen zu stellen wie an den analogen, also: Freiheit/Offenheit, Transparenz und Föderalismus. intern-e.de ist für mich nach aktuellem Stand das komplette Gegenteil dieser historisch hart erkämpften Errungenschaften, die eine mündige Zivilgesellschaft auch in digitaler Hinsicht einfordern sollte, wenn von ihren Geldern etwas gebaut wird (schließĺich gehören unsere Autobahnen ja auch nicht den Bauunternehmen, die sie gebaut haben).

    Gruß
    Roland

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