Analog und digital. Gedankensplitter zu #digitalekirche

Gestern beim Internettag der hannoverschen Landeskirche gab es einen Impuls von Klaus Motoki Tonn, der auf den Unterschied zwischen analoger und digitaler Fotografie hinwies.

Bis heute ist es der Technik nicht gelungen, so Tonn, die Qualität von Kleinbild- und Rollfilmen entsprechend digital abzubilden. Gleichzeitig bringt die digitale Fotografie neue Qualitäten mit sich, welche der analogen Technik nicht zu eigen sind. Es geht daher nicht darum, analog und digital gegeneinander auszuspielen und/oder die Überlegenheit des einen über das andere zu proklamieren. Sondern es gilt, die jeweiligen Stärken und Schwächen im Blick zu halten und die Techniken entsprechend bewusst einzusetzen.

Dazu zwei Gedankensplitter.

Vor Jahren habe ich meine Konfirmand/innen einzeln fotografiert. Im Gemeindezentrum hingen sie dann an einer Wand für alle sichtbar während ihrer Unterrichtszeit. „Früher“ war der Vorgang einfach: Alle stellten sich in einer langen Reihe auf. Ich versuchte, die Jugendlichen zu einem freundlichen Lächeln zu bewegen, „Klick“, die Aufnahme war im Kasten. Das Foto machte dann ein bis zwei Wochen später mehr oder weniger glücklich. Der zeitliche Aufwand war gering, das Ergebnis gefühlt in 90 Prozent zufriedenstellend, der Rest schämte sich mehr oder weniger stark und sehnte die Konfirmation herbei.

Mit meiner ersten digitalen Kamera änderte sich das. Ich machte in der Regel mehrere Foto und wählte eins aus, welches ich zum Labor schickte. Den Vorgang habe ich schnell verfeinert und eine Absprache mit den Jugendlichen getroffen: Wir fotografieren so lange, bis es ein Foto gibt, mit dem Du zufrieden bist. Der Aufwand war größer, die Zufriedenheit auch. Der Chip wanderte immer wieder von der Kamera zum Laptop, es wurde geschaut und entschieden.

Gerade für viele Mädchen war das eine besondere Herausforderung. Schon die Erwartung des analogen Fotos versetzte viele in Angst und Schrecken, aber hier gab es kein Mitentscheiden. Nun aber durften, genauer, mussten sie selber sagen, welche Aufnahme sie gut oder zumindest passabel fanden. Es gab Diskussionen. Dabei ging es auch um das Selbst- bzw. das Fremdbild. Was sagen die anderen? Auch die Teamer/innen waren dabei und unterstützten die Jugendlichen bei einer  für sie manchmal schwierigen Entscheidung. Der Prozess dauerte viel länger, Er wurde für mich Teil des Konzeptes, Jugendliche ernst zu nehmen in ihrer Selbstwahrnehmung – sie aber auch mit Wahrnehmungen anderer zu konfrontieren.

Einmal haben wir die Fotos auf einer Konfirmandenfreizeit gemacht. Drei Mädchen taten sich unendlich schwer. Aber der Deal galt. So lange, bis ihr zufrieden seid. Es dauerte zwei Stunden. Mit Pausen, verschiedenen Locations und Posen, bis endlich der Daumen bei allen nach oben ging.

Die digitale Fotografie verändert Ästhetik. Durch die unendliche Flut von Bildern, die unsere Welt überschwemmt, gehen wir mit Motiven und deren Inszenierung – oft genug auch Selbstinszenierung – anders um. Meine These: Wir achten mehr auf Ästhetik. Wir wollen, das etwas „schön“ aussieht.

Mir fiel das an Gründonnerstag auf, als viele Pfarrer/innen und/oder Ehrenamtliche Fotos von den Vorbereitungen zum Tischabendmahl in ihrer Gemeinde posteten – vielfach wunderschön gedeckte Tische, mit viel Liebe zum Detail. Mein Eindruck: Hier wird mehr Augenmerk darauf gelegt als früher.

Die digitale Welt wirkt für mich zurück auf die analoge Welt und bringt ans Licht, welche Stärken die „direkte“ Begegnung hat. Wir schätzen das Analoge mehr als früher. Das vormals Selbstverständliche ist nicht mehr selbstverständlich. Zugleich erkennen wir so auch die Chancen der digitalen Begegnung, Inszenierung, Welt.

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