Beherrscht der Mensch die Technik oder die Technik den Menschen?

Beherrscht der Mensch die Technik oder die Technik den Menschen?

Vortrag beim Landesvorstand der Christlich demokratischen Arbeitnehmerschaft (CDA) Hannover am 10. November 2017

  • 1. Annäherung

Technik wird von Menschen geschaffen und eingesetzt. Wird sie zum Wohle anderer eingesetzt? Oder um ihnen zu schaden? Oder um mich zu verteidigen? Wir Menschen haben verschiedene Gesichter. Gier, Gewalt und Egoismus gehören zum Alltag genauso wie Liebe, Mitgefühl und Kooperation. Waffentechnik und Kriegstechnik, mit der Menschen über Menschen herrschen können, waren immer schon ein großer Antreiber in der Technikentwicklung neben dem Interesse, das Leben mir selbst und/oder der Gemeinschaft leichter zumachen. Und der Neugier, sich neue Horizonte zu erschließen. Technik hat zugleich mit Macht zu tun, sie gibt Macht, es braucht Macht, sie einzusetzen. Beherrscht die Technik den Menschen oder der Mensch die Technik?

  • 2. Evangelische Kriterien ethischer Betrachtung

Luthers Ethik setzt bei der Freiheit eines Christenmenschen an, die ihm von Gott geschenkt wurde und wird und die den Christenmenschen damit direkt aus dankbarer Liebe an seinen Nächsten wendet. In dieser Zuwendung geht es darum, miteinander so zu leben und zu wirtschaften, dass das Allgemeinwohl gestärkt und erhalten wird. Evangelisch ist es für Luther, danach zu trachten, das rechte Maß zu treffen. Nichts liegt ihm ferner als eine Diktatur des Evangeliums aufzurichten, daher zielen seine evangelischen Ratschläge im Wesentlichen auf den Einzelnen, der christlich sein und werden will. Evangelisch ist es aber zugleich, sich den gesetzlichen Normen zu unterstellen, ja, diese im Sinne einer Allgemeinwohlorientierung zu fordern und zu fördern. Individualethik und Sozialethik behandeln sozusagen alle Themen und Fragestellungen aus einer je doppelten, aber aufeinander bezogenen Art und Weise. Das eine ohne das andere endet entweder in einer Art von gesinnungsethischen Weltvergessenheit oder in blanker Ideologie. Dabei gibt es keine Eigengesetzlichkeiten.

Evangelische Ethik ist grundsätzlich pragmatisch und abwägend, aber überall dort, wo die grundsätzliche Freiheit bedroht und gefährdet ist, auch durch Widerspruch. So konnte Luther u.a. Jakob Fugger und seine Zins- und Wucherpolitik auf das heftigste verbal attackieren. Luthers Kontrahent Müntzer zog aus der Beobachtung der massiven Armut und Unterdrückung der bäuerlichen Bevölkerung durch die Obrigkeit eine andere Konsequenz, für ihn gab es eine Grenze, nach der nicht nur Widerspruch, sondern Widerstand ethisch geboten sei. Für unsere Fragestellung: Beherrscht der Mensch die Technik oder die Technik den Menschen ist diese Grenze zumindest immer mitzudenken: wo besteht die Gefahr, dass Technik den Menschen so beherrscht, dass nicht nur Widerspruch angesagt, sondern Widerstand geboten sein könnte? Höchstwahrscheinlich, hoffentlich in der Gegenwart eine theoretische Grenze, die aber dennoch immer mitgedacht werden muss, damit wir nicht am Ende feststellen, dass wir uns pragmatisch-abwägend in die totale Abhängigkeit begeben haben – ohne es zu merken. Ich komme ganz am Ende noch einmal darauf zurück.

  • 3. Technik in der Gegenwart

Wir Menschen heute sind in einer Art und Weise von Technik abhängig, wie das für frühere Generationen undenkbar gewesen ist und teils in vielen Regionen der Welt bis heute undenkbar ist. In dem Roman „Blackout“ von Marcus Elsberg wird anschaulich geschildert, was geschieht, wenn der Strom in Mitteleuropa ausfällt. Nach spätestens vierzehn Tagen sind die meisten von uns tot. Kommunikation, Kühlschrank und vor allem die Klospülung funktionieren nicht mehr und das führt innerhalb kürzester Zeit zu massiven Ausfällen in unserer Infrastruktur. Beherrscht die Technik den Menschen? Nun, zumindest sind wir abhängig von Technik, und das frei gewählt – auch und vor allem, weil uns der technische Fortschritt erhebliche Wohlstandsgewinne verschafft hat. Das löst zwiespältige Gefühle aus, wenn ich anfange, hier tiefer nachzudenken. Und es gibt ja das keineswegs neue Phänomen einer Ambivalenz zwischen Technikbegeisterung und Technikangst, zwischen Euphorie und Apokalyptik. Bei Erfindungen wie Fahrrad, Auto, Film, Telefon, Fernsehen und Computer konnte diese Ambivalenz immer wieder beobachtet werden, oft bis in die Worte hinein mit den gleichen Argumenten, dass der Untergang unserer Zivilisation mit dieser neuen Technik eingeläutet wird, während andere den Himmel auf Erden nahe wähnten.

Es kommt aber heute noch etwas hinzu.

Früher verlief der technologische Fortschritt langsamer und eher über Generationen hinweg. Meistens gab es eine Schlüsseltechnologie – heute dagegen sind wir mit etlichen technologischen Umwälzungen gleichzeitig beschäftigt, die auch noch aufeinander einwirken und uns in ihrer Komplexität und Schnelligkeit als Gesellschaft und als Einzelne überfordern. Das führt dazu, dass wir das Gefühl haben, die Folgen unseres Handelns nicht mehr im Griff haben. Wir sehen uns nicht mehr als gestaltende Akteure gesellschaftlicher Veränderungen, sondern versuchen nur noch auf die irrwitzig schnellen Änderungen zu reagieren. Kein Wunder, dass die Entwicklungen uns zwischen Begeisterung und Angst hin und her schleudern. Ich nenne nur mal einige Errungenschaften jüngster Zeit und Sie können ja mal mitzählen, was Ihnen davon bekannt ist (die Liste folgt Lars Jaeger, Supermacht Wissenschaft, S. 22-24 u. 129)

• Die Medizintechnik kann Querschnittsgelähmte heute schon wieder gehen lassen.
• Allein mithilfe unserer Gedanken können Roboter gesteuert werden.
• Menschen können sich mithilfe von Neuro- und Bewusstseinstechnologien in Maschinen verkörpern und haben dabei das Gefühl, sie seien selbst die Maschine.
• Im Tierversuch gelang es bereits, Gehirne so zusammen zu schalten, so dass sie als ein einziges Gehirn agieren.
• Erinnerungen konnten in tierische Gehirne transferiert werden.
• Mithilfe neuer gentechnologische Methoden können bereits gezielt Augenfarbe, Körpergröße oder Intelligenz von Tieren manipuliert werden, theoretisch ist das auch beim Menschen möglich.
• Bakterien können zu 100 % künstlich hergestellt werden.
• So genannte Quantencomputer sind in der Entwicklung, welche in ihrer Leistungsfähigkeit heutige Computer um das Millionenfache überschreiten werden.
• Nanobots, Roboter so groß wie Viren, werden in lebenden Organismen eingesetzt, um dort beispielsweise Krebszellen zu bekämpfen.
• Fleisch und funktionsfähige Organe können heute schon in 3-D Druckern ausgedruckt werden.
• Das Twittern von Hirn zu Hirn ist bereits in Einzelfällen gelungen.
• Das autonome Fahren ist technisch ebenfalls möglich, wird erprobt und die rechtlichen bzw. ethischen Implikationen werden diskutiert.

All diese Entwicklungen – und es gibt ja noch viel mehr – haben erhebliche Konsequenzen für unser Zusammenleben und sie sind komplex verschränkt. Sie eröffnen Chancen und beinhalten Risiken. Und sie haben mit Machtfragen zu tun, mit Herrschaftsfragen.

  • 4. Zwei Beispiele

a) CRISPR/Cas9 (Genomchirugie)

Das Editieren von Genen im Erbgut war lange Zeit aufwendig, teuer und fehleranfällig. Das lag vor allem an der Schwierigkeit, den DNA-Strang exakt an der erwünschten Zielsequenz aufzuschneiden. Die Gentechnologie konnte neue DNA-Sequenzen nur mit einer Art „Schrotflinten-Methode“ in das zu behandelnde Genoms einbringen. Das war eher eine ungenaue Vorgehensweise. Genau hier lieferte die neue Methode den entscheidenden Durchbruch. Ursprünglich stammt das CRISPR/Cas9-System aus Bakterien. Es dient ihnen als eine Art Immunsystem, mit dem sie Angriffe von Viren erkennen und abwehren können. Vor fünf Jahren hatten zwei Wissenschaftlerinnen die geniale Idee, daraus ein molekularbiologisches Werkzeug zu entwickeln. Zur großen Überraschung funktioniert es nicht nur bei Bakterien, sondern universal bei allen lebenden Zellen – in denen von Tieren und Pflanzen, aber auch in menschlichen Zellen.

Wie genau funktioniert CRISPR/Cas9? Zunächst muss im riesigen Genom einer Zelle punktgenau die Stelle gefunden und angesteuert werden, bei der eine Änderung durchgeführt werden soll. Dazu konstruiert man eine geeignete „Sonde“, die der DNA-Abfolge der jeweiligen Zielsequenz entspricht. Wenn die Sonde diese Stelle „gefunden“ hat, dockt sie dort an, um den DNA-Doppelstrang genau an dieser Stelle mit einer molekularen „Schere“ zu durchschneiden – bei CRISPR ist es das Cas9-Protein, welches an die RNA-Sonde gekoppelt ist. Anschließend treten die zelleigenen Reparatursysteme in Aktion: Sie flicken den durchtrennten DNA-Strang wieder zusammen – allerdings in der Regel mit kleinen Fehlern. Die Folge: Das betreffende Gen kann nicht mehr richtig abgelesen werden und ist so blockiert. Ein Gen mit einem Krankheitsträger wird also nicht mehr richtig gelesen, die Krankheit bricht nicht aus. Möglich ist auch, einzelne DNA-Bausteine auszutauschen oder kurze Sequenzen neu in den DNA-Strang einzubauen, also z.B. blaue Augen durch graue zu ersetzen.

Die Anwendungsmöglichkeiten liegen auf der Hand: Heilung von Erbkrankheiten, Ausrottung von Krankheiten wie Krebs, Züchtung von Pflanzen mit bestimmten Merkmalen und so weiter und so fort. Ein spannendes Werkzeug also, in viele Richtungen zu gebrauchen, aber es kommt noch etwas hinzu:

„Trotz ihrer unvergleichlichen Potenz ist die CRISPR-Technik so einfach Hand zu haben, dass sie jedem Genlabor, ja bald vielleicht gar gymnasialen Schulklassen zu Verfügung stehen könnte. Das liegt im Wesentlichen daran, dass lediglich ein Erbgutabschnitt mit etwa 20 Nukleotiden (‚Buchstaben‘) synthetisiert werden muss statt ein vollständiges Protein, um die Ziel-Schnittstelle festzulegen. Die Herstellung eines geeigneten CRISPR-Komplexes für eine bestimmte Gensequenz dauert nur ca. drei Tage und kostet um die 20 €. Zuvor betrugen Dauer und Kosten Vielfaches davon.“ (Jaeger 81)

Der sich selbst so bezeichnende „Bio-Hacker“ Josiah Zayner verkauft bereits „Biologie-Baukästen“ mit denen Sie und ich zuhause Bakterien manipulieren können.1
Wahrscheinlich läuft Ihnen wie mir ein Schauer über den Rücken, wenn Sie von dieser Methode hören. Vielen Wissenschaftler/-innen ging es ähnlich, und sie setzten sich für eine Art Moratorium ein, um die ethischen Implikationen zu diskutieren: Wann und unter welchen Voraussetzung könnte CRISPR/Cas9 hilfreich und sinnvoll sein, welche begründeten Bedenken und Grenzen sind erkennbar?

Wolfgang Huber ist in einem Aufsatz diesen Fragen im Sinne evangelisch abwägender Ethik nachgegangen. Huber geht dabei davon aus, dass grundsätzlich zu unterscheiden ist zwischen der Genomchirurgie an Körperzellen und an Keimzellen:

„Genomchirurgie an somatischen Zellen ist in ihren Auswirkungen auf das jeweilige Individuum beschränkt; Eingriffe in die Keimbahn haben, wenn sich daraus Individuen entwickeln, Konsequenzen für alle Nachkommen dieser Individuen. Die lebensgeschichtlichen Implikationen von Keimbahneingriffen für die einzelne davon betroffene Person wie für ihre möglichen Nachkommen greifen unvergleichlich viel weiter, als dies bei genomchirurgischen Eingriffen in die somatischen Zellen eines Menschen der Fall ist.“ (Wolfgang Huber, Eine neue Ära? Ethische Fragen zur Genomchirurgie. In: Zeitschrift für evangelische Ethik 60/2016, S. 273)

Beim Einsatz dieser Technik stellt sich also die Frage: Wie viel Macht geben wir einer Technik, ggf. die ganze Menschheitslinie zu verändern?
Huber diskutiert die ethischen Probleme der Genomchirurgie an vier in der Medizinethik häufig angewendeten Prinzipien: Fürsorge, Schadensvermeidung, Selbstbestimmung und Gerechtigkeit. Ich will das nicht im Einzelnen durchgehen, nur zwei Aspekte herausgreifen.
Huber argumentiert zum einen mit dem „Vorsichtsprinzip“:

„Je präziser wir die künftigen Wirkungen möglichen Handelns einschätzen und eingrenzen können, desto klarer können wir dessen Verantwortbarkeit beurteilen. Je undeutlicher diese künftigen Wirkungen sind, desto mehr ist Vorsicht geboten. (…) Mit der Anwendung auf die menschliche Keimbahn (…) können sich langfristige Auswirkungen ungewisser Art und ungewisser Reichweite verbinden. (…) So lange solche Risiken weder ausgeschlossen noch in ihrem Ausmaß beschrieben werden können, ist ein international vereinbartes Verbot gentechnischer Eingriffe in die Keimbahn in einer moralischen Perspektive vergleichbar plausibel wie ein Verbot des Klonens.“ (Huber 277f.)

Damit ist ethisch eine Grenze gezogen, die im Blick auf gentechnische Eingriffe in Keimzellen Vorsicht angeraten sein lässt.

Zweitens: Huber fragt unter diesem Gesichtspunkt Gerechtigkeit nach der Unterscheidung von Therapie und Heilung einerseits und Verbesserung und Perfektion durch gentechnische Eingriffe und deren Finanzierung durch die Krankenkassen. Ausgehend von der Einsicht, dass Heilung und Therapie nicht immer eindeutig voneinander zu trennen sind, formuliert er:

„Der Gemeinschaft der Versicherten wird man nur die Finanzierung von Behandlungen zumuten, die zur Behebung von Krankheiten notwendig, medizinisch effektiv und in ihren Kosten vertretbar sind. Maßnahmen des Enhancement würden, wenn sie überhaupt zugelassen würden, nach meiner Vermutung auf absehbare Zeit von der Kassenfinanzierung ausgenommen sein. Sie wären dann also nur für Menschen erschwinglich, die sich diese zusätzlichen Kosten im eigenen Interesse oder im Interesse ihrer Kinder leisten könnten und wollten. Nehmen wir an, die Förderung von musikalischer Begabung, sportlichem Vermögen, wissenschaftlicher Exzellenz oder beruflicher Leistungsfähigkeit wäre tatsächlich durch positive Eugenik zu erreichen, dann würde gesellschaftliche Ungleichheit durch gentechnische Mittel verschärft. Befähigungsgerechtigkeit und daraus folgend Beteiligungsgerechtigkeit würden, zusätzlich zu ohnehin bereits gravierenden sozialen Unterschieden, auch noch durch den ungleichen Zugang zu Möglichkeiten des Enhancement beeinträchtigt.“ (Huber 279f.)

Wem gibt diese Technik welche Macht? Was kostet sie – und wen? Wer profitiert von ihr und in welcher Weise? Ich komme auf die Frage noch zurück, vorher aber noch das zweite Beispiel.

b) Quantencomputer und KI

Bei der Genomchirurgie taucht im Hintergrund die Frage auf: Wann ist der Mensch ein Mensch? Und wie lange bleibt der Mensch Mensch? Diese Frage ist auch im Blick zu halten in meinem dritten und letzten Beispiel technischer Entwicklung: der Quantentechnologie und der künstlichen Intelligenz (KI).
Diese Entwicklung ist zum Teil noch Science Fiction, weil noch niemand einen Quantencomputer gebaut hat, der funktioniert. Aber die Forschung ist dran und nach Einschätzungen von IBM wird es in ca. zehn Jahren Quantenprozessoren geben, die die Rechenkapazität heutiger Superrechner um ein Millionenfaches übertreffen. Ich verzichte darauf, an dieser Stelle die Hintergründe der Quantentechnologie zu erläutern, mir geht es um die ethischen Fragen, die solch eine dramatische Erweiterung der Datenverarbeitung aufwerfen. Denn KI bekäme einen ungeheuren Entwicklungsschub. Die Forschung unterscheidet zwischen schwacher und starker KI:

Schwache KI „löst konkrete Anwendungsprobleme des menschlichen Denkens, wofür sie komplexe Algorithmen anwendet. Sie erkennt zum Beispiel Gesetzmäßigkeiten in Mustern, Zeichen oder Sprache, erlernt und automatisiert einfache Handgriffe, (…) entwickelt Lösungsstrategien in Spielen wie Schach oder Go und findet Informationen in großen, ungeordneten Datensets. Indem sie mit Algorithmen intelligentes Verhalten in Maschinen simuliert, unterstützt sie in Einzelbereichen unser Denken. (…);

starke KI dagegen simuliert keine Intelligenz, sondern sie ist intelligent. Sie kann wie der Mensch kreativ nachdenken und dadurch etwas Originelles, vorher nicht dagewesenes Neues schaffen. In ihr finden somit echte geistige Prozesse statt.“ (Jaeger 212)

Nun ist es so, dass starke KI noch Zukunft ist und sich derzeit noch nicht erkennen lässt, ob und wann sie möglich ist, die Forscherinnen und Forscher sind hier unterschiedlicher Auffassung. Ich kann nachvollziehen, dass es eines „Sprungs“ bedarf, der aus reiner Datenverarbeitung geistige Prozesse werden lässt. Viele Forscher/innen halten dies derzeit unmöglich für „machbar“. Nun ist aber genau dieser Sprung irgendwann und irgendwie im Lauf der Evolution geschehen. Von daher fällt es mir schwer, grundsätzlich auszuschließen, dass es eines Tages Computersysteme geben könnte, die genau solche „Rechenleistungen“ wie sie in unseren Gehirnen ablaufen, möglich machen. Eine Grenze zwischen starker KI in diesem Sinn und dem Menschen, wie wir ihn kennen, könnte in der Emotionalität liegen, die untrennbar mit dem Körperempfinden und unseren sinnlichen Wahrnehmungen verbunden ist. Hier stellen sich viele Fragen, alles rein hypothetisch – aber es macht Sinn, allein die Möglichkeiten und Konsequenzen heute ethisch mit zu reflektieren, um vorbereitet zu sein, wenn doch möglich wird, was unmöglich scheint.

Aber allein im Bereich der schwachen KI sind bereits heute atemberaubende Fortschritte gemacht worden, die sich mit Hilfe der Quantentechnologie noch einmal in nicht vorhersehbarer Weise exponentiell ausweiten werden. Nach und nach wird uns bewusst, dass KI bereits heute erheblich auf unseren sozialen Alltag einwirkt. Facebook präsentiert mir maßgeschneiderte Nachrichten aus meiner Filterbubble, Google schlägt nach einem für mich nicht nachvollziehbaren Algorithmus Suchergebnisse vor, Bots nehmen in Wahlkämpfen Einfluss auf Wählerinnen und Wähler oder versuchen es zumindest. Und mit jeder Erfahrung „lernen“ die Systeme hinzu. Da geht es dann um die Frage: Welche Macht wird mit dieser Technik ausgeübt? In welchen Händen liegen die Machtmittel? Und wer kontrolliert, reguliert diese Machtmittel?

Viele Menschen haben das Gefühl, dass sie durch Techniken „beherrscht“ werden, aber auch, dass sie sich ihnen verweigern können. Nun kann jede und jeder für sich entscheiden, nein, Alexa lasse ich nicht in mein Wohnzimmer und schon gar nicht in mein Schlafzimmer und WhatsApp installiere ich nicht auf meinem Smartphone. Aber insgesamt kann ich mich in dieser Gesellschaft diesen Entwicklungen nicht entziehen und zugleich ahnen wir, dass wir die Technik nur bedingt kontrollieren können. Aber hinter der Technik stehen Menschen, die Technik interessengeleitet einsetzen, aus ökonomischen, politisch-strategischen, militärischen Erwägungen. Wer kontrolliert diese Menschen?

Evangelisch abwägend drehe ich mich nun aber um und sage:

Auf der anderen Seite könnte aber KI vielleicht zu rationalen, vernünftigen, pragmatischen Lösungen für Probleme wie Klimaerwärmung, soziale Ungerechtigkeit, Ernährung der Weltbevölkerung kommen, auf die wir Menschen „allein“ nicht kommen. Beim autonomen Fahren wird das zB diskutiert mit der Hoffnung auf weniger Unfälle intelligentere Streckennutzung und somit CO2-Vermeidung, alles Auswirkungen, die uns Menschen zugute kommen (können/könnten), ein Beitrag zum guten Leben, zum Allgemeinwohl? Warum nicht auch Technologie auf andere Problemfelder ansetzen? Wohlgemerkt, alles noch im Bereich der schwachen KI, in denen Menschen Maschinen programmieren, ihnen Fragestellungen vorgeben.

Die Problematik liegt insbesondere in der Tatsache, dass sich der technologische Fortschritt atemberaubend schnell entwickelt, sowohl exponentiell als auch in komplexer Verschränkung, so dass wir Menschen mit unseren geistigen Fähigkeiten, der ethischen Reflexion und der Suche und Vereinbarung nach politischen Regelungen nicht mehr hinterherkommen.

Chancen und Risiken im Bereich der prognostizierten Entwicklungen von schwacher und starker KI scheinen alptraumhaft komplex zu sein, so dass sich die Frage stellt, ob sie überhaupt ethisch angemessen reflektiert werden können. Ich sehe die Gefahr, dass sich die Dinge „einfach so“ entwickeln, weil gesetzliche Regelungen nicht mehr hinterherkommen, zugleich es vermutlich immer jemanden geben wird, der ein Interesse daran hat, dass Mögliche auch Wirklichkeit werden zu lassen. Im Bereich von schwacher KI beherrscht immer noch der Mensch die Technik, fragt sich nur welche Menschen und mit welchen Interessen. Erst wenn es doch eines Tages den Sprung zu starker KI geben sollte, dann allerdings stellt sich Frage nach Herrschaft durch Technik „an sich“ über Menschen in neuer Form.

  • 5. Schlussbetrachtung

Ich möchte zum Schluss zwei Aspekte eher grundsätzlicher Natur mit Ihnen bedenken.

a) Was ist der Mensch, was soll er sein?

Mit einer Gruppe von Männern habe ich im letzten Jahr die Roboter-Ausstellung des DASA in Dortmund besucht und wir hatten dabei das Glück, einen exzellenten Führer zu haben. Er sagte zu Beginn: „Zunächst werden Sie begeistert sein, von dem, was Sie hier sehen und was ich Ihnen nahe bringe. Doch glauben Sie mir, in einer Stunde, am Ende der Führung werden Sie sehr nachdenklich die Ausstellung verlassen.“ Und genauso kam es. Sehr schweigsam setzten wir uns erst einmal reichlich mit uns selbst beschäftigt ins Cafe. Was war geschehen? Nun, unser Führer zeigte uns am Ende die Möglichkeiten der Verbesserung und der Perfektionierung des Menschen durch Prothesen, künstliche Organe usw. auf. Und er fragte: „Was ist denn, wenn künstliche Beine uns wesentlich schneller und länger laufen lassen als meine eigenen Beine? Was ist, wenn künstlich gezüchtete Herzen, Nieren und Lebern leistungsfähiger sind als meine eigenen? Was ist, wenn die Wahrnehmungsfähigkeit meiner Augen und Ohren erheblich verbessert werden kann? Bin ich dann am Ende ein besserer, weil leistungsfähiger Mensch? Besteht nicht recht schnell nicht nur der Wunsch, sondern auch die moralische Verpflichtung, sich so verbessern zu lassen, auch im Blick auf meine Leistungsfähigkeit der Gesellschaft gegenüber? Und vor allem, ist der Mensch dann noch ein Mensch, wenn z.B. mehr als die Hälfte seiner inneren Organe, äußeren Glieder und Wahrnehmungsorgane durch bessere ersetzt wurden?“

Hier wird eine ganz neue Entwicklung erkennbar:

„Hat der Mensch in den letzten 250 Jahren durch Wissenschaft und Technologie seine Umwelt und seine Lebensbedingungen massiv verändert, so waren dabei das biologische und psychisch-geistige Fundament seines Wesens und seiner Subjekthaftigkeit weitestgehend unberührt geblieben. Aber nun wird der Mensch zum ersten Mal in der Geschichte tatsächlich selbst Gegenstand technologischer Entwicklungen. (…) Diese Eingriffe in unsere Psyche, unsere Genetik und unser Denken stellen jeden von uns, unsere Kinder und Kindeskinder in unserem Wesen als Mensch grundlegend in Frage: unseren Körper in seiner eigenständigen Individualität, unsere Freiheit, unser Erleben und Fühlen, (…) also all das, worüber wir uns bisher als menschliche Subjekte definiert haben. Wir sind auf dem Weg, einen neuen Menschen zu schaffen. Eine grundlegende Veränderung unserer Biologie, unserer Psyche und Wahrnehmung, unseres Bewusstseins und unserer gesamten Identität zeichnet sich bereits ab.“ (Jaeger 156f.)

Es geht weniger in Zukunft um die Frage: Was ist der Mensch?, sondern um die Frage: Was soll er denn sein? Und wann und wie lange ist ein Mensch (noch) ein Mensch? Wenn er durch vielfältige „Verbesserungen“ aufgebohrt und getunt wird, sagen wir zu 50, 70, 80% durch technische Gerätschaften, „Ersatzteile“…? Und für wen wird das zugänglich, wer bezahlt die Verbesserung des Menschen? Und herrschen diese verbesserten Menschen aufgrund ihrer erworbenen Fähigkeiten dann über das „normale“ Volk, dass sich das nicht leisten kann?

Diese Fragen haben auch mit einer Traditionslinie zu tun, die mit Luther und der Reformation begann, der Ausrichtung an einem egozentrischen Individualismus:

„Diente das anthroprozentrische Weltbild seit Jahrhunderten der Befreiung von dogmatischen Zwängen religiöser und intellektueller Unterdrückung und ermöglichte dabei ebenso eine bedeutende Verbesserung der menschlichen Lebensbedingungen, so schuf es zugleich den Legitimationsraum für einen egozentrischen Individualismus und eine ichbezogene Vorstellung von Freiheit, die eine kollektiv-vernünftige Reaktion auf Bedrohungen wie die drohenden globalen ökologischen Umwälzungen sehr schwierig erscheinen lässt.“ (Jaeger 324)

An vielen Stellen bricht der Gedanke derzeit auf, und vielleicht ist es Hoffnungszeichen, dass wir wieder mehr vom Ich zum Wir kommen müssen, ein Gedanke der absolut mit dem Grundverständnis evangelischer Ethik übereinstimmt, der Orientierung am Nächsten und damit am Allgemeinwohl statt am Egoismus, sei es auf individueller Ebene oder im Blick auf Regionen und Nationen – „America first!“ ist aus evangelischer Sicht undenkbar.

b) Dürfen wir alles, was wir können? Und wenn nein, was folgt daraus?

Letztlich stehen wir wieder vor einer grundlegenden Frage: Dürfen wir überhaupt alles machen, was wir technisch machen können? Schon im Bereich der Nutzung der Atomenergie standen wir aufgrund der möglichen langfristigen Auswirkungen vor dieser Frage und wir haben auch dort gelernt: Leider gibt es keine einfache Antwort. Und heute?

Doch können wir überhaupt noch die Büchse der Pandora geschlossen halten? Ist sie vielleicht längst in geheimen Laboren geöffnet? In der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung hieß es in der letzten Woche:

„Das Pentagon und der Internetkonzern Google planen offenbar enorme Investitionen in die künstliche Intelligenz, um gemeinsam die Militärtechnik zu revolutionieren. In einer Debatte der Washingtoner Denkfabrik ‚Center for a New American Security‘ betonte Eric Schmidt, Vorsitzender der Google-Muttergesellschaft Alphabet, dass die Sicherheit künftig in entscheidendem Maße von der künstlichen Intelligenz abhänge. Selbsthandelnde und selbstentscheidende Roboter würden zu einer enormen Herausforderung werden. Und die Vereinigten Staaten, die für sich in Anspruch nehmen, die schlagkräftigste Armee der Welt zu unterhalten, seien in Gefahr, ihren Vorsprung in dieser Technologie zu verlieren. Ganz offen spricht Schmidt den stärksten Mitbewerber an: Das chinesische Militär habe ein Programm zur künstlichen Intelligenz aufgelegt, das bis 2020 auf Augenhöhe mit den amerikanischen Neuentwicklungen stehen soll. ‚Die chinesische Führung prescht energisch voran. Bis 2025 will sie in dieser Technologie das US-Militär überrunden und ab 2030 den Markt der künstlichen Intelligenz dominieren‘, so Schmidt. Es sei daher höchste Zeit, dass die eigene Armee entsprechende Aufträge an die private Industrie vergibt, um in diesem Wettlauf auch weiterhin die Nase vorn zu behalten.“ (HAZ vom 3. November 2017)

Was folgt daraus?

Aus protestantischer Ethik, die vom Dienst am Nächsten ausgeht, muss trotzdem zuallererst ein sachgerechter Pragmatismus gefordert werden. Dieser beinhaltet die Bereitschaft, sich auf die komplexen Fragestellungen einzulassen und auch die Machtfragen mit im Blick zu halten: Wer hat die Macht die Technik? Wem gibt Technik Macht? Dienst als Zuwendung zum Nächsten aus Liebe heraus ist keineswegs voraussetzungslos, sondern höchst anspruchsvoll. Es geht nicht um Gesinnung und nicht um Ideologie, nicht um einfache Antworten, sondern um die Frage: Wie können heute und in Zukunft und unter welchen Voraussetzungen Menschen gut leben? Welche Regelungen und Haltungen sind dafür erforderlich, wo ist ggf. auch Widerspruch oder gar Widerstand zu leisten?
So weit so gut – doch was ist, wenn das „Programm“ evangelischer Sozialethik mit seinem abwägenden und sich an einem vernünftigen Maß orientierendem Pragmatismus selbst an seine Grenzen kommt angesichts der Herausforderungen, vor denen wir heute stehen?

In der ZEIT stand vor zwei Wochen ein Artikel von Bernd Ulrich „Die Wahrheit auf sechs Beinen“ (ZEIT 44/2017, S. 3). Dort ging es um das Insektensterben und die Frage, warum die Politik diese Thematik nicht aufgreift. Bernd Ulrichs Antwort lautet: Die Politik hat den Sinn fürs Radikale verloren, weil ihr ein breiter Konsens und die mittlere Vernunft wichtiger sind. Zitat:

„Unglücklicherweise zeigen sich die demokratischen Dilemmata der mittleren Vernunft, der kleinen Schritte, des maßvollen Kompromisses heute nicht nur bei der Ökologie. Auch das globale Bevölkerungswachstum, die explodierenden Ansprüche der Menschen aus den früheren Demutszonen der Erde – alles führt in dasselbe Problem: dass nämlich sehr oft nur das Radikale das Realistische, nur das Rasche besonnen und nur das Riesige groß genug ist.“

Es bleibt für uns als Menschen eine offene Frage, wo die Grenzen zu ziehen sind zwischen dem vernünftigen Maß und der Abwägung verschiedener Alternativen einerseits und dem Widerstand und Protest gegenüber Entwicklungen andererseits, die uns als Menschheit und im Blick auf das Leben auf diesem Planeten insgesamt im Blick auf künftige Generationen menschlichen, tierischem und pflanzlichen Lebens bedrohen.

Ich wechsle ein letztes Mal die Perspektive und frage:

Bleibt aber nicht umgekehrt zugleich die beunruhigende Frage, ob wir uns nicht an der Schöpfung „versündigen“, wenn wir die uns bietenden Möglichkeiten nicht einsetzen, um Lösungswege für die Herausforderung allein des Klimawandels und seiner Folgen für das Leben auf diesem Planeten zu finden, Lösungen, auf die wir als Menschen „allein“ nicht kommen. Ist dann nicht aus evangelischer, schöpfungstheologischer Sicht geradezu Widerspruch, ja Widerstand gegen das Prinzip des mittleren, vernünftigen Maß angesagt – weil es um die Zukunft der Lebensmöglichkeiten von Menschen, Tieren und Pflanzen geht?

Viele Fragen, schwierige Fragen. Wer hat Antworten?

Manchmal ist es erst mal einmal wichtig und richtig, die Fragen über zu identifizieren und zu stellen, um die es geht. Beherrscht der Mensch die Technik oder die Technik den Menschen? Aus meiner Sicht ist dies eine Frage, die immer wieder zu stellen ist, damit sie wach gehalten wird und wir wachsam bleiben.

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Paris, Juni 2017 im Foyer le Pont. Ein Plädoyer für Studienfahrten

Paris, Juni 2017 im Foyer le Pont. Ein Plädoyer für Studienfahrten

Es dauert so zwanzig Minuten, dann ist es wie immer: Ich sehe buchstäblich, wie sich die Rädchen in den Köpfen meiner Mitreisendenzu drehen beginnen. Wir sind in Massy, einem Vorort von Paris, und besuchen die Cimade, ein christliches Flüchtlingswerk. Wir, das ist eine Gruppe von Pfarrer/-innen und Diakon/-innen aus dem Kirchenkreis Osnabrück, für die ich eine Studienfahrt nach Paris ins Foyer le Pont organisiert habe.

Gruppenbild der Studienfahrer/-innen mit den Mitarbeitenden der Cimade

Seit knapp zwanzig Jahren existiert das Foyer und seither war ich bestimmt zwanzig Mal dort mit Gruppen zu Gast. Denn das Konzept ist präzise und ausgereift, so dass ich sage: Ich gebe euch eine Erfolgsgarantie, die Fahrt wird euch beeindrucken, wahrscheinlich sogar begeistern – weil genau das immer wieder geschieht, was heute Morgen in Massy passiert: In meinem Kopf beginnt sich etwas zu drehen, Vertrautes sehe plötzlich mit anderen Augen.

Sonja Laboureau , die Leiterin des Standorts der Cimade, macht nichts anderes, als von ihrer Arbeit mit Flüchtlingen zu erzählen. Die Cimade unterhält hier ein relativ großes Wohnheim für anerkannte Asylant/-innen, ist darüber hinaus in der Rechtsberatung aktiv und besucht Flüchtlinge in Abschiebegefängnissen. Sonja erzählt von den Veränderungen in der Flüchtlingsarbeit über die Jahre, von vermuteten oder nachweisbaren Strategien des Staates, es Flüchtlingen schwer zu machen. Sie erzählt von Traumata, die gerade dann aufbrechen, wenn Frauen, Männer und Kinder mit dem Status anerkannt zu sein, erstmals nach einer langen Zeit zur Ruhe kommen in Massy. Sie erzählt von Solidarität und starker ehrenamtlicher Unterstützung. Und ich merke – und das geht eben nicht nur mir so -, ich beginne zu vergleichen: Wie ist das bei uns in Deutschland, in Osnabrück, in Hannover? Wo und wie ist Kirche hier in der Flüchtlingsarbeit aktiv, wie ist die Stimmungslage in der Bevölkerung, wo liegen die Unterschiede zwischen Front National und AfD, wie reagiert der Staat bei uns auf Menschen, die Zuflucht suchen? Ich entdecke Gemeinsamkeiten und stelle zugleich Unterschiede fest, und das hilft mir, mein eigenes Eingewobensein in Deutschland, Niedersachsen, Osnabrück gleichzeitig zu reflektieren als auch präziser wahrzunehmen. Und ich weiß jetzt schon, zurück in Deutschland, werden mir zu gegebener Zeit die Bilder aus Massy vor Augen stehen und die Erfahrungen werden einfließen in Worte und Handlungen.

Genau solche internationale Begegnungen zu ermöglichen ist ein Pfeiler des Konzept des Foyers. Träger ist die Vereinigte Protestantische Kirche Frankreichs, die Evangelische Kirche im Rheinland ist ein enger Partner, der das Foyer auch finanziell stark unterstützt. Dies geschieht aber nicht so, dass das Geld direkt überwiesen wird, sondern es wird als Zuschuss an Gruppen gegeben, die aus dem Gebiet der rheinischen Kirche dorthin fahren. Eine Fahrt wird so nicht teurer als eine Klausurtagung in der Eifel, mal so über den Daumen gepeilt.

Mein Kollege Jürgen Widera vom KDA Duisburg/Niederrhein hat daraus ein Erfolgsrezept gestrickt und organisiert mindestens eine Fahrt pro Jahr, manchmal auch zwei. Etliche Male war/bin ich als Teilnehmer dabei (gewesen), eine Reihe von Fahrten für Ehrenamtliche aus Gemeinden haben wir zusammen organisiert, diese Reise im Juni 2017 ist die erste, die ich nach meinem Wechsel in die hannoversche Landeskirche allein organisiert habe und als Reiseleiter begleite.

Wobei, allein organisiert, das klingt so groß und ist dabei so einfach. Denn es gehört zum Prinzip des Foyers, Gruppen intensiv zu unterstützen bei der Programmplanung. Ich möchte eine französisch-protestantische Gemeinde in Paris besuchen? Kein Problem. Wir möchten die Christuskirche besuchen, die deutsche Auslandsgemeinde in Paris? Machen wir. Wir möchten uns mit den Unterschieden in der Kindergartenpädagogik zwischen Deutschland und Frankreich befassen? Es wird ein Besuch in einer Kita organisiert (was ein Hammer ist, weil da normalerweise auch Eltern nur einmal im Jahr rein dürfen). Und so weiter und sofort. Ob es inhaltliche Aspekte sind, ob wir für Themen Gesprächspartner/-innen haben möchten oder ob es um so profane Dinge wie die Reservierung von Restaurants geht, all das ist im Konzept des Foyers als Dienstleistung vorgesehen und wird gemacht. Und aus der Erfahrung von über zwanzig Fahrten kann ich sagen, fast immer waren wir mindestens zufrieden, nur sehr selten stellte sich ein Referent/-in am Ende als langweilig heraus. Ein Highlight für Gruppen ist auch der Rundgang durch das protestantische Paris, in dem die Geschichte der Protestant/-innen in Frankreich seit der Reformation lebendig wird – und zum Beispiel schlagartig deutlich wird, warum sich die protestantische Kirche in Frankreich, vor allem der reformierte Flügel, überall intensiv Flüchtlingen und Migrant/-innen zuwendet: Die Erfahrung von Verfolgung, Vertreibung oder Tod ist im kollektiven Gedächtnis tief verankert, bis heute.

Natürlich, auch Essen und Trinken kommen nicht zu kurz, und hier und da kann auch ein wenig Sightseeing mit einfließen, warum denn auch nicht. Wir sind immerhin in Paris, und hier kann das Sinnvolle und Hilfreiche sehr gut mit dem Schönen und Angenehmen kombiniert werden.
Denn es gibt natürlich immer wieder mal Stimmen, die fragen: Wie, ihr fahrt nach Paris? Und dann noch mit Zuschüssen aus dem Kirchenkreis, also mit Kirchensteuermitteln?! Wie könnt ihr das vertreten? Reicht nicht auch die Eifel? Oder jetzt aus Sicht der hannoverschen Landeskirche (die ja nicht solche Zuschüsse wie die rheinische gibt): Wäre es nicht angemessener, in den Harz oder meinetwegen nach Thüringen oder Wittenberg zu fahren? Muss es denn Paris sein, wie sieht das denn nach außen aus?

Ich antworte auf solche Fragen, indem ich die Geschichten von Begegnungen in Massy erzähle. Oder von Frau von Kirchbach und ihrer kleinen Gemeinde. Oder ich halte entgegen: Ist es nicht sinnvoll, vielleicht sogar notwendig, wenn wir in dem großen (und grad recht gefährdetem) Projekt Europa uns untereinander besuchen? Ich habe gerade in Paris gelernt, wie riesengroß die Unterschiede zwischen den Ländern sind und dass es eigentlich völlig falsch ist, den Blick allein darauf zu richten, wie kompliziert das alles in Brüssel und Straßburg ist. Ja, das ist es. Und es ist für mich kein Wunder, wenn ich nur mal Frankreich und Deutschland vergleiche (und mittlerweile kenne ich auch Griechenland aus eigener Erfahrung ein wenig). Das Wunder ist, dass es überhaupt möglich ist, dass sich so unterschiedliche Staaten auf so etwas wie ganz aktuell die Abschaffung der Roaming-Gebühren zu verständigen. Natürlich, es gibt noch viel zu tun und sicher auch zu reformieren. Aber es ist zumindest meine Erfahrung, dass ich einen Hauch von Verständnis für Chancen, Risiken und Herausforderungen erst und gerade bei diesen Studienfahrten ins Ausland erhalten habe. Wenn sie dann noch so professionell, engagiert und freundlich begleitet werden von den Mitarbeiterinnen aus dem Foyer le Pont, dann ist der Lerneffekt groß und es macht darüber hinaus noch richtig Spaß. Wer einmal nachts bei einem Glas Wein mit anderen zusammen die Eindrücke das Tages auf der Dachterrasse reflektiert, weiß, wovon ich rede.

Das Foyer le Pont in der Rue de Gergovie

Paris, im August 2016 – Studienfahrt des KDA Duisburg-Niederrhein

Paris, im August 2016 – Studienfahrt des KDA Duisburg-Niederrhein

Die Fahrt versprach heiß zu werden.
37 Grad waren angekündigt für den Samstag, am Freitag kaum weniger.
Und das Thema der diesjährigen Studienreise des Kirchlichen Dienstes in der Arbeitswelt (KDA) Duisburg-Niederrhein war auch heiß:
Wie sieht es in Frankreich aus, nach Terroranschläge und vor Wahlen?

Um es kurz zu sagen, die Hitze forderte ihren Tribut.
Die Diskussionen waren nicht so leidenschaftlich wie sonst.
Verteiltes Papier wurde vornehmlich zum Fächeln verwendet.
Und die erste Frage lautete zumeist:
Habt ihr auch Wasser?

Aber nichtsdestotrotz:
Interessant war es schon.
Benjamin Schreiber von der Friedrich-Ebert-Stiftung in Paris vermittelte uns kursorisch einen Eindruck.
Seine Quintessenz:
Die Menschen in Frankreich verlieren mehr und mehr das Vertrauen, dass die politischen und gesellschaftlichen Institutionen Lösungen finden und umsetzen können.
Bei aller Verschiedenheit zwischen Deutschland und Frankreich, das klang doch sehr vertraut.

Der Höhepunkt für mich war der Besuch der protestantischen Gemeinde in Houilles, einem Vorort von Paris.
Der aus Deutschland stammende Pfarrer Rüsen-Weinhold arbeitet dort seit zwei Jahren.
Vorher war der ehemals zur rheinischen Kirche gehörende Kollege in Südfrankreich als Pfarrer tätig.
Es war überhaupt nicht spektakulär, was wir hörten und sahen.
Aber es war wieder einmal dieser große Kontrast zwischen einer Minderheiten-Kirche und unserer Volkskirche.
250 gelistete Familien zählt die Gemeinde.
Sie lebt in einem Gebiet, in dem 130.000 Menschen leben.
Die Gemeinde hat Glück:
Aus Paris ziehen viele in die Vororte.
So konnte vor kurzen der Kirchssaal vergrößert werden, weil die Gemeinde wächst.
Und doch…

Gespräche mit den Kolleg/-innen der evangelischen Kirche in Frankreich halten mir immer den Spiegel vor.
Diakonisches Engagement?
Ja, aber strikt getrennt vom Rest der Gemeinde.
Dazu braucht es einen eigenen Diakonie-Verein.
Religionsunterricht?
Gibt es nicht, das müssen wir selber in den Gemeinden machen.
Und so weiter und so fort.

Nachdenklich hat mich die Bemerkung gemacht:
Flüchtlingskrise in Europa?
Kein aktuelles Thema, ganz anders als bei uns in Deutschland.

Den Abschluss bildete der Besuch des Gottesdienst in der Christuskirche in der rue blanche, in der deutschen Auslandsgemeinde.
Und ein anschließendes, leider viel zu kurzes Gespräch mit einem ehemaligen Kirchenvorstandsmitglied.
Seine Antwort auf die Frage, ob er seit den Terroranschlägen mehr Angst hat:
Nein.
Und das empfinden seiner Meinung nach viele Französinnen und Franzosen ähnlich.
Aber er wäre vor einiger Zeit in München gewesen.
Dort hätte ihn die durch Medien und Politiker geschürte Hysterie entsetzt.

Wie gesagt, es war heiß, sehr heiß.
Wir haben diesmal wenig diskutiert.
Interessant war es trotzdem.
Und das Essen war wieder hervorragend.
Genauso wie die Betreuung durch das Foyer le Pont.

Und hier noch ein paar Eindrücke vom Samstagnachmittag, vom geführten Stadtrundgang:

Was macht eigentlich ein KDA-Referent?

Titelbild Pageflow: Was macht eigentlich ein Referent im KDA?

Diese Frage ist mir in meinem ersten Jahr als Referent im Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt immer wieder gestellt worden. Dazu habe ich auf stories-e.de ein Pageflow erstellt und versucht, dort eine Antwort auf diese Frage zu geben. Viel Spaß beim Durchklicken!