Die andere Hälfte im Kampf gegen die Dummheit

Die andere Hälfte im Kampf gegen die Dummheit

Seit ein paar Tagen kursiert folgender Text von Dietrich Bonhoeffer im Netz, seinerzeit im Nazi-Gefängnis geschrieben:

Dummheit ist ein gefährlicher Feind des Guten als Bosheit. Gegen das Böse lässt sich protestieren, es lässt sich bloßstellen, es lässt sich notfalls mit Gewalt verhindern, das Böse trägt immer den Keim der Selbstzersetzung in sich, indem es mindestens ein Unbehagen im Menschen zurücklässt. Gegen die Dummheit sind wir wehrlos. Weder mit Protesten noch durch Gewalt lässt sich hier etwas ausrichten; Gründe verfangen nicht; Tatsachen, die dem eigenen Vorteil widersprechen, brauchen einfach nicht geglaubt zu werden – in solchen Fällen wird der Dumme sogar kritisch -, und wenn sie unausweichlich sind, können sie einfach als nichtssagende Einzelfälle beiseitegeschoben werden. Dabei ist der Dumme im Unterschied zum Bösen restlos mit sich selbst zufrieden; ja, er wird sogar gefährlich, indem er leicht gereizt zum Angriff übergeht. Daher ist dem Dummen gegenüber mehr Vorsicht geboten als gegenüber dem Bösen. Niemals werden wir mehr versuchen, den Dummen durch Gründe zu erzeugen; es ist sinnlos und gefährlich. (Widerstand und Ergebung Neuausgabe 1970, 11-27)

Parallelen zur Gegenwart sind leicht erkennbar. Ich stimme Bonhoeffers Analyse zu, aber ich frage mich hier wieder, was ich mich schon früher bei der Lektüre dieses Abschnitts aus Widerstand und Ergebung gefragt habe: Wie die Dummheit bekämpfen, wenn der direkte Weg vergeblich ist?

Ich lese etwas weiter in dem Text von Bonhoeffer und finde erste Hinweise:

Um zu wissen, wie wir der Dummheit beikommen können, müssen wir ihr Wesen zu verstehen suchen. So viel ist sicher, dass sie nicht ein wesentlicher ein intellektueller, sondern ein menschlicher Defekt ist. Es gibt intellektuell außerordentlich bewegliche Menschen, die dumm sind und intellektuell sehr schwerfällige, die alles andere als dumm sind. (…) Sie ist eine besondere Form der Einwirkung geschichtlicher Umstände auf den Menschen, psychologische Begleiterscheinung bestimmter äußerer Verhältnisse.

Den jeweiligen geschichtliche Kontext im Blick zu halten bedeutet auch, auf spezifische Aspekte der Nazi-Diktatur zu achten, in der Bonhoeffer denkt und schreibt. Das wird für mich zum Beispiel in diesen Sätzen leicht erkennbar:

Dass der Dumme bockig ist, darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass er nicht selbständig ist. Man spürt es geradezu im Gespräch mit ihm, dass man es gar nicht mit den selbst, mit ihm persönlich, sondern mit über ihn mächtig gewordenen Schlagworten, Parolen, etc. zu tun hat. Er ist in einem Banne. (…) So zum willenlosen Instrument geworden, wird der Dumme auch zu allem Bösen fähig sein und zugleich unfähig dies als böse zu erkennen.

Unübersehbar schimmert der Hintergrund der Diktatur hindurch. Ein schier übermächtiger Geist, der Besitz von Menschen ergriffen hat. Anders als mit dieser Deutung war vermutlich die Situation Anfang der vierziger Jahre kaum zu ertragen. Liest man den ganzen Text „Nach zehn Jahren“ (geschrieben Ende 1942), in dem dieser Abschnitt über die Dummheit steht, dann wird das Ringen Bonhoeffers um seine Existenz im Widerstand erkennbar: Täuschung, Verstellung, Realismus, Suche nach Hoffnung, Ent-Täuschung, Verrat. „Der Dumme ist nicht selbständig“ – gilt das aber auch heute, in einer Demokratie? Ich lese weiter:

(Es ist deutlich), dass nicht ein Akt der Belehrung, sondern allein ein Akt der Befreiung die Dummheit überwinden könnte. Dabei wird man sich damit abfinden müssen, dass eine echte innere Befreiung in den allermeisten Fällen erst möglich wird, nachdem die äußere Befreiung vorangegangen ist; bis dahin werden wir auf alle Versuche, den Dummen zu überzeugen, verzichten müssen.

Auch wenn sich hier die Hoffnung auf eine Zeit nach der Nazi-Diktatur ausspricht – was heißt das für uns: Die Befreiung des Dummen oder auch der Dummen hängt von einem Akt äußerer Befreiung ab? Ich bin ganz bei Bonhoeffer, dass die Befreiung auf direktem Weg nicht zu erreichen ist. Mit Rechtspopulisten zu diskutieren ist ebenso sinnlos wie mit bestimmten linken Ideologen oder frommen Eiferern.

Es macht keinen Sinn, der Dummheit direkt begegnen zu wollen. Nur indirekt haben wir eine Chance. Indem wir darauf setzen, die andere Seite zu stärken, unsere Seite. In manchen Diskussionen dieser Tage um die Parolen der Rechtspopulisten frage ich mich allerdings mit zunehmender Verzweiflung, warum die etablierten Parteien es sich so einfach machen.

Aktuell läuft die Debatte regelmäßig so ab: Man versucht nachzuweisen, dass die Gedankenwelt mancher AfDler/-innen rassistisch ist. Doch was ist damit gewonnen? Nichts – denn man bleibt auf halbem Wege stehen und sagt: „Wir sind aber nicht rassistisch!“ Und damit ist alles verloren, alles.

Denn das Argument: „Ich bin kein Rassist!“ sagt nichts aus, sondern nimmt die Bilderwelt des Rassisten, der Rassistin gleich wieder auf. Vor Augen habe ich den Rassisten, die Rassistin und nicht – mich. Wenn ich denn überhaupt sagen kann, wer ich bin und wofür stehe ich, woran orientiere ich mich, was ist mir wichtig und wertvoll.

Das ist das simple Spiel, dass Psycholog/-innen mit der Aufforderung beschreiben: „Versuchen Sie mal nicht an einen Elefanten zu denken!“ Es ist unmöglich. Und daher siegt der Rassismus oder was auch immer – das gilt für den Kampf gegen den Neoliberalismus und andere Zusammenhänge genauso –, weil sich seine Gedanken- und Bilderwelt jedes Mal, wenn ich denke: „Ich bin kein Rassist! Ich bin kein Neoliberaler! Ich bin kein Schwulenfeind!“ noch tiefer in mein Gedächtnis, mein Herz einbrennt.

Was hilft, ist konkrete Gegenbilder zu formulieren. Und hier versagen die etablierten Parteien und andere gesellschaftliche Gruppen. Sie beschränken sich weitgehend darauf, der AfD nachweisen zu wollen, wie rassistisch, absurd, verlogen deren Parolen sind. Mag ja auch sein, aber sie lassen sich von ihr damit die Diskussion aufzwingen. Und viele Medien machen dieses Spiel auch mit. Sinnhafter und auch ein Akt der – zunächst eigenen – Befreiung wäre dagegen die Formulierung der eigenen Position als positives Gegenbild. Das ist verdammt schwer, weil wir es nicht geübt haben. Wiederholt werden alte Worte wie Gerechtigkeit und Solidarität, doch die sind längst verschliffen und umgeprägt. Damit sind die Worte zwar nicht wertlos, aber hilflos, denn sie lösen nicht eine zukunftsorientierte Bilderwelt in meinem Kopf und Herz aus.

Unsere Tradition und Kultur, sei sie nun politisch, christlich / religiös oder humanistisch begründet, bietet einen reichen Schatz, zu sagen, wer wir sind und wohin wir wollen. Ja, unsere Welt ist komplex und die AfD macht es sich zu leicht – allerdings nicht in der medialen Auseinandersetzung. Es gilt diesen Kampf um die Bilder in den Köpfen der Menschen aufzunehmen und das heißt eben auch, einprägsam, kurz und knapp zu formulieren – in dem Wissen, dass das alles verkürzt ist und so weiter und so fort. Doch glaubt mir, das alles wissen auch Frau Petry, Herr Meuthen und andere, und sie lachen sich ins Fäustchen über unsere Dummheit, weil wir glauben, alles immer vollumfänglich formulieren zu müssen und damit nichts erreichen als nur die Gegenposition zu stärken…

Also, lasst uns beginnen, uns nicht mehr an der Gedankenwelt der Anderen abzuarbeiten, sondern eine andere Welt des Zusammenlebens in Sprache und Bilder zu bringen. Das ist die zweite Hälfte des Weges, die zu gehen ist. Dann kann sich der Akt der Befreiung ergeben, wenn ein Geist den anderen austreibt, sich Bekehrung oder Umkehr ereignen (um es in religiöser Sprache zu sagen), oder sich Erkenntnis einstellt, mir ein Licht aufgeht. Paradoxerweise bilden für mich die Bilder der Verzweiflung an den Grenzzäunen auf dem Balkan oder von Idomeni oder von toten Kindern am Mittelmeerstrand hier einen Ansatz, sie zeigen uns die Hoffnung auf eine andere Welt und vermitteln den Wert der Menschlichkeit.

Bilder befreien, Sprache „bildet“ Welt. Wer macht mit?

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