Die Kraft der Vorerinnerung oder: Kirche und Zukunftsforschung

Zeitsprung Cover

Vortrag auf der Kirchenkreiskonferenz Buxtehude am 9. Dezember 2015

Hintergrund

Seit drei Jahren beschäftigen mich Fragen der Zukunftsforschung und die Chancen, die sich daraus für Kirche ergeben.

Als Pfarrer in der rheinischen Landeskirche saß ich über die Jahre in vielen Strukturkommissionen. Zukunft, so meine Erfahrung, kommt in der kirchlichen Planung eher negativ auf uns zu. Wir müssen sparen. Wir werden weniger. Wir müssen schrumpfen. Spaß haben mir diese Planungsrunden nicht gemacht. Den Rückbau gestalten und verantworten, wem macht das Spaß?

2012 darf ich als rheinischer Delegierter zum Transformationskongress in Berlin fahren. Der Kongress wurde von kirchlichen Gruppen, Gewerkschaften und Naturschutzverbänden gemeinsam durchgeführt. Ziel war, Gemeinsamkeiten auszuloten im Blick auf die notwendigen gesellschaftlichen Herausforderungen. In der Analyse war man sich weitgehend einig. Allein durch den Klimawandel muss sich vieles ändern. Wie das aber konkret politisch gestaltet werden könnte, da herrschte eher Ratlosigkeit.

Der Kongress machte mich neugierig. Ich fing an, mich mit Zukunftsforschung zu befassen. Zu meiner Überraschung eröffnet sich eine breite Welt. Mir begegnet viel Getöse, Esoterik und Science Fiction. Es gibt mannigfaltige Horrorszenarien, die Angst machen. Und uns Angst machen wollen. Es gibt die Weichspüler, die rosarote Wölkchen malen und sagen, ach, das wird doch alles nicht so schlimm. Konsumiert mal schön weiter! Aber es gibt auch sehr seriöse Ansätze. Und vor allem, ich fand Forscher/-innen, die einen optimistischeren Blick auf die Zukunft wagen.
Optimistisch von Zukunft sprechen? Und dazu noch seriös?

Unter seriös verstehe ich faktengestützte Prognosen und Szenarien für die nächsten Jahre und Jahrzehnte. Ich will mich jetzt nicht in Details verlieren, aber manches lässt sich ja hochrechnen. Trends sind erkennbar. Die Zahl der Deutschen, die 2030 zwanzig Jahre alt sein werden, sind schon geboren. Ähnliches gilt für die Zahl derer, die bis dahin aus dem Erwerbsleben ausscheiden. Klimaszenarien lassen sich immer besser computergestützt simulieren. Technische Entwicklungen, die in fünfzehn Jahren zum Allgemeingut gehören werden, sind schon vielfach erfunden.
Ich stellte überrascht fest: Es gibt deutlich mehr an Fakten, von denen Zukunftsforschung ausgehen kann, als mir vorher bewusst war. Jahrelang gab auch ich bei kirchlichen Planungsprozessen die Parole aus: Wer von uns kann denn weiter als drei, vier, fünf Jahre vorausschauen? Keine und keiner, aber Entscheidungen müssen trotzdem gefällt werden. Doch worauf hin, wenn die Zukunft im Dunkel liegt? Dann vielleicht doch besser von den Schreckensszenarien ausgehen – wir werden immer weniger und müssen mit immer weniger Geld auskommen? Das scheint doch sicher zu sein. (Klammer auf: Ich bin mir da nicht so sicher. Es gibt keinen Grund, warum Schreckensszenarien „sicherer“ sind als optimistischere Prognosen. Klammer zu.)

Ich entschied immer wieder mit anderen zusammen auf der Basis einer kleiner werdenden Kirche, aber es blieb ein ungutes Gefühl. Vor allem, weil sich auch die Bibel immer wieder bei mir meldete und fragte: Wie hältst du es denn hier eigentlich mit den Visionen und Verheißungen der Schrift? Ehrlicherweise musste ich zugeben: Na ja, wir halten Andacht zu Beginn der Sitzungen und dann wenden wir uns der Realität und den Fakten zu. Das ist spitz formuliert, aber ich vermute, Sie verstehen, was ich meine.

Ich tauchte also in die Welt der Zukunftsforschung ein und las Jorgen Randers, Sven Jansky, Horst Opaschowski, Ulrich Eberl und andere. Hängen blieb ich vor allem bei Texten von Harald Welzer und seinen Mitstreiter/-innen. Denn ausgehend von seriöser Zukunftsforschung entwickelt Welzer Mut machende Zukunftsszenarien. Er sagt:

„Utopien sind ein großartiges Mittel, um Denken und Wünschen zu üben. (…) Und die Imagination einer wünschbaren Zukunft zieht natürlich auch gleich Überlegungen nach sich, wie das Zusammenleben der Menschen, die Organisation der Städte und des Verkehrs, das Bildungswesen und die Wirtschaft besser eingerichtet werden könnten. (Welzer, Selbst denken 136)

Diesen Weg nennt Welzer im Anschluss an Edmund Husserl Vorerinnerung:

„Vorerinnerungen: das sind mentale Vorgriffe auf etwas erst in der Zukunft Existierendes. Sie spielen als Orientierungsmittel für die Ausrichtung von Entscheidungen und Handlungen in der Gegenwart eine mindestens so wichtige Rolle wie der Rückgriff auf real oder vorgestellte erlebte Vergangenheiten. (…Denn) jeder Entwurf, jeder Plan, jede Projektion, jedes Modell enthält einen Vorgriff auf einen Zustand, der in der Zukunft vergangen sein wird. Und genau aus diesem Vorentwurf eines künftigen Zustands speisen sich Motive und Energien.“ (A.a.O. 136f.)

Welzer geht davon aus, dass insbesondere Erzählungen von einer gelingenden Zukunft hilfreich sein können. Mögliche Veränderungen im Alltag werden spielerisch durchgegangen, anschaulich gemacht und so verändert sich etwas in meinem Kopf. So kann Vertrautheit mit der Zukunft hergestellt werden. Als Kriterien für diese Erzählungen gibt Welzer an:

„Zukunftsbilder gelingender Transformation sollten (a) narrativ und emotional anschlussfähig, (b) hinreichend konkret und detailreich, (c) konstruktiv und positiv, dabei aber nicht unrealistisch sein.“ (Welzer/Rammler, Futurezwei Zukunftsalmanach 312.)

Konstruktive, positive, aber nicht unrealistische Zukunftsbilder. Der Gedanke faszinierte mich. Das müsste doch auch für die kirchliche Zukunft gelten. Ich beschloss, ein Szenario für gemeindliches Leben zu entwerfen, auf der Basis der Fakten und Prognosen, die mir vorlagen. Ich wollte für mich die Frage beantworten, ob es konkret und anschaulich möglich ist, anders über kirchliche Zukunft zu sprechen als in Schreckensbildern vom Schrumpfen.

Theologische Vorerinnerung

Das ist aus meiner Sicht theologisch notwendig. Ich finde es super, dass Sie sich gerade im Advent mit dieser Thematik befassen. Wenn wir als Christinnen und Christen im Blick auf die Zukunft unserer Kirche und ihren Gemeinden – oft unbewusst – die Sprache des Schreckens, der Angst und der Hoffnungslosigkeit übernehmen, verleugnen wir dann nicht das Evangelium? Advent heißt Ankunft, wir erwarten etwas. Von Gott und von der Zukunft. Ich habe mich gefragt, wie ist es bei dir? Wenn du von der Zukunft der Kirche sprichst – redest du dann von Verlust oder Schrumpfung, von Ab- und Rückbau? Oder von Krise und Umstrukturierung? Oder – von Aufbruch, Chancen und Hoffnung? Worte schaffen Welten und eröffnen Welten.

Ich erkannte mit der Zeit für mich, auch theologisch macht die Rede von der Vorerinnerung Sinn. Weil wir als Christinnen und Christen von den großen Utopien aus unseren biblischen Schriften her leben. Jesus spricht vom Reich Gottes, das auf uns zukommt und mit ihm bereits unter uns beginnt. Weihnachten, der Mensch gewordene Neuanfang. Ostern, nicht der Tod hat das letzte Wort, niemals. Jesaja träumt vom Friedensreich, in dem Löwe und Lamm zusammen spielen. Alles Hoffnungsbilder. Und die können wir in Erzählungen aus einer gelingenden Zukunft übersetzen. In konkrete Vorerinnerungen. Denn Glauben will konkret werden, nicht auf ein besseres Jenseits vertrösten. Solche Vorerinnerungen verschweigen keineswegs das Negative, ordnen es aber in einen Gesamtrahmen ein. Dieser geht davon aus, es wird sich nicht alles zwangsläufig zum Schlechten wenden. Wäre es so, müssten wir alle Hoffnung auf ein gutes, vielleicht besseres Leben aufgeben. Trost fänden wir dann nur noch in den Texten der Apokalyptik. Mir scheint, dafür ist es nicht die rechte Zeit.

Zwei Beispiele

Aus diesen Überlegungen wurde schließlich dieses Buch: „Zeitsprung – Gemeinde 2030. Erzählung aus der Zukunft der Kirche“. 2030, das ist ein Datum, dass in manchen Papieren der rheinischen Kirche von Bedeutung ist, zugleich steckt das in etwa den Rahmen ab, in dem ich noch „aktiv“ sein werde.
Wie bin ich vorgegangen? Am Anfang steht das „Herumspinnen“, eine Mischung aus Brainstorming und träumen. Ich nehme irgendein Detail aus der Zukunftsforschung und fange an mir zuallererst vorzustellen: Wenn das wahr wird, welche positiven Möglichkeiten eröffnen sich hier für das Leben einer Gemeinde?

Ein Beispiel.

Als ich an dem Buch arbeitete, stieß ich auf einen Bericht aus Köln. Parkplatzbesitzer/-innen vermieten tagsüber ihren Stellplatz. Das wird über eine App auf dem Smartphone abgewickelt. Ich gebe zum Beispiel ein, mein Parkplatz an der Sonnenstraße 77 ist montags bis freitags von 8.00 – 17.00 Uhr frei. Eine Geschäftsfrau hat einen dienstlichen Termin in dieser Gegend und sucht einen Parkplatz von 10.00 – 12.00 Uhr. Sie gibt dies in der App ein und kann den freien Platz buchen. Ich las das und dachte Klasse, wusste ich doch schon, dass ein erheblicher Prozentsatz des Autoverkehrs auf die Parkplatzsuche in Großstädten entfällt. Dann fiel mir ein, dass es regelmäßig Heilig Abend in meiner alten Gemeinde Stress gibt, weil eine beliebte Kirche viel zu klein ist für die Massen. Jahr für Jahr ziehen Menschen enttäuscht oder auch verärgert von dannen. Und ich überlegte, was könnte man hier mit entsprechender Technik machen?

„Heilig Abend 16.30 Uhr, auf der Bahnhofstraße. Im Auto von Familie Arendt ist die Stimmung auf dem Nullpunkt.
‚Wieder einmal bist du nicht pünktlich fertig geworden‘, herrscht Frau Arendt ihren Mann an, ‚und jetzt kommen wir wieder nicht in die kleine weiße Kirche zum Gottesdienst bei Pfarrerin Freimuth rein!‘
Wütend schaut sie auf ihr Smartphone, dass ihr die freien Plätze in der Kirche anzeigt. Gerade für die Gottesdienste an Weihnachten hatte sich die Landeskirche vor vier Jahren ein System einfallen lassen, um der Frustration zu wehren, Heiligabend vor einer vollen Kirche zu stehen. Es funktioniert so, dass an den Server in der Kirche ein Sensor angeschlossen wird, der jedes Smartphone einer Person zählt, die die Kirche betritt. Da allenfalls kleine Kinder heute kein Smartphone besitzen, lässt sich so über das allgegenwärtige Netz abfragen, wie viele Plätze noch frei sind. Dabei werden automatische Rundungen eingerechnet, da bekannt ist, dass 4 Prozent der Bevölkerung an Heiligabend das Handy zuhause vergessen. Die Gemeinde musste nichts anderes tun, als einmal die Platzkapazität dem landeskirchlichen Server anzugeben. Alles weitere läuft vollautomatisch. Über das Smartphone kann ich abfragen, wie viele Plätze in meiner Wunschkirche noch frei sind. Dabei rechnet das System hoch, es bezieht die noch zurücklegende Entfernung der Personen mit ein und kann dabei über die GPS-Ortung auch selbst unterscheiden, ob jemand zu Fuß, mit dem Rad oder mit Auto unterwegs zur Kirche ist. Sobald alle Plätze belegt sind, gibt es eine akustische Mitteilung auf das Handy von Frau Arendt, die auch nur angeben musste, welchen Gottesdienst sie mit ihrer Familie besuchen möchte. Mit der kleinen weißen Kirche wird das auch in diesem Jahr nichts mehr für sie und ihre Familie. Aber es werden ihr auf Wunsch alternative Gottesdienste in der näheren Umgebung mit einer Platzprognose angezeigt. Ob das reicht, die schlechte Laune im Wagen zu beseitigen?“ (Jung, Zeitsprung 38)

So ist nach und nach das Buch entstanden. Eine Vielzahl kleinere und größerer Details aus dem Gemeindeerleben habe ich versucht anhand von Ergebnissen der Zukunftsforschung durch zu buchstabieren. Wie könnte die fortschreitende Digitalisierung das Gemeindeleben verändern, wie der Klimawandel? Wie verändert sich die Mobilität von uns Menschen, wie sich unsere Erwerbsarbeit? Und welche Rück- und Wechselwirkungen ergeben sich hier für Kirche und Gemeinden?

Ein zweites Beispiel. Es geht von dem Trend aus, dass gemeinschaftliche Wohnformen im Aufwind sind.

„Jede Woche trifft sich eine Gruppe von Senior/-innen im Gemeindezentrum zum Kaffeetrinken. Es gibt viele ältere Menschen in Rheinbeek. Manche haben ihr ganzes Leben hier verbracht und leben bei ihren Kindern oder im Seniorenzentrum. Andere sind im Ruhestand aus den quirligen Großstädten in eine Senioren-WG gezogen. Die ersten entstanden um 2010 herum und ihre Zahl wuchs rasant. Es setzte sich die Erkenntnis durch: Je mehr Menschen in einem Haushalt zusammen wohnen, umso glücklicher sind sie. Im Schnitt. 2025, so eine Studie, wohnten mehr ältere Menschen in solchen Wohngemeinschaften als in Heimen, die Tendenz ist weiter steigend.
Mit dieser neuen Form des Zusammenlebens sank die Hemmschwelle, an Veranstaltungen teilzunehmen, wenn man körperlich eingeschränkt und auf Hilfe angewiesen war. Traute man sich früher ungern, Familienangehörige oder gar fremde Menschen um Hilfe zu bitten, nahm dies mit den Wohngemeinschaften ab. ‚Wie, du willst alleine zuhause bleiben, kommt gar nicht in Frage!‘ Die Mitbewohner/-innen aktivierten und unterstützen und so wuchs die Zahl derer, die an geselligen Veranstaltungen teilnahmen. Viele Kirchengemeinden stellten selbstverständlich und gerne ihre Räume zur Verfügung. Seniorenkreise wie früher, vom Pfarrer oder noch besser, der Pfarrfrau angeleitet, gab es kaum noch. Selbstorganisation ist heute die Regel.“ (A.a.O. 63)

Fortschreitende Selbstorganisation auf allen Ebenen unseres Lebens. Als Ergänzung oder auch als Ersatz für schwindende politische Handlungsspielräume. Diesen Gedanke entfalte ich an verschiedenen Stellen im Buch. Neben die fortschreitende Digitalisierung tritt die Wiederentdeckung der Sinnlichkeit (was genau kann nicht virtuell erfahren und geteilt werden?). Neue Formen der Gemeinschaftsbildung entwickeln sich aus der Erfahrung der Vereinzelung. Der Sonntag wird zum Tag, wo Menschen sich treffen, nicht nur zum Gottesdienst, auch zum gemeinsamen Kochen und Essen, zum Diskutieren, und um an verschiedensten Projekten miteinander zu arbeiten. Heiß umkämpft ist in Rheinbeek die Frage, ob dabei das Gemeindezentrum am Sonntag WLAN-frei bleiben soll. Nein, antwortet die Gruppe der „virtuellen Senioren“, die grade am Sonntag ein Programm für diejenigen machen und übertragen wollen, die in Seniorenheimen leben müssen. Der Leiter der virtuellen Senioren bringt es so auf den Punkt:

„Auch für unsere Gemeindemitglieder im Altenheim gilt der Sonntag als Ruhetag, Ruhe vom endlosen Kreisen der Gedanken und Sorgen und Krankheiten. Es geht um die Unterbrechung des Alltäglichen.“ (A.a.O. 77)

Konkret in Buxtehude

Was heißt das jetzt für Sie hier im Kirchenkreis Buxtehude? Welche Chancen und Einsichten können sich für Sie ergeben, wenn Sie anfangen, nach konkreten Vorerinnerungen Ausschau zu halten und sie gemeinsam zu entwickeln? Nun, Sie könnten zielgerichtet überlegen anhand von konkreten Anlässen. Der Klassiker ist sicher, welche Gebäude machen an welchen Orten Sinn. Aber Gebäudefragen sind erstens höchst emotional und zweitens sehr komplex. Besser, man fängt bei Kleinigkeiten an. Mobilität ist hier ein gutes Beispiel. Weil es für das Gemeindeleben von existentieller Bedeutung ist, wie die Gemeindeglieder zu uns kommen – und wir als Haupt- und Ehrenamtliche zu ihnen. Zum Beisiel habe ich im Klimaschutzkonzept der Stadt Buxtehude gelesen, dass die Stadt ein Car-Sharing-Projekt entwickeln will. Sie könnten jetzt einen Workshop machen und sich fragen: Was wäre, wenn es in zehn, fünfzehn Jahren praktisch nur noch Car-Sharing gibt? Zum Beispiel, weil die Anschaffungs- und Unterhaltskosten für PKW in den nächsten Jahren noch deutlich steigen werden und der Besitz des „eigenen“ Wagen immer teurer wird. Wichtig ist jetzt, kein Schreckensszenario aufzulegen nach dem Motto: „Mist, dann kommen die Gemeindeglieder nicht mehr zu uns!“ Sondern zu überlegen: „Wie könnte das funktionieren, wenn der Pfarrer, die Pfarrerin kein eigenes Auto mehr hat?“ Ja, Fahrrad fahren. Geht aber auch nicht immer. Folge? Vielleicht entwickeln Sie die Idee eines eigenen kirchlichen Car-Sharing-Projektes und spielen es durch. Informieren sich, über das, was es schon gibt. Sprechen mit der Stadt Buxtehude. Und bekommen nach und nach eine Ahnung, wie es gehen kann und was für Ihre Gemeinde bedeuten kann.

Ein anderes Beispiel, mit dem man gut beginnen kann, ist die Innenstadtentwicklung. Grade in den kleineren Städten bluten die Einkaufspassagen aus. Zumeist reagiert die Politik darauf so, dass sie noch mehr Einzelhandel anwerben will, indem sie die Innenstädte für Investoren attraktiver machen. Das ist aus meiner Sicht weitgehend vergeblich, wenn ich mir die Entwicklungen beim Versandhandel (Amazon, Zalando und Co.) vor Augen halte. Vielleicht ist die Lieferung mit Drohnen gar keine so schlechte Idee. Wenn die Probleme mit der Sicherheit gelöst werden können, verschmutzt die Lieferung mit Drohnen mit Elektromotoren die Umwelt weniger als ich mit meinem PKW, wenn in die Stadt zum Einkaufen fahre. Okay. Veröden die Innenstädte dann noch mehr? Nicht zwangsläufig. Grade Kirchengemeinden könnten doch überlegen, wie die Stadtmitte belebt werden kann, wenn die Menschen nicht mehr zum Einkaufen hierher fahren. Das hat am Ende vielleicht dann mal Konsequenzen für die Frage nach einem Standort einer Kirche oder eines Gemeindezentrums. Oder für die Standorte der Autos in einem kirchlichen Car-Sharing-Projekt.
Oder suchen Sie nach Prognosen für Ihre Region im Blick auf den Klimawandel. Nach den heute vorliegenden Berechnungen werden Sie hier Richtung Elbe vermutlich glimpflich davonkommen. Andere Regionen werden heftiger betroffen sind. Welche Wechselwirkungen kann das haben? Ziehen vielleicht immer mehr Menschen aus dem heißen Süddeutschland oder dem trockenen Ostdeutschland hier in die Gegend? Was heißt das für Arbeit, Wohnen und Freizeit? Vielleicht wachsen Ihre Gemeinden erheblich gegen den Trend?

Jetzt können Sie sagen, ist ja alles schön und gut, aber wer weiß denn schon was kommt. Bei aller Liebe, Prognosen sind doch noch nie eingetroffen, vieles lässt sich nicht voraussagen. Richtig. Noch mal Harald Welzer: Ja, sagt er, das stimmt. Aber ich schaffe mehr Beweglichkeit in meinem Kopf, wenn ich von den unendlichen Möglichkeiten der Zukunft ausgehe statt mich von den scheinbar unverrückbaren Fakten der Gegenwart bestimmen zu lassen. Denn Angst lähmt, Hoffnung setzt in Bewegung.

Ich plädiere einfach dafür, bei kirchlichen Planungsprozessen im Kleinen wie im Großen Fakten, Prognosen und Szenarien aus der Zukunftsforschung einzubeziehen. Denn, und damit komme ich zurück zum Anfang: Planen müssen wir als sorgsame Haushalter mit den Ressourcen, die uns als Kirche und Gemeinden zur Verfügung stehen. Die Zukunftsforschung in ihrer Vielfalt und Vorläufigkeit kann zu beitragen, dass Veränderungen, die dann eintreten, im Positiven wie im Negativen uns nicht mehr so schockieren. Wenn es mir vertraut ist, mögliche Zukünfte durchzuspielen, fällt es mir dann leichter, Anpassungen auf aktuelle Entwicklungen zu finden. Die mutige Entscheidung im Blick auf eine immer offene Zukunft nimmt uns dennoch keiner ab. Aber wenn nicht wir Christinnen und Christen so entscheiden können als vom Advent geprägte Glaubende, wer dann? Diese Haltung finde ich auch in diesen Worten Dietrich Bonhoeffers wieder, die ich ausgewählt habe, weil wir ja in einem „Dietrich-Bonhoeffer-Haus“ tagen:

„Optimismus ist in seinem Wesen keine Ansicht über die gegenwärtige Situation, sondern er ist eine Lebenskraft, eine Kraft der Hoffnung, wo andere resignieren, eine Kraft, den Kopf hoch zu halten, wenn alles fehlzuschlagen scheint, eine Kraft, Rückschläge zu ertragen, eine Kraft, die die Zukunft niemals dem Gegner lässt, sondern sie für sich in Anspruch nimmt.“ (Bonhoeffer, Widerstand 77)

Literatur

Dietrich Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung
Matthias Jung, Zeitsprung – Gemeinde 2030
Harald Welzer, Selbst denken
Harald Welzer/Stefan Rammler, Futurezwei Zukunftsalmanach 2013

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