Auf Augenhöhe? Gedanken und Gefühle zur Krise in und um Griechenland

Augenhöhe

Montagmorgen.
Ich gehe zum Bahnhof in Osnabrück.
Es ist alles wie sonst.
Schülerinnen auf dem Weg zur Schule.
Mütter bringen ihre Kleinen in die KiTa.
Im Bahnhof das übliche Bild.
Ein paar Dienstreisende holen sich Kaffee.
Reisegruppen freuen sich auf Berlin.
Ich schaue in einige ihrer Gesichter und frage mich:
Geht es nur dir so, dass mir die aktuellen Entwicklungen in Europa schwer auf der Seele liegen?
Und sieht man mir das auch nicht an?

Ich sitze im Zug.
Wunderschönes Sommerwetter.
Die grüne Junilandschaft gleitet vorbei.
Und ich versuche meine Gedanken und Gefühle zu sortieren.
Zu dem, was da gerade in und mit Griechenland geschieht.

Was können wir noch glauben?
Wem können wir noch glauben?
Medienschelte von hüben und drüben ist allerorten an der Tagesordnung.
Will, Jauch, Plasberg und Co. versuchen in immer wiederkehrenden Runden Licht ins Dunkel zu bringen.
Vergeblich.
Die Stimmung ist aufgeheizt.
Selbst Politiker wie Schulz oder Steinmeier nehmen – aufgebracht oder mit Kalkül? – Worte in den Mund, die ich kaum glauben kann.
Das erschreckt mich mit am meisten.

Und Griechenland ist wahrlich nicht das einzige „Problem“.
Ukraine und Russland.
IS-Terror.
Endlose Flüchtlingsströme, nicht nur an unseren „Außengrenzen“.
TTIP, CETA und so weiter.
Und vermehrt Hinweise darauf, dass es mit Klimaschutz vielleicht schon zu spät ist.
Ich weiß keine Lösung.
Andere wohl auch nicht.
Mich bewegt dabei die Frage:
Wie halten politisch Verantwortliche das eigentlich aus?

Ich erinnere mich an eine Presbyteriumssitzung vor einigen Jahren.
Ich musste den ehrenamtlichen Mitgliedern sagen:
Ich muss Euch heute eine unzumutbare lange und komplizierte Tagesordnung vorlegen.
Wir haben keine Wahl.
Behandeln wir die Punkte heute nicht alle, fallen trotzdem Entscheidungen.
Durch ablaufende Fristen und so weiter und so fort.
Die Wogen schlugen hoch.
Das geht doch nicht, so kann man mit uns nicht umgehen!
Wir hatten keine Wahl.
Ich zog den Abend durch.
In einer Art Tunnelblick.
Eins nach dem anderen, so gut es eben ging.
Ohne Zeit, in Ruhe Alternativen zu bedenken.
Mir war schlecht.
Das entsprach nicht meinem Verständnis von Entscheidungsfindung.
Geht es Merkel, Juncker und Varoufakis vielleicht ähnlich?
Komme mir keiner mit:
„Das sind doch Profis, die müssen das können, die haben ihren Stab an Mitarbeiter/-innen!“
Was hilft ihnen der, wenn die Uhr von Fristen tickt?

Entstehen so Kriege?
Menschen und Meinungen verhaken sich so sehr, bis jegliches Vertrauen dahin ist?
Der psychische Druck im Kessel steigt und steigt.
So lange, bis irgendwer es nicht mehr aushält?
Oder das Gefühl übermächtig wird, nicht mehr im eigenen Sinne handeln zu können?
Sind wir schon wieder so weit?

Ich bin in der Zeit des Kalten Krieges aufgewachsen.
Das Gefühl der Bedrohung durch „die Russen“ habe ich lange nicht bewusst empfunden.
Erst, als ich mich in der Oberstufe und danach mit Auf- und Abrüstung beschäftigt habe.
Aber wir hatten Hoffnung.
Auf eine Ende der atomaren Bedrohung.
Durch vertrauensbildende Maßnahmen.
Das trieb uns auf die Wiesen des Hofgartens nach Bonn.

Unser Gefühl war später:
Ja, das hat geklappt.
Die Arsenale wurden geschrumpft.
Die Mauer fiel.
Und viele, nicht nur Helmut Kohl, träumten von blühenden Landschaften.
Und einer Welt voller Frieden.

Ich beschreibe hier nur meine Gefühle damals in den Achtziger und Neunziger Jahren.
Sachlich betrachtet stellt sich manches sicher anders dar.
Und aus der Rückschau sowieso.
Aber ich glaube, dass es immer eine emotionale Gestimmtheit gibt, die uns prägt.
Und dahinter stehen Glaubenssätze.

Wir glaub(t)en an Wohlstand durch Frieden und Abrüstung.
Neoliberale Ökonomen glauben an Wohlstand durch die Märkte.
„Recht“ haben wir beide, denn es sind beides ehrenwerte Vorstellungen.
Und Argumente gibt es reichlich, hüben wie drüben.
Aber der Effekt ist:
Wir stehen heute vor Scherbenhaufen.
Und die große Weltpolitik übertüncht nur die Herausforderungen, vor denen wir in Deutschland stehen.
Altersarmut.
Fachkräftemangel.
Verfall der öffentlichen Infrastruktur.

Gestern Morgen diskutieren meine Frau und ich über dieses Gefühl:
In einer Welt zu leben, die sich immer mehr auf einer schiefen Ebene befindet.
Und langsam dem Abgrund entgegen taumelt.
Wobei, unendliche viele Menschen auf unserem Erdball werden mir entgegnen:
Ich bin, wir sind schon unten!

Wie auch immer, mir fiel wieder ein Begriff aus unserer christlichen Tradition ein.
Ein gefährlicher Begriff.
Aber recht verstanden, erhellt er unser Leben:
Sünde.

Es ist schwer, diesen Begriff heute in die Debatte einzubringen.
Weil er so belastet ist.
Moral, Sex und der Eisbecher zu viel stehen uns im Weg.
Aber im Sinne der „Öffentlichen Theologie“ von Heinrich Bedford-Strohm gilt es ihn lebendig zu machen.
Als Erklärung, nicht als Entschuldigungsmuster.
Als Rahmen für christlich motiviertes Denken und Handeln.

Sünde meint:
Das Ziel wird verfehlt.
Nennen wir Letzteres das „gute Leben aller“.
Da wir Beziehungswesen sind, führt „Sünde“ zu Verstrickungen und Verwicklungen.
Die von Generation zu Generation weitergegeben werden.
Das meint:
Erbsünde.

Dies ist nichts anderes als die Rückseite des wunderbaren Bildes von Hannah Arendt:
All unser Handeln ist Fäden in ein Gewebe zu schlagen, das andere vor uns gewebt haben.
Das Bild ist einerseits entlastend.
Nicht mehr kann ich tun, als mich auf Vorgegebenes zu beziehen und darauf aufzusetzen.
Andererseits ist es erschreckend.
Weil das Vorgegebene voller Abgründe und Misstrauen, Gier und Unmenschlichkeit ist.
Das ist unser Bezugssystem, ob wir wollen oder nicht.

Die christliche Tradition antwortet auf Sünde und Erbsünde mit der Vision der Auferstehung.
Das Tödliche hat nicht das letzte Wort in dieser Welt.
Oder sie antwortet mit dem Bild vom Leben in einem ewigen Paradies.
In dem Löwe und Lamm friedlich miteinander Leben.

Hoffnung oder Vertröstung?
Nun, beides ist möglich.
Doch tun die neoliberalen Theoretiker/-innen nicht das Gleiche?
Sie glauben an den freien Markt, der Wohlstand für alle bringt.
Das ist ihre Hoffnung.
Aber auf dem Weg dahin sind harte Sparmaßnahmen zu ertragen.
Das ist notwendig, heißt es.
Auf den Wohlstand wird vertröstet.
So groß ist der Unterschied in der inneren Struktur der Gläubigkeit nicht.
Finde ich.

Nun ist es ja nicht so, dass dies niemand wüsste.
Die Kritik wird immer wieder laut.
Ich ging vor der Rückfahrt durch die Wirtschaftsabteilung einer Buchhandlung.
Dutzende Titel lagen dort mit dem gemeinsamen Tenor:
So geht es nicht weiter.

Von der Entzauberung der Märkte ist schon lange die Rede.
Gerade wieder sehr laut und sehr deutlich in Griechenland.
Und es gibt auch das andere:
Solidarität.

Letzte Woche war ich bei einer Veranstaltung in Hamburg.
Der griechische Generalkonsul bedankte sich ausführlich für die vielen Zeichen der Unterstützung.
Das ist etwas anderes als der Zynismus eines Sigmund Gabriel.
Der nichts Besseres zu tun hat, als Griechenland nach dem Grexit „humanitäte Hilfe“ zuzusichern.
Gnädig, nachdem alles andere gescheitert ist/scheint.
Natürlich helfen wir.
Großzügig und von oben herab.
Augenhöhe sieht anders aus.

Augenhöhe, das ist Leben in Würde.
Das ist die innere Logik der Vision vom guten Leben aller.
Auch von Auferstehung zum Leben und dem Land des Friedens.
Leben auf Augenhöhe.
Das tut auch weh.
Weil ich dann den Schmerz im Auge des/der anderen sehe.
Aber es tut auch gut.
Weil ich zugleich meine eigene Bedürftigkeit und Hilflosigkeit erkenne.
Sich darum zu bemühen ist möglich.
Einfach ist das nicht in all den Verstrickungen.
Aber Augenhöhe macht handlungsfähig.

Hilft das, die schiefe Ebene auszubalancieren?
Schwer vorstellbar.
Aber es entspricht meinem Glaubenssatz.
Und ich glaube, nicht nur meinem.

Ein Gedanke zu “Auf Augenhöhe? Gedanken und Gefühle zur Krise in und um Griechenland

  1. Pingback: Griechenland, im Jahr 2015. Texte, Beiträge, Fotos und mehr | matthias jung

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