Studienreise Thessaloniki VII: „Da, auf unserem Land sind wir heute Sklaven.“

Thessaloniki

Was ist für mich die Essenz in all den Eindrücken dieser Reise?
Zwei Gedanken.

Erstens:
Gleichmacherei bringt nichts, zerstört nur.
Eindrücklich war schon am ersten Tag die Sache mit dem Kaffee.
Ihr Griechen seid faul, sitzt nur im Cafe und quatscht.
Diese Vorwurf tat unseren Gesprächspartner/-innen weh.
Sie empfanden es als Missachtung ihrer Person und ihrer Kultur.
Als Person, weil sie sagten: Wir arbeiten genauso hart und viel wie ihr in Deutschland, vielleicht sogar noch mehr.
Und die Kultur, ihr versteht gar nicht, wie wichtig das für uns ist.
Und ihr interessiert euch nicht dafür.
Kaffee trinken, das ist Begegnung, Gemeinschaft.
Wir leben davon, miteinander zu sein, zu diskutieren, zu quatschen.
Es ist Teil unserer Kultur.
Und es ist schrecklich, wenn das Schuldendiktat uns das zerstört.
„Ich kann nur noch eins, zwei Mal im Monat auf eine Kaffee ausgehen.“
Da lag viel Schmerz und Bitterkeit drin.
„Wir“ Deutschen sagen: Ja und?

An der Stelle habe ich mich gefragt:
Was gehört zu unseren deutschen Kultur so sehr, dass niemand es in Frage stellen darf?
Und das von außen vielleicht merkwürdig aussieht?
Vielleicht die Verrücktheit, das wir uns als einziges Land in Europa kein Tempolimit leisten.
Freie Fahrt für freie Bürger, das ist Teil unserer Kultur.
Auch wenn es immer weniger Strecken gibt, für die das tatsächlich noch gilt:
Am Grundsatz darf nicht gerüttelt werden.
Es gibt Dinge, wo wir empfindlich reagieren, weil sie Teil unserer kulturellen Identität sind.
(Ob sie sinnvoll sind, steht noch mal auf einem anderen Blatt.)
Da schlagen die Emotionen hoch.
So wie in Griechenland, wenn es heißt, ihr seid faul und sitzt nur im Cafe.
Zusammenwachsen in Europa geht nur über das Verständnis füreinander.
Dazu gehört die Begegnung und das Gespräch.
Vielleicht leisten die oft so viel gescholtenen Institutionen der EU (wie CEDEFOP) dafür im Verborgenen wertvollere Dienste, als wir ahnen.
Weil dort in einem Haus Menschen aus den verschiedenen Staaten zusammenarbeiten (dürfen/müssen).
Und das heißt immer auch:
Eine Sprache finden.

Zweitens:
Die biblisch-christliche Tradition weist auf die Notwendigkeit eines Insolvenzrechts hin, immer wieder.

Niemand soll für immer und ewig verschuldet und damit versklavt werden, so wurde im Namen Gottes verkündet.
Aus der Erfahrung der Befreiung aus eigener Sklaverei erwächst die Verpflichtung zu einer Rechtsordnung, die auf Ausbeutung und Sklaverei grundsätzlich verzichtet:

„Zwischen einer Ordnung, für die Ausbeutung wesentlich ist und einer Ordnung, die prinzipiell keine Ausbeutung zulässt, gibt es keine Gemeinsamkeit. (…) Es geht nicht um eine moralische Qualifizierung, Ausbeutung sei ungerecht. Die moralische Qualifizierung besagt: die Form, in der, oder das Maß, in dem Ausbeutung geschieht, sei verwerflich. Gegen die Ausbeutung als Gesellschaftsstruktur ist damit nichts gesagt. Ausbeutung ist ein sozial-ökonomisches Strukturprinzip: Eine Minderheit eignet sich das Mehrprodukt gesellschaftlicher Arbeit der Mehrheit der Gesellschaftsmitglieder an (…). Das ist eine Ordnung, in der Menschen von der Gnade anderer Menschen abhängig sind; sie ist keine Rechtsordnung, sondern eine angemaßte Gnadenordnung. Ein „Gott“ solcher Gnadenordnung (…) verträgt sich nicht mit einem „Gott“, der Ausbeutung in jeder Form kategorisch ausschließt und das Recht auf Freiheit von Sklaventum stiftet. (…) „Gott“ bedeutet eine Gesellschaftsordnung, die den tiefsten menschlichen Bedürfnissen entgegenkommt: Solidarität, Verbundenheit, Geborgenheit in einer Gesellschaft, wo kein Mensch einen anderen Menschen verachtet, erniedrigt, ausbeutet, unterdrückt. Diese Gesellschaftsordnung missen aber die Menschen nicht nur wollen, sondern auch als ihre Herzensangelegenheit sehen“ (Ton Veerkamp, Die Welt anders, S. 72f.)

Doch Ausbeutung war in Israel dennoch Realität, immer und immer wieder.
Der Schrei aus Nehemia 9,36 ist beileibe kein Einzelfall:
„Da, auf unserem Land sind wir heute Sklaven.“

Was Griechenland gerade tut – so die Medienberichte stimmen – ist, die letzten Reserven zusammenzukratzen und Rücklagen zu plündern.
Auch in Deutschland mehren sich Berichte darüber in den „seriösen“ Medien.
Würdelosigkeit ist die Folge im verzweifelten Bemühen, Schulden abzuzahlen.
Umgekehrt meint ein deutscher Politiker, es gelte, dem Euro seine Würde zurückzugeben.
Hallo?!
Geld hat Würde?!
Wenn ich diese Frage überhaupt mit „ja“ beantworte – wessen Würde zählt mehr, die des Geldes oder die der Menschen?
Gebt dem Euro seine Würde zurück, das klingt in meinen Ohren wie der Aufruf um das Goldene Kalb zu tanzen.
Oder wie es Jesus sagte: Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.

Unsere griechischen Gesprächspartner sprachen davon, dass das Sozialsystem zusammengebrochen ist.
Das Wirtschaftssystem auch, das wird an „Kleinigkeiten“ erkennbar.
Ein Beispiel:
Benzin ist teurer als in Deutschland.
Also muss ich auf mein Auto verzichten und Bus fahren.
Die Busse in Athen sind zu einem großen Teil nicht mehr einsatzbereit.
Weil Geld für Ersatzteile fehlt.
Der Fahrplan wird ausgedünnt.
Folge:
Fehlende Einnahmen – und die Menschen kommen erst recht nicht mehr von A nach B.
Und so weiter und so fort.
Solche Ausgrenzungseffekte erleben in unserem Land Menschen mit Hartz IV.
Das ist schon unwürdig.
Stellen wir uns vor, Hartz IV gelte für den Großteil unserer Bevölkerung.
Dann nähern wir uns im Empfinden Griechinnen und Griechen an.

Es geht nicht um Gnade.
Es geht um Recht.
Dafür braucht es eine internationale Insolvenzordnung.
In der selbstverständlich – wie im „alten“ Israel oder heute in Deutschland – die Mitwirkung des/der Schuldner/s enthalten ist.
Aber niemand soll offen oder verdeckt versklavt werden.
Und von „Gnade“ abhängig sein.
Ein Recht auf Freiheit von Schulden.
Das gibt Menschen die Würde zurück.

2 Gedanken zu “Studienreise Thessaloniki VII: „Da, auf unserem Land sind wir heute Sklaven.“

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