Irritationen, Überraschungen. Kirchentag. Meiner.

feierabendmahl

Beim Feierabendmahl in der Atelierkirche

Samstagmorgen, ich sitze im Zug.
Der Kirchentag ist für mich schon zu Ende, aus verschiedenen Gründen.
Zeit, ein paar Gedanken festzuhalten.
Die zweieinhalb Tage hatten Irritationen und Überraschungen für mich parat.

Zuletzt war ich in Köln 2007 dabei, damals „Heimkirchentag“.
Ich fuhr morgens hin und abends nach Hause, war Teilnehmer und Mitwirkender zugleich.
Wir organisierten vom rheinischen KDA eine Veranstaltung mit Norbert Blüm.
Ich streifte durch die Messehallen.
Irgendwo dort lernten meine Frau und ich Frithjof Bergmann kennen.
Eine Begegnung, die unser Leben nachhaltig verändert hat.
Und am Sonntag in der Früh gab es Public Viewing in meiner Kirchengemeinde vor Ort:
Wir verfolgten auf der Leinwand den Gottesdienst, sangen mit, hörten zu und feierten das Abendmahl parallel zu der Austeilung in Köln.
Eine gelungene Verbindung von Kirchentag mit Ortsgemeinde.
Aber schon 2007:
Volle Züge, Übernachtung auf Luftmatratzen, Fehlanzeige.
Diese Erfahrungen liegen noch viel weiter zurück, von 1979-85 war ich Teilnehmer.
Danach kamen Vikariat und drei Kinder.
Dreißig Jahre ist das her.

Und nun Stuttgart.
Erstmals auf einem dienstlichen Ticket.
Standdienst am Stand des Verbands Kirche-Wirtschaft-Arbeitswelt (KWA) in einem der kochendheißen Zelten auf den Cannstatter Wasen.
Ein veränderter Blick auf das Programm.
Überspitzt gesagt:
Börsenbesuch mit Sven Giegold statt Bibelarbeit.
Unterbringung im Hotel.
Erst fand ich das merkwürdig.
Dann fragte ich mich belustigt, was machst du denn hier!?
Aber das klimatisierte Zimmer habe ich nachts sehr genossen.

Meine Rolle als KDA-Referent auf dem kirchlichen Großtreffen habe ich diesmal noch nicht gefunden.
Wo gehst du hin?
Und wo nicht?
Suche ich jetzt vor allem die Vernetzung mit der rein „dienstlichen“ Brille, gehe zu AEU und SPD – oder?
Ich habe mich weitgehend für das „oder“ entschieden.
Nicht bewusst, aus dem Bauch heraus.
Mein Gefühl sagte mir:
Das alles kannst du in zwei Jahren auch noch machen.
Und vielleicht „muss“ ich dass dann auch, vernetzter und noch mehr angekommen.
Aber diesmal, nein, das wäre verschenkt, verkrampft oder was auch immer geworden.
So ließ ich mich treiben.
Und das führte zu Überraschungen.

Schöne Begegnungen gab es, manche angebahnt und verabredet, andere ganz spontan.
Sabine Löw stand plötzlich genauso neben mir wie zwei Frauen aus meiner „alten“ Kirchengemeinde, um nur zwei zu nennen.
Besonders schön waren zwei Stunden mit meinem ehemaligen Jugendleiter und einigen seiner Mitarbeitenden.
Menschen, mit denen ich „früher“ vieles zusammen gemacht habe.
Toll war das Konzerthopping am Donnerstagabend zwischen Schloss- und Marktplatz.
Hier Moop Mama, dort Clemens Bittlinger und Anselm Grün.
Kann ein Kontrast größer sein?
Beides fünf Minuten voneinander entfernt, beides unter dem „Dach“ der evangelischen Kirche.

Meine Highlights waren zwei geistliche Veranstaltungen.
Abendsegen auf dem Schloßplatz.
Kerzenmeer und Harfenklänge.
Nora Steen und Fritz Baltruweit.
Gänsehaut.

Und gestern Abend das Feierabendmahl in der Atelierkirche auf dem Killesberg.
Großartig.
Ich bin ja eher der Meinung, Gottesdienste über sechzig Minuten gehen gar nicht.
Oder nur sehr selten.
Diesmal waren über zweieinhalb Stunden keine Sekunde langweilig.
Ein Feuerwerk der Ideen, Kreativität pur.
Zerreißen und zusammennähen, so ganz praktisch.
Bitterer Tee.
Ein Salzberg auf dem Altar.
Abendmahl auf Tischplatten zwischen den Gängen …
… und wir ließen uns anstecken.
Plötzlich erklingt ungeplant „Laudate omnes gentes“.
Später kommt es zu einem Reigentanz zwischen den Kirchenbänken, es ging gar nicht anders.
Schöner Nebeneffekt:
Birgit Mattausch machte auch mit und so konnten wir uns erstmals „in echt“ begegnen.
Gleiches gilt für Brigitte Becker, mit der ich in der U-Bahn zurück fuhr.
Und neben uns saß in der U5 Dietrich Sonnenberger, von dem ich auch schon virtuell „gehört“ und gelesen hatte.

Ich überlegte lange:
Wie passen diese Erfahrungen zu deinem neuen Status?
Verträgt sich das?
Anders gefragt:
Wo bin ich klüger geworden, um die Losung des Kirchentags aufzunehmen?

Sven Giegold, den ich morgens bei dem spannenden Besuch des Kirchentags in der Börse erlebt hatte, twitterte:

giegoldauftwitter

Ich dachte, er hat ja recht, aber das ist nicht die Aufgabe des Kirchentagsmedienzentrums.
Und was er anmahnt, geschieht ja und wird sichtbar durch die wunderbaren Fähigkeiten, die uns Social Media mittlerweile bieten.
Man suche sich eine Twitterwall und gebe #dekt ein und voila! – da ist Protestantismus pur.
Unzählige Eindrücke von Tausenden, die mit ihrem je eigenen Blick auf das große Ganze oder eben auch nur auf ihren kleinen Ausschnitt blicken.

twitterwall

Ob nun mit oder ohne Facebook und Twitter, der Kirchentag spiegelt nur allgemeine Veränderungen.
Manch eine/r vermisst die klaren politischen Positionen aus den achtziger und neunziger Jahren.
Manch eine/r ärgert sich drüber, dass die (meisten) Politiker/-innen eher Allgemeinplätze von sich geben.
Tja, in den Jahresrückblick von Jauch und Co. wird es vielleicht nur der Waschmaschinenvergleich von Angela Merkel schaffen, wenn überhaupt.
Aber ist das ein Zeichen von Schwäche und Verwässerung des Protestantismus?
Nein, ganz im Gegenteil, hier offenbart sich seine große Stärke.
Unaufgeregte Diskussions- und Feierkultur, dazu eine faszinierende Vielfalt des geistlichen wie diakonischen Lebens.
Vielleicht liegt es an meinem Rollenwechsel und der Suche nach einer eigenen, neuen „Identität“ im Dienst dieser Kirche:
Geschieht nicht das Wesentliche in den kleinen Begegnungen vor Ort?
Auf dem Kirchentag wie in unseren Gemeinden?
Als KDA-Referent ahne ich gerade in diesen Wochen (und das hängt auch, aber nicht nur mit unserer Reise nach Thessaloniki zusammen):
Die Arbeit des KDA ist viel seelsorgerischer, als ich bislang dachte.
Die vielen „kleinen“ Gespräche bewirken vermutlich mehr als die Veranstaltungen, die wir auch machen.
Und von denen dann im Netz oder in den Zeitungen zu lesen ist.
Wenn diese Beobachtung hochgerechnet werden kann, dann zeigt sich genau dort die Kraft evangelischer Kirche.
Nicht „sichtbar“, aber spürbar.
In unserem Land.
So schaffen wir es nicht auf die Titelseiten.
Aber Hand auf´s Herz, was steht da schon?
Beschreibungen der Zimmer, in denen die G7-Teilnehmer/-innen nächtigen.
Und das Winnetou heute gestorben ist.

So fahre ich ermutigt nach Hause.
Klar, Probleme gibt es genug, Herausforderungen auch, innerkirchlich und gesellschaftlich.
Von dem Rest der Welt ganz zu schweigen.
Aber die Geistkraft trägt und spornt an und verbindet uns untereinander.
Ist das nicht wichtiger, wesentlicher und effektiver, als es mit einer Resolution in die Tagesschau zu schaffen?

P.S. Den Abschlussgottesdienst gucke ich morgen ganz bequem in der Loge des Wohnzimmersessels. 😉

2 Gedanken zu “Irritationen, Überraschungen. Kirchentag. Meiner.

  1. Pingback: Jahresrückblick 2015 | matthias jung

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