Die Arbeit der Zukunft gestalten wir! Oder: Alles hat seine Zeit.

Ansprache beim Gottesdienst zum 1. Mai in Emden 2015 vor dem DGB-Umzug

Alles hat seine Zeit.
Mehr als zweitausend Jahre alt sind diese Worte.
Sie faszinieren Menschen seit eh und je.
Und provozieren.
Alles hat seine Zeit, wirklich alles?
Für alles gibt es ein Anfang und ein Ende.
Und ein gutes Maß – für wirklich alles?

Die Arbeit der Zukunft gestalten wir!
Das Hauptmotto des DGB für den 1. Mai 2015 provoziert auch.
Denn die Erfahrung scheint doch oft eine andere zu sein.
Wenn ich überhaupt eine Erwerbsarbeit habe, dann oft mit wenig oder keinem Gestaltungsspielraum.
Die Vorgaben sind klar.
So viele Fenster sind in einer Stunde zu putzen.
So viele Betten zu machen.
So viele Fälle zu bearbeiten.
So viele Patienten zu behandeln.
Die Arbeit der Zukunft gestalten wir – woher kommt die Hoffnung?
Oder ist es eine Aussage gegen alle Vernunft?
So wie ein trotziges Kleinkind auf den Boden stampft und sagt: Ich will aber!

Alles hat seine Zeit.
Oder:
Die Arbeit der Zukunft gestalten wir!
Ich höre beide Sätze als Weckrufe.
Als zwei Seiten ein und derselben Medaille.
Sie sind beide noch nicht Wirklichkeit –
zeigen die Richtung an, in die es geht.
Sie laden zum Träumen ein.
Und Träume sind keineswegs Schäume.
Sondern geben Hinweise auf Wichtiges und Wesentliches.
Auf das, was vielleicht bislang zu kurz kommt.

Alles hat seine Zeit.
Arbeit und Freizeit.
Ackern und Ausspannen.
Werktag und Feiertag.
Tun und Lassen.
Es geht um Ausgewogenheit, um eine Balance.
Und darum, dass alle diese Dinge einen Wert an sich haben.

Nicht die Arbeit allein soll mein, unser Leben bestimmen und den Rest an den Rand drängen.
Die Freizeit und das Wochenende sollen nicht allein dem Erholen für neue Arbeit dienen.
Wir holen tief Luft.
Denn wir erleben, beobachten, ahnen – so ist es eben nicht in dieser Welt.
Arbeit ist ein Omniwert, dem schnell und oft alles untergeordnet wird,
Hauptsache, Arbeit!
Nein, sagt die Bibel.
Alles hat seine Zeit.
Alles hat seinen Wert.
Und Ausgewogenheit ist wichtig.

Deswegen lautet die andere Seite der Medaille:
Die Arbeit der Zukunft gestalten wir!
Wir wollen sie gestalten.
Weil sie wichtig ist.
Für uns und andere.
Weil wir gerne tätig sind.
Oder sein möchten.
Aber häufig daran gehindert werden.
Die Arbeit der Zukunft gestalten wir ist Forderung und Angebot zugleich.
Wir wollen arbeiten, uns einbringen.
Mit dem, was wir können und draufhaben.
Aber ihr müsst uns auch Gelegenheit dazugeben.
Der öde, nervtötende Job des Immer-wieder-gleich ist es nicht.
Klar:
Es gibt keine Arbeit, die immer nur Spaß macht.
Aber ein Job, in dem ich nie vorkomme, ist im Sinne der Bibel und des Gewerkschaftsmotto keine Arbeit.
Und genauso wenig gilt:
Arbeit ohne Ende ist gut.
Und ewig ohne Arbeit ist genauso wenig gut.

Alles hat seine Zeit.
Die Arbeit der Zukunft gestalten wir.
Zwei Seiten ein und derselben Medaille.
Amen.

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