Ostern. Entsetzen. Hoffnung.

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Die Frauen gingen hinaus und flohen von dem Grab.
Denn Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen.
Und sie sagten niemandem etwas.
Denn sie fürchteten sich.
(Markusevangelium, ganz am Ende)

Karfreitag können wir noch verstehen.
Ostern nicht.
Leiden ist allgegenwärtig.
Hoffnung nicht.

Karfreitag lüftet den Schleier.
Den wir über alles und jedes legen.
Um bloß nicht daran erinnert zu werden, wie dünn das Eis ist.
Auf dem wir uns Tag für Tag bewegen.

Ostern sehen wir ein leeres Grab.
Wir haben uns daran gewöhnt.
An Festgottesdienste mit wunderbarer Musik am Ostermorgen.
Doch gibt das schon Hoffnung?

Wenn sie kommt, bricht sie in unser Leben hinein.
Die Frauen am Grab rannten schreiend weg.
Die Hoffnung entsetzt, verstört, zerbricht.
Reißt den Schleier fort.

Sie ist nicht herbeizuzwingen.
So sehr wir uns danach sehnen.
Sie kommt oder kommt nicht.
Mittendrin und zwischendurch.

Wenn sie kommt, macht sie alles neu und nichts.
Erfüllt keine Sehnsüchte,
löst keine Probleme,
beantwortet keine Fragen.

Die Augen öffnet sie.
Zeigt das Eis, auf dem wir stehen.
Und den Abgrund darunter.
Die Hoffnung macht zuallererst – Angst.

Dann erst greift sie nach uns.
Zeigt ein Licht.
Nicht am Ende des Tunnels.
Sondern mitten im Leben.

Ohne Karfreitag ist Ostern nicht zu haben.
Osterhasen und Ostereier vielleicht schon.
Aber keine Hoffnung.
Reines Geschenk.

Sie erzählten es dann doch.
Christus ist auferstanden!
Mit ihren Worten wurde die Welt neu.
Und wird es immer noch.

5 Gedanken zu “Ostern. Entsetzen. Hoffnung.

  1. Herr Jung, ich lese ja schon länger bei Ihnen. Was mir auffällt: seit sie den neuen Job haben, schreiben Sie …anders.

    Hoffnung ist das Thema dieses Textes.

    So gut wie jeder Ihrer Texte „vorher“ hat mir Hoffnung gemacht / geschenkt. Auf die eine oder andere Art und Weise. Oder sagen wir es so: ich konnte Hoffnung aus Ihren Texten schöpfen.

    In dem obigen Text nun geht es um Hoffnung. Jedoch: es scheint mir, als wäre es ein fifty/fifty-Text: „Hoffnung kommt oder kommt nicht“. Sie schreiben sogar: Hoffnung macht Angst.

    Da ich auch in einem völlig neuen Job und Lebensalltag bin, frage ich mich: das ich aus diesem Text keine Hoffnung schöpfen kann, wie sonst, liegt das nun an mir oder an Ihnen? Sie haben ja nun offenbar eine mehr verwaltende Tätigkeit. Während ich durch meine Arbeit so gut wie gar nicht mehr zum Schreiben und in Ruhe nachdenken komme.

    Hoffnung. Heute fuhr ich mit dem Rad die Straße lang. Frühling. Die Bäume werden grün. Forsythien blühen. Andere Bäume blühen weiß. Narzissen auf dem Mittelstreifen. Blauer Himmel. „Komisch“, dachte ich, „ich kann mich gar nicht freuen wie sonst“. Es erfüllt mich nicht mit Freude wie sonst. Frühling ist doch meine Zeit. Es schloss sich der Gedanke an: was so ringsum auf der Welt geschieht, ist schwer zu ertragen. Mir kommt es vor, wie eine Art Revival (zum Beispiel Krieg in Europa / in der Ukraine – und alles, was damit zusammenhängt).

    Hoffnung – ist das in Ihrem Text gleichzusetzen mit Christus? Also kann ich in Ihrem Text jedes Mal Hoffnung ersetzen durch Christus? Wenn ja, dann ..verstört mich der Text. Diesmal. Werde es mal sacken lassen.

    Eine schöne Osterzeit wünsche ich Ihnen.

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  2. Liebe Frau Meier,

    mein neuer Job hat wenig bis nichts mit Verwaltung zu tun, sondern mit Netzwerkarbeit. Bezugspunkte sind nicht mehr Gemeindeglieder und das Kirchenjahr, sondern die sehr weite Welt der Ökonomie, und Kirche ist an vielen Stellen Teil derselben.

    Da die Stelle länger unbesetzt war, verbringe ich einen Großteil meiner Zeit mit Antrittsbesuchen und Kontaktgesprächen, um zu sehen, mit wem geht was und wann und wozu. Das wird aber nicht so bleiben, aber für Projekte welcher Art auch immer braucht es einen Vorlauf. Schon im nächsten Vierteljahr wird sich manches hier verändern.

    Im Blick auf meine Texte heißt das zweierlei.

    In der Gemeinde entstanden viele Texte aus einem konkretem Anlass und waren dazu gedacht, vorgetragen zu werden für konkrete Menschen. Beim Schreiben habe ich immer überlegt, wie diese Menschen das hören. Momentan „experimentiere“ ich mehr mit Sprache und bin oft selbst überrascht, was mir da so einfällt. Die Kontrollfrage: Verstehen das meine Hörer/-innen nachher in der konkreten Situation fällt weg.

    Zum anderen dreht sich der Fokus um. Als Gemeindepfarrer habe ich auf die große weite Welt aus der Perspektive der Menschen geschaut, die mir vor Ort begegnet sind, ob es nun bei Kasualien, Geburtstagsbesuchen oder im Konfirmandenunterricht war. Meine vielen Kontaktgesprächen drehen das um. Unser wirtschaftliches Leben ist viel komplexer, komplizierter und verrückter, als ich bislang dachte. Das verändert meine Sicht auf die Welt und das wiederum spiegelt sich dann sicher auch in den Texten. Denn Schreiben ist für mich – und war es immer schon – Weltbewältigung. Neue Sicht, neue Worte, das ist die Herausforderung, in der ich mich gerade befinde.

    Auf Ihre konkreten Fragen möchte ich so antworten :

    – Ja, ich denke, es ist möglich, im Text Hoffnung durch Christus zu ersetzen.

    – Hoffnung macht Angst, erschreckt: das ist die Aussage des ältesten Osterberichts aus dem Markusevangelium. Mit dem eingangs genannten Text endete das Evangelium ursprünglich. Das war so irritierend, dass später ein neuen Schluss angehängt wurde. Aber wir kommen nicht drumherum: Die Auferstehungsbotschaft hat mit Erschrecken, hoffentlich heilsamen Erschrecken zu tun.

    – In den letzten Tagen habe ich mehr als einmal mit Menschen gesprochen die sinngemäß sagten: „Sie als Pfarrer müssen ja glauben, aber ich kann das nicht.“ Aber Glauben kann ich nicht machen, er ist ein Geschenk, dass kommt oder nicht. Das ist eine bittere Wahrheit. Es gibt Menschen, die sich danach ein Leben lang sehnen, und es wird ihnen nicht vergönnt zu glauben. Hier zeigt sich eine dunkle Seite Gottes, der doch will, dass allen Menschen geholfen wird und se zum Glauben kommen, wie es einmal im Evangelium heißt. Martin Luther hatte ein gutes Gespür für diese Ambivalenzen, das Heil kann nicht erarbeitet, verdient werden, es ist immer Geschenk. Und ich „habe“ es auch nicht in der Hand, wenn ich es einmal erhalten habe. Ich kann davon zehren und hoffen, dass sich das Gefühl des Gehaltenseins wieder einstellt, aber Sicherheit habe ich darin nicht. – Das ist einerseits hart, entlastet aber auch andererseits. Ich bin nicht derjenige, der Menschen Gott erklärt, erklären kann. Das muss er selber tun und tut er. Ich kann nur erzählen, „Zeugnis ablegen“, wie das in traditioneller Sprache heißt.

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  3. Vielen Dank für die ausführliche Antwort, lieber Herr Jung. Das Geschriebene hat dazu geführt, dass ich nun acht Seiten per Hand und drei Seiten am Rechner geschrieben habe :).

    Ich habe mir das Geschriebene verdeutlicht anhand der von Ihnen einmal dargestellten Punkte: Standpunkt, Blickwinkel, Bezugspunkt.

    Und bin dadurch dazu gekommen, dass es sich bei mir genau umgekehrt verhält wie bei Ihnen.

    Während Sie als Pfarrer aus dem Blickwinkel der Menschen, die Ihnen vor Ort begegneten auf die „große, weite Welt“ schauten und von diesem Standpunkt aus Ihre Texte schrieben, habe ich immer von meinem persönlichen Standpunkt aus Texte geschrieben, bei denen ich mir den jeweiligen Blickwinkel von Menschen angesehen und das dann sozusagen „übersetzt“ habe in einen Blickwinkel, wie er auch möglich wäre – würde man das eigene Denken überprüfen. Indem ich das gemacht habe, wuchs in mir Hoffnung – weil ich durch die Blickwinkel der anderen und meine Überprüfung meinen Horizont erweitern konnte.

    Nun schreiben Sie in Ihrer neuen (Netzwerk-)Tätigkeit offenbar mehr aus Ihrem persönlichen Blickwinkel heraus, wie Sie selbst auf die Welt schauen. Ohne „Kontrollfrage“ – ob es beim Gegenüber verstanden wird und wenn ja, wie. Während in meiner neuen Tätigkeit (im Kundenservice) ich jetzt meinen persönlichen Standpunkt verlasse, um den Standpunkt meines Arbeitgebers einzunehmen und auf die Dinge schaue aus dem Blickwinkel der Kunden.

    Wie ich nun durch dieses jetzige Nachdenken festgestellt habe – kann ich mit meiner Art, auf die Welt zu schauen, jetzt viel unmittelbarer wirken. Ich muss nicht mehr schreiben, ich kann in Gesprächen – wenn auch „nur“ am Telefon – meine Sicht einbringen. Mir ist dabei bewusst, dass das nur geht, wenn ich die Sicht der Menschen verstehe.
    Das erreiche ich, indem ich die Probleme ernst nehme. Das es eben für den jeweiligen Menschen gerade tatsächlich wichtig ist, das bestellte Fernsehgerät unbedingt zu einem bestimmten Termin haben zu müssen. Was mir persönlich nicht wichtig wäre. Ich würde mich persönlich nicht darüber ärgern. Wenn ich also sage: „Kann ich verstehen, dass Sie das ärgert“, dann heißt es eben nicht, dass ich mich auch ärgern würde oder dass die Sache an sich tatsächlich ein Grund ist, sich zu ärgern. Wenn ich dann sage, dass es mir leid täte, dass er oder sie sich ärgert beziehungsweise ärgern muss oder seine Bestellung nicht erhalten hat, dann ist das keine Floskel. Sondern eher Verständnis für diese Schwäche.

    Was mir leid tut, ist die Sicht der Menschen auf die Dinge. Dass sie es so und nicht anders sehen können.

    Eine Frage hätte ich noch zu der Hoffnung, dem Schrecken und der Angst: Wir „heutigen Menschen“ erschrecken uns doch nicht mehr vor dem Gedanken der Auferstehung, oder?

    Und noch ein Gedanke dazu: Sie schreiben, Glaube wäre ein Geschenk und nicht jedem vergönnt. Das zu glauben, hieße – aus meiner Sicht: Hoffnung aufgeben. Das zu glauben bedeutet in der Tat: Entsetzen und Erschrecken! Bei mir.
    Und so komme ich wieder zu dem Gefühl von fifty/fifty: Bei diesem „Punktestand“ kann es sehr leicht umkippen. Wenn ich mir das Umkippen vorstelle, denke ich zuallererst ans Umkippen ins Negative. Das ist schrecklich. Das ist interessant.
    Ich habe mich gefragt: Wie mache ich mir ein rationales Bild vom Zustand der Welt?
    Was sollen meine Kriterien sein? Ich kam auf: Glaube, Liebe, Hoffnung.
    Und konnte nun besser verstehen, warum ich mich fühle, wie ich mich fühle. Da geht es wohl um „bittere Wahrheiten“.

    Einen schönen Tag wünsche ich.

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  4. Liebe Frau Meier,
    das ist ja interessant, was meine Gedanken bei Ihnen an Denkbewegungen ausgelöst haben!

    Zu Ihren Fragen: Nein, ich glaube auch nicht, dass der Gedanke der Auferstehung uns Heutige erschreckt. Es wäre eher die Erfahrung, dass es so etwas wie Gott überhaupt gibt, die – aus meiner Sicht – heute ein vielleicht ähnliches Erschrecken auslösen könnte. Weil er außerhalb der Erwartungen liegt. Obwohl sich das vielleicht grade auch wieder etwas verändert, so meine Beobachtung, der uns näher rückende Islam stellt auch die Frage nach den eigenen Wurzeln und die Selbstverständlichkeit, mit denen Muslime von Gott sprechen, macht manch eine/n nachdenklich.

    Die andere Fragte ist schwieriger zu beantworten, weil es im Kern um das „Problem“ geht, dass wir Deutschen unter „Glaube/n“ sehr verschiedene Dinge verstehen: Vertrauen (Ich glaube dir), Etwas für wahr halten, sich aber nicht (ganz) sicher sein (Ich vermute, es könnte so sein), Etwas für die Zukunft erwarten (Ich glaube, es wird morgen regnen). Und im christlichen Verständnis des Worts „Glaube/n“ spielt das alles eine Rolle: Glaube als Vertrauen zu Gott, Glaube als eine Art bestimmte Sicht auf die Welt, Glaube als die Hoffnung, dass mir in Zukunft Gutes widerfährt von Gott her. – Wenn ich nun von Glaube als einem Geschenk spreche, dann meine ich, dass mir ein neuer Blick auf die Welt im Ganzen geschenkt wird, die verknüpft ist mit der Erfahrung einer „jenseitigen“ Macht. Dieser Vorgang ist vergleichbar (aber nicht identisch!) mit vielen „normalen“ Erkenntnissen: Mir wird etwas erzählt, ich denke über etwas nach – und plötzlich geht mir ein Licht auf und ich verstehe und die Welt sieht ggf. anders aus (wenn es um grundsätzliche Fragen geht). Dieses „Licht aufgehen“ ist immer eine Art Geschenk, ich kann mich darum bemühen, aber das es „Klick“ macht, habe ich nicht in der Hand. Und es gibt Menschen, die sich hier um Glauben bemühen, und es ist ihnen nicht vergönnt. Das ist eine bittere Tatsache, die Fragen aufwirft. Ich würde nicht so weit gehen wie Sie und damit die Hoffnung aufgeben. Aber ich muss anerkennen, dass ich Gottes Wirken nicht in der Hand habe und es leider keine Garantien für sein Wirken gibt. Martin Luther spricht hier realistisch vom „verborgenen“ Gott. Ich weiß nicht, ob das in etwa das ist, was Sie mit fifty/fifty beschreiben, vielleicht schon. Glaube kann jederzeit kippen, weil diese Welt an so vielen Stellen so unendlich grausam ist, dass der Glaube schnell verschwindet. Ich habe mehr als einmal von Menschen gehört nach schlimmen Erfahrungen – meist nicht an sich selbst, sondern bei Angehörigen – wie fürchterlichen Unfällen oder schauderhaft verlaufenden Krebserkrankungen, dass sie nicht mehr glauben können, dass ihr Blick auf die Welt im Ganzen sich total verändert hat. (Das Umgekehrte gibt es allerdings auch, dass es gerade in solchen Momenten Glaubenserfahrungen gemacht werden.). In früheren Zeiten sprachen die Menschen vom „angefochtenen“ Glauben, das Wort Anfechtung ist aus unserem Sprachgebrauch allerdings verschwunden. In der Gegenwart – das gaukelt uns der ganze esoterische Sch*** (Sorry) vor – muss alles schnell, einfach, eindeutig gehen, „light“ eben. Der Gott, der uns in der Bibel begegnet, den gibt´s aber nicht light. Er ist nicht der „liebe Gott“, sondern ein liebender Gott und das ist etwas völlig anderes. Damit komme ich auch zu Glaube, Liebe, Hoffnung, diesen drei Geschenken, wie die „Bibel in gerechter Sprache“ 1. Korinther 13,13 übersetzt.
    So weit für heute. Ich wünsche eine gute Woche!

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