Darf man(n) noch HERR für Gott sagen…?

Heute früh, nach einer kurzen Nacht, noch unter den Eindrücken des ersten Tages auf der Kreissynode und vor der Fahrt zum zweiten Teil lese ich Losung und Lehrtext auf Twitter.

Der Losungstext für den 9. November lautet: »Der HERR richtet auf, die niedergeschlagen sind.« Sofort stehen mir bestimmte, konkrete Menschen aus meinem Umfeld vor Augen, die zur Zeit unter immensen Druck stehen. Ich retweete das Psalmwort.

Nach dem Kaffee lese ich eine Antwort von Ina Praetorius:

Herr1

Meine Antwort und die folgende Replik:

Herr2

Da ich los muss, schreibe ich noch schnell:

Herr3

Und jetzt sitze ich hier und versuche zu beschreiben, warum das für mich zwar unstrittig ist, ich aber ein »aber« hinzugefügt habe.

Unstrittig ist für mich, dass Luthers Übersetzung für den Gottesnamen mit »Herr« problematisch ist, weil zum einen die Konnotation mit Herrschaft nahe liegt und zum anderen der Name Gottes letztlich unübersetzbar ist. Die BigS (Bibel in gerechter Sprache) schlägt daher eine ganze Reihe von Varianten vor: der Ewige, die Ewige, der Name, die Lebendige, der Lebendige u.a.m. (BigS, verbesserte Auflage 2011, S. 15). In Gottesdiensten und anderen gemeindlichen Zusammenhängen vermeide ich in aller Regel, Gott als Herr zu bezeichnen, sowohl in biblischen Lesungen als auch in Gebeten, in Predigten sowieso. Insoweit ist das unstrittig.

Aber.

Bei aller berechtigten Kritik an der Übersetzung – ich stimme Ina ja zu, Gott ist anders! – die Übersetzung Luthers gehört zu unserer Tradition.

Die Herrnhuter Brüdergemeine verwendet 2013 noch die Lutherübersetzung, für 2014 ist eine Revision des Spruchguts angekündigt: »Diese Revision geschah sowohl unter theologischen als auch unter sprachlichen Gesichtspunkten. Kritisch geprüft wurden zum Beispiel die verwendeten Bibelübersetzungen und der eventuelle Wechsel zu einer anderen Übersetzung.« (http://www.losungen.de/losungenheute/losungenheute.php)

Wie dem auch sei: Die Losungen gehören zu unserer protestantischen Tradition wie auch Luthers Übersetzung. Nach wie vor sind die alten Übersetzungen für viele Menschen in unseren Gemeinden vertraut und wichtig. Wer vor sechzig Jahren die Psalmen und der Lutherübersetzung auswendig gelernt hat, dem ist diese Übersetzung in Fleisch und Blut übergangen sein. Wenn ich mit solchen Menschen über diese Problematik: »Ist Gott wirklich unser HERR?« spreche, dann verstehen sie zwar häufig,was ich meine. Sie können es sachlich nachvollziehen, aber ihr Gefühl lässt sie dennoch bei der »alten« Übersetzung verbleiben.

Heute früh, während der Verhandlungen auf der Synode habe ich über Ina´s Tweet lange nachgedacht. Ich habe mich gefragt: Gesetzt den Fall, diese Synode würde heute morgen eine öffentliche Verlautbarung zum Beispiel zum 75. Jahrestag des 9. November 1938 abgeben wollen und würde ein Bibelwort darüber setzen wollen. Und sie schläge das Losungsbuch auf und sagt, ja, Psalm 146,8, das passt doch – welche Bibelübersetzung würde sie wählen? Würde sie den Losungstext des Tages ändern z.B. in: »Die Heilige, der Lebendige richtet auf, die niedergeschlagen sind?« Nein. Und zwar nicht aus Unwissenheit um und Geringschätzung der problematischen Konnotationen von HERR, sondern aus einer bewussten Aufnahme der Tradition der Losungen der Brüdergemeine und der »alten« lutherischen Übersetzung.

Und doch empfinde ich hier innere Zerrissenheit. Einerseits verwende ich in meinem persönlichen Sprachgebrauch die Bezeichnung HERR für Gott schon lange nicht mehr, aber…

…ja, aber in der gemeinschaftlichen Formulierungen von Verlautbarungen, Beschlüssen, gottesdienstlichen Texten halte ich die Verwendung der traditionsbehafteten lutherischen Übersetzung: Gott, der HERR dennoch hier und da für sinnvoll.

Es ist ein Kompromiss. Unter den Bedingungen der Welt kann ich versuchen, so lange ich »ich« sage, vollständig in Übereinstimmung mit meinem derzeitigen Erkenntnisstand zu reden. Sobald ich aber zu zweit, zu dritt, zu viert oder mit hundert Menschen versuche oder verpflichtet bin, zu reden, zu formulieren, zu verkünden, mag es gute Gründe geben, die alte Sprache zur Hilfe zu nehmen. Sie ist ein verbindendes Element. Der Zwiespalt bleibt.

2 Gedanken zu “Darf man(n) noch HERR für Gott sagen…?

  1. Ehrlich gesagt empfinde ich „Herr“, gerade wegen des Aspektes der Herrschaft durchaus nicht unangemessen (Herrin ginge wohl auch, aber dadurch wird das Ganze übergendert, dann doch lieber generisches Neutrum). Dabei mache ich einen klaren Unterschied zut Tyrannei, denn ein Herrscher ist für mich der, der Verantwortung übernimmt. Wir Menschen können nicht alles in der Hand haben, deshalb können wir letztendlich nicht für alles die Verantwortung übernehmen und sind selbst eher zum Tyrannen als zum Herrscher geeignet.
    Zum Glück gibt es da noch jemanden, der alles in der Hand hält und herrschen kann, wo wir Menschen versagen müssen…

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  2. Pingback: Warum man Gott nicht mehr als “Herrn” beschreiben kann | Gott und Co.

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