Pfarrer_innen als Wandercharismatiker_innen?!

I.

Ich weiß nicht mehr, wieso ich mich vor längerer Zeit an Gerd Theißen und die Wandercharismatiker erinnert habe und anfing, ein paar Gedanken zu Papier zu bringen. Ich dachte mehr als einmal: Eigentlich ist das doch absurd, was ich hier gerade schreibe. Völlig abwegig, welt-, oder besser: »kirchenfremd«. Aber es ging immer weiter mit dem Fluss der Gedanken.

Schließlich ließ ich den Entwurf einige Monate schlummern und habe ihn jetzt wieder hervorgeholt.

Soll ich das wirklich bloggen? Ich finde immer noch, es klingt ziemlich verrückt…

II.

Gerd Theißen hat vor Jahren in seiner sozialgeschichtlichen Untersuchung des Neuen Testaments (»Soziologie der Jesusbewegung«, erschienen 1977) auf die Zusammengehörigkeit von Ortsgemeinden und Wandercharismatikern hingewiesen, welche die Frühzeit der christlichen Bewegung geprägt hat.

Entscheidend ist die untrennbare Beziehung: Die Ortsgemeinden bildeten die ökonomische Basis auch der Wandercharismatiker (von Frauen war da nicht die Rede) und diese übernahmen im Gegenzug Mission und Predigt sowie Seelsorge in den Gemeinden.

An beide Rollen waren Verpflichtungen geknüpft:

Der Wandercharismatiker musste sich an bestimmte Regeln halten (Kleidung, Wanderstab, nicht mehr Essen als für einen Tag). Lebte er nach diesen Regeln, waren die Ortsgemeinden verpflichtet, ihn zu beherbergen, für eine Nacht, nicht länger. In dieser wechselseitigen Bezogenheit brauchten, dienten und nutzen beide christliche Lebensformen einander.

Vermutlich hat sich diese These in den vergangenen dreißig Jahren präzisiert und ausdifferenziert. Als »Brille« auf unsere gegenwärtigen innerkirchlichen Prozesse scheint sie mir in ihrer provokanten Pointierung immer noch hilfreich zu sein.

III.

Ich frage mich:

Wo sind die heutigen Wandercharismatiker_innen?

Brauchen wir nicht, könnte eine Antwort lauten.

Die pfarramtliche Versorgung ist flächendeckend gesichert. Gottesdienste, Seelsorge und gemeindliches Leben sind überall vorhanden. Wer mit seiner Gemeinde, seiner Pfarrerin, seinem Pfarrer nicht zurecht kommt, kann sich »umgemeinden« lassen. Oder nutzt die übergemeindlichen Angebote, Citykirchen- oder Fernsehgottesdienste. Wandercharismatiker_innen, also bezahlte, frei schwebende und agierende Agent_innen der Kirche sind in diesem System nicht vorgesehen.

Aber vielleicht sinnvoll?

Die Unabhängigkeit, die Andersartigkeit der wandernden »Gottesmänner« war ein wichtiger Ausgleich zum alltäglichen Leben vor Ort. Neue Impulse, Anregungen usw. konnten aufgenommen und gegeben werden und es fand ein Austausch statt.

Zugleich trugen die Wandercharismatiker das Evangelium nach »draußen«. Offenbar gab es von Anfang an eine Skepsis gegen ein »Schmorren im eigenen Saft«, die Ahnung, dass neue Impulse für den Fortgang der Ausbreitung des Evangeliums unverzichtbar sind, will die Christenheit nicht in Gewohnheit ersticken.

Vermutlich war bei aller gegenseitigen Bezogenheit das Verhältnis nicht ungetrübt.

»Ihr verratet mit euren selbstgenügsamen Lebensstil das Evangelium und hängt an irdischen Dingen wie Besitz und Familie«, so wird es von der einen Seite zu hören gewesen sein.

»Und ihr verengt in eurem asketischen Lebensstil das Evangelium, vergesst in eurem Fanatismus, wer euch das Brot bezahlt und erarbeitet, nämlich wir langweiligen ortsgebundenen Bauern und Handwerker«, wird es zurück geschallt haben.

Es wird oft nicht einfach gewesen sein und der Ton rau – aber es kam zu einem permanenten wechselseitigen Sich-In-Frage-Stellen. Sie haben sich aneinander gerieben.

IV.

Wo geschieht diese »Reibung« heute?

Wo gibt es Menschen, die im Auftrag von Kirche unabhängig hinausgehen dürfen, ohne gleich oder später nach der Effizienz und dem Nutzen für die Kirche gefragt zu werden?

Wo gibt es Menschen, die einfach Aufgaben wahrnehmen, weil sie diese sehen und Kapazitäten haben, sie auszuüben?

Auf freiwilliger, ehrenamtlicher Ebene und in den sozialen Netzwerken geschieht das vielfach. Doch die Wandercharismatiker »wanderten« ganz und gar und nicht als »Teilzeit-Charismatiker«.

Und so stellt sich mir absurd klingende Frage:

Wie wäre es, wenn »Kirche« sich hauptamtliche Theologinnen und Theologen leisten würde, die nichts anderes zu tun hätten, als sich selbst zu überlegen, was und wo sie etwas tun wollen im Grenzbereich zwischen kirchlichen und gesellschaftlichen Institutionen?

An vielen Stellen in unserem Land wird »Kirche« schmerzlich vermisst. Es gibt zwar funktionale Pfarrstellen. Aber auch sie sind starr eingebunden in die vorgegebene Struktur von Dienstanweisungen und Zuständigkeiten. Es ist selten Freiraum vorhanden, um zu experimentieren und hinauszugehen. Solche »selbständige« Arbeit wäre »riskant«. Kirche gewönne aber Zugang zu Aufgaben, die keine_r tut, weil sie in keinem Stellenplan vorgesehen sind. So könnte der urchristliche Impuls von nebeneinander und doch aufeinander bezogen lebenden Ortsgemeinden und Wandercharismatiker_innen in unserer Zeit fruchtbar werden.

Die Zeiten sind anders, aber für mich hat der Gedanke einer organisierten und zugleich unkontrollierten Dauerprovokation durch frei schwebende hauptamtliche Menschenkinder in unserer Kirche und Gesellschaft einen gewissen Reiz.

V.

Wenn solche wandercharismatischen Stellen eingerichtet würden, dann müsste auch ein Regelwerk definiert werden. Ein Arbeitszeitnachweis zum Beispiel. Also (mindestens) eine 40-Stunden Woche – aber ohne jegliche inhaltliche Kontrolle und Rechtfertigungspflicht. Mit der Verpflichtung, die eigene Tätigkeit zum Beispiel auf einem Blog zu dokumentieren und zu reflektieren. Und ein Budget braucht es auch. Man kann diese Stellen befristen. Vielleicht so: Wer will, kann in seinem beruflichen Leben einmal fünf Jahre solch ein »wanderndes« Pfarramt ausüben.

VI.

Es wird so nicht kommen.

Das geht gar nicht, ist zu teuer und so weiter und überhaupt.

Es gibt viele Einwände.

Vor allem passt es nicht in unser System von geregelten Zuständigkeiten, seien sie örtlicher oder thematischer Struktur.

Schade, es wäre ein spannendes Experiment.

Wandercharismatiker_innen im 21. Jahrhundert, mitten in Deutschland.

In, mit und durch die evangelische Kirche.

5 Gedanken zu “Pfarrer_innen als Wandercharismatiker_innen?!

  1. „Wo gibt es Menschen, die im Auftrag von Kirche unabhängig hinausgehen dürfen, ohne gleich oder später nach der Effizienz und dem Nutzen für die Kirche gefragt zu werden?“
    Eine Bekannte, die Klinikseelsorgerin ist, erzählt mir immer wieder, daß sie genau diese Punkte sehr schätzt.

    In Ihrem Beitrag kommt doch sehr stark zum Ausdruck, wie sehr die Kirche in Deutschland eine „Pfarrerkirche“ ist. Warum müssen denn diese „Wandercharismatiker“ unbedingt Pfarrer sein? Warum nicht jemand, der eine besondere Begabung / besonderes Wissen einbringen könnte und von daher an bestimmten Orten etwas entwickeln könnte?

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  2. Nein, Sie müssen keine Pfarrer_innen sein, völlig klar. Und das geschieht auch landauf, landab.
    Meine Blickrichtung geht aber vom Pfarramt aus, gerade weil wir in Deutschland diese Pfarrerkirche (noch?) haben. Die Fragerichtung ist eine Provokation innerhalb der vorfindlichen Struktur.

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  3. Was geschieht im Hinblick auf Wanderprediger landauf und landab? Ich verstehe den Zusammenhang dieser Äußerung nicht?

    In Osteuropa gab es vor der Schoah die Insitutution des Maggid, der sich auf die Gastfreundschaft der örtlichen jüdischen Gemeinschaft, zu der er kommen würde, verlassen konnte.

    Am nächsten an Ihrer Idee dran scheint mir ein Phänomen, das es im liberalen Judentum in den USA und Kanada gibt, den „scholar in residence“ oder „artist in residence“. Eine Person, die über kürzere oder längere Zeit in einer jüdischen Gemeinde ist und sich mit ihren speziellen Fähigkeiten einbringt. Das wäre auch in Deutschland machbar, heißt aber, dass die jeweilige Gemeinde einen bestimmten Betrag in ihrem Etat festlegt um das zu finanzieren.

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