„Ich komme gerne mal auf einen Kaffee vorbei…“

„Ich komme gerne mal auf einen Kaffee vorbei…“

Gedanken über den Hausbesuch eines Pastors im Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt

Als ich 2014 hauptamtlich als Referent im KDA (Kirchlicher Dienst in der Arbeitswelt) anfing, habe ich Begriffe und Sätze gesucht und getestet, die bei meinen Gesprächspartner/-innen in der weiten Welt der Wirtschaft auf Resonanz treffen. Wie komme ich schnell ins Gespräch? Welcher „elevator pitch“ beschreibt meine Tätigkeit? Ein Satz, den ich anfangs eher so flapsig dahin sagte, wurde zu einem Türöffner: „Ich komme gerne mal auf einen Kaffee vorbei!“

Wieso funktioniert dieser Satz so gut und andere eher nicht? Klar, es liegt natürlich auch daran, dass ich wirklich gerne Kaffee trinke. Aber auf der anderen Seite glaube ich, dass der Satz auf der einen Seite ein neugieriges Interesse signalisiert, andererseits aber völlig niederschwellig ist. „Ich würde mich gerne mal vorstellen oder: Ich komme gerne zum Antrittsbesuch vorbei oder: Ich möchte mich mal mit Ihnen unterhalten, ob wir gemeinsame Themen und Schnittmengen finden“ – das klingt alles schon so anstrengend und schwer in meinen Ohren und geht mir nicht leicht über die Lippen. Bei einer Tasse Kaffee dagegen kann alles geschehen – oder auch nichts. Letzteres habe ich auch erlebt, wir stellten nach einer Weile fest: Wir haben (derzeit) keine Schnittmengen. Und dann gingen wir einfach auseinander, denn – wir hatten uns ja nur auf einen Kaffee verabredet. Aber es gibt auch immer wieder mehr oder minder konkrete Verabredungen oder ich erinnere mich an bei irgendeiner Gelegenheit an das Gespräch und greife zum Handy oder schreibe eine Mail, und umgekehrt.

Mittlerweile denke ich, diese Kaffee-Gespräche sind in mancher Hinsicht vergleichbar mit dem Hausbesuch eines, einer Pfarrer/in in der Gemeinde. Es ist eine einmalige Sache, Wiederholungen sind aber nicht ausgeschlossen. Wobei ich mittlerweile feststelle, dass es schon gut ist, wenn es einen Anlass gibt, mit dem ich mich ausgerechnet jetzt zum Kaffee einlade. Das liegt daran, dass ich nach anderthalb Jahren nicht mehr ganz so neu in Hannover bin und mir überlege, zu wem möchtest du denn mal gerne gehen. Da hilft ein Anlass. Anders gesagt: Die Liste der Menschen in meinem Kopf, die ich gerne mal treffen möchte, ist lang, und wenn sich ein Anlass bietet, nutze ich die Gelegenheit. In der Gemeinde ist es ja auch meist so, dass Hausbesuche mit einem Anlass verbunden sind, der 80. Geburtstag oder der Besuch bei den Familien der Konfirmand/-innen. Aber es geschieht nach wie vor auch, dass ich bei einer Veranstaltung in der Pause oder beim Buffet ganz zufällig mit einer Frau, einem Mann ins Gespräch komme, wir dann irgendwann die Visitenkarten zücken und ich sage: „Ich komme auch gerne mal auf einen Kaffee vorbei!“

Es gibt eine weitere Gemeinsamkeit zum Hausbesuch der Kolleg/innen in der Gemeinde: Ich gehe hin, lade nicht zu mir ins Büro ein. Manchmal treffen wir uns auch in einem Café oder in der DB-Lounge am Hauptbahnhof, wenn es sich anbietet, so zwischen zwei Zügen oder so. Aber normalerweise mache ich mich auf den Weg zu einem Menschen, der dann für den Kaffee sorgt, so der „Deal“. Ich begebe mich ins Feld. Natürlich, ich bin dann der Gast, aber die Gastgeberin, der Gastgeber hat das Heimspiel.

Ich bin immer wieder fasziniert, welche Tiefe sich in solch offenen Situation ergeben können. Zäh sind diese Gespräche beim Kaffee nie, dauern oft um eine Stunde herum, dann haben wir uns erst mal ausreichend einander erzählt. Aber es kommt auch vor, ich schaue irgendwann auf die Uhr und denke, huch, jetzt sitzen wir ja schon bald zwei Stunden zusammen…! Das finde ich dann besonders bemerkenswert, weil sowohl mein Kalender als auch der meiner Gesprächspartner/innen normalerweise nicht gerade leer ist. Es besteht Interesse, mit einem Menschen, der Kirche vertritt, ins Gespräch zu kommen – so erlebe ich das in diesen Kaffee-Gesprächen (wie auch bei Betriebsbesuchen und anderen Gelegenheiten). Es berührt mich immer wieder neu, wie offen und manchmal auch persönlich die Gespräche werden. Und ich lerne beim Kaffeetrinken eine Menge über Ökonomie. Pastor im KDA ist schon eine wunderbare Aufgabe!

Hundert Tage ohne Gemeindepfarramt

  1. Februar 2015.
    Heute vor hundert Tagen habe ich meine neue Stelle in Osnabrück angetreten.
    Seither bin ich kein Gemeindepfarrer mehr.
    Nach fünfundzwanzig Jahren.
    Wie ist es mir damit ergangen?

Der Bestatter klingelt nicht mehr.
Das war mit das Erste, was mir auffiel.
Der Tod kommt im meist schon gut gefüllten Pfarramtskalender eigentlich immer zur Unzeit.
Das Trauergespräch, die Vorbereitung, Gottesdienst und Beisetzung müssen irgendwie untergebracht werden.
Manchmal gelingt das gut, manchmal nicht.
Ab der vierten Beerdigung in der Woche wird es kritisch.
Unterschwellig habe ich all die Jahre auf den Anruf des Bestatters gewartet.
Wenn ich nicht grade im Urlaub oder auf Fortbildung war.
Dabei empfand ich die Begleitung Trauernder zumeist nicht als Last.
Die Nähe zu Menschen in einer persönlichen, intimen Situation hat mich immer mit Ehrfurcht erfüllt.
Und ich war für viele Begegnungen dankbar.
Ich lernte nicht nur viel über den Tod und das Sterben, sondern auch über das Leben.
Und doch finde ich es entlastend, dass der Bestatter nicht mehr anklingelt.

Entlastung ist das Wort, das mir auch an anderer Stelle früh durch den Kopf ging.
Ich fühlte mich erleichtert, weil ich nicht mehr jeden Sonntag predigen „musste“.
Oder durfte, das Predigen hat mir ja mit am meisten Freude gemacht.
Aber ich spürte auch die Last der Verantwortung.
Sonntag für Sonntag etwas „Vernünftiges“ sagen zu müssen.
Nicht zu schwätzen oder zu langweilen.
Versteht Ihr, was ich meine?
Nein?
Gut, ich versuche es noch mal anders.
Das Gefühl der Entlastung ging einher mit einer Hochschätzung für diesen Beruf.
Was ist das für eine Chance –
aber auch für eine Verantwortung:
Jede Woche zu und mit Menschen zu sprechen.
Über Dinge, die sie tief im Herzen bewegen.
Wer hat sonst in unserer Welt regelmäßig diese Gelegenheit?
Aber es ist auch eine Last.
Das wurde mir erst klar, als ich aus dem gewohnten Rhythmus heraustrat.
Sonntags „frei“ hatte.
Und in den Gottesdienst gehen konnte, wann und wohin ich wollte.
Das gefällt mir gut.
Beides.

Fünfundzwanzig Jahre kannte mich jede/r.
Jede/r Geschäftsfrau/mann, jede/r Politiker/in, (fast) jede/r Ärzt/in.
Und die Gemeindeglieder sowieso.
Einkaufen gehen war eine Chance auf Seelsorge.
Ebenso der Sonntagsspaziergang auf dem Deich.
Nicht jedes mal.
Aber oft.
Und plötzlich kannte mich keine/r mehr.
Niemand konnte mit meinem Gesicht etwas anfangen.
Niemand weiß, dass ich Pfarrer bin.
Gut, das ändert sich allmählich wieder.
Aber jetzt kommt dieser Knick dazu:
Ach, Sie haben gar keine Gemeinde?
Die lange Zeit selbstverständliche Nähe zu Menschen ist nicht mehr da.
Im Gespräch finden viele toll, was ich jetzt mache.
Aber:
Ich bin kein Gemeindepfarrer mehr.
Das ist mir klar und den anderen.
Und bei allen spannenden Begegnungen:
Es ist anders, distanzierter.
Als Gemeindepfarrer haben Menschen mir ein weitergehendes Vertrauen entgegengebracht.

Weihnachten ohne Gottesdienste.
Das war der Hammer.
Ich saß in der Katharinenkirche in Osnabrück und dachte, wow …
… so sieht das Heilig Abend aus der Bank heraus aus.
Ein wenig erinnerte es mich an Weihnachten im Dom zu Wetzlar.
In meiner Kindheit und Jugend.
Du sitzt da und lauschst einer Pfarrerin, einem Pfarrer.
Die versuchen, dir etwas über Weihnachten zu erzählen.
Und ich sitze da und höre zu.
Mehr oder weniger intensiv.
Schaue nach rechts und links, wo meine Familie sitzt.
Denke über das Essen nach und was wir morgen so machen.
Ich denke:
So wird es bei vielen Familien sein.
Aber nicht bei Pfarrfamilien.
Da ist Weihnachten anders getaktet.

Jetzt sind schon wieder ein paar Wochen vergangen.
Ich komme in meiner neuen Tätigkeit immer mehr an.
Der Vergleich zum Gemeindepfarramt,
anfangs ein permanenter Begleiter,
ist mittlerweile verblasst.
Manchmal fällt er mir wieder ein.

So frage ich mich zum Beispiel:
Der Kirchenjahresrhythmus – wie sieht das aus von außen?
Advent, Weihnachten, jetzt Epiphanias –
ja, gut.
Ich habe es im Kopf.
Weniger aber als früher.
Wo der Kirchenjahreskalender alles vorgab.
Oder diktierte?
Ich habe mich mit Advent, Weihnachten und so weiter beschäftigt, weil es dran war, üblich, gewohnt.
Interessant ist aber, dass ich mit meiner eigenen Person hier offenbar viel weniger verbinde.
Advent habe ich letztes Jahr kirchlich nur am Sonntag wahrgenommen, im Gottesdienst.
Der Rest war – Alltag ohne permanente innere wie äußere Beschäftigung mit der Kirchenjahreszeit.
Und Epiphanias?
Spielt keine Rolle in meinem gegenwärtigen Alltag.
Da stellt sich (mir) natürlich auch die Frage nach meinem eigenen geistlichen (ER-) Leben.
Aber ich frage (mich) auch:
Geht es anderen auch so?
Den Gemeindegliedern?
Ganz „normalen“ Christinnen und Christen?
Und wenn ja:
Was machen wir da eigentlich in unseren Gemeinden?
Und für wen machen wir das?
Wie hängen Tradition und Gegenwart zusammen, in welchem Verhältnis stehen sie?
Ich spüre an mir, dass der Kirchenjahresreigen ohne Gemeinde verblasst.
Er verschwindet nicht.
Aber er hat nicht mehr die Bedeutung, den mir der Rhythmus als Gemeindepfarrer vorgab.
Das finde ich erschreckend und spannend zugleich.
Erschreckend, weil wie gesagt, was machen wir gewohnheitsmäßig da Jahr um Jahr?
Spannend, weil ich mir plötzlich ganz anders die Frage stelle,
besser: sie sich mir stellt,
wie alltagsrelevant Advent, Weihnachten, Passion und Ostern sind.

Hundert Tage ohne Gemeinde.
Ich vermisse nichts.
(Klar, den einen oder die andere schon.
Doch das hat mehr mit dem Umzug zu tun,
weniger mit dem Wechsel der Stelle.)
Und ich glaube, ich bin hier schon ganz richtig.
In meinen Versuchen, dass Evangelium als KDA-Pfarrer unter die Menschen zu bringen.
Das ist ganz anders als vorher.
Aber diese drei Monate haben mir – mehr denn je – vor Augen gestellt,
dass das Gemeindepfarramt eine ganz wunderbare Aufgabe und Herausforderung ist.
Die fünfundzwanzig Jahre will ich nicht missen.

Germeindehaus Rönskenhof

Gemeindehaus Rönskenhof, meine alte Wirkungsstätte. Handy-Aufnahme im Oktober 2014

 

 

Über den Habitus der Vielbeschäftigkeit unter Pfarrersleuten

Ina Praetorius twitterte in der letzten Woche und es entwickelte sich ein Mini-Dialog:

Habitus

Zur gleichen Zeit hörte ich auf der Predigtpreisbegleittagung „Gott zur Sprache bringen“ in der Evang. Akademie Rheinland einen Vortag von Axel Noack, ehemaliger Bischof der Evangelischen Kirche in der Kirchenprovinz Sachsen. Thema: „Begeisternd predigen in der Krise der Gottesrede.“ Noack sprach über die Voraussetzungen und Bedingungen, dass Pfarrer/-innen begeisternd predigen können. So ganz nebenbei entwickelte er Gedanken zur pastoralen Existenz heute, die ich auf dem Hintergrund von Ina´s Tweet besonders aufmerksam hörte. Ein paar Schlagworte, genauso unverbunden aneinandergereiht, wie Noack sie nebenbei einfließen ließ. Es sind keine Zitate, sondern ich erinnere sie so (und wenn er es doch nicht so gesagt hat, dann ist es mein „Fehler“):

„Wenn eine Pfarrerin, ein Pfarrer gut mit der eigenen Zeit auskommt, wird er oder sie von anderen entweder skeptisch beäugt oder neidisch betrachtet.“

„Pfarrerinnen und Pfarrer erwarten oft von anderen, dass sie sich ehrenamtlich engagieren. Ich finde, sie selber sollten dies auch tun, und zwar keineswegs in der Gemeinde. Und die Gemeinde sollte das wertschätzen.“

„Pfarrer/-innen sollen bei den Menschen sein. Manche sitzen nur in ihren Gemeindehäusern und haben da genug zu tun, auch weil „die Gemeinde“ oder sie selbst das so erwarten. Aber es heißt doch Gemeinde-Häuser. Pfarrersleute haben da nichts zu suchen.“

„Die Aufgabe der Predigt liegt darin, den Spagat zwischen Wahrhaftigkeit und Liebe hinzubekommen. Wahrhaftigkeit ohne Liebe wird fanatisch und ideologisch, Liebe ohne Wahrhaftigkeit weichgespülter Schmusekurs. Vor der gleichen Herausforderung steht die Pfarrerin, der Pfarrer in jeder Begegnung mit Menschen.“

Noack´s Art fand ich sehr erfrischend, Ina´s These stimme ich zu. Ich will es an meiner eigenen Biografie verdeutlichen.

Als ich ganz junger Pfarrer war, hörte ich bei der Verabschiedung eines langjährigen Gemeindepfarrers einen seiner Kollegen sagen: „Man darf über einen Pfarrer alles sagen, nur nicht dass er faul ist. Und das war Pfarrer N.N. weiß Gott nicht!“ Mir lief in diesem Moment ein Schauer über den Rücken, ich dachte: Auf was hast du dich da eingelassen …

Zugleich beobachtete ich in meinem Umfeld, dass fast alle Pfarrer/-innen, die die 50 überschritten hatten, gesundheitlich erheblich angeschlagen waren. Als dann einer „unserer“ Pfarrer in der Gemeinde schwer erkrankte, saß ich mit einem der der beiden weiteren Kollegen zusammen und ich erzählte ihm meine Beobachtung und auch die Sorge, dass ich das eigentlich nicht erleben wollte, mit 50 chronisch angeschlagen zu sein. Mein Kollege hütete damals eine kleine Schafherde und war kurz vor der magischen Zahl – und gesund. Eher flapsig sagte ich zu ihm: „Vielleicht sind es die Schafe, die dich gesund halten.“ Und er antwortete mit großem Ernst: „Das habe ich auch schon gedacht.“

Einige Zeit später erzählte mir ein Pfarrer aus meinem Kirchenkreis: „Wenn ich abends eine lange Sitzung habe und die Zeit es hergibt, dann lege ich mich nach dem Mittagessen ins Bett, schalte die Türklingel ab und ziehe den Stecker vom Telefon heraus und mache einen Mittagsschlaf. Ohne den schaffe ich das auf Dauer nicht!“
Diese beiden Erlebnisse haben mich nachhaltig geprägt. Über zehn Jahre war es das Fahrrad, mit dem ich teils exzessiv (aber erholsam) unterwegs war. Die Gemeinde gewöhnte sich dran, dass sie mich auch schon mal am hellichten Tag mit Helm und kurzer Hose sehen konnte. Es hat nicht jeder, jedem gefallen. Aber das war mir – nicht egal, nein. Ich konnte es aber begründen und es tat mir gut, und das kam umgekehrt meiner pfarramtlichen Tätigkeit zugute.

Anfang des neuen Jahrhunderts verlagerte sich das Radfahren in die Studierstube, mein Zweitstudium und die anschließende Promotion waren Orte, an denen ich mich sowohl zurückziehen als „ehrenamtlich“ austoben konnte, den vieles floss wieder zurück in die Gemeinde und die anderen kirchlichen Bezüge.

Seit zwei, drei Jahren ist es das Schreiben – vom Blog über den theologischen Aufsatz bis zum Buch- und der Austausch über die sozialen Netzwerke, das einen Kontrast darstellt zum „Alltag“ in der Kirche.

Ich habe in den letzten zwanzig Jahren mehr als einmal gedacht und auch gesagt, dass mir diese Tätigkeit außerhalb der pfarramtlichen „Dienstes“ vielleicht die psychische Gesundheit erhalten haben, weil es eben möglich war, „auszusteigen“ und somit das Gedankenkarussel zeitweise zu verlassen und an anderer Stelle und vielleicht verändert wieder einzusteigen. So kann ich heute immer noch sagen: „Ich liebe meinen Beruf!“ Natürlich gibt es Tage und Wochen, in denen es drunter und drüber geht, aber aufs Ganze gesehen ist es mir gelungen, in der Balance zu bleiben.

Zurück noch mal zu Ina´s These.

Ich glaube, demonstrative Geschäftigkeit ist ein Schutzschild für viele Pfarrer/-innen. „Sie haben doch so viel zu tun!“, das ist eine Einstellung, die mir, uns oft begegnet. Und sie gibt auch die Chance, mich dahinter ein wenig zu „verstecken“. Weil die Erwartungen, die an uns Pfarrersleute herangetragen oft so vielfältig und oft widersprüchlich sind, das es nicht leicht ist, immer in der eigenen Präsenz zu bleiben. Schöner finde ich es und finde es, wenn ich diesen Schutzmantel nicht brauche, sondern Männer und Frauen mich als Pfarrer in meiner persönlichen Ausprägung schätzen und respektieren, und eben auch dann, wenn sie sich hier und dort nicht so mit dem anfreunden können, was ich in meiner „Freizeit“ mache. Das gibt es aber – Gott sei Dank! – immer wieder und ich meine zu beobachten, dass die Bereitschaft, uns Pfarrer/-innen und Pfarrer so sehen zu wollen und zu können, allmählich zunimmt.

P.S.: Aber umgekehrt, ich möchte nicht falsch verstanden werden: Es gibt auch viele Kolleg/-innen, die durch „Umstände“ oder Konflikte mit Kolleg/-innen oder in der Gemeinde oder mit den Landeskirchenämtern an den Rand des Wahnsinns getrieben werden. Andreas Dreyer hat dazu 2013 einen sehr klaren Aufsatz im Deutschen Pfarrerblatt geschrieben(„…und wir dachten, wir hätten ein Amt errungen …“) , den ich hier damals aufgenommen und kommentiert habe.

Scheiternde Pfarrer/-innen.

Andacht im Pfarrkonvent Dinslaken am 9. April 2014

I.

Vor drei Jahren regte Rechtsanwalt und Insolvenzberater Dr. Linderhaus im Sozialethischen Ausschuss (SEA) an, sich mit der Frage nach dem Scheitern von Menschen in unternehmerischen Zusammenhängen zu befassen. Seine Beobachtung: Wenn ein Betrieb Pleite geht, bekommen die entlassenen Mitarbeitenden Aufmerksamkeit und Zuspruch. Um die gescheiteren Geschäftsführer, Handwerksmeisterinnen, Prokuristen und Managerinnen kümmert sich dagegen kein Mensch.

Die uralte Teilung in Arbeitgeber und Arbeitnehmende wirkt in unseren Köpfen bis heute weiter. Eine Arbeitsgruppe des SEA hat sich mit dieser Frage beschäftigt und bereits mehrere Tagungen in der Akademie Rheinland organisiert. Im letzten September gab es über meine Beteiligung an einer Tagung auch hier in der Lokalpresse einen Bericht. Nie zuvor bin ich auf einen Artikel so oft angesprochen worden, vielfach von wildfremden Menschen. Gemeinsamer Tenor: Gut, dass da endlich mal jemand hinschaut! So lag es nahe, unsere Schuldnerberatung in den Pfarrkonvent einzuladen. Mit zwei Fragen:

Erstens: Wie sieht das bei uns im Kirchenkreis mit Schulden, Schuldnerinnen und Schuldnern aus?

Zweitens: Begegnen Euch Menschen, die unternehmerisch gescheitert sind und was bedeutet das für uns als Pfarrerinnen und Pfarrer in der Seelsorge?

Darüber werden wir gleich sprechen – doch zuvor möchte ich die Frage umkehren: Wie sieht es mit dem Scheitern von Pfarrerinnen und Pfarrern aus?

Eine heikle Frage, berührt sie doch das Themenfeld Erfolg und Leistung. Da stellen sich bei uns Pfarrersleuten sofort theologischen Fragen. Können wir über Erfolg und Scheitern im Pfarrdienst überhaupt sinnvoll reden, wenn das Ziel all unserer Bemühungen, nämlich Glaube, für uns unverfügbar ist?

„Der Wind bläst, wo er will, und du hörst sein Sausen wohl; aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er fährt.“ (Johannes 3,8) Oder in der BigS: „Die Geistkraft weht, wo sie will, und du hörst ihre Stimme, aber du weißt nicht woher sie kommt und wohin sie geht.“

So weit scheint alles klar.

II.

„… und du hörst sein Sausen wohl, du hörst die Stimme der Geistkraft.“ Eine Hintertür? Von den beobachteten, vielleicht auch nur vermuteten Wirkungen her denken und Erfolg und Scheitern im Pfarramt definieren?

Wir lernen gerade NKF. Da gilt es auf der linken Seite des Haushaltsbuches Ziele zu definieren. Und zwar so, dass sie erreichbar und überprüfbar sind. Doch hilft uns das wirklich weiter? Glaube zu wecken und zu schaffen kann ja kein solches Ziel sein. Und wenn eine Gemeinde als Ziel ausgibt: Den Gottesdienstbesuch um fünfundzwanzig Prozent zu steigern – dann mag dies überprüfbar sein. Aber es sagt nichts darüber aus, ob in gleichem Maße Glauben verstärkt oder geschaffen wurde. So kommen wir nicht weiter.

III.

Ich scheitere vor allem an mir selbst. Bei Erfolg und Scheitern geht es um Dinge, die mir wichtig sind. Welche Ziel will ich erreichen? Wo hänge ich mich mit Herzblut hinein und erhoffe Resonanz, Anerkennung, Wertschätzung?

Ich glaube, dass es uns Pfarrerinnen und Pfarrern leicht fällt, Scheitern zu verdecken und zu verstecken, auch vor uns selbst. Wir stehen selten in direkter Konkurrenz untereinander. Wir werden nicht nach einer wie auch immer definierten Leistung bezahlt. Wenn wir uns mit unseren „Angeboten“ auf dem Markt der religiösen Möglichkeiten nicht durchsetzen, können wir schnell nach theologischen korrekten „Entschuldigungen“ greifen. Aber wie sieht es in mir aus?

Scheitere ich, wenn zum Familiengottesdienst wieder einmal nur zwei Kinder und sechzig Erwachsene kommen?

Scheitere ich, wenn Menschen sich über mich ärgern und aus der Kirche austreten?

Was ist mir wichtig, woran hängt mein Herz, wo steckt meine Leidenschaft drin – dort tut es weh, wenn ich meine Ziele nicht erreiche. Wir tun tausend Sachen als Pfarrerinnen und Pfarrer, manche gelingen, manche nicht. Aber das Gefühl, zu scheitern, empfinde ich nur bei wenigen Dingen.

Auch größere Zeiträume lassen mich nach Erfolg und Scheitern fragen.

Ich bin im Oktober 25 Jahre in meiner Kirchengemeinde – empfinde ich das in der Rückschau als eine Erfolgsstory oder als eine Geschichte des Scheiterns? An welchen Stellen ist es mir wichtig, wo schaue ich hin, was ist mir im Rückblick wichtig? Wo habe ich das Gefühl, ja, hier hattest du Erfolg, und nein, dort bist du gescheitert oder gar vor die Wand gefahren? Welche Signale empfange ich dazu aus meiner Gemeinde, wie werte ich diese?

Oder unser Superintendent – wie blickt er kurz vor dem Ruhestand auf seine Zeit in der Leitung dieses Kirchenkreises zurück? Herrscht Zufriedenheit über das Geschaffte vor oder das mulmige Gefühl, den Ansprüchen nicht gerecht geworden zu sein, den eigenen und/oder der anderer? Welche Herzensprojekte sind gelungen, welche nicht?

Wenn ich hier bei solch einer Bilanz das Gefühl habe, unter dem Strich bist du gescheitert,oder bei den Bereichen, die mir ganz besonders am Herzen lagen, dann tut das weh.

Theologisch gesehen mag dieses Empfinden noch so unsinnig sein. Auch aus systemischer Sicht, die mir sagt, so einfach lassen sich Ursache und Wirkung doch nicht bestimmen. Doch ich bin als Pfarrerin, als Pfarrer auch Mensch und von daher nehme ich Scheitern persönlich.

Ich setze mich in Strukturdiskussionen für den Erhalt eines bestimmten Arbeitsbereiches ein – und dann bestimmt eine Synode mehrheitlich, diesen nicht weiter zu führen. Gescheitert, alles umsonst?

Ich ackere allein oder mit anderen daran, ein Lieblingsprojekt auf die Beine zu stellen – und dann macht die Nachbargemeinde etwas Ähnliches und mein, unser Projekt scheitert. Alles umsonst?

Ich stecke viel Kraft und Zeit in den Aufbau von veränderten Strukturen oder Einrichtungen ein, das Ergebnis kann sich am Ende sehen lassen – und dann muss ich mit ansehen, wie sich in der Praxis die Struktur nicht bewährt. Alles umsonst?

Scheitern tut weh, auch im Pfarramt. Wo gehen wir hin mit unserem Schmerz, den Schuldgefühlen, der Verzweiflung?

Theologisch gesehen ist Scheitern „einfach“, menschlich schwierig. Weil ich permanent am Bewerten, Vergleichen, Urteilen bin. Und mich schnell in Frage stelle, wenn ein Projekt mit Herzblut scheitert. Dabei muss ich daran gar nicht schuld sein. Nicht nur die Mitgliederbefragung weist immer wieder darauf hin, dass es an vielen Stellen gesellschaftliche Trends gibt, gegen die einzelne Gemeinde oder gar einzelne Pfarrersleute kaum ankommen.

IV.

Und hier ist die Brücke zu vielen, die unternehmerisch scheitern. Natürlich gibt es Fehleinschätzungen, Fehlentscheidungen. Aber viele Unternehmen, viele Unternehmungen scheitern aus Gründen, die nicht in der Person der Unternehmerin liegen. Oft ist es ein Mischmasch aus persönlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Allerdings neigen wir in Deutschland – im Unterschied zu anderen Kulturen und Nationen – dazu, im Fall des Scheiterns vor allem uns selbst die Schuld zu geben. Und wer unter uns scheitert, erlebt ganz oft, dass er von seiner Umgebung so behandelt wird, manchmal wie ein Aussätziger. Das scheint, so sagen mir Fachmenschen, ein typisch deutsches Phänomen zu sein. Ich frage mich, ob unsere fünfhundertjährige Tradition im Umgang mit Schuld und Vergebung in der Nachfolge Martin Luthers mit dazu geführt hat, dass wir Deutsche Scheitern so schnell persönlich nehmen. Sollte diese Vermutung zutreffen, dann wäre zu fragen, was wir hier von anderen Kulturen und Ländern lernen können um Umgang mit Erfolg, Leistung, Scheitern und Versagen. Auch als Pfarrerinnen und Pfarrer.

V.

Scheitern ist ein Thema, über das nicht gerne gesprochen wird. Für den amerikanischen Soziologen Richard Sennet ist es gar das „große moderne Tabu“. Umgekehrt meint der katholische Theologe Herbert Frohnhofen, dass die Erfahrung des Scheiterns eines der Grundthemen, „wenn nicht gar das Grundthema der Bibel und damit jüdisch-christlicher Lebensdeutung (ist). Dabei wird das Scheitern des Lebens bzw. im Leben beileibe nicht als Ausnahme, sondern (…) faktisch eher als Normalfall wahrgenommen und gedeutet.“

Gründe genug, sich damit zu befassen, jede und jeder ganz individuell und auch gemeinsam. Letzteres wollen wir heute Vormittag tun.

Amen.

 

Literatur: