Kommentar zu: “mmh…” Leben. Reine Zeitverschwendung?

Mechthild Werner stellt immer wieder spannende Fragen in ihrem pfälzer Blog. Heute lautete ihre Frage:

„mmh“ Leben. Reine Zeitverschwendung?

Ich habe dort schon so manchen Kommentar hinterlassen, doch diesmal wurde er länger und länger, auch weil da auf Frigga Haug verwiesen wurde und es um „mein“ Thema „Arbeit“ geht. Deshalb ist am Ende ein eigener Blogbeitrag draus geworden. Danke, liebe Blogschwester Mechthild! 😉

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Das Thema Arbeit beschäftigt mich nun schon seit vielen, vielen Jahren.

Als ich 1990 in den Kirchenkreis Dinslaken kam, wurde hier gerade die Regionalstelle für den KDA Duisburg-Niederrhein aufgebaut und ein Synodalbeauftragter gesucht. Ich habe da sofort: »Hier!« geschrien, erstens war das Sozialethik und da hatte ich von Wolfgang Huber schon einiges gelernt, zweitens muss mann/frau ja als Pfarrer/in so Beauftragungen übernehmen und es war auch noch das Thema Sekten frei, und ne…

Viele Jahre war ich damit »unterwegs«, hab mich dann aus Lust und Laune Anfang des Jahrtausends in Hagen an der Fernuni eingeschrieben mit den Schwerpunkten Berufs- und Wirtschaftspädagogik (und Medienpädagogik!) sowie Arbeits- und Organisationspychologie und einen Magister gemacht, mit einer Arbeit über Arbeit in den Hartz-Gesetzen. Das blieb alles aber noch »im Rahmen«.

Doch dann lernten meine Frau und ich auf dem Kirchentag in Köln Frithjof Bergmann und seine »Neue Arbeit« kennen. Das war eine Initialzündung, für uns beide. Dessen zentrale These lautet:

»Es gibt kaum etwas anderes im Leben, was Menschen so zufrieden und glücklich machen kann als eine Arbeit, die man wirklich, wirklich will.«

Im ersten Moment klingt das vielleicht etwas esoterisch, aber das täuscht. Wer es nicht glaubt, hier im Blog und auf meiner Website gibt es da Texte zu.

Ich habe mich sehr schnell gefragt: Wie ist das denn bei dir? Als Pfarrer zu arbeiten hat für mich da auch schon mit zu tun, aber mir wurde noch viel deutlicher, dass es das Schreiben und die wissenschaftliche Reflexion ist, die im Pfarramt, aber auch darüber hinaus für mich ein ganz wesentlicher Aspekt von »wirklich, wirklich wollen« ist.

Der „Rest“ ist schnell erzählt. Ich habe dann angefangen zu promovieren über Arbeit aus evangelischer Perspektive und mich dort sehr intensiv auch mit Frithjof Bergmann auseinandergesetzt. Nach Abgabe des schriftlichen Teils Anfang 2011 habe ich meine Schreibtätigkeiten weiter ausgebaut, erst kam der Blog, dann das kleine Büchlein über die Versonnenheit und ich habe die Idee für ein weiteres Schreibprojekt im Kopf.

Und abgesehen davon bin ich mit meiner Frau immer noch an den Sachen dran. Wir engagieren uns in dem weit verzweigten Netzwerk der »Neuen Arbeit« und haben darüber unglaublich viele Menschen virtuell, aber auch in »echt« kennengelernt. Ähnliches gilt auch für mein anderes Steckenpferd die ganzen Social Media Geschichten. Auch hier habe ich Kontakt mit und zu Menschen, die ich vorher nicht kannte und das ist spannend (gell, Mechthild?).
Damit komme ich zu Mechthilds Blog zurück.

Ich erlebe das an vielen Stellen so, dass ich als Pfarrer keinen Acht-Stunden-Tag oder so habe, sondern – naja, nicht wirklich freie Zeiteinteilung, aber doch immer noch viel Spielraum. Ganz sicher bin ich bei aller Belastung durch den Pfarrberuf in einer privilegierten Stellung, die es mir ermöglicht, einiges von dem anzustreben, was Frigga Haug die Vier-in-einem-Perspektive nennt oder Frithjof Bergmann die Drittelung der Zeit zwischen Lohnarbeit, gemeinsamer Produktion von Gütern des alltäglichen Bedarfs und »Arbeit, die ich wirklich, wirklich will«. Wobei das bei mir noch mal »quer« liegt, diese letztere Arbeit findet sich sowohl im Pfarramt als auch bei meinen Schreibtätigkeiten als auch dem Nachgehen in den verschiedenen Netzwerken, die ich spannend finde.

Ja, das alles hat auch etwas Utopisches. Aber was wären wir ohne Utopien? Die ganze Bibel ist voll davon und diese Visionen haben Menschen angeregt, aufgeregt und in Bewegung gebracht, motiviert (im wahrsten Wortsinne). Und natürlich empfinde ich meine Arbeit manchmal auch gräßlich, stressig, langweilig oder was auch immer (nicht nur putzen oder Rasen mähen oder Konfi-Freizeit-Abrechnungen). Dennoch: Ich  mag diese letzten Jahre nicht missen, denn ich habe sehr viel gelernt über Arbeit, aber auch über mich. Und es ist die spannende Erfahrung als Gemeindepfarrer, dass Menschen sehr, sehr gerne über ihre Arbeit reden. Es ist ein Türöffner, immer wieder, wenn Menschen das Gefühl haben, der Pfarrer versteht ein wenig von der Welt der Berufsarbeit. Oder wertschätzt die Hausarbeit. Damit will ich hier nicht strunzen, sondern ich bin einfach dankbar für die Lernerfahrungen. Zu denen auch der Blog von Mechthild gehört. Sie macht sich Arbeit und ich werde angeregt. Ist doch wunderbar.

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