Die Dinge singen hör ich so gern…

Bei Harald Welzer, Mentale Infrastrukturen (Mentale Infrastrukturen) las ich heute früh:

„Jedes Duschgel erzählt (…) mit seiner präzise designten Flasche und dem von den Sounddesignern entwickelten ‚Plopp‘, mit dem wir es öffnen, eine Geschichte über uns selbst, wenn wir es benutzen. Genauso wie jedes Autohaus eine Geschichte über unsere Liebe zur Technik und zur Geschwindigkeit und jeder Flughafen eine Geschichte über unsere Wünsche und Mobilitätsvorstellungen erzählt.“

Das leuchtet mir sehr ein. Und ich merke, dass ich grade anfange, die Dinge vor meinen Augen auf ihre Geschichte, ihre Melodie hin zu betrachten und zu befragen („Die Dinge singen hör ich so gern“ ist ein Gedanke von Rainer Maria Rilke, den Xavier Naidoo in ein Lied gepackt hat).

Also.

Wäsche zusammenlegen. Bunte Handtücher. Farbenfroh. Farblose würden ihren Zweck genauso erfüllen, aber bunt ist schöner.

Auf meinem Schreibtisch liegt noch der Kronkorken von der Limoflasche, die ich gestern getrunken habe. Aus Alu (?) mit einem papierenen Sicherheitsstreifen. Eine leicht zu öffnende Flasche. Drehverschluss, es läuft nichts aus. Der drüber geklebte Papierstreifen signalisiert: du kannst die Flasche unbedenklich öffnen, da war niemand dran vorher. Beruhigt mein Sicherhitsbedürfnis. Oben drin ist etwas Plastik geklebt. Luftdicht abgeschlossen, da kommt kein Keim durch.

Mein Blick fällt auf das Telefon. Es ist ein Festnetzanschluss. Aber kabellos. Und es blinkt die Anzeige. Kabellos… ich kann das Teil mit mir herum schleppen, toll, ich bin beweglich, mobil, ja – frei. Ich kann telefoniere,  wo ich will, nicht nur an einem Ort im Haus wie „früher“. Und das Teil hilft mir auch noch, ich werde auch noch automatisch erinnert, drauf zu gucken, wenn was passiert ist. Ich verpasse nichts mehr (wenn ich drauf schaue – tue ich es nicht, bin ich selber schuld, die Technik „stimmt“).

Ich schaue mich um. Ah, da oben auf dem Regal liegt der WLAN-Stick, der orange blinkt. Er erzählt die Geschichte von der Verbindnung mit der „Welt“. Blinkt er, bin ich „drin“, wenn nicht, bin ich „draußen“, ich Looser und Außenseiter, abgeschnitten vom Strom der Zeit. Hätte mir das mal einer vor fünfzehn Jahren erzählt…

Ich könnte jetzt hier so weiter machen. Streusalz. Altpapier. Tiefkühltruhe. Tempotaschentuch. Und und und. Ich könnte auch anfangen, die Dinge ihre Geschichte selber erzählen zu lassen. Ich finde das spannend. Mir fällt aus der Theologie der Gedanke vom „evangelium in nuce“, vom „Evangelium in der Nuss“ ein. Dahinter steckt die These: Jede Jesusgeschichte erzählt das ganze Evangelium. Hab ich also eine Geschichte verstanden, habe ich das ganze Evangelium verstanden. Gilt dann auch: jedes Teil unserer alltäglichen Konsumwelt erzählt die ganze Geschichte über Wirtschaft und Leben und den ganzen Wahnsinn, der sich damit verbindet…?

Ich bin nachdenklich geworden. Und neugierig. Ich geh dann mal die Wohnung putzen. Bin gespannt, welche Geschichten ich dabei erzählt bekomme…

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