Der Tod ist nicht mehr.

Der Tod ist nicht mehr.

Liebe Gemeinde,
Ostern predigen ist das, was ich nicht kann.
Die Auferstehungsbotschaft verkündigen, da schnürt es mir die Kehle zu.

Von Liebe kann ich erzählen.
Meinetwegen auch von Barmherzigkeit und Hoffnung.
Aber von Auferstehung?
Alles sträubt sich in mir.
Mein Unglaube meldet sich.
Mit tödlicher Macht.

Ostern ist nicht fröhliches Halleluja.
Wir haben ein kindlich-naives „Ach wie schön ist das neue Leben von Küken und Osterhasen“ draus gemacht.
Ein Frühlingsfest am Ende des Winters.
Alles schön und gut und auch nicht wirklich falsch.
Hat aber nichts mit Ostern und Auferstehung zu tun.

Ich lese in der Bibel:
Entsetzen am Grab bei den Frauen.
Maria erkennt den Auferstandenen nicht.
Die beiden Jungs auf dem Weg nach Emmaus auch nicht.
Thomas kann es auch nicht glauben.
Und Paulus fliegt vom Pferd, als ihn die Botschaft trifft.

Ostern ist radikal und schmerzhaft.
Stellt alles auf den Kopf und tut weh.
Verdammt weh.
Gott sagt: Es geht weiter –
und ich kann das nicht glauben.

Auferstehung und Tod.
Um welchen Tod geht es hier?
Lange haben Menschen geglaubt, es geht nur um die Frage Himmel oder Hölle.
Nach ihrem Leben.
Um den ewigen Tod und das ewige Leben.
Aber nicht um den physischen Tod.
Der war aber nie das Problem, alle Lebewesen werden geboren und sterben.
An Ostern geht es nicht um den Tod, den wir alle zu erwarten haben.
Hoffentlich lebenssatt und müde.

Aber es gibt einen anderen Tod.
Den Tod im Leben.
Den Leben erstickenden Tod.
Der geht in die Richtung, wo erst das Kreuz und dann das leere Grab stehen.

Wir alle haben Erwartungen ans Leben.
80 Jahre, Glück und Zufriedenheit, mehr Freude als Leid, Frieden.
Und die Realität?

Erinnerungen lasten auf mir.
Verpasste Gelegenheiten.
Jahrzehntelange Prägungen und das Gefühl, zu kurz gekommen.
Tod ist eine Sichtweise meiner Geschichte.
Ende, aus.

Syrische Kinder erzählen solche Geschichten.
Und Frauen und Männer, die gescheitert sind.
Oder durch Traumata ein Leben lang geprägt sind.
Oder allein bleiben nach langer Gemeinsamkeit.
Und die, die immer schon unten leben, nur Hartz IV und nie, nie! eine Chance auf Veränderung haben.

Der Tod im Leben.
Ich hänge an der Vergangenheit.
Ich hadere mit der Gegenwart.
Fürchte die Zukunft.
Bin schon tot, weil sich nichts mehr tut.
Und ich nur noch auf den physischen Tod warte.
Weil es sich nicht mehr lohnt zu leben.

Anschaulich im Sprung des Mörders, der Mörderin vom Hochhaus.
In jedem zweiten Tatort wird er dargestellt.
Die Botschaft lautet:
Der Weg hinter mir ist zu Ende.
Und nach vorn geht auch nichts mehr.
Der Rest meines Leben wäre das Eingeständnis gescheitert zu sein.
Komplett.
Überschwemmt von Resignation, bestimmt von Schuld.
Endlos.
Dann doch lieber springen.

Ähnliches spielte und spielt sich in Griechenland ab.
Männer oder Frauen können ihre Familie nicht mehr ernähren.
Die ständigen Kürzungen treiben sie in die Ecke.
Dann geht noch die Krankenversicherung flöten und am Ende der Job.
Einen Ausweg?
Gibt es nicht.
Nur den einen.

Den Tod im Leben.
Und der physische Tod verheißt mir verrückterweise Hoffnung und Lebendigkeit:
endlich handeln,
einmal –
und dann ist Ruhe.
Für immer.
Und ewig.

Nein, liebe Gemeinde,
es geht bei der Auferstehung nicht um das ewige Leben und den ewigen Tod.
Oder, doch, ja, vielleicht auch.
Aber das ist zweitrangig und interessiert uns Heutige nur noch am Rand.
An den Rändern des Lebens, aber weniger im Alltag.
Nein, Auferstehung geschieht im Leben.
Oder sie geschieht nicht.
Und das ist alles un-glaublich.
Ich kann das nicht glauben und auch nicht predigen.
Ich kann mir das nicht sagen und auch nicht Ihnen.
Ich nicht.
Aber vielleicht ein anderer.

Auferstehung:
Leben inmitten des Todes.
Das, was war, muss nicht mehr sein.
Das ist eine Botschaft, die wahrlich nur von jenseits kommen kann.
Sie zu verkünden widerstrebt mir als Mensch mit allen Fasern.
Ich brauche mich doch nur umzuschauen in der Welt, in meinem Leben!
Hier bin ich wahrlich ein Ungläubiger.
Wie Thomas.

Ostern kann ich mir nicht sagen.
Alles in mir wehrt sich und schreit, nein, nein, nein, das kann nicht sein!

Doch dann geschieht etwas.
Vielleicht – wenn Gott will.
Gnade.

Ich weiß ja um die Auferstehung.
Wie Sie.
Aber ich kann´s nicht glauben.
Nicht aus mir heraus.
Kann es nicht fühlen.
Der Widerstand in mir ist stärker.
Der Tod ist mächtig und er zerstört die Hoffnungen.
Die Bilder aus Idomeni stehen mir vor Augen.
Tränen auf den Gesichtern von Frauen, Männern, Kinder.

Hundertausendfach in Syrien.
Und da werden bei manch einer, einem unter uns Erfahrungen eigener Fluchtwege wach.
Tränen.

Oder am Grab der Frau, des Mannes.
Ein Leben geteilt, noch viel vor im Ruhestand.
Aus und vorbei.
Tränen.

Oder Schulden, Schulden, Schulden.
Schulden bei der Bank, bei Freundinnen, bei der Familie.
Ein Berg von Schulden.
Niemals abzutragen.
Tränen.

Und doch:
In den Tränen liegt Hoffnung.
Wie Regen fällt er auf vertrocknetes Land.
Alles in mir schreit nach Wasser, Hoffnung, Leben, Zukunft.

Die Frauen am Grab haben auch geweint.
Sie schauten zurück auf das, was sie verloren hatten.
Ihre Hoffnung, ihre Zukunft.
Einen, der sie ernst nahm.
Sie berührte, mit Worten und Händen.
Nicht übergriffig, sondern heilend.
Aus, vorbei.

Das leere Grab traf sie wie ein Schock.
Nicht mal trauern…!
Und in ihren Tränen hören sie die Botschaft.
Er ist nicht hier, er ist in Galiläa, er lebt.

Paulus in seinen dürren Worten.
Auch nichts von Viktoria, wie in Paul Gerhardts bekanntem Lied.
Nichts von Fröhlichkeit und Osterlachen.
Nüchtern, brottrocken.
Ich habe ihn gesehen.
Punkt.

Ob ich wollte oder nicht, sagt Paulus, sie drängte sich mir auf, die Botschaft.
Und warf mich vom Pferd.
Nur so kann es gehen mit der Auferstehung, nur so.
Mit einem Mal sehe ich die Welt, meine Welt anders.
Weggewischt der Schmerz der Erinnerung,
der Tod in der eigenen Geschichte.
Das verzweifelte Festhalten am Gestern, an den Erwartungen und Hoffnungen.
Ob ich will oder nicht.

In den Tränen, im Schmerz kann es geschehen.
Auch in Schönheit, die mich zu Tränen rührt.
Das mich mit einem Mal die Botschaft der Auferstehung erwischt.
Ich kann es nicht anders sagen:
Erwischt.
Das ist ein Schock.
Wie ein Schlag in den Magen.
Ich halte die Luft an.
Der Schleier wird zerrissen, die Welt sieht anders aus.
Das macht keinen Spaß, nicht Glücksgefühle und Jubel.
Sondern Erschrecken und Angst.

Aber dann kommt sie, die Ahnung.
Ostern, das heißt neu sehen lernen.
Sehen auf Augenhöhe.
Ostern, das heißt aufatmen.
Frische Luft kommt rein.
O Gott, ich kann tief durchatmen.
Mit nichts in die Welt gekommen, mit nichts wieder gehen.
Du genauso wie ich.

Dann laufen sie, die Tränen.
Wasser, Leben, Hoffnung.

Ostern, ein großer Gleichmacher.
Wie der physische Tod, der jeder und jedem von uns bevor steht.
Und der für Generationen der Angelpunkt war.
Ewiges Leben, über dieses hinaus.
Der Tod hat keine Macht.
Jenseitsvertröstung! schrien die Gegner.
Und sie hatten Recht.
Und doch nicht.

Denn auch im Kampf ums ewige Leben ging es um ein Leben in diesem hier.
Die einen kasteien sich wie Martin Luther im Sehnen nach dem gnädigen Gott.
Die anderen schreien nach Hoffnung, nach Licht, nach Wärme.
Nach Gerechtigkeit.

Tod, wo ist dein Stachel?
Erlösung geht nur jetzt.
Die Last der Geschichte, meiner Geschichte, wird von mir genommen.
Das kann ich nicht machen.
Das kann ich auch nicht predigen, aus mir heraus.
Ich kann über Liebe reden, über Barmherzigkeit und über vieles anderes.
Manchmal Kluges, manchmal dummes Zeug.
Aber die Auferstehung predigen, das kann ich nicht.
Da bleibt mir jedes Wort in der Kehle stecken.

Die Kinder am Grenzzaun in Idomeni schieben sich in meinem Kopf dazwischen.
Und die Geschichten aus dem Tatort, die ich ja auch aus der Gemeinde kenne.
Aber dann, mit einem Mal.
In den Tränen der Kinder sehe ich es.
Oder in denen einer Frau, eines Mannes.
Nicht tot, trotz allem.
Voller verzweifelter Erwartung, trotz allem.
Tränen, Wasser, Leben.

Es predigt, ich bin gezwungen zu reden, wie Paulus.
Auch wenn es sich noch so absurd anhört, fast peinlich:
Ich kann nicht anders.
Und es bricht aus mir heraus:
Christus ist auferstanden!

Stille.

Und dann kommt es zurück.
Ich höre die Antwort.
Ebenso getroffen, aus tiefster Seele:
Ja, er ist wahrhaftig auferstanden!

Eine Träne rinnt mir über das Gesicht.
Und ich sehe sie in deinen Augen.
Wir spüren die Auferstehung im Hier und jetzt.
Vielleicht nehmen wir uns in den Arm, lachen und weinen gleichermaßen.
Zünden Kerzen an und schreiben mit Kreide auf den Boden:
Christus ist auferstanden!

Und in diesem Moment ist der Tod nicht mehr.
Ich war tot und siehe, ich bin lebendig.
Es wird Ostern.
Christus ist auferstanden und ich mit ihm.
Und du mit ihm und wir miteinander.
Ja, er ist wahrhaftig auferstanden.
Und das was war, ist nicht mehr.
Meine Vergangenheit fällt ab, für einen Moment.
Der Frust.
Die Einsamkeit.
Die Ausweglosigkeit.
Und dann geht es weiter.

Die Frauen gingen heim nach Galiläa.
Die Jungs aus Emmaus rannten zurück nach Jerusalem.
Und Paulus nach Damaskus, Luther nach Worms.

Sie rannten in ihren Alltag.
Zweifel und Anfechtung.
Das Alte bleibt mächtig.
Kein Grenzzaun fällt durch den Glauben allein.
Aber wer von Ostern her kommt, kann nicht mehr anders.
Als an-glauben gegen den Tod, gegen den mannigfaltigen Tod in unserer Welt.
Nicht den physischen allein und zuerst, sondern den Tod, der uns im Leben tötet.
Die Ostergnade löst erst mal keinen Jubel aus, aber lehrt neu sehen.
Und tief durchatmen, Gott sei Dank!

Das kann ich nicht machen.
Da kann ich nur drauf hoffen.
Mit ziemlich leeren Händen.
Und an-predigen, nicht von oben herab, sondern auf Augenhöhe.
Gegen meinen innere Widerstände, gegen meinen Unglauben.
Ich kann nicht anders.
Denn:
Christus ist auferstanden!
Ja, er ist wahrhaftig auferstanden!

Amen.

Bestattungskultur damals und heute – Fazit einer Studienreise nach Paris mit Friedhofserkundigungen

Die diesjährige Studienreise des KDA/Niederrhein und Mitarbeitenden aus dem Kirchenkreis Leverkusen ins Foyer le Pont/Paris hatte das zunächst sperrig klingende Thema: Bestattungs- und Friedhofskulturen im Wandel. Doch schon kurz nachdem Prof. Reiner Sörries, Direktor des Museums für Sepulkralkultur in Kassel, mit seinem Vortrag über den Umbruch im Bestattungsverständnis Anfang des 19. Jahrhunderts gestartet war, zeigte sich, wie hochaktuell diese Frage ist.

Um 1800 ändert sich viel im Verständnis von Bestattungen und dem Denken darüber. Und Paris, so Sörries, war seinerzeit Kernort europäischen Denkens über den Tod. Von daher formulierte er pointiert: „Bestattungskulturell sind wir alle Kinder der Französischen Revolution.“

Napoleon regelt das Bestattungswesen neu. Bestattung wird nun als kommunale Aufgabe verstanden. Es durfte nicht mehr in den Städten und Kirchen beerdigt werden, sondern nur noch vor den Städten. Ein radikaler Umbruch. Honorationen und Zünfte, die in den Kirchgebäuden ihre Graborte hatten, waren entsetzt. Man stelle sich vor, so Sörries, man würde heute unsere vertrauten Friedhöfe auflösen und eine gänzliche andere Form der Bestattung vorschreiben, dann kommt man in etwa an die Gefühlslage heran. Aber nicht nur in Frankreich, überall in Europa vollziehen sich ähnliche Entwicklungen, unter Napoleon allerdings zugespitzt, weil er die Aufsicht durch die staatliche Obrigkeit verfügt und Kirchen Macht ein Geldeinnahmequellen entzieht.

Eckpunkte waren in Frankreich: Es musste Abstand zu bewohnten Flächen eingehalten werden, jede Beerdigung fand ab nun im eigenem (Reihen-) Grab statt, eine Ruhezeit wurde eingeführt. (5 Jahre). Der uns heute vertraute Satz: „Trauer braucht einen Ort“ gilt erst seit 200 Jahren. Früher war der Trauerort die Kirche und fand vor allem im spirituellen Totengedenken statt.. Hier begann durch die eindeutigen, persönlichen Gräber die Ablösung des spirituellen durch ein materielles Gedenken. Erst heute, so Sörries, wird die Radikalität dieses Neuansatzes erkennbar bzw. ist sie im Empfinden der Bevölkerung verankert, zur Gewohnheit geworden. Und zwar in der Vielfalt der Besttatungsformen und dem Wunsch, immer individueller handeln zu wollen. Allerdings gibt es auch Entwicklungen, die dem „Friedhof für alle“ unter der staatlichen Aufsicht entgegenlaufen. Menschen, die im Leben verbunden waren, suchen nach Möglichkeiten, an gemeinsamen Orten begraben zu werden. Dies beginnt beim HSV-Grabfeld und endet noch lange nicht beim AIDS-Friedhöfe.

Die Diskussion begann mitten im Vortrag durch – gewünschte – Zwischenfragen und Statements, welche die ganze Bandbreite der Fragen von Bestattungen, Trauerfeiern und Trauerverständnis und -formen berührten. Nur ein paar Stichworte aus der Diskussion:

– Trauer braucht ihre Zeit, ja – aber wie lange? Steht Trauer so nicht  in der Gefahr, Trauer „unnötig“ auszuweiten? Das altherkömmliche Trauerjahr macht so gesehen Sinn.

– Gibt es Ideen, Ansätze, evangelische Friedhöfe erkennbar evangelisch sein zu lassen und so zu einer „corporate identity“ beizutragen? Derzeit unterscheiden sich konfessionelle Friedhöfe in den Vorschriften zur Grabgestaltung kaum (mehr) von kommunalen Friedhöfen.

– Welche Aspekte machen aus einer Trauerfeier eine evangelische Trauerfeier? Sörries vertrat die Auffassung, dazu gehören Hinweis auf die Vergänglichkeit, Hinweis auf die Hoffnung und die Biografie des/der Verstorbenen. Nach seiner Beobachtung unterschreiten viele Trauerfeiern evangelischer Pfarrer/-innen diese Standards.

– Wie verändert in den nächsten Jahren und Jahrzehnten die Digitalisierung unserer Welt auch den Trauerprozess, das Verständnis von Leben und Tod bzw. der Hoffnung angesichts der Endlichkeit?

Am zweiten Tag besichtigten wir mit Führungen den Cimeterie de Montmartre und Père Lachaise. Die Vielfalt der Grabgestaltungen und die sehr unterschiedlichen Anlagen ließen mich an vielen Stellen noch einmal die Diskussionen des Vortags Revue passieren und die Gespräche untereinander bei den mehrstündigen Rundgängen vertieften diese Eindrücke ebenfalls. Die drei Bildergalerien auf diesem Blog von den beiden Friedhöfen spiegeln daher wieder, was mir auf diesem Hintergrund ins Auge fiel.

Die drei Bildergalerien:

Cimeterie de Montmartre

Père Lachais (I)

Père Lachais (II)

Tod des Mose (Deuteronomium 34)

Predigtreihe Wüstenwanderung (III)

Die vierzig Jahre in der Wüste sind herum.
Wieder steht das Volk Israel an der Grenze des gelobten Landes.
Diesmal werden sie den Jordan überschreiten.
Das Land in Besitz nehmen.
Endlich.
Doch einer wird nicht dabei sein.

Mose.
Ihr Anführer und Held.
Der sie aus Ägypten und durchs Schilfsmeer führte.
Der mit Gott auf dem Berg sprach und die Gebotstafeln erhielt.
Der mit Gott rang, als dieser aus Enttäuschung das Volk vernichten wollte.

Vierzig Jahre ist er voran geschritten.
Tag für Tag.
Hat sich das Murren des Volks angehört.
Hat mit ihnen Manna und Wachteln gegessen.
Und sonst nichts.
Vierzig Jahre lang.

Vierzig Jahre lang hat er nachts wach gelegen.
Geträumt vom gelobten Land.
In dem Milch und Honig fließen.
Ziel schlafloser Nächte.
Der Traum, der ihm vor Augen stand.
Wie wird es sein?
Meinen Fuß auf den versprochenen Boden setzen.
Den Duft von Blüten und Früchten riechen.
Aufatmen, ankommen.
Endlich.

Nun ist es so nah, das Traumland.
Und für Mose unerreichbar.
Hineinschauen darf er.
Mehr nicht.
Oben auf dem Berg hört er die Stimme Gottes:
Dies ist das Land, das ich dem Volk Israel versprochen habe.
Doch du wirst nicht hineinkommen.
Und so geschieht es.

Was für eine traurige Geschichte.
Warum lässt Gott ihn nicht hinein?
Ein paar Tage mehr.
Nach vierzig Jahren und mehr.
War das nötig?
Sein ganzes Leben hat er in diese Aufgabe gesteckt.
Gearbeitet.
Gerackert.
Gestritten.
Gekämpft.
Geärgert.
Und vor allem:
Geträumt vom Zielstrich.
Von diesem einen Tag.
Und nun:
Doch du sollst nicht hineinkommen.

Wir kennen das, oder?

Die Goldene Hochzeit ist geplant und man erlebt sie doch nicht mehr.
Ich muss in Pension gehen, weil die Altersgrenze erreicht ist und ein anderer führt meine Aufgabe zum Erfolg.
Ich will noch den Enkel groß werden sehen, den 18. Geburtstag mitfeiern, aber es kommt anders.
Die Mutter, von einer Krankheit dahin gerafft, sieht die eigenen Kinder nicht aufwachsen.
Ich fange etwas an und einer, eine andere führt es zu Ende.

Es gibt keine Garantien, sagt das Leben und die Bibel.
Selbst ein Mann wie Mose hat bei Gott keinen Stein im Brett.
Wenn es Zeit ist zu gehen, dann müssen wir gehen.
Traurig.
Bitter.
In unserem Empfinden oft ungerecht.
Wir suchen nach Erklärungen.
Fragen:
Warum?
Warum, Gott?
Warum so früh?
Warum ausgerechnet jetzt?
Die paar Tage, musste das wirklich sein?

Die Geschichte wird in der Bibel in dürren Worten erzählt.
Nur die Fakten werden genannt.
Ohne Erklärung.
Ohne Begründung.
Sie schreit nach einer Auslegung.

In der sixtinischen Kapelle in Rom hängt ein Bild von Luca Signorelli:
Die letzten Tage des Mose.
Mose steht auf dem Berg.
Ein Engel zeigt ihm das versprochene Land.
Gramgebeugt steht Mose da.
Schaut hinunter.
Mit sehnsuchtsvollen Augen.
Traurig.
Dann muss er sich abwenden.
Hinunter gehen.
Das hat Signorelli auch gemalt.
Schweren Schrittes steigt Mose hinab.
Um seinen Nachfolger zu bestimmen.
Und sich dann zum Sterben zu legen.
Aber hinter Mose ist ein Schatten zu sehen.
Ein Engel begleitet Mose.
Lässt ihn nicht allein.

Ich verstehe das Bild so:
Gott wendet sich nicht ab von denen ab, die ihre Ziele nicht erreichen.
Von denen, die die Früchte ihrer Arbeit nicht ernten.
Von denen, die ihre Träume nicht in Erfüllung gehen sehen.
Gott hat unsere Welt so eingerichtet, dass dies möglich ist.
Die einen erhalten den Siegespreis, die anderen nicht.
Die einen ernten die Früchte ihrer Arbeit, die anderen nicht.
Die einen sehen ihre Träume wahr werden, bei anderen erst die Nachfolgenden.
Wenn überhaupt.
Aber an Gottes Nähe ändert das nichts.
Weder Erfolg noch Scheitern können uns von seiner Liebe trennen.
Er lässt uns nicht allein.
Niemals.

Amen.

Bereuen und träumen. Gedanken über´s Leben angesichts des Todes

Mechthild Werner hat gestern in ihrem Blog unter der Überschrift: »Ans Sterben denken. Leben.« aufgefordert, den Satz: »Bevor ich sterbe, will ich…« fortzuführen und als Kommentar unter den Beitrag zu posten. Ich hab drüber nachgedacht und fand das schwierig. Deswegen habe ich geschrieben: »Gute Frage, aber keine für öffentliche Antworten. Entweder sind die Antworten eher allgemein, oder so persönlich, dass ich sie nicht veröffentlichen will.«

In den Zusammenhang fiel mir wieder ein, dass Anfang 2012 Berichte über ein Buch von Bronnie Ware, einer Krankenpflegerin aus Australien, in den Medien kursierten. Aus Gesprächen mit ihren Patienten auf einer Palliativstation hat sie eine Rangliste der fünf Dinge beschrieben, die Sterbende im Rückblick auf ihr Leben am meisten bedauern. Ich hatte das irgendwo abgespeichert, um noch mal was draus zu machen. Heute dachte ich, das ist eine umgekehrte Herangehensweise: Ich projiziere nicht meine Erwartungen, Hoffnungen, Träume in die Zukunft, sondern lasse mich anfragen von den Erfahrungen, die andere im Rückblick auf ihr Leben formuliert haben. Die fünf Sätze lauten in umgekehrter Reihenfolge der Rangliste:

5. »Ich wünschte, ich hätte mir erlaubt, glücklicher zu sein.«

4. »Ich wünschte, ich hätte mich mehr um meine Freunde gekümmert.«

3. »Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, meine Gefühle auszudrücken.«

2. »Ich wünschte, ich hätte nicht so hart gearbeitet.«

1. »Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, ein Leben in Übereinstimmung mit mir selbst zu führen, nicht das Leben, das andere von mir erwarteten.«

Zwei Gedanken dazu.

Die Liste hat mich zunächst erschreckt. Was wird da alles an ungelebtem Leben am Ende des Lebens erkennbar. Und dann auch noch das geheime, innere Thema: Ich habe mir nicht erlaubt, ich selber zu sein, zu mir zu stehen. Zugleich wird da aber die Hoffnungslinie aufgezeigt, denn ich höre und lese das so: Wenn ich mir erlaubt hätte in Übereinstimmung mit mir zu leben, dann wäre ich glücklicher gewesen. Da bin ich dann schon nahe bei Mechthild´s Frage.

Das andere ist aber: Die Liste ist nur die eine Hälfte der Seite. Eigentlich müsste ich am Ende des Lebens gleichzeitig fragen, womit in deinem Leben bist du jetzt im Blick zurück am meisten zufrieden, worauf bist du richtig stolz? Erst dann wird das Bild rund.

Keineswegs werden die genannten Dinge in einem rechnerichen Gleichgewicht sein. Sozialistisch gerecht verteilt geht es im Leben nicht zu. Aber die zweite Frage gehört dazu, damit am Ende Klage und Dank – zum Beispiel anderen Menschen gegenüber und/oder Gott – meinem Leben entsprechend zur Sprache kommen können. Und vor dem Ende meines Lebens, also heute (so weit ich das sagen kann) führen sowohl die fünf Dinge der Reue als auch die Frage nach meinen Zielen und Träumen dazu, über mein Leben nachzudenken. Und auch heute dankbar zu sein, zu werden oder zu klagen. Je nachdem, wie die Beziehungen und Bezogenheiten meines Lebens sich gerade darstellen.

P.S. Ich habe Mechthilds Frage dann doch beantwortet. Es gibt (mindestens) eine Sache, die ich ohne Zögern öffentlich nennen kann: Ich möchte noch ein Buch schreiben, die Idee dazu habe ich schon im Kopf. Sollte es mir gegönnt sein, dies zu verwirklichen, dann kann ich ja noch mal neu nach- und weiterdenken. 😉

Die englische Originalwebsite von Bronnie Ware findet sich hier: Regrets of the dying