25 Jahre Kirchlicher Dienst in der Arbeitswelt Duisburg-Niederrhein: Mein persönlicher Rückblick auf die Festveranstaltung

25 Jahre Kirchlicher Dienst in der Arbeitswelt Duisburg-Niederrhein: Mein persönlicher Rückblick auf die Festveranstaltung

Gestern war ich in Duisburg und Dinslaken, also in meiner alten Heimat. Anlass waren die Feierlichkeiten zum 25jährigen Bestehens der Regionalstelle des Kirchlichen Dienstes in der Arbeitswelt (KDA) Duisburg-Niederrhein. Seinerzeit hatte ich mich als junger Gemeindepfarrer entschieden, nebenamtlich im KDA mitzuwirken, eine Entscheidung, die ich nie bereut habe. Ich habe zwar die Verhandlungen zur Gründung der Regionalstelle nicht miterlebt, war aber vom ersten Tag an mit im Geschäftsführenden Ausschuss, dem ich später acht Jahre vorstand. Daher war es gar keine Frage, dass ich mich auf den weiten Weg aus Hannover an den Rhein gemacht habe.

Und mit „weit“ meine ich weniger die realen Kilometer. Der Gottesdienst mit „Alt-Präses“ und ehemaligen Ratsvorsitzenden Nikolaus Schneider (auch ein Gründungsmitglied) und die Festveranstaltung im Ledigenheim in Lohberg, in unmittelbarer Nähe zum ehemaligen Zechengelände, waren zunächst einmal eine Art Klassentreffen vieler ehemaliger Weggenoss/-innen. Ja, auch wenn in Gottesdienst und Festakt nur eine einzige Frau aktiv beteiligt war – im Saal waren viele und es wäre spannend, die Rolle der Frauen in den 25 Jahren Regionalstelle mal gesondert zu betrachten, es gab nicht nur mehrere hauptamtliche Mitarbeiterinnen und zwei Vorsitzende im Geschäftsführenden Ausschuss (seit langem jetzt schon Pastorin Karin Dembek), auch in den Auseinandersetzungen bei Kohle und Stahl im Strukturwandel spielten Frauen immer wieder eine wesentliche Rolle, herausragend sicher die „Besetzung“ der Christuskirche durch Bergarbeiterfrauen in Kamp-Lintfort über mehrere Wochen in den neunziger Jahren.

Damit bin ich bei dem Gefühl, eine weite Reise unternommen zu haben. Es gab eine Podiumsdiskussion mit Nikolaus Schneider und dem Bochumer Sozialethiker Traugott Jähnichen, die neben vier Männer aus Kohle und Stahl teilnahmen. Und diese vier zeichneten eine Welt im Übergang, die mit viel Untergang verbunden ist. Die hohe soziale Verantwortung vor allem bei der Kohle wurde mehrfach, fast schon gebetsmühlenartig betont, wenn es um die Frage ging, wie der Strukturwandel bewältigt worden ist – nämlich ohne betriebsbedingte Kündigungen. Darauf ist man stolz, zu Recht. Und es ist sicher vorbildhaft auch für andere Branchen und Regionen, wenn ich da zum Beispiel an die Herausforderung denke, die auf Niedersachsen zu kommt, wenn es um den Umbau des VW-Konzerns geht. Massiv wurde dann auch Siemens attackiert als aktuelles Beispiel, wie Konzerne Milliardengewinne machen und gleichzeitig Standortschließungen verkünden – ohne Sozialplan für die Städte und Regionen. An dieser Stelle ist der Gedanke der Familie noch sehr lebendig im Ruhrgebiet, sicher auch der Tatsache geschuldet, dass bei Kohle und Stahl ohne Solidarität am Hochofen und unter Tage die anstrengende und oft auch gefährliche Arbeit nicht zu bewältigen war und ist.

Das trifft dann auch die Seele vieler Menschen hier an der Ruhr. Auf die – naive – Frage des Moderators, ob denn die Digitalisierung den Strukturwandel unter Tage und bei den Stahlkochern hätte aufhalten können, reagierten die Diskutanten empört und zeigten auf, wie hochtechnisiert bei Kohle und Stahl seit langem gearbeitet wurde und wird. Und überhaupt, es sei völlig unverständlich, dass der Steinkohlebergbau ausläuft, wo doch so viele Menschen dort gute Arbeit geleistet haben. Jetzt auch noch die neue Diskussion um die Braunkohle, das ginge doch überhaupt, was soll aus den Menschen werden, die dort ihren Lohn verdienen für sich und ihre Familien…

Wohl wahr, das schreit nach einem Rahmen, nach einem Woraufhin, damit klar ist, was und warum gestaltet werden muss. Da war ich schon überrascht, dass keine der sechs Personen auf dem Podium, auch nicht Nikolaus Schneider und Traugott Jähnichen, das Stichwort Klimawandel und die Transformation der Ökonomie überhaupt nur erwähnte. Da fühlte ich mich dann plötzlich ganz nah und zuhause – denn in der letzten Woche konnten Stephan Weil und Bernd Althusmann, inzwischen immerhin Ministerpräsident und Wirtschaftsminister, neunzig Minuten beim Tag der Niedersächsischen Wirtschaft über die drängendsten Zukunftsaufgaben für Niedersachsen und unser Land insgesamt sprechen, ohne das Wort „Klimawandel“ auch nur einmal in den Mund zu nehmen. Es war dann Landesbischof Ralf Meister, der anschließend vor den Unternehmer/-innen und Politiker/-innen an dieser Stelle deutliche Worte fand.

Und damit wird dann manches hohl und schräg. Natürlich hat Traugott Jähnichen recht, wenn er aus evangelischer Perspektive Solidarität in der Ökonomie einfordert und neben dem Trend zu mehr Selbstbestimmung in der (Erwerbs-) Arbeit die Entwicklung einer Sozialkultur fordert, die den Rahmen für die individuelle Entwicklung abgeben muss, damit nicht alles auseinander läuft, im übertragenen Sinn, aber auch wortwörtlich. So plädierte Traugott Jähnichen entschieden dafür, den Sonntagsschutz nicht weiter auszuhöhlen und forderte Kirche und Gewerkschaften auf, hier kämpferisch zu sein. So weit, so gut. Aber all das muss doch heute eingebettet werden in den großen Rahmen der Herausforderungen, in denen wir heute schon stehen. Der Klimawandel ist Fakt und wenn wir nichts oder zu wenig tun, dann haben unsere Kinder und Enkel noch ganz andere Probleme. Gute Arbeitsplätze in der Braunkohle sichern Menschen ihr Auskommen, doch zu welchem Preis? Ich bin davon überzeugt, dass die Erfahrungen, die in den letzten dreißig Jahren im Ruhrgebiet gemacht wurden im Übergang von Kohle und Stahl zu einer neu aufgestellten Industrieregion sehr hilfreich sein können, wenn wir uns der Frage stellen, was getan werden muss.

Strukturwandel braucht Zeit, Solidarität und Hoffnung – so lautete einmal das Motto, unter dem im Ruhrpott am Strukturwandel gearbeitet wurde. Gestern hat diese Trias niemand ausdrücklich in den Mund genommen, aber sie war da, unausgesprochen in fast allen Redebeiträgen. Und sie ist hilfreich als Kriterien für eine sozialverträglich Umgestaltung unsere Lebenswelt, in den privaten Bezügen genauso wie in Arbeitswelt und Ökonomie. Als gemeinsam verstandene solidarisch gestaltete Aufgabe, die Menschen die nötige Zeit und zugleich Hoffnung gibt.

Einige der Diskutanten beim Jubiläum in Dinslaken-Lohberg

Einige der Diskutanten beim Jubiläum in Dinslaken-Lohberg

Grubenfahrt in Ibbenbüren oder: Meine Geschichte mit dem Steinkohlebergbau von 1992-2016

Grubenlampe, erhalten am 24.12.1996 auf Lohberg-Osterfeld

Grubenlampe, erhalten am 24.12.1996 auf Lohberg-Osterfeld

Abwärts

Ein grauer, stürmischer Februarnachmittag.
Es dämmert schon.
Vor mir eine schmale Öffnung.
Mit den schweren Stiefeln stolpere ich hinein.
Vierzehn Menschen stehen schließlich eng gedrängt.
Die Abdeckung fällt herunter und schon geht es los.
Mit acht Meter in der Sekunde stürzen wir hinab.
Es ist dunkel.
Keiner redet.
Jeder ist mit seinen Gedanken beschäftigt.
Allmählich wird es wärmer.
Nach zwei Minuten bremst der Korb.
Wir sind auf 1300 Metern.
Tief unten im Nordschacht von RAG Anthrazit in Ibbenbüren.

Meine ersten Begegnungen mit dem Bergbau

Laut meinem Kalender bin ich am 24. Februar 1996 in Lohberg erstmals eingefahren, am Tag des Apostels Matthias. Ich weiß noch, wie mich die Größe der Anlage unter Tage faszinierte, die breiten Gänge und die Menge an Technik.

Damals war ich am Niederrhein als Gemeindepfarrer nebenamtlich im KDA tätig. Im Kirchenkreis Dinslaken gab es zwei Zechen, in Dinslaken Lohberg-Osterfeld und in Duisburg Walsum. Der Bergbau war noch allgegenwärtig, ebenso wie die Stahlindustrie. Der Strukturwandel an Rhein und Ruhr war im Gang und er sollte sozialverträglich durchgeführt werden. In unseren synodalen Arbeitskreisen saßen wie selbstverständlich Bergleute und Gewerkschaftler der IGBE (später fusioniert zu IGBCE). Die Bevölkerung hatte große Sympathien mit den Bergleuten, verschiedenste Solidaritätsaktionen wurden von vielen mit getragen, sichtbarster Ausdruck war vielleicht das „Band der Solidarität“, eine Menschenkette durchs Revier im Jahr 1997. Es gab regionale Arbeitskreise Kirche und Kohle und die GSA (Gemeinsame Sozialarbeit von Kirche und Bergbau) war äußeres Zeichen der engen Verbundenheit wie auch manche Barbarafeier. Vielleicht haben einige es bereits geahnt, aber so richtig vorstellen konnte sich damals niemand, dass es knapp zwanzig Jahre später vorbei sein sollte mit dem Steinkohlebergbau in Deutschland.

All das war wichtig für mich als Gemeindepfarrer, denn ich habe etliche Bergmänner zu ihren Geburtstagen besucht und viele von ihnen später beerdigt. Ihre Geschichten ähnelten sich, viele kamen alleine oder mit ihren Familien nach dem Krieg an den Niederrhein, angeworben von den Zechen, die immensen Personalhunger hatten.

Tief unten

Wir verlassen den Förderkorb.
Kein Mensch ist zu sehen, dafür Leitungen, Rohre, Förderbänder, Treppen…
Langsam setzen wir uns in Bewegung.
Mit der Grubenlampe leuchte ich voraus.
Es ist uneben, streckenweise rutschig.
Etwa drei Kilometer liegen vor uns.
Die Füße tun mir jetzt schon weh in den ungewohnten Stiefeln.
Es ist angenehm warm, um die 25 Grad.
Noch haben wir Luft.
Ab und zu machen wir Halt.
Wir bekommen die Belüftung erläutert.
Erfahren, wie lange der Notarzt im Ernstfall braucht.
Ich verliere jedes Zeitgefühl.
Der Schweiß fängt langsam an zu laufen.
Wir begegnen lange keinem Kumpel.
Nur die Maschinen sind zu hören und das Rattern des Förderbands.

Heilig Abend auf Lohberg-Osterfeld

Wenn ich an Heilig Abend 1996 zurückdenke, dann ist der erste Impuls immer: Das wäre heute überhaupt nicht mehr vorstellbar. Auf Lohberg findet auf der vierten Sohle in 845 Meter Tiefe ein Gottesdienst am 24.12. vormittags statt. Selbst der spätere Ministerpräsident von NRW und damalige Wirtschaftsminister Wolfgang Clement ist höchstpersönlich angereist. Ein Zeichen der Solidarität und der Verbundenheit in schwierigen Zeiten. Ein Signal soll von hier aus nach Bonn ausgehen, wo über die Zukunft der Zechen debattiert wird, wieder einmal. Noch ist die Unterstützung für den Bergbau vorhanden, in einigen Jahren wird sich der Wind radikal drehen.

Ein Bergmannschor singt, die Pfarrer Harrro Düx (evangelisch) und Wihelm Lepping (katholisch) zelebrieren die Andacht. Es gibt Grubenlampen für die anwesenden Vertreter/-innen mit der Bitte, diese mit in die Gottesdienste an Heilig Abend zu nehmen und von diesem ungewöhnlichen Gottesdienst zu erzählen. Im Gemeindehaus Rönskenhof steht die Grubenlampe in der Christvesper und anschließend in meinem Arbeitszimmer. Nach meinem Wechsel nach Osnabrück steht sie nun in meinem Büro.

Hier einige Zeitungsartikel, die ich noch in meinem Archiv gefunden habe, mit freundlicher Genehmigung der NRZ Dinslaken:

Pause

Irgendwann kommen wir zu ein paar Bänken.
Pause.
Helm runter, Schweiß abwischen.
Trinkflasche raus und ich nehme einen großen Schluck.
Komisch, es fühlt sich nicht so an als seien wir mehr als einen Kilometer unter Tage.
Wie ist das wohl Tag für Tag, Woche für Woche, Jahr um Jahr hier unten zu arbeiten?
Hochachtung vor der Arbeit der Kumpel macht sich breit.
Nur kurz, es ist keine Zeit für tiefere Gedanken.
Unser Begleiter gibt schon wieder das Zeichen zum Aufbruch.

Die Auseinandersetzungen um den Rahmenbetriebsplan Walsum

2001 kippt die Stimmung. Jedes Bergwerk muss Rahmenbetriebspläne für den Abbau der nächsten Jahre einreichen und genehmigen lassen. Walsum hatte keine Chance, zwischen zwei anderen Bergwerken blieb in der Nordwanderung nur der Weg unter die Stadt Voerde und den Rhein. Das löste Angst in der Bevölkerung und eine ungeheure Gegenbewegung aus. Die Anhörung fand in einer riesigen Halle statt. Und ich war überrascht, als ich merkte, dass auch eher konservative Gemeindeglieder Tag für Tag dort saßen. Sicher, der Bergbau hat auch Fehler gemacht und dachte, dieser Plan wird auch wieder wie alle anderen zuvor ruckzuck genehmigt sein. Weit gefehlt, am Ende führte die Geschichte zur „Walsumer Verständigung“ von 2005 und zur vorzeitigen Schließung der Zeche.

Erschreckend war die aufgeheizte Stimmung in der Bevölkerung zwischen Befürwortern und Gegnern. Es gab Beschimpfungen und durch manche Familien gingen Risse. Plakate wurden von hüben und drüben abgerissen. Veranstaltungen gab es unzählige, in denen in der Regel aufeinander eingeprügelt wurde oder nur eine Gruppe zu Wort kam. Eine haben wir vom KDA organisiert und es sollte die einzige sein, in der einigermaßen sachlich miteinander gesprochen wurde (unter diesem Link findet sich mehr zu der ganzen Geschichte der Auseinandersetzungen um diesen Rahmenbetriebsplan). Es war vor allem die Angst vor der Absenkung des Rheins und dessen Folgen (höhere Deiche), aber auch der Wertverlust von Eigenheimen. Dazu meldete sich das Umweltbewusstsein. Naturschutzverbände machten auf die Folgen aufmerksam und Politiker/-innen sprachen von der Notwendigkeit, „die Schöpfung zu bewahren“. Interessanterweise spielte der CO2-Ausstoß und die Folgen für das Klima noch keine Rolle. Es wurde eher kurzsichtig, „egoistisch“, genauer aus einem nationalen Blickwinkel heraus argumentiert. Denn es war klar, wenn die Kohle nicht aus der heimischen Erde geholt wird zur Verstromung, dann kommt sie eben aus China – und wird dort unter menschlich und ökologisch noch ganz anderen Umständen gefördert. Doch das spielte alles keine Rolle.

Im Streb

Irgendwann sind wir am Ziel.
Vor mir ein Loch.
76 Zentimeter hoch.
Der Streb liegt vor uns.
Jetzt heißt es krabbeln.
Erst noch die Lampe am Helm befestigen.
Dann hinein in die Enge.
Rechts von mir und über mir das schützende Schild.
Links das Transportband.
300 Meter soll der Streb lang sein.
Die Kumpel machen diesen Weg pro Schicht mehrmals.
Kaum zu glauben.
Wir müssen uns nur 25 Meter hindurch winden.
Mir reicht das auch.
Dann heißt es hinsetzen.
Gegenüber an der Wand glitzert es.
Das ist sie, die Kohle.
Ein Moment der Ehrfurcht.
Millionen Jahre lag sie in der Dunkelheit, jetzt kommt sie ans Licht
Der Hobel kommt von links heran gerauscht.
Ein Riesending, vielleicht fünf Meter lang.
3 cm hobelt er ab pro Vorbeifahrt.
Nach einer Weile kommt er von rechts zurück.
Dann bewegt sich etwas.
Ich erschrecke kurz, dann merke ich:
Das Förderband gleitet nach vorn, 6 cm.
Und das Schild über mir ebenso.
10 Meter pro Tag fräst sich die Maschine durch den Berg.
Und hinter ihr fällt in kürzester Zeit wieder alles zusammen.
Wahnsinn.

Es ist nicht erlaubt, unter Tage Fotos zu machen. Auf Youtube gibt es aber ein Video aus dem Jahr 2002, das die Atmosphäre und die Abläufe gut wieder gibt.Das beeindruckende Abhobeln der Kohle im Streb wird ab 17:16 beschrieben.
(Warum das Video bei 17:20 und nicht am Anfang beginnt, keine Ahnung…)

Zehn Jahre KDA in der Lohnhalle des Bergwerks West

2002 feiert die Regionalstelle für den KDA Duisburg-Niederrhein ihr zehnjähriges Bestehen. Auf Einladung der DSK (Deutsche Steinkohle AG) findet die Feier in der Lohnhalle des Bergwerks West in Kamp-Lintfort statt. Ein deutliches Zeichen für die Verbundenheit zwischen Kirche und Kohle und das Engagement der Regionalstelle in diesem Bereich. Jürgen Schmude, damals Präses der EKD-Synode, hält den Festvortrag. Neben Horst Manja als 1. Bevollmächtigter der IG Metall Duisburg und mir als Vorsitzendem des Geschäftsführenden Ausschusses spricht noch Bernd Tönnjes, Vorstandsvorsitzender der DSK . Ein kleiner Auszug aus meiner Rede:

„Wir feiern heute in der Lohnhalle des Bergwerks West in Kamp-Lintfort. Sie haben sich schnell und überaus einsatzbereit bereit erklärt, uns den Raum und auch Ihre Mitarbeiter für diese Feier zur Verfügung zu stellen. Das hat uns sehr gefreut, zeigt es doch, dass z. B. zum Bergbau in diesen Jahren intensive Kontakte entstanden sind, die hier einmal exemplarisch Früchte tragen. Dabei ist es keineswegs so, dass der KDA dem Bergbau unkritisch gegenüber stände. Gerade in den heftigen Auseinandersetzungen um den Rahmenbetriebsplan des Bergwerks Walsum in den letzten beiden Jahren gelang es dem KDA, mit allen Konfliktparteien gleichermaßen im Gespräch zu bleiben. Diese Haltung hat dem KDA nicht nur Freunde, sondern auch Kritiker eingebracht. Aber in manchen Situationen muss man vermitteln, in anderen ohne Wenn und Aber Partei ergreifen, so wie es der KDA in vielen Auseinandersetzungen um Arbeit auch getan hat.
Also: wir sind gerne Ihrer Einladung gefolgt, heute hier in Kamp-Lintfort zu feiern. In einer Stadt, in der 1995 Bergarbeiterfrauen mehrere Wochen lang Zuflucht in der Christuskirche gesucht und gefunden haben.“

Rückmarsch

Wir kriechen zurück.
Das geht überraschend flott.
Aufrichten, strecken, durchatmen.
Das war schon eng …
Kurze Pause.
Dann geht es zurück durch die endlosen Gänge.
An einer Aufstiegstation machen wir halt.
Unser Begleiter stoppt das Förderband.
Wir steigen auf, legen uns auf den Bauch.
Mit einem kleinen Ruck geht es los und wir rasen durch den Berg.
Das macht Laune!
Zweimal heißt es umsteigen.
Stoppen, runter vom Band.
Ein paar Meter weiter bis zum nächsten laufen, hochklettern und weiter.
Das ist echt irre.
Viel zu schnell ist es vorbei.

Der Bergbau gerät aus dem Blick

Mit den Auseinandersetzungen um den Rahmenbetriebsplan und den Vereinbarungen zu den Zechenschließungen setzen zwei Entwicklungen ein, die für mich als KDAler dazu führen, dass der Bergbau nach und nach aus dem Fokus gerät.

Einerseits werden viele Kumpel durch die sozialverträgliche Abwicklung der Schließungen von hier nach dort versetzt. Sie wohnen nicht mehr dort, wo sie einfahren. Das lockert die vormals engen Beziehungen zu den Orten und auch die Verbindung Kirche und Kohle. Und die Schließung von Lohberg und Walsum gehen auch verhältnismäßig geräuschlos über die Bühne. In Lohberg entsteht unter Einbeziehung etlicher Gebäude ein Kreativpark auf dem ehemaligen Zechengelände, ein Naherholungsgebiet und ein Neubaugebiet. Der Schacht Voerde, zur Zeche Walsum gehörend, wird zurück gebaut, dadurch werden auch Flächen frei, die einst meine Kirchengemeinde an die Ruhrkohle verpachtet hatte. Unvergessen bleibt mir ein Geburtstagsbesuch, wo zum 85. Jubelfest eines Kumpels der Bergmannchor kommt und im Garten drei Lieder singt, mit Stolz und Wehmut gleichermaßen in der Stimme.

Andererseits ziehen wir im KDA am Niederrhein aus den Diskussionen die Konsequenz, uns mit anderen Formen Energieversorgung und -gewinnung zu beschäftigen. Eng damit verbunden ist die Frage nach Ersatzarbeitsplätzen, denn nicht jeder Bergmann kann z.B. bei der Tunnelbaustelle am Gotthardt eine neue Beschäftigung finden. So besuchen wir u.a. die Firma Winergy in Voerde, die rasant wächst und mittlerweile ein Beschäftigungsmotor in der Stadt ist mit ihren Antriebskomponenten für Windkraftanlagen.

Aufwärts

Müde und hungrig quetschen wir uns erneut in den engen Korb.
Abdeckung runter und es geht hinauf.
Es wird schnell kälter.
Und schon ist es vorbei.
Der Korb hält, wir steigen aus.
Dunkel ist es hier oben geworden.
Es regnet und ist ziemlich frisch.
Unsere Grubenfahrt hat ein Ende.
Es geht zurück zum Hauptgelände.
Foto, klar, das muss sein.
Stiefel aus, Helm runter, Gürtel ab.
Dann Imbiss, mit ungewaschenen Händen.
Vor der Dusche und der Heimfahrt.

Ende 2018

Neu kommt der Bergbau erst wieder Ende 2014 in mein Blickfeld, als ich nach Osnabrück ziehe und nun als Referent im KDA der hannoverschen Landeskirche arbeite. Ibbenbüren liegt nur ein paar Kilometer jenseits der nahen Landesgrenze. Ich erinnere mich daran, dass der heutige Arbeitsdirektor Jörg Buhren-Ortmann 1992 Gründungsmitglied des synodalen Fachausschusses des KDA im Kirchenkreis Dinslaken war. Und den Öffentlichkeitsbeauftragten Uwe Reichow kenne ich auch noch vom Niederrhein her. So entstand die Idee einer Grubenfahrt speziell für Menschen, die an verschiedenen Stellen in Kirche tätig sind, aber noch nie unter Tage waren. Erst später, als die Grubenfahrt längst ausgemacht war, stoße ich auf die reichhaltige Bergbautradition in Osnabrück und Georgsmarienhütte und besuche das Industriemuseum am Piesberg.

Noch einmal einfahren zu können, war für mich eine Reise in die Vergangenheit. Vieles stand mir wieder vor Augen, was ich seit 1992 erlebt habe, seit ich im KDA anfing. Zuhause habe ich nachgelesen in meinen Aufzeichnungen und fand auch die verschiedenen Zeitungsartikel. Während ich das nun aufgeschrieben habe, war ich beeindruckt von der Fülle der Ereignisse und Diskussionen, die sich für mich in der Begegnung mit dem Steinkohlebergbau und den Kumpels ergeben haben.

Die Grubenfahrt im Februar 2016 war eine der letzten Einfahrten für Besuchergruppen, da die Abbaugebiete demnächst noch weiter vom Nordschacht entfernt sein werden und nicht mehr erreicht werden können. Aber die Idee kommt auf, die Schließung der Zeche in Ibbenbüren 2018, die zugleich das Ende des deutschen Steinkohlebergbaus bedeutet, zum Anlass nehmen, dies aufzugreifen und mit der Tradition in Niedersachsen zu verbinden. Den Spuren finden sich sowohl in der Landschaft als auch in den Köpfen und Herzen – und auch die Zeche in Ibbenbüren gehörte einst zur Preussag bzw. zu TUI, also Konzernen mit niedersächsischer Geschichte. Wir werden diese Idee weiter verfolgen.

Was macht eigentlich ein KDA-Referent?

Titelbild Pageflow: Was macht eigentlich ein Referent im KDA?

Diese Frage ist mir in meinem ersten Jahr als Referent im Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt immer wieder gestellt worden. Dazu habe ich auf stories-e.de ein Pageflow erstellt und versucht, dort eine Antwort auf diese Frage zu geben. Viel Spaß beim Durchklicken!

Rückblick auf 21 Jahre Synodalauftrag KDA (Kirchlicher Dienst in der Arbeitswelt) im Kirchenkreis Dinslaken

[Diesen längeren Text gibt es auch zum Download als PDf:
Rückblick auf 21 Jahre Synodalauftrag KDA im Kirchenkreis Dinslaken]

1. Einleitung

Im Übergang zu meiner neuen Tätigkeit als KDA-Pfarrer in Osnabrück/Ostfriesland-Emsland stoße ich beim Aufräumen auf die Protokolle des Fachausschusses KDA im Kirchenkreis Dinslaken seit seiner Gründung 1993. Eine spannende Geschichte wird vor meinen Augen wieder lebendig.

2. Regionalstelle KDA in der Region Duisburg/Niederrhein

2002 feiert die KDA-Regionalstelle ihr zehnjähriges Jubiläum in Kamp-Lintfort. In der Christus-Kirche predigte der damalige Vizepräses der rheinischen Landeskirche, Nikolaus Schneider, die Festrede in der Lohnhalle des Bergwerks West hielt Hans-Joachim Schmude. Ich selbst eröffnete den Festakt als Vorsitzender des Geschäftsführenden Ausschusses der Region mit diesem Rückblick:

„Ich kann mich gut noch daran erinnern, wie auf der Herbstsynode des Kirchenkreises Dinslakens im Jahr 1990 Superintendent Ulrich Bendokat von dem Projekt KDA erzählte und nach einem Menschen suchte, der Interesse daran hätte, die KDA-Arbeit für den Kirchenkreis Dinslaken mit aufzubauen. Ich habe damals als Jungpfarrer nicht gezögert und sofort die Hand gehoben, weil ich wusste, das ist was für dich: auf der einen Seite habe ich als Sohn eines mittelständigen Unternehmers wirklich alle Höhen und Tiefen der Arbeitgeberseite mit erlebt, auf der anderen Seite war einer meiner Schwerpunkte im Theologiestudium die sozialethische Frage, vermittelt vor allem von Wolfgang Huber, damals Professor in Marburg, heute Bischof in Berlin-Brandenburg.

Die Regionalstelle entstand nicht aus dem Nichts. In den 80er Jahren gab es bereits Aktivitäten einzelner Personen und einiger Ausschüsse, die versuchten, Kirche und Arbeitswelt ins Gespräch zu bringen. Ein großer Impuls war der Arbeitskampf in Rheinhausen, der aufzeigte, dass eine flächendeckende und kontinuierliche kirchliche Arbeit im Themenfeld Arbeitswelt sinnvoll, vielleicht sogar notwendig ist. Sechs Synoden konnten davon überzeugt werden. Und so gründeten 1992 die Kirchenkreise Duisburg-Nord, Duisburg-Süd, Moers, Kleve, Wesel und Dinslaken diese Einrichtung, errichteten zwei Pfarrstellen und eröffneten ein Büro in Duisburg im Burgacker. Die beiden Pfarrer, die schließlich auf die Pfarrstellen berufen wurden, waren in der Region wahrlich keine Unbekannten: Hans-Peter Lauer und Jürgen Widera.“

3. Konzeption der Fachausschussarbeit

Grundpfeiler der Arbeit war von Anfang an, dass in den sechs Kirchenkreisen der Region Ansprechpartner_innen vor Ort berufen (Synodalbeauftragungen) und Fachausschüsse eingerichtet wurden. Diese Fachausschüsse setzten sich zusammen aus kirchlichen Mitarbeitenden und Personen aus der Wirtschaft.

Am 17. März 1993 konstituierte sich der Fachausschuss im Kirchenkreis Dinslaken. Ich liste die Teilnehmer_innen aus dem Protokoll auf, so ergibt sich ein Eindruck, wen wir für diese Arbeit interessieren konnten:

Frau Bautz, Referat für Frauenarbeit und Erwachsenenbildung im Kirchenkreis
Herr Lorenz, Diakonisches Werk Dinslaken
Frau Marx, Diakonisches Werk Dinslaken
Herr Plückelmann, Gesamtbetriebsratsvorsitzender Ruhrkohle AG Niederrhein
Herr Dringenberg, Pfarrer Duisburg-Vierlinden
Herr Thie, Geschäftsführer des Evangelischen Krankenhauses Dinslaken
Herr Beilharz, Unternehmer in Essen mit Wohnsitz in Hünxe
Herr Jung, Pfarrer Götterswickerhamm
Herr Lauer, Pfarrer im KDA
Herr Widera, Pfarrer im KDA
Herr Hülsdonk, Vikar im Sonderdienst beim KDA
Entschuldigt waren:
Herr Buhren-Ortmann, IGBE in Lohberg
Herr Greiner, Pfarrer, im Kirchenkreis zuständig für die Flüchtlingsarbeit

Hans-Peter Lauer stellte das Konzept des KDA vor. Im Protokoll heißt es dazu:

„Herr Lauer weist zunächst darauf hin, daß Kirche und Arbeitswelt meist als getrennte Bereiche emp­funden werden. Dabei seien die Menschen in den Gemeinden doch Arbeitnehmer, die täglich viele Stunden an ihrem Arbeitsplatz zubringen und von ihrer Arbeit mitgeprägt werden. Erste Aufgabe des KDA sei daher, Arbeitswelt mit all ihren Facetten wahrzunehmen, Kontakte zu Betrieben aufzubauen, Besuche zu machen und Gespräche zu führen. Ein weiterer Schritt sei dann, zu überlegen, wie wir dann die Arbeitswelt aus biblisch-sozialethischer Sicht beurteilen. Als dritter Schritt käme dann die Aufgabe, nach Handlungsmöglichkeiten zu suchen.“

4. Kreissynode zum Strukturwandel und Gründung Berufshilfeverein (1994)

Im letzten Satz von Lauer taucht bereits ein Credo der Regionalstelle auf: Kirchliches Handeln und Reden müssen übereinstimmen. Als daher der junge KDA beauftragt wurde, im Jahr 1994 eine Kreissynode zum Strukturwandel in der Region vorzubereiten, befragten wir vom Fachausschuss aus zunächst alle Gemeinden zu ihren Beobachtungen. In den Auswertungsgesprächen erwuchs schnell die Idee, der Synode die Gründung eines Beschäftigungsförderungsprojekt vorzuschlagen. Die Synode folgte diesem Antrag. [Hier findet sich mein Vortrag zur Vorstellung des Antrags]. Es entstand der Verein für Berufshilfe, der in den folgenden Jahren erfolgreich ABM-Massnahmen durchführen konnte. Eine Anleiterstelle wurde durch den Arbeitslosenfond der EKiR finanziert. Mit Höhen und Tiefen existiert der Verein bis heute. Schon lange ist die Arbeit auf andere Arbeitsfelder ausgeweitet worden. Daher wurde der Verein umbenannt und heißt heute „Diakonieverein im Kirchenkreis Dinslaken“. Anfangs war der KDA mit zwei geborenen Mitgliedern im Vorstand präsent (Synodalbeauftragung und ein Pfarrer der Regionalstelle), nach der Umbenennung hat der KDA immer noch einen Sitz im Vorstand. Kurz vor meinem Stellenwechsel feiert der Verein am 24. Oktober 2014 sein 20jähriges Jubiläum.

Edit 27. Oktober: Hier ein Link zum Zeitungsbericht über die Jubiläumsveranstaltung

5. Strukturwandel in der Region

Strukturwandel in der Region, Umbau des Sozialstaats – das blieben in den folgenden Jahren Stichworte der Arbeit im Fachausschuss. Ausgehend von Gesprächen mit den Gewerkschaften gab es vor allem Bemühungen, kirchliche Einrichtungen an der Ausbildung Jugendlicher zu beteiligen. Die Gewerkschaften kritisierten uns hier als Kirche: Ihr fordert zwar mit anderen zusammen, dass für die große der Zahl der nach Ausbildung suchenden Jugendlichen entsprechende Angebote durch die Wirtschaft und die öffentliche Hand bereit gestellt werden. Selbst leistet ihr aber kaum einen Beitrag. In den Gesprächen verwiesen wir einerseits auf die spezifische Struktur unserer Arbeitsplätze und auf das hohe Engagement unserer Kindergärten, angehenden Erzieherinnen im Vorpraktikum bzw. im Anerkennungsjahr Plätze zur Verfügung zu stellen. Auf der anderen Seite versuchten wir die damals noch nicht zentralisierten Verwaltungen im Kirchenkreis zu ermutigen, Ausbildungsplätze im Verbund einzurichten, da die Einrichtungen vor Ort oft zu klein waren, um eine angemessene und das heißt umfassende praktische Ausbildung in der Verwaltung zu ermöglichen. Ich bin mir nicht mehr sicher, ob dies gelang, in späteren Jahren wurde in den zunehmend zentralisierten Verwaltungen die Einrichtung von Ausbildungsplätzen zwar immer auch unter Kostenfaktoren diskutiert, am Ende aber positiv entschieden.

Ab 1995 beteiligten wir uns an dem breiten Konsultationsprozess zu dem ökumenischen Papier „Zur wirtschaftlichen und sozialen Lage in Deutschland“, das 1997 erschien. Wir untersuchten die Vorlage im Fachausschuss und reichten auch Änderungsvorschläge ein.

Immer wieder wurden in Sitzungen aber auch die innerkirchliche Arbeitsbeziehungen in den Blick genommen. „Wir sind uns der eigenen Rolle als Arbeitgeber selten bewusst“, formulierte ich in einem frühen Statement auf einer Kreissynode.

6. Heilig Abend 1996, Gottesdienst auf Sohle 4, Bergwerk Lohberg/Osterfeld

Ein besonderes Highlight war am 24. Dezember 1996 der Ökumenische Gottesdienst auf der 4. Sohle des Bergwerks Lohberg/Osterfeld.Ministerpräsident Wolfgang Clement reiste eigens an, dazu Landtagsabgeordnete und Bürgermeister aus der Region. Und das Fernsehen war auch dabei. In die Gottesdienste der Gemeinden wurden Grubenlampen gebracht. Die Lampe, die damals einige Stunden später im Gemeindehaus Rönskenhof brannte, steht noch immer auf meiner Fensterbank und wird auch nach Osnabrück mit umziehen. Die Initiative zu diesem Gottesdienst ging nach meiner Erinnerung nicht vom KDA, sondern von der Kirchengemeinde Lohberg und dem Ortspfarrer Harro Düx aus. Der Gottesdienst zeigt eindrucksvoll die enge Verbundenheit von Kirche und Bergbau in der Region. Fünf Jahre später wäre ein Besuch eines Ministerpräsidenten zu solch einer Veranstaltung undenkbar gewesen, daran wird der rasante Wandel in der Region anschaulich. Der Wandel in der Struktur der Erwerbsarbeitsplätze und in der Mentalität (siehe dazu unten 8.)

7. Erste Studienfahrt nach Paris ins Foyer le Pont und Citi-Bank-Streit (1999)

Im Mai 1999 fand das erste Kooperationsseminar mit dem DGB im Foyer le Pont in Paris statt. Seither gab es in jedem Jahr mindestens eine Fahrt, oft auch zwei Reisen, die über die KDA-Regionalstelle organisiert wurden. Der Blick über den eigenen Tellerrand und die große Unterstützung der Mitarbeitenden im Foyer bei der Vermittlung von Kontakten, Gesprächen und Besuchen vor Ort machten diese Fahrten beliebt und erfolgreich. Der DGB verabschiedete sich nach einigen Jahren aus mit Mitverantwortung, dafür kam es nach zu einer jährlichen gemeinsamen Fahrt zwischen Mitgliedern der KDA-Region und Mitarbeitenden aus dem Kirchenkreis Leverkusen (bedingt durch die enge Freundschaft von Jürgen Widera und Gerd-René Loerken, dem Superintendenten des Kirchenkreises Leverkusen). „Zwischendurch“ organisierten wir weitere Fahrten für Presbyteriumsmitglieder oder Ehrenamtliche aus dem Kirchenkreis Dinslaken. Der Effekt war und ist immer der gleiche: Die Fahrten sind ein Selbstläufer. Das Programm regt immer an und durch die mittlerweile vorhandenen Ortskenntnisse sind die Fahrten auch stressfrei durchzuführen.

Im Herbst 1999 begann der Rechtsstreit mit der Citibank. Kurz nachdem dieser zu Ende war, eröffnete sich mir die Chance, im Synodalgottesdienst zu predigen. Ich beschloss, in der Predigt den Streit theologisch zu reflektieren. Einige Auszüge aus der Predigt:

„Im September 1999 kam Hans-Peter Lauer zu mir und fragte, ob ich als Vorsitzender damit einverstanden sei, dass er sich in der Kampagne Citi-Critic, die sich mit Missständen bei der Citi-Bank beschäftigt, als Sprecher engagieren könne und auch Handzettel und Flugblätter als Verantwortlicher unterzeichnen dürfe. Ich habe dem zugestimmt, später auch der gesamte Geschäftsführende Ausschuss.
Wochen später rief er mich an und teilte mir mit, dass gerade eine Klage der Citi-Bank gegen ihn ins Haus geflattert sei. Die Citi-Bank ging gegen ein Flugblatt und eine Postkarte mit einem Boykott-Aufruf vor und verlangte die Unterlassung einiger ihrer Meinung nach falschen Aussagen mit der Androhung eines Strafgeldes von 100.000.- DM
Im ersten Moment waren wir wie vor den Kopf gestoßen. Mit solch einer scharfen Reaktion hätten wir nie gerechnet. Da wurde der Pfarrer Hans-Peter Lauer von einer der größten Banken der Welt verklagt. Es wurde uns deutlich gemacht, dass die Citi-Bank genügend Geld und Rechtsanwälte hat, um auch einen langen und teuren Rechtsstreit zu führen.
Wir versuchten, zunächst einmal zu sortieren. In einem frühen Gespräch half uns Oberkirchenrat Immel mit einer ersten juristischen Einschätzung. Mit der Zeit fand sich der Rechtsbeistand, es klärte sich, wer Herr des Verfahrens auf kirchlicher Seite war. Es gab viele Gespräche. Wir überlegten: Was kommt da auf uns zu? Wir fragten auch: Was könnte uns das kosten? Es war klar: Es gab hier Risiken. Dieser Rechtsstreit kann Geld kosten. Geld der Kirche. Anvertrautes Geld, Kirchensteuermittel. Also auch Geld des Kirchenkreises Dinslaken. Denn eines war von Anfang unstrittig: Pfarrer Lauer hatte sich hier im Auftrag der Kirche engagiert, es war nicht sein Privatvergnügen. Im schlimmsten Falle würden die sechs Kirchenkreise nach der Satzung der Regionalstelle dafür zahlen müssen. Ich gestehe, dass ich da schon des öfteren mulmige Gefühle hatte…
Trotz dieser Gedanken (…): die Frage möglicher Kosten stand nie entscheidend im Vordergrund. In Gesprächen im GA, in der Regionalstelle, im Landeskirchenamt, mit den sechs Superintendenten wurde immer auch über Geld gesprochen, aber viel wesentlicher waren die Fragen: Was geschieht hier eigentlich? Wie stehen wir als Kirche zu diesem Vorgang? Wie bewerten wir das Vorgehen der Bank und Lauers? Dürfen wir hier klein beigeben? Uns ängstlich zurückziehen? Oder entspricht ein Engagement an dieser Stelle dem Auftrag der Kirche, so wie wir ihn verstehen? Und da gab es von Anfang an eine bemerkenswerte Geschlossenheit: Es gab kaum eine ablehnende oder zurückhaltende Meinung. Selbst in Frauen- und Seniorenkreisen war die Aufmerksamkeit und die Zustimmung groß. Überall, wo ich dieses Thema anschnitt, war die Meinung: Pfr. Lauer und der KDA engagieren sich hier zurecht.
Diese große Geschlossenheit machte uns im KDA Mut, selbst in die Offensive zu gehen. Und zwar schon zu einem Zeitpunkt, als noch völlig offen war, wie der Prozess ausgehen würde. Wir starteten auf evangelischer und katholischer Seite eine Gemeindebriefaktion. Alle Gemeindebriefredaktionen am Niederrhein wurden gebeten, eine Doppelseite zu veröffentlichen, auf welcher der Protest gegen die Citi-Bank vorgestellt und begründet wurde. Weitere Aktionen können wir uns sehr wohl auch noch vorstellen.“
(Die ganze Predigt gibt es hier: Ihr seid das Licht der Welt und mein Wort wird nicht leer zurückkommen)

Die Auseinandersetzung war aufregend, spannend, lehrreich. Die Regionalstelle hatte das Glück, in dieser Frühzeit des Internets entsprechende Unterstützer zu haben, die schneller als alle anderen Medien und die Bank selber nach den jeweiligen Prozessterminen „unsere“ Meinung veröffentlichten. Mit dem Effekt, dass auch die „großen“ Medien auf die – auch aus damaliger Sicht erbärmlich schlecht gemachte – Website schauten, um die aktuellsten Informationen, oder besser: den Originalton des KDA zu vernehmen.

Beeindruckend waren einige Sätze aus der Urteilsbegründung des Landgerichts:

„(Die Kirchen beschränken sich) rechtmäßigerweise von jeher nicht auf die reine Pflege religiöser Gedanken und Bräuche, sondern beteiligen sich aktiv am öffentlichen, politischen Leben und an der Gestaltung von Staat, Gesellschaft und Rechtsordnung. Ihnen wird daher ein politischer Öffentlichkeitsanspruch zuerkannt. Es ist geradezu die natürliche Aufgabe der Kirche, sich im sozialen Bereich für die Benachteiligten einzusetzen. Es ist daher nicht nur das Recht der Kirche, sondern ihre vom Verfassungsgeber im öffentlichen Interesse begründete Pflicht, zu negativen sozialen Entwicklungen Stellung zu nehmen. Gerade um diese öffentliche Aufgabe im sozial so relevanten Bereich wie der Arbeitswelt wahrzunehmen, wurde der KDA geschaffen.“

Solche Worte eines staatlichen Gerichts zur Arbeit des KDA, das hat uns gefreut.
Der Prozess wurde vom KDA gewonnen. Viele Jahre später lernten wir ehemalige Mitarbeiter der Citi-Bank kennen, die den Rechtsstreit von ihrer Seite aus mit zu betreuen hatten. Der Austausch darüber war noch einmal aufschlussreich. Irgendwer müsste die Geschichte dieser Auseinandersetzung mal aufschreiben und dazu mit den „Zeitzeugen“ der verschiedenen Parteien sprechen, das gäbe einen schönen Aufsatz.

8. Der Streit um den Rahmenbetriebsplan Walsum (2000/01)

Die Auseinandersetzung um den Rahmenbetriebsplan für das Bergwerk Walsum stellte uns als Kirche vor besondere Herausforderungen. Lange Jahre hatten wir an der Seite der Bergleute gestanden und für einen langsamen, geordneten Strukturwandel gestritten. Nun zeigte sich, dass der Bergbau offensichtlich in weiten Teilen der Bevölkerung in der Region an Akzeptanz verloren hatte.

Im Herbst 2000 bildet sich in Dinslaken und Voerde, aber auch in Duisburg-Walsum eine Bürgerbewegung. Hintergrund war nicht nur die Tatsache, dass nach dem neuen Rahmenbetriebsplan das Bergwerk Walsum unter einem Gebiet abbauen sollte, das bisher von Bergschäden weitgehend verschont geblieben ist. Nein, es zeigte sich, dass viele Menschen nicht mehr bereit waren, für einen (angeblich) sterbenden und auslaufenden Bergbau schwere Belastungen hinzunehmen.

Es entstand eine umfassende öffentliche Diskussion. Leserbrief folgt auf Leserbrief, die meisten dem Bergbau gegenüber klar ablehnend. Presbyterien und KSV im Kirchenkreis Dinslaken beschäftigen sich mit der Frage, ob angesichts eigener Gebäude und Liegenschaften, die in Zukunft von Bergschäden bedroht wären, Einwände erhoben werden sollten. Oder gar erhoben werden müssen – denn schließlich sind Gemeinden und Kirchenkreis zur Erhaltung des kirchlichen Vermögens verpflichtet. Eine Gemeinde entscheidet sich für Einwände, andere belassen es bei Nachfragen.

Ich weiß noch, mir taten die Verantwortlichen des Bergwerks leid, die nicht müde wurden, auf vielen Veranstaltungen ihren Entwurf vorzustellen. In der öffentlichen Diskussion wurde aus meiner Sicht zu selten deutlich gemacht wird, dass die Mitarbeitenden des Bergwerks Walsum gesetzlich verpflichtet waren, einen Rahmenbetriebsplan zu diesem Zeitpunkt aufzustellen.  Sie badeten damit aus, dass jedes Bergwerk einen eigenen Plan aufstellen musste. „Eingequetscht“ zwischen anderen Schachtanlagen rechts und links hatte Walsum keine andere Wahl, als den Abbau unter dem Stadtgebiet von Voerde und unter dem Rhein ins Auge zu fassen.

In einem Leserbrief fragen Jürgen Widera und ich, ob nicht in der Diskussion auch der mögliche Verlust von Arbeitsplätzen mit reflektiert werden müssen und nicht Umweltfragen. [Hier findet sich der Wortlaut des Leserbriefs.]

Im Dezember 2000 findet in Spellen eine öffentliche Veranstaltung statt, die von Mitgliedern des Presbyteriums der evangelischen Kirchengemeinde und des katholischen Kirchenvorstands vorbereitet wird. Die Moderation übernahm Jürgen Widera von der KDA-Regionalstelle, auf dem Podium sitzen alle Konfliktparteien: Kommune, Bergwerk, Bürgerinitiative, Naturschutzbund. Auch wenn in dieser Veranstaltung mitunter die Wogen hoch schlugen, anschließend wurde von allen Seiten lobend festgehalten, dass dies im Vergleich mit anderen öffentlichen Diskussionen eine sehr friedliche Veranstaltung war. Ein markantes Beispiel für die Rolle, die der KDA als Moderator in arbeitsweltbezogenen Konflikten wahrnehmen kann.

Im Verlauf der Auseinandersetzung wurde mir immer mehr bewusst, dass der Schlüssel zur Lösung des Konfliktes nicht hier am Niederrhein zu finden ist, sondern in Berlin und Brüssel. In den Folgejahren beschäftigen wir uns daher im KDA im Kirchenkreis intensiv mit Fragen der Energiegewinnung, Versorgungssicherheit usw.
Ausführlich reflektierte ich den Konflikt für mich und die Kreissynode – auch theologisch – in meinem Synodalbericht 2001. [Link zum Synodalbericht]

In der Rückschau markiert diese Auseinandersetzung nicht nur den Beginn des Endes des deutschen Steinkohlebergbaus, sondern für mich auch eine Wende in der Ausrichtung der Arbeit im KDA in der Region. Stahl und Kohle, die großen Arbeitgeber über Jahrzehnte, waren bis dato auch die wesentlichen Ansprech- und Kooperationspartner für Kirche und KDA. Das änderte sich nun. Nach und nach. Andere Betriebe kamen in den Blick, Handel, Logistik, Mittelstand. Und Hartz IV.

9. Synodenbeschluss zu Hartz IV (2004)

Die Hartzgesetze und die damit veränderte staatliche Konzeption zu Fördern und Fordern, workfare statt welfare, wurden im Fachausschuss intensiv diskutiert. Einmal wurden wir damit konfrontiert, wie erwerbstätige Menschen auf diesen Paradigmenwechsel reagierten, zum anderen hing die Zukunft des Berufshilfevereins, unseres Beschäftigungsförderungsprojekts im Kirchenkreis von der Ausgestaltung der neuen Regelungen aus.

Es war ein glücklicher Zufall, dass ich just im Sommer 2004 meine Magisterarbeit im Bereich Berufs- und Wirtschaftspädagogik an der Fernuni in Hagen zu einem Teilaspekt der Hartzgesetze schrieb (über die spezifischen Fördermöglichkeiten für Jugendliche unter 25 Jahren). Dies ermöglichte mir einen vertieften Einblick in die Systematik der Hartzgesetze, die an manchen Stellen vielversprechender waren als ihr Ruf – genauer gesagt: die Hartzkomission hat manche Idee eingebaut, die von den Ausführungsbestimmungen und der Politik in den Folgejahren entweder ignoriert oder verschärft wurden. Wie auch immer, die Hartzgesetze lösten Angst aus. Der verringerte und verkürzte Arbeitslosengeldanspruch machte vielen Erwerbstätigen deutlich, dass sie genau 12 Monate von Sozialhilfe, oder wie es jetzt hieß, „Hartz IV“ entfernt waren. Ich erinnere ein Gespräch mit einer kirchlichen Mitarbeiterin, die im Zuge der damals schon laufenden Umstrukturierungen eine Zeit lang fürchten musste, ihre Stelle zu verlieren. „Wenn es dazu kommt, werde ich auf jeden Fall klagen. Früher hätte ich das nicht gemacht, aber die neuen Gesetze machen mir Angst, Angst vor dem Absturz innerhalb von nur einem Jahr.“ Dieses Klima von Angst ist für mich der zentrale Faktor bei der Bewertung der Gesetze im Rückblick. Der Sozialstaat, der Wohlfahrtsstaat verabschiedete sich ein Stück weit und versuchte über Druck Menschen in Bewegung zu versetzen. Das konnte nicht funktionieren, da es einfach nicht mehr Stellen gab als vorher. [Mehr zur Systematik und Bewertung der Hartzgesetze finden sich in meiner Magisterarbeit.]

Diese Veränderungen haben wir in vielen Gesprächen, Sitzungen und Veranstaltungen diskutiert und reflektiert. Die mündete am Ende in einen Synodalbeschluss der Kreissynode Dinslaken. Denn es war die Frage zu klären, ob und unter welchen Bedingungen sich Kirche und Diakonie an den neu geschaffenen „Ein-Euro-Jobs“ beteiligen sollten. Wir formulierten folgende fünf Kriterien, denen die Synode folgte:

„- eine ausreichende sozialpädagogische Betreuung muss gewährleistet und finanziert sein;
– die Qualifizierungsbausteine (ca. 20% d. Arbeitszeit) müssen zielgruppenspezifisch ausgerichtet sein;
– durch eine begrenzte Anzahl von Arbeitsgelegenheiten je Einrichtung kann die Praxisanleitung individuell erfolgen;
– die Arbeit muss sinnvoll sein, damit (insbesondere bei den jungen Erwachsenen) eine Gewöhnung an und Motivation für geregelte Arbeit entsteht;
– eine Hinführung auf den ersten Arbeitsmarkt muss zumindest als Zielperspektive im Blick sein.“

Andere Synoden und Kirchenkreise votierten anders, unsere Entscheidung war eine der ersten im Rheinland und wurde mehrfach erbeten, um die eigene Diskussion zu befördern.

Zehn Jahre danach haben wir uns an Hartz IV und die damit einhergehende kältere Gesellschaft gewöhnt. In der Rückschau wird mir gerade hier noch einmal bewusst, wie überfällig die Diskussion über den Mindestlohn war: Die immense Zahl der sog. „Aufstocker“ zeigt, dass die Wirtschaft vielfach auf dem Rücken der Gemeinschaft Niedriglohnsektoren schuf. In der gegenwärtigen wirtschaftlichen Situation sind es „nur noch“ die Langzeitarbeitslosen, die auf dem Arbeitsmarkt gar keine Chancen haben. Für die Langzeitarbeitslosen einzutreten bleibt eine zentrale Aufgabe der Kirchen und damit des KDA. Vielfach wird zu Recht beklagt, dass außer den Kirchen kaum noch jemand in der Öffentlichkeit für das Heer der „Sockelarbeitslosigkeit“ eintritt. [Dazu gab es 2013 eine Studie des Instituts für Bildungs- und Sozialpolitik (ibus) der Hochschule Koblenz, die in Kooperation mit dem Bistum Trier, der Evangelischen Kirche im Rheinland sowie der LIGA der Freien Wohlfahrtspflege Rheinland-Pfalz und Saar erstellt wurde, in der Betroffene befragt wurden. Hier ein Link zu einem Pressetext, der über die Vorstellung der Studie berichtet. Die Studie selbst findet sich unter nachfolgendem Link: Endstation Arbeitsgelegenheit? ]

10. Vorsitz KDA-Konferenz Rheinland (2004 – 2009)

2004 wählt mich die KDA Konferenz Rheinland zu ihrem Vorsitzenden. Die Konferenz war seit ihrer Gründung Mitte der neunziger Jahre ein Zusammenschluss der haupt-, neben- und ehrenamtlichen KDA-Mitarbeitenden im Rheinland. Im Zuge der verstärkten Strukturdiskussionen um die Zukunft von KDA und Sozialethik (ausgehend von der bevorstehenden Pensionierung des Dezernenten und KDA-Landespfarrers Ludwig Rieber) ging dieser Wahl eine taktische Überlegung voraus. Wir ahnten, dass die Zahl der Hauptamtlichen weiter sinken und damit die Unterstützung der Ehrenamtlichen immer schwieriger wird (so kam es dann auch). In dieser Situation habe ich mich als Nebenamtlicher wählen lassen, weil wir sagten: Ein hauptamtlicher Vorsitzender kann nicht so gut Sprachrohr für die neben- und ehrenamtlichen Tätigen sein. Genützt hat es nichts, aber die Aufgabe hat mir viel Freude gemacht und mir noch einmal andere Einblicke in die Arbeit der Landeskirche verschafft. Über verschiedene Kanäle erhielt ich auch Einblick in die Tätigkeit von KDA´s anderer Landeskirchen. Es gab regelmäßige Dienstgespräche im Landeskirchenamt mit dem Dezernenten und den dortigen Mitarbeitenden. Ich wurde als Vorsitzender der Konferenz in den Sozialethischen Ausschuss der EKiR entsandt und war faktisch Jahr für Jahr gesetzt, um an den Bundes-KDA-Konferenzen teilzunehmen. Vereinzelt vertrat ich Ludwig Rieber bei KDA-Veranstaltungen, auch auf EKD-Ebene.

Es folgten Jahre mit langwierigen, quälenden Diskussion, vielen Briefen, Gesprächen und Stellungnahmen. Alle Versuche scheiterten, das bisherige, betriebsorientierte Konzept mit einer „Gehstruktur“ in irgendeiner Form, wenn auch abgespeckt, zu erhalten. Das war schmerzlich, weil wir von den Chancen und Möglichkeiten einer solchen – wir nannten sie immer: – missionarischen Ausrichtung der KDA-Arbeit überzeugt waren (und sind).

2009 gab ich den Vorsitz wieder ab, als sich abzeichnete, dass es auf Dauer keine hauptamtliche Stelle(n) im KDA auf landeskirchlicher Ebene geben wird, sondern die bisherigen Aufgaben von Ludwig Rieber aufgeteilt wurden und teils von Kordula Schlösser-Kost im Landeskirchenamt und teils von Peter Mörbel neben seiner Tätigkeit als Studienleiter an der Akademie Rheinland wahrgenommen wurden. Die Konzeption, Neben- und Ehrenamtliche durch eine hauptamtliche Struktur auf landeskirchlicher Ebene zu stützen, zu fördern und auszubauen, konnte nicht verwirklicht werden.

11. Veränderte Blickwinkel (ab 2005)

Bereits 2005 veränderten sich die Blickwinkel und die eben beschriebene Entwicklung förderte dies. Die Arbeit im Fachausschuss suchte sich nach und nach neue Betätigungsfelder und orientierte sich auch verstärkt an Bildungsaufgaben.

Erfolgreich war die Idee, verstärkt Betriebsbesuche in der Region zu organisieren. Im Kirchenkreis regte ich an, im Lauf der Zeit in den verschiedenen Ortschaften Besuche zu machen und dabei das jeweilige Presbyterium mit einzubeziehen. Als Türöffner konnte Hans-Ulrich Krüger gewonnen werden, den ich aus seiner Tätigkeit als Bürgermeister in Voerde kannte und der mittlerweile im Bundestag saß. Mit ihm zusammen besuchten wir eine Reihe von Betrieben im Kirchenkreis wie z.B. den Windkraftanlagenhersteller Winergy oder Corus Aluminium (beide in Voerde). Später kamen das Logistikzentrum LGI in Bucholtwelmen, der Kaltwalzenhersteller Steinhoff in Dinslaken, das Landhotel Voshövel, die Bäckerei Schollin, das Evangelische Krankenhaus Wesel und das neue Stellwerk der Deutschen Bahn in Emmerich hinzu. Diese Liste zeigt die breite Palette der besuchten Unternehmen. Bewährt hat sich bis heute, solche Besuche nur anzusetzen, wenn ein Presbyterium oder ein Gemeindekreis bereits als Partner zugesagt hat, um einen gewissen Kreis von Teilnehmenden „sicher“ zu haben.

Über das neugeschaffene „Laboratorium“ (Ev. Zentrum für Arbeit, Bildung und betriebliche Seelsorge) wurden Betriebsbesuche, Vortragsveranstaltungen und Seminare in Kooperation mit dem Erwachsenenbildungswerk Nordrhein organisiert. Die Erfahrung zeigt, dass interessierte Personen bereit sind, zu attraktiven Betrieben einen längeren Anfahrtsweg in Kauf zu nehmen.

Die Gründung des Laboratoriums hat die Arbeit des KDA am Niederrhein nachhaltig verändert. Ausgangspunkt waren auch Überlegungen, wie die Kosten der Regionalstelle gesenkt werden können, damit die angeschlossenen Kirchenkreise auf der einen Seite entlastet werden können, auf der anderen Seite aber auch Perspektiven entwickelt werden. Mit dem Wechsel von Hans-Peter Lauer auf eine Gemeindepfarrstelle (mit 25% KDA-Anteil) veränderte sich zudem die zeitliche Präsenz, die Jürgen Widera für die einzelnen Kirchenkreise zur Verfügung hat. Andererseits ermöglichte uns die finanzielle Unterstützung durch die Erwachsenenbildung, zu Veranstaltungen auch Referent_innen einzuladen, die ein gewisses Honorar fordern.

2008 fand die Globalisierungssynode der EKiR statt, welche das Papier „Wirtschaften für das Leben“ verabschiedete. Anschließend wurde die bereits laufende Nachhaltigkeitsdiskussion deutlich ausgeweitet. Der Fachausschuss KDA wurde neben anderen Ausschüssen im Kirchenkreis mit der Weiterarbeit beauftragt. Über mehrere Wege und Umwege wird nun eine Nachhaltigkeitssynode für Juni 2015 vorbereitet, an welcher der KDA maßgeblich beteiligt ist, neben den Ausschüssen für Umwelt und Mission/Ökumene. Es freut mich sehr, dass die alte Linie: „Nicht nur reden, sondern auch handeln“ bei den Vorüberlegungen immer im Blick war und ist. Neben Grundsatzreferat und Ausstellung zu Best-Practice aus Gemeinden und Einrichtungen sollen konkrete Beschlussvorschläge für die Einrichtungen des Kirchenkreises eingebracht werden, denen sich Presbyterien nach der Synode ggf. anschließen können.

12. Begegnung mit Frithjof Bergmann und der „Neuen Arbeit“ (2009)

Direkt für den KDA hat es wenig Effekt gehabt, für meine Frau und mich allerdings erhebliche Auswirkungen: 2007 auf dem Kirchentag in Köln lernen wir Frithjof Bergmann und seine „Neue Arbeit“ kennen. 2009 gelingt es mir, Frithjof Bergmann auf Einladung des Kirchenkreises zu einer Veranstaltung nach Voerde zu holen. Mehrere Tage wohnt er bei uns im Pfarrhaus, sein Vortrag am ersten Abend beeindruckt viele so sehr, dass es an Folgetagen zu einem reichhaltigen Besuchsverkehr in unserem Haus kommt. 2011 kommt es zu einer Folgeveranstaltung u.a. mit Peter Plöger, an der neben einigen Mitarbeitenden aus der „Neuen Arbeit“ leider nur wenige Personen teilnehmen. Damit zerschlug sich die Hoffnung, dass das – philosophisch-anthropologische – Nachdenken über Arbeit (nicht nur Erwerbsarbeit!) im Bereich der KDA-Region ein neuer Schwerpunkt werden kann, das war eine Idee, die wir mit dem Besuch von Bergmann verbunden hatten.
Für mich wurde die Auseinandersetzung mit Bergmann´s Ansatz Ausgangspunkt für eine theologische Dissertation über den Arbeitsbegriff, die ich bis 2011 bei Traugott Jähnichen in Bochum schrieb (unter dem Titel „Entgrenzung und Begrenzung von Arbeit“). Bis heute sind meine Frau – sie noch mehr als ich – mit Menschen aus dem Umfeld von Bergmann in Kontakt und Austausch.

13. Handwerkergottesdienst 2011 in der Schmiede Isselhorst in Voerde

Ein Highlight der KDA-Arbeit der letzten Jahre war der erste Handwerkergottesdienst in der Region in der Schmiede Isselhorst in Voerde im März 2011.
Jahre zuvor werden Jürgen Widera und ich von Johannes Simang, Pfarrer der Kirchengemeinde Müllrose bei Frankfurt/Oder zu einem Handwerkergottesdienst in die Marienkirche nach Frankfurt eingeladen. Müllrose war die Partnergemeinde meiner Kirchengemeinde, Simang nebenher Beauftragter für die Männerarbeit und organisierte Jahr für Jahr einen Handwerkergottesdienst, der große Resonanz in der Region erhielt. Nachdem Simang und ich uns bei einem Gemeindebesuch kennenlernten, lud er uns ein, im nächsten Handwerkergottesdienst ein Grußwort zu sprechen. Dazu fuhren Widera und ich nach Frankfurt/Oder und anschließend sagte ich mir, solch ein Gottesdienst wäre doch auch bei uns eine tolle Sache. Eine weitere Folge war, dass wir mit einer EAB-Gruppe eine Studienreise nach Frankfurt und Müllrose organisierten und Simang uns eindrucksvolle Betriebsbesuche und Gespräche vermittelten. Leider wechselte Simang kurz danach die Pfarrstelle, so endete dieser fruchtbare Austausch.

Die Umsetzung dieser Idee brauchte etliche Jahre, weil ich von Anfang einen solchen Gottesdienst nicht in einer Kirche, sondern an einem Ort der Arbeit feiern wollte. Irgendwann stieß ich auf die Schmiede Isselhorst in Voerde und der Schmied war bereit, seine Schmiede so weit auszuräumen, dass dort am Sonntagmorgen ein Gottesdienst gefeiert werden konnte. Sowohl die Gemeinde als auch die Verbände des Handwerks waren begeistert, so dass es im September 2014 der zweiten Handwerkergottesdienst in der Region in einer Schreinerei in Brünen im Kirchenkreis Wesel gefeiert wurde.

14. Kooperation mit dem Fachausschuss Wesel

Hier zeigt sich bereits die Kooperation mit dem Fachausschuss Wesel, die wir vor einigen Jahren eingegangen sind, als wir feststellten, die Zahl der Mitarbeitenden in den beiden FA in Dinslaken und Wesel schrumpft. Diese Kooperation hat sich bewährt, die Sitzungen finden gemeinsam statt, Veranstaltungen und Betriebsbesuche werden gemeinsam organisiert, abgesprochen und durchgeführt.
Allerdings kommt es nun zu einem doppelten Bruch: ich verlasse die Region und Helmut Joppien, Fachausschussvorsitzender in Wesel, nimmt 2015 ein Sabbatjahr.

15. Stand Oktober 2014: Mein persönliches Fazit

Damit bin ich in der Gegenwart angekommen und möchte mit einer persönlichen und zugespitzten Beobachtung schließen.

Wenn ich diese Texte aus zwanzig Jahren hintereinander lese, fällt mir manches auf, was ich vielleicht sonst übersehen hätte. Mir persönlich ist ein Bruch aufgefallen und unter die Haut gegangen, der sich für mich etwa 2004 mit den beginnenden Strukturdiskussionen in der EKiR andeutet.

Aus den Protokollen und Texten der frühen Jahre lese ich ein großes Selbstbewusstsein und Begeisterung für die Arbeit des KDA in der Region und die Kooperation mit vielen anderen Partnern heraus. Davon ist heute aus meiner Wahrnehmung heute nur noch wenig vorhanden.

In Kirchenkreis und der Region hat eine Akzentverschiebung stattgefunden. Die Gründung des Laboratorium bedeutet mehr Bildungsanteile. Die Aufgabe, auch Geld durch Aufträge hereinzuholen und zugleich der Verlust von 75% der Stelle von Hans-Peter Lauer bedeuten weniger Freiräume und weniger Zeit für die Arbeit „vor Ort“ in und mit den Betrieben. Der dramatische Erosionsprozess von KDA und Sozialethik in der EKiR zeigt zudem Wirkung. Ich beobachte eine Perspektivlosigkeit für die mittel- und längerfristige Arbeit. Die Stimmung hat sich gewandelt und geht mehr und mehr in Resignation über. Der noch bevorstehende dramatische Sparzwang der landeskirchlichen Ebene lässt auch keinen Raum für die Hoffnung, dass sich hier in absehbarer Zeit etwas ändern könnte. Niemand zweifelt daran, dass die letzte KDA-Pfarrstelle im Rheinland mit der Pensionierung von Jürgen Widera in einigen Jahren ebenfalls verschwinden wird. Was danach folgt, ist völlig unabsehbar, die über Jahre hinweg entstandenen Kontakte und Arbeitsbeziehungen gegen endgültig verloren.

Dieses Schicksal erleiden auch andere Arbeitsgebiete und in anderen Landeskirchen sind ebenfalls schwerwiegende Änderungen bereits vollzogen oder noch im Gang. Die Entwicklung in der EKiR ist nicht singulär, aber sie trifft KDA und Sozialethik hart.

Natürlich, und das ist eine große Stärke, sind alle diese Entscheidungen von Landessynoden getroffen worden. Und das bedeutet in aller Regel einen umfassenden Diskussionsprozess im Vorfeld. Als KDA haben wir uns daran auch beteiligt. Hier gilt es zu akzeptieren, dass es für unsere Konzepte keine Mehrheiten gab, wo immer die Gründe hierfür zu suchen sind. Beim KDA war mein Eindruck, dass die Meinung vorherrschte, diese Aufgabe sei eben eine regionale oder kreiskirchliche Aufgabe und die Landeskirche muss auf ihrer Ebene hier nicht aktiv werden.

Ich persönlich halte dies für eine Fehleinschätzung. Gerade weil wir in der EKiR die synodale Struktur „von „unten“ nach „oben“ schätzen und hochhalten, ist es bedauerlich, wenn nicht erkannt wird, dass die Förderung, Begleitung und Unterstützung synodaler Arbeit von der Landeskirche auch personell „von oben“ gestützt werden muss. Diese Vernachlässigung führt früher oder später zum Niedergang vieler kleiner Aktivitäten und frustriert die „Einzelkämpfer_innen“ in den Kirchenkreisen. Im Bereich des KDA Rheinland habe ich diese bittere Erfahrung mehr als einmal gemacht, dass engagierte Menschen sich eines Tages zurückzogen und sagten: Unter diesen Umständen kann ich das nicht mehr leisten.

In den vergangenen Wochen haben wir hier und da anlässlich meines bevorstehenden Wechsels über die Unterschiede der Landeskirchen diskutiert. Die synodale Verankerung habe ich immer sehr geschätzt. Sie gab mir vor Ort ein Mandat und den Mitgliedern im Fachausschuss ebenso. Zugleich war es mehr als hilfreich, dass ich in der Region Duisburg/Niederrhein immer auf hauptamtliche Unterstützung zurückgreifen konnte. Zugleich haben die Fachausschüsse auch die Arbeit der Regionalstelle in den Kirchenkreisen und in der Region getragen, gestützt und oft auch kritisch reflektiert. Beides zusammen ergab eine fruchtbare Arbeit. Auch die Zusammenarbeit mit dem KDA-Landespfarramt lief im Zusammenspiel zwischen KDA-Konferenz und Landespfarrer ähnlich. Bis in die Gegenwart funktioniert dieses Modell in Resten, nach wie vor gibt es einige Kirchenkreise neben der Region Duisburg/Niederrhein, die hier präsent sind (z.B. Oberhausen und Jülich, dazu die Melanchton-Akademie in Köln). Und mit Peter Mörbel und Kordula Schlösser-Kost gibt es kompetente Ansprechpartner und Mitarbeitende auf der landeskirchlichen Ebene. Allerdings ist dieser Personaleinsatz im Vergleich zu früheren Zeiten sehr ausgedünnt und ohne echte Entwicklungsperspektive. Dennoch: In diesem Zusammenspiel durch synodal verankerte KDA-Beauftragungen auf den verschiedenen Ebenen der EKiR zeigt sich das Potential dieser Struktur.

Auf der anderen Seite stehen Landeskirchen wie Hannover, Nord-Kirche, Württemberg oder Bayern, die nach wie vor flächendeckend hauptamtliche KDA-Arbeit vorhalten, in der Regel angebunden an ein zentrales Amt. Dies sieht von außen oft sehr kraftvoll und gut aufgestellt aus. Es stellt sich aber die Frage nach der Verankerung der Arbeit in den Regionen und Kirchenkreisen, wenn hier keinerlei synodale Beauftragungen (in welcher Form auch immer) den Hauptamtlichen verlässliche Ansprechpartner_innen als verbindliche Gegenüber zur Verfügung stellen. Ich bin gespannt, wie ich dies in der Innenperspektive ab November für die hannoversche Landeskirche in den Sprengeln Osnabrück/Ostfriesland-Emsland erleben werde, einer Region, die etwa fünfmal so groß ist wie die KDA Region Duisburg-Niederrhein.