Zwischenstille

In der nächsten Woche wird der Sonntag als staatlicher Ruhetag 1700 Jahre alt. Am 3. März 321 erließ Kaiser Konstantin ein entsprechendes Edikt für das römische Reich. Ein Anlass, über die Bedeutung von Ruhezeiten und Pausen nachzudenken. In diesen Tagen und Monaten besonders, in der sich das Zeiterleben für viele Menschen wie ein ewiger Sonntag anfühlt.

Ungewohnte Worte helfen, vertrautes in einem neuen Licht aufleuchten zu lassen. Zwischenstille ist so ein Wort. Johann Heinrich Campe schlug es Anfang der 19. Jahrhunderts als Ersatz für Pause vor. In einer Zeit, in der intensiv daran gearbeitet wurde, Lehnwörter aus anderen Sprachen einzudeutschen. Zwischenstille hat sich, anders als andere Worte, nicht durchgesetzt. Schade.

Denn Zwischenstille klingt ganz anders als Pause. Da fällt mir zuerst die Pause auf dem Schulhof ein, eng getaktet durch den Gong. Oder die Zigarettenpause, wo Menschen zusammenstehen, ebenfalls zeitlich sehr begrenzt. Pause ist auf einen Moment reduziert, eher eine geistige Unterbrechung, ein kurzes Durchatmen, nicht mehr, nicht weniger, und schon geht es weiter.

Zwischenstille klingt aber auch ganz anders als Ruhe. Bei Ruhe denke ich an körperliches Ausruhen, an Ruhezeiten. Der Zeitraum ist länger anders als bei den Pausen, aber auch hier bleibt der Fokus auf den Tätigkeiten, die Ruhe soll mich wieder fit machen für die alltäglichen Herausforderungen.

Zwischenstille öffnet dagegen einen Raum. In mir, um mich. Die Zeit dehnt sich aus, die Ränder verschwimmen. Der Fokus liegt auf der Stille. Stille ist etwas ganz anderes als Ruhe. Ruhe kann ich nicht hören, Stille schon. Stille kann ich auch sehen, sie ist ein Raum, in dem alles und nichts geschehen kann.

Zwischenstille kann ein Raum in mir sein, zwischen zwei Menschen im Café, zwischen zwei Tätigkeiten. Zwischenstille ist eine Zwischenzeit, ein Zwischenraum, ein Zwischenspiel. Die Zwischenstille trägt ihren Sinn in sich selbst.

Zwischenstille ist für mich, was die Schabbat-Tradition der hebräischen Bibel meint: Eine Zeit der Stille im rhythmischen Wechsel mit allen Tätigkeiten. Eine Zeit, die zugleich daran erinnert, dass Menschen zur Freiheit berufen sind und nicht dazu, in endlosen Hamsterrädern dem Tod entgegenzurennen. In der Zwischenstille kann alles und nichts geschehen. Und das ist gut so. Zwischenstille, für mich auch ein anderes Wort für den Sonntag. Denn es tut gut, solche Stille auch gemeinsam zu erleben.

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Ich habe einige Bildmotive aus meinen Alben gesucht, die für mich mit Zwischenstille in Resonanz gehen.

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Das Wort Zwischenstille hat Christine Jung aufgestöbert, sie hat hier auf LinkedIn ihre Gedanken dazu formuliert: Zwischenstille

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Mehr zum „Geburtstag“ des Sonntags habe ich in einer Broschüre aufgeschrieben, die unter diesem Link: Sonntagsfrei heruntergeladen werden kann. In diesem kleinen Video stelle ich die Broschüre vor:

Ein Kommentar

  1. N. Aunyn

    Der Schabbat als Zeit der Stille? Für mich eine merkwürdige Vorstellung. Die Qualität der Schabbat-Ruhe (im Hebräischen „menucha“) hat eine ganz eigene Qualität, in der es nicht darum geht wieder fit gemacht zu werden für den Alltag.

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