6. Juni 1993. Meine erste Radtour in den Alpen

Früher Morgen in Mittenwald.
Noch einmal tief Luft holen und dann geht es los.
Die schmale Straße hinauf ins Leutaschtal.
Ich bin aufgeregt.
Wie geht bergauf Rad fahren?
Geht das?
Es geht.
Langsam komme ich nach oben.
Die Laune steigt.

*

Das war genau heute vor 25 Jahren.
Ende der Achtziger war ich erstmals in Südtirol.
Und hatte das schnell vor Augen:
Einmal mit dem Rad durch diese Landschaft fahren.
Bergauf und bergab.
Fast fünfzehn Jahre dauerte es.
1993 wagte ich die erste Reise.
Leutasch, Dolomiten, und ein paar Strecken um den Kalterer See.
Ein Traum wurde wahr.

*

Durch die Ebene komme ich schnell durchs Tal.
Richtung Buchen stellt sich die Straße dann vor mir auf.
14 Prozent.
Mördermäßig steil.
Ich komme ganz schön ins Keuchen.
Und die Beine zittern.
Doch dann bin ich schon oben.

*

Ein weiteres Schlüsselerlebnis brachte mich aufs Rad.
Ich saß eines Tages mit einem Kollegen zusammen.
Er war ein wenig eigen.
Hütete beispielsweise seine eigenen Schafe.
Wir sprachen über ein schwieriges Thema:
Nahezu alle Kollegen (!) im Kirchenkreis über 50 waren irgendwie gesundheitlich angeschlagen.
Nur er nicht.
Salopp meinte ich:
„Vielleicht liegt das an deinen Schafen.“
Seine bierernste Antwort:
„Das habe ich auch schon gedacht.“
Mir wurde in dem Moment klar:
Du brauchst (d)einen Freiraum.
Es wurde das Radfahren.
Viel Radfahren.
Um zu trainieren für die Berge.
Anfangs guckten meine Gemeindeglieder.
Dann akzeptierten sie es.
Viele verstanden auch mit Zeit:
Das ist Auszeit und Meditation.
„Bewegung“ eben.
Immer allein.
In den Alpen.
Am Niederrhein begleitete mich später häufig meine Frau.
Aber die großen Runden waren für mich wie eine Woche im Kloster.
Wenig reden.
Viel Bewegung.
Und nach-denken.

*

Vor mir senkt sich die Straße bedrohlich ab.
Ich habe Angst.
Bei sieben oder acht  Stundenkilometer bergauf kann kaum etwas passieren.
Doch hier hinten geht es steil runter.
Die Hände fest an den Bremsen rolle ich ganz langsam los.
Es dauert ein paar Minuten und dann bekomme ich so ein Gefühl:
Das geht…!
Ich nehme Tempo auf und genieße die Abfahrt.

*

Zwanzig Jahre habe ich die Alpenpässe abgeklappert.
Auf nahezu allen großen und vor allem hohen Pässen war ich mit dem Rad.
Diese Wochen wurden schnell immer wichtiger für mich.
In einem Tagebuch notierte ich Gedanken und Einfälle.
Oft habe ich im Winter dann noch mal gelesen.
Und war überrascht:
Viele Gedanken und Projekte nahmen ihren Anfang in diesen Tagen im Gebirge.

*

Dann kommt die Abzweigung und es geht zurück.
Wieder hinauf.
Jetzt wird es hart.
Ein zweiter ziemlich langer Anstieg.
Zweifel machen sich in mir breit.
Wie soll das in den nächsten Tagen werden?
Ich will doch noch in die Dolomiten!
Irgendwann ist es geschafft.
Durch Seefeld hindurch radle ich zurück nach Mittenwald.
Setze mich in mein Auto und fahre stolz wie Oskar nach Süden weiter.

*

50 Kilometer und 600 Höhenmeter.
Heute vor fünfundzwanzig Jahren eine Riesensache für mich.
Mit der Zeit kamen ganz andere Längen und Höhen hinzu.
Geduld und Disziplin habe ich in diesen Jahren gelernt.
Bei fünf Grad im Januar raus bei Schneetreiben und Wind.
Drei bis viermal die Woche aufs Rad und zwanzig Kilometer und mehr strampeln.
Um am flachen Niederrhein Kondition zu bunkern für die zehn Tage im Sommer.
Heute ist das erst mal Vergangenheit.
An Flüssen kann man(n) auch toll radeln.
Und Joggen hat auch was.
Das ist auch Bewegung und nach-denken.
Und doch:
Es zuckt noch etwas in mir …

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