Im Kontext der Lebenswelt von mir selbst ausgehen

Im Kontext der Lebenswelt von mir selbst ausgehen

In der letzten Woche stellte ich in einem meiner Antrittsbesuche als Landessozialpfarrer in einem Gespräch fest, dass mein Gegenüber wie ich seinerzeit in Marburg studierte und ebenso wie ich stark von Wilfried Härle geprägt wurde.
Spannend war dabei zu sehen, dass wir beide sehr unterschiedliche Wege im Pfarramt und in den kirchlichen Strukturen gegangen sind, aber die grundlegende Ausrichtung der theologischen Perspektive durch unseren Lehrer bis heute anhält.
Im Gespräch kamen wir kurz auf einen für Härle zentralen Begriff zu sprechen:
Die Lebensweltorientierung.
Damit ist gemeint, dass der christliche Glauben sinnvoll nur dargestellt wer­den kann mit Worten und Bildern, deren Bedeutung aus der gegenwärti­gen Lebenswelt vertraut sind und in denen zugleich die Be­deutung des Glaubens für das Leben der Menschen sichtbar und nachvollziehbar wird.

Härle nennt für diese Aufgabe drei Probleme, die zu berücksichtigen sind: Momentaufnahmen sind logisch unmöglich; niemand kann die Lebenswelt in ihrer Gesamtheit wahrnehmen und jeder Versuch, die Lebenswelt wahrzunehmen, stellt immer schon eine Interpretation derselben dar. Daraus zieht er die Konsequenz:

»Diese Probleme ernst zu nehmen heißt, die Aufgabe der Erkenntnis der Lebenswelt auf einer möglichst breiten Kommunikati­onsbasis in Angriff zu nehmen, denn nur durch eine multiperspektivische Wahrnehmung und Deutung wird die Gefahr ungeschichtlicher selektiver oder ideologischer Fehldeu­tungen reduziert.« (Dogmatik, 175)

In meiner Dissertation habe ich seinerzeit daraus gefolgert:
Theologie ist immer auch theologisches Nachdenken konkreter Menschen, daher ist der Lebensweltbezug orts-, zeit– und sprachgebunden – ich lebe zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort und spreche eine bestimmte Sprache.
Zugleich habe ich eine mir eigene Geschichte, mit der ich auf mein Leben und die Welt schaue, daher ist Lebensweltbezug immer auch biografiegebunden.
Diese vier Aspekte gilt es in der theologischen Arbeit im Blick zu halten.

In diesen Tagen denke ich darüber nach, was diese vierfache Ausrichtung hier und jetzt für mich bedeutet, wo sich in den letzten beiden Jahren erhebliche Wechsel vollzogen haben und gerade erneut vollziehen:

  • 2014 wechsle ich nach fünfundzwanzig Jahren Gemeindepfarramt auf eine Funktionspfarrstelle im Kirchlichen Dienst in der Arbeitwelt (KDA);
  • damit verbunden ist ein Umzug von Voerde (Niederrhein) nach Osnabrück, also ein Wechsel des Bundeslandes;
  • zugleich findet innerkirchlich ein Wechsel statt aus der rheinischen in die hannoversche Landeskirche.

Und nun, keine zwei Jahre später, im August 2016:

  • ich wechsle auf die Stelle des Landessozialpfarrers und werde zugleich Leiter für des Fachbereichs Kirche.Wirtschaft.Arbeitswelt im Haus kirchlicher Dienste;
  • damit verbunden ist zum einen (neben den „üblichen“ Leitungsaufgaben) eine Art Gesamtzuständigkeit für den Bereich der hannoverschen Landeskirche in meinem Fachgebiet;
  • zugleich aber auch die regionale Zuständigkeit für den KDA im Großraum Hannover;
  • und perspektivisch steht, nicht heute oder morgen, aber irgendwann wohl ein Umzug nach Hannover an.

Während ich das jetzt für mich notiere, macht es in mir: „uff!!“
Das ist doch eine ganze Menge an Veränderungen.
Was bedeutet es für meine Sicht der Welt und auf die Welt?
Wie also verändert sich gerade meine Lebensweltorientierung?
Und was bedeutet für mein theologisches Denken?

Während ich darüber so nachdenke, fällt mir wieder ein Workshop auf der Denkumenta 2013 in St. Arbogast ein.
Dorothee Markert versuchte uns nahezubringen, was mit Denken in Präsenz gemeint ist, einem zentralen Begriff in der postpatriarchalen Bewegung, der sich die Organisatorinnen der Denkumenta verbunden fühlen.
Vor allem ein Satz hat sich mir tief eingeprägt:
„Denken in Präsenz beginnt immer damit, von sich selbst auszugehen!“
Und ich frage mich:
Von mir selbst ausgehen als Ausgangspunkt theologischer „Standortbestimmung“, was heißt das für mich hier und heute?

Ich versuche das Geflecht wahrzunehmen, in dem ich mich beginne zu bewegen.
Es ist vielfach verwoben mit dem, was vorher war.
Das Erste, was mir ein- und auffällt, ist genau die Beobachtung vom Anfang dieses Textes:
Meine Sicht auf die Welt ist geprägt durch die Neugier, ja die Lust an der möglichst breiten Kommunikationsbasis und der multiperspektivischen Denkweise, wie Härle das formuliert.
Den Kontext wahrnehmen und mich auf ihn einlassen, das fand ich immer schon spannend:
KDA-Arbeit habe ich nebenamtlich auch in der Gemeinde immer schon gemacht.
Ich habe es in den letzten anderthalb Jahren sehr genossen, dies nicht nur „nebenbei“, sondern „voll und ganz“ machen zu können.
Ich fing an, für mich und mit anderen zu reflektieren:
Was heißt das, was ich da sehe, wir da sehen, für unseren Glauben, unser theologisches Denken, für unsere Arbeit in Kirche und Diakonie?

Die Beobachtungen waren vielfältig:

  • da gibt es die Spannung zwischen Gemeindepfarrdienst und funktionalen Diensten, die ich nun aus spiegelverkehrter Weise wahrnehme;
  • mir sprang die Spannung zwischen „Hannover“ und dem „Rest von Niedersachsen“ ins Auge, um es spitz zu sagen, die mir im Gegensatz zum Rheinland mit seinem Ruhrgebiet und den vielen Großstädten besonders markant auffiel;
  • ich wurde konfrontiert mit einer für mich vorher unvorstellbaren Vielfalt arbeitsweltlicher und wirtschaftlicher Zusammenhänge, die mir jegliches schwarz/weiß Denken verbietet;
  • und all das war und ist eingebettet in die „großen“ Entwicklungen unserer Zeit, ich nenne für mich die Stichworte Klimawandel/Paris, Flüchtlingskrise, Populismus und der Zug zu autokratischen Regierungen.

Theologisches Denken, Reflektieren und Sprechen fokussiert sich für mich in der Aufgabe, auf der Kanzel das Evangelium zu verkünden. Und da frage ich mich:

  • Wie predigen in einer Welt in der sich alles immer schneller zu ändern scheint?
  • Wie predigen, während wir auf einer schiefen Ebene ins Chaos welcher Art auch immer abzudriften drohen?
  • Wie predigen in einer Zeit, in der immer mehr in Gewalt und Abgrenzung die einzige Chance sehen, sich dem Abgrund entgegenstemmen zu können?
  • Wie predigen, dass ich (theoretisch) dabei auch der Mutter, dem Vater am Grenzzaun in Idomeni ins Gesicht schauen kann? Eine Frage, die mich im letzten Jahr sehr beschäftigte.

Die Fragen der Gegenwart verbanden sich mit Frage:

  • Was wird aus mir ab Sommer?
  • Und was mache ich dann mit all den Fragen?
  • Also: Wie gegebenenfalls dann predigen?

Nun ist es entschieden.
Und ich beginne von Neuem, von Tür zu Tür zu gehen, um mit Menschen „Kaffee zu trinken“, wie ich das salopp, aber mit Ernst formuliere.
Es gibt dabei einen wesentlichen Unterschied zu meinem Start vor zwei Jahren in Osnabrück und Co.:
Nun bin ich (wieder) viel stärker innerkirchlich eingebunden.
Mein Blick richtet sich in der Reflexion wieder mehr auch auf die kirchlichen Strukturen, Traditionen und Kulturen.
Da war ich zwei Jahre lang ziemlich weit draußen.

Dieser Abstand hat mir gut getan.
Doch nun stellen sich mir neue Fragen:

  • Was bedeuten die Entwicklungen in Arbeitswelt und Ökonomie für unser innerkirchliches Arbeiten und Wirtschaften?
  • Wo stehen wir als KDA, als funktionaler Dienst, in den politischen und gesellschaftlichen Wirren dieser Tage?
  • Und, ja, dies vermischt sich mit Gedanken und Gefühlen, Hoffnungen und Befürchtungen im Blick auf mein eigenes, „privates“ Leben, meine Ehe, meine Familie – wie und wo will ich leben, wohnen, wirken, zur Ruhe kommen, Kraft schöpfen?

Von mir selber ausgehen.
Immer wieder zurück zu schauen auf mich selbst, meine Geschichte, meine Verflechtungen in Räumen.
Die Lebenswelt wahrnehmen, den Kontext.
Was hat mir die Arbeit an diesem Beitrag gebracht?
Das Feld steht mir klarer vor Augen.
Der diffuse Nebel hat sich gelichtet, etwas.
Demnächst darf ich wieder einmal predigen.
Ich bin gespannt.

Ein Gedanke zu “Im Kontext der Lebenswelt von mir selbst ausgehen

  1. Viele dieser Gedanken haben mich auch in meinen Veränderungen in 38 Jahren unterschiedlichster Fachgebiete in der Hannoverschen Landeskirche.
    Das hält lebendig – aber auch anspruchsvoll und manchmal schwer für andere nachzuvollziehen!
    Trotzdem bin ich dafür sehr dankbar!

    Gefällt 1 Person

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