Lohnt sich Leistung? Predigt über das Gleichnis Jesu von den Arbeitern im Weinberg (Matthäus 20)

luther

Liebe Gemeinde,
Leistung muss sich wieder lohnen!
Dieser Spruch tauchte Mitte der achtziger Jahre in der Politik auf.
Die CDU unter ihrem neuen Kanzler Helmut Kohl propagierte ihn.
Nach vielen Jahren SPD-Herrschaft wurde die Parole ausgegeben:
Leistung muss sich wieder lohnen!
Statt sozialer Hängematte hieß es:
Ärmel hochkrempeln!
Dann stellt sich der Erfolg und der Aufstieg und der Wohlstand ein.
Von ganz allein.

Leistung lohnt sich.
Dieser Satz ist tief in uns angelegt.
Er spiegelt eine Grunderfahrung.
Ich strenge mich an und das zahlt sich aus.
In guten Noten.
In Geld.
In meinen Beziehungen.
Neuerdings auch in den sozialen Netzwerken.
Ich setze mich ein, ich strenge mich an.
Und das lohnt sich.
Es heißt doch: Von nix kommt nix.
Und: Jeder ist seines Glückes Schmied.
Lohn steht mir doch zu, wenn ich mein Bestes gebe.
Ich leiste etwas und das wird belohnt.
Durch Geld für meine Leistung.
Durch gute Noten.
Durch Lob und Wertschätzung.

Wir gieren danach.
Weil wir abhängig sind von Belohnung, Anerkennung, Wertschätzung.
Das ist menschlich.
Leistung muss sich lohnen.

Und doch steckt da schon der Zweifel drin und der gebiert Frage auf Frage:
Leistung muss sich doch lohnen.
Doch lohnt sich Leistung immer?
Lohnt sich meine Leistung?
Was mache ich falsch, wenn sich meine Anstrengung nicht auszahlt?

Gestern war der 31. Oktober, Reformationstag.
Die Frage mit der Leistung trieb auch Martin Luther um.
Er suchte Antwort auf die Frage:
Was muss ich leisten, um Gott gnädig zu stimmen?
Gott ist gerecht hieß es, er wird am Ende richten.
Zwischen meinen guten und meine bösen Taten.
Luthers Erfahrung lautete:
Ich kann machen, was ich will –
die Waage wird sich immer hin zur Hölle und zur ewigen Verdammnis senken.
Meine Leistung lohnt sich nicht, sie ist vergebens.
Das trieb ihn um bis zur Verzweiflung.
Bis er erkannte:
Gnade ist keine Belohnung.
Gnade ist ein Geschenk.
Gott belohnt nicht meine Anstrengung, meine Leistung.
Sondern er will, dass ich seiner Liebe traue.
Die all meiner Anstrengung zuvor liegt.

Heute ist das Geschichte.
Die Frage nach dem gnädigen Gott treibt nur noch wenige Menschen um.
Himmel oder Hölle, wen interessiert das noch?
Menschen fragen heute ganz direkt nach dem Hier und Heute.
Wofür lohnt sich meine ganze Anstrengung?
Wer erkennt meine Leistungen an?
Wer sieht mich?
Wer – liebt mich?
Sie stellen diese Frage sich, anderen und auch Gott.

Wer liebt mich?
Wer sieht mich?
Wer erkennt meine Leistungen an?
Wofür lohnt sich meine ganze Anstrengung?
Das macht sich an Alltagserfahrungen fest.
Ich strenge mich an und komme auf keinen grünen Zweig.
Ich rackere Tag für Tag und das Ergebnis ist bescheiden.
Ich habe das Gefühl, hin und her geschubst zu werden.
In der Schule, am Arbeitsplatz, in der Gesellschaft.
8, 50 € Mindestlohn, lächerlich, ich wäre froh, wenn ich das hätte.
Warum bekommt die eine dutzende Likes jeden Tag und ich keine?
Warum ist meine Banknachbarin Liebling aller Lehrerinnen und ich nicht?
Ich tue, was ich kann, aber reicht es aus, meinen Kindern Zukunft zu geben?
Ich bin sicher, manch einen bewegt diese Frage auch auf dem Weg über den Balkan:
Wird sich meine Leistung lohnen?
Die ganzen Anstrengungen und Strapazen?
Wird meine Kraft reichen?
Umgekehrt rühren die vielen Männer und Frauen, die grad zu uns kommen, auch Ängste in uns an:
Lohnt sich meine lebenslange Leistung?
Muss ich mir Sorgen um unseren Wohlstand machen?
Womit habe ich das verdient?

Liebe Gemeinde,
da sind wir jetzt ganz nah dran am Gleichnis Jesu von den Arbeitern im Weinberg.
Jesus will uns hier sein Verständnis von Gottes Liebe klar machen.
Und uns zugleich provozieren mit der Frage:
Wie viel Lohn braucht ihr für eure Leistung?
Was braucht ihr wirklich zum Leben?

Eigentlich erzählt Jesus eine todtraurige Geschichte.
Von Menschen – Männern! –, die Tag für Tag nicht wissen, ob sie Arbeit haben werden.
Tagelöhner.
Was für ein Arbeitsmarkt.
Jeden Tag Angst.
Morgens da stehen und warten.
Einige haben Glück, sie bekommen Arbeit.
Und Lohn für ihre Leistung.
Einen Silbergroschen, genug, um einen Tag zu leben.
Zu essen und zu trinken haben.
In den Worten des Predigers:
Genug, um einen Tag fröhlich sein zu können.

Drei, sechs, neun Stunden später wiederholt sich das.
„Ich will euch geben, was recht ist.“

Eine Stunde vor Sonnenuntergang stehen immer noch Männer dort.
Ich meine, wir wissen, wie die Geschichte ausgeht.
Aber ich überlege:
Was geht in diesen Männern vor?
Sie stehen schon elf Stunden hier.
Ohne Arbeit.
Todtraurig.
Heute nichts zu essen und zu trinken.
Mit leeren Händen komme ich nach Hause.
Leistung lohnt sich, welch zynischer Satz.
Verzweifelte Menschen sind das.
Die nur absurde Hoffnung hier festhält.
Der Strohhalm.
Weil Aufgeben noch bitterer wäre.
Und dieser Moment hinausgezögert wird bis zum letzten Moment.
Wenn die Sonne untergeht und klar wird:
Heute war es wieder nichts.
Schlange stehen, vergeblich.
Und dann kommt einer und sagt:
Kommt, geht in meinen Weinberg, eine Stunde Arbeit habe ich noch für euch.
Und ich will euch geben, was recht ist.

Mit welchen Gefühlen werden sie gegangen sein?
Wenigstens etwas?
Besser als Nichts?

Dann die Auszahlung.
Die zuletzt Eingestellten werden zuerst gerufen.
Was werden sie erwartet haben?
Was ist recht?
Was ist der rechte, richtige, gerechte Lohn für die Leistung einer Stunde?

In Jesu Logik ist das ein Silbergroschen.
Der Rest ist bekannt und widerspricht all unserer Logik bis heute.
„Das ist doch ungerecht!“
„Wer zwölf Stunden gearbeitet hat, bekommt so viel wie der, der nur eine Stunde arbeitet?“
Offenbar haben wir ein feines Gespür für Gerechtigkeit.
Für das, was in unseren Augen angemessen ist.
Leistung muss sich doch lohnen.
Und wir regen uns ja auch über horrend hohe Gehälter von Managern auf.
Nach der Erfahrung werde ich mir doch sagen:
Ach, dann gehe ich morgen doch erst kurz vor Sonnenuntergang hin.
Oder?

Liebe Gemeinde,
von dieser Geschichte her gefragt:
Lohnt sich Leistung?
Das Verhältnis von Lohn und Leistung in diesem Gleichnis ist provozierend bis auf den heutigen Tag.
Die einen arbeiten sich ab, die anderen bekommen es in den …, ich sag´ es jetzt nicht.

Andere meinen, das sei realitätsfern.
Und gefährlich für unsere Gesellschaft.
Wer bringt denn dann noch Leistung, wenn sich das nicht lohnt?
Das schallt ja auch denen entgegen, die sich für ein bedingungsloses Grundeinkommen einsetzen.
Wer geht denn dann noch arbeiten?
Dann bleiben doch die Faulenzer gleich auf dem Sofa!
Und vor allem, wer macht denn dann den Dreck weg?

Liebe Gemeinde,
Ich sitze am Schreibtisch, das Gleichnis liegt vor mir.
Ich merke, wie sich auch in mir der Widerstand regt.
Was soll das?
Leistung und Lohn gehören doch zusammen, sonst funktioniert unsere Welt nicht.
Und gleichzeitig spüre ich, dass von Jesu Sicht etwas herüberweht.
Etwas Anregendes, etwas Entlastendes, etwas Schönes.
Ich ahne, diese Logik tut gut.
Und dann schaue ich aus dem Fenster und alles ist wieder da.
Was uns derzeit so bewegt.
Abertausende Menschen auf dem Weg zu uns.
In großer Verzweiflung unterwegs, zugleich mit großer Hoffnung.
Und mit jedem Tag mehr wächst in unsrem Land die Sorge.
Wie soll das weitergehen?
Und manche fragen genau wie die Arbeiter im Weinberg:
Was soll denn das?!
Wir haben hier in Deutschland gearbeitet für unser Land, Jahr um Jahr.
Und jetzt kommen andere und bekommen alles in den… – ich sag´ es wieder nicht.
Nix haben die hier geleistet, so wie wir hier Jahr um Jahr.
Und die bekommen Unterkunft, Essen, Trinken, Gesundheitsversorgung, Hartz IV nach ihrer Anerkennung.
Für was?
Womit haben die sich das verdient?
Und womit haben wir das verdient?

Ich sitze also am Schreibtisch, die Bibel vor mir und draußen vor dem Fenster verändert sich meine Welt.
Womit habe ich das verdient?
Spätestens bei dieser Frage merke ich, da stimmt was nicht.
Womit habe ich das verdient – diese Frage passt nicht.
Was in Syrien geschieht, hat mit meiner Leistung hier nichts zu tun.
Aber mit deren Leistung auch nicht.
Syrische Ärztinnen und Ärzte,
Apothekerinnen und Apotheker,
Lehrerinnen und Lehrer,
Väter, Mütter und Kinder –
womit haben die verdient, dass ihr Land in Trümmern liegt?
Sie haben eine Menge geleistet – wie wir – damit sie voran kommen im Leben.
Und dann kamen Terror, Bomben, Hunger.
Nun kommen sie zu uns.
Und haben noch nicht einmal eine Stunde gearbeitet.
In Jesu Logik verdienen sie aber ihren Silbergroschen.
Weil sie Menschen sind, von Gott geliebt.
Die Leistungslogik passt also nicht immer und überall.
Genauer, Jesu Logik ist umfassender.
Sein Gott ist kein berechnender Kaufmann.
Er rechnet nicht mit Leistung und Gegenleistung.
Seine Logik ist keine Belohnungslogik.
Sondern eine Logik des Vorschusses.
Nimm, was du zum Leben brauchst.
Und der Rest kommt von allein.
Provozierend, bis heute.

Aber es entspricht Martin Luthers Erfahrung.
Luthers gnädiger Gott schenkte alles.
Lohn und Belohnung waren kein Thema mehr.
Auf die faule Haut legten sich die Menschen dennoch nicht.
Sie wurden aus Liebe tätig.
Aus Dankbarkeit.
Die allerwenigsten Menschen bleiben auf dem Sofa sitzen, wenn ihr Auskommen von vornherein gesichert ist.
Weil wir Menschen zum arbeiten geboren sind wie die Vögel zum Fliegen.
Auch ein Satz von Martin Luther.
Arbeiten gehört zu uns.
Hände in den Schoß legen ist nicht unser Ding.
Ja, sicher, am Sonntag und im Urlaub.
Aber sonst leisten wir gerne.
Und das ist gut so.
Und auch guter Lohn für gute Arbeit ist wichtig.
Aber diese Lohnlogik gilt nicht immer und überall.
Denn wer nicht arbeiten kann – warum auch immer – hat in Jesu Augen dennoch das Recht zu leben.
Ein Silbergroschen pro Tag.
Für mich, für dich, für alle.
Das ist nicht viel.
Aber es reicht zum Leben.
Und das soll gelten.
Für alle.
So, wie Gottes Liebe uns allen gilt.
Geschenkt, nicht verdient.
Amen.

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