Casting Jesus (II)

Casting Jesus (II)

Ich stehe hier
Mit nackten Füßen
In einen weiten Umhang gekleidet
Ein dunkelrotes Tuch um meinen Kopf
Die Tür öffnet sich vor mir und ich höre
Avanti avanti!
Kommen Sie!
Langsam schreite ich los
Schritt für Schritt
Auf drei Männer zu
Einer schaut mir erwartungsvoll entgegen
Der zweite checkt gerade sein Smartphone
Der dritte blättert in irgendwelchen Papieren
Casting Jesus
Sie casten mich

Schritt für Schritt frage ich mich:
Mache ich es richtig?
Wie würde Jesus jetzt gehen?
Bin ich zu langsam?
Oder zu schnell?
Blickt er ihnen in die Augen?

Wie wäre denn Jesus?
Der Jesus den die hier sehen wollen?
Der Jesus den ich ihnen hier präsentieren möchte?
Also mein Jesus sozusagen?
Oder der Jesus der Jesus ist?
Schritt für Schritt bohren sich die Fragen tiefer in mein Herz
– und es pocht immer lauter -:
Wer bist du Jesus?
Und wer bin ich?
Bin ich überhaupt wer?
Bin ich würdig du zu sein?
Kann ich Jesus?
Oder bin ich ein Lügner und verliere mich im Bestreben du zu sein?
Oder finde ich mich gerade auf dem Weg du zu sein?

Vorne vor dem Tisch bleibe ich stehen
Ich höre:
Drehen Sie sich nach links
Jetzt nach rechts
Falten Sie die Hände
Jetzt die Hände zum Segen heben.
Was wollen die eigentlich sehen?
Mich?
Jesus?
Wie würdest du hier stehen Jesus?
Casting Jesus
Das ist doch irre!

Ich höre:
Bitte tragen Sie nun Ihren Vers vor.
Ich starre sie an
Weiß nichts zu sagen
Was mache ich eigentlich hier?
Soll ich schweigen
Mich umdrehen und gehen
Oder doch Worte wählen?
Wenn ja – welche?
Da schießt mir durch den Kopf:
Welche würde er jetzt wählen?

In den Nebel der verwirrenden Fragen hinein höre ich:
Avanti!
Nun machen Sie schon!
Wir haben nicht den ganzen Tag Zeit!
Zorn steigt in mir auf
Unbändiger Zorn
Alles ist hier falsch
Ich schaue auf
Und schreie ihnen entgegen:

Mit sehenden Augen sehen sie nicht
Mit hörenden Ohren hören sie nicht
Sie verstehen es nicht
(Matthäus 13,13)


Zu diesem Text gehört ein zweiter: Casting Jesus I

Das Video Casting Jesus von Christian Jankowski kann hier in voller Länge angeschaut werden: Casting Jesus

Casting Jesus (I)

Casting Jesus (I)

Wittenberg im August 2017
Schreibwerkstatt
Zur Ausstellung Luther und die Avantgarde
Die Aufgabe lautet:
Such dir ein Kunststück
Und schreib einen Text dazu

Wir gehen los

Außen bedrückend braune Mauern
Eine Treppe führt hinunter zum Eingang
Sechzig prall gefüllte Zellen warten auf mich
Sie haben gesagt:
Es ist beeindruckend und bedrückend

Ich trete ein
Zuerst rechts ein Raum mit drei grauen Tafeln
Sagt mir nichts
Dann links
Ein Theater
Neugierig trete ich näher
Auf einer Leinwand läuft ein Film
Jesus erkenne ich auf der linken Seite
Rechts eine Art Tribunal
Hinten die in den Zellentrakt führende Tür
Will ich da wirklich rein?

Ich zögere
Lehne mich gerne erst einmal an die Wand
Und verfolge eine Weile das Geschehen vorne
Casting Jesus

Drei Männer suchen Jesus
Einen Jesus
Dreizehn Männer treten der Reihe nach vor
Drehen sich nach links und nach rechts
Oder auch mal um sich selbst
Tragen ein selbstgewähltes Jesuswort vor
Und Abgang

Auf der rechen Seite der geteilten Leinwand
Sehe ich den Dreien zu auf die Dreizehn schauen
Mal überrascht
Mal gelangweilt
Mal professionell
Ein Jesus geht zu schnell
Ein anderer zu langsam
Einer hat eine zu dicke Nase

Wer wird gewinnen?
Wer wird verlieren?
Wer wird Jesus?
Wer ist Jesus?

Neben mir gackern ein paar junge Leute
Es ist ja auch zum Brüllen komisch

Drei Runden in sechzig Minuten
Dann ist es entschieden
Drei Runden gehen und segnen
Drei Runden Brotbrechen und Kreuztragen
Drei Runden fröhlich dreinschauen und weinen und Wunder wirken

Manchmal mischen sich andere Filme in den Film da vorn
Deutschland sucht den Superstar
Germanys next Topmodell
Und ich denke:
Was soll das?!

Am Ende gewinnt der Hirte mit den lockigen Haaren
Und den melancholisch klaren Augen
Ein Jesus
Wie er mir manchmal begegnet ist
Im Wohnzimmer an der Wand hängend
Das Schaf an seiner Seite
Und er stützt sich auf seinen Stab und schaut in die Weite
Das ist Jesus?!

Das kann doch nicht wahr sein
So kann es nicht enden
So darf es nicht enden

Ich habe mein Kunststück gefunden
Gehe zwar noch durch den Zellentrakt
Doch in meinem Kopf beginnen sich bereits Worte zu drehen


Hier geht es zu Teil II 

Lohnt sich Leistung? Predigt über das Gleichnis Jesu von den Arbeitern im Weinberg (Matthäus 20)

luther

Liebe Gemeinde,
Leistung muss sich wieder lohnen!
Dieser Spruch tauchte Mitte der achtziger Jahre in der Politik auf.
Die CDU unter ihrem neuen Kanzler Helmut Kohl propagierte ihn.
Nach vielen Jahren SPD-Herrschaft wurde die Parole ausgegeben:
Leistung muss sich wieder lohnen!
Statt sozialer Hängematte hieß es:
Ärmel hochkrempeln!
Dann stellt sich der Erfolg und der Aufstieg und der Wohlstand ein.
Von ganz allein.

Leistung lohnt sich.
Dieser Satz ist tief in uns angelegt.
Er spiegelt eine Grunderfahrung.
Ich strenge mich an und das zahlt sich aus.
In guten Noten.
In Geld.
In meinen Beziehungen.
Neuerdings auch in den sozialen Netzwerken.
Ich setze mich ein, ich strenge mich an.
Und das lohnt sich.
Es heißt doch: Von nix kommt nix.
Und: Jeder ist seines Glückes Schmied.
Lohn steht mir doch zu, wenn ich mein Bestes gebe.
Ich leiste etwas und das wird belohnt.
Durch Geld für meine Leistung.
Durch gute Noten.
Durch Lob und Wertschätzung.

Wir gieren danach.
Weil wir abhängig sind von Belohnung, Anerkennung, Wertschätzung.
Das ist menschlich.
Leistung muss sich lohnen.

Und doch steckt da schon der Zweifel drin und der gebiert Frage auf Frage:
Leistung muss sich doch lohnen.
Doch lohnt sich Leistung immer?
Lohnt sich meine Leistung?
Was mache ich falsch, wenn sich meine Anstrengung nicht auszahlt?

Gestern war der 31. Oktober, Reformationstag.
Die Frage mit der Leistung trieb auch Martin Luther um.
Er suchte Antwort auf die Frage:
Was muss ich leisten, um Gott gnädig zu stimmen?
Gott ist gerecht hieß es, er wird am Ende richten.
Zwischen meinen guten und meine bösen Taten.
Luthers Erfahrung lautete:
Ich kann machen, was ich will –
die Waage wird sich immer hin zur Hölle und zur ewigen Verdammnis senken.
Meine Leistung lohnt sich nicht, sie ist vergebens.
Das trieb ihn um bis zur Verzweiflung.
Bis er erkannte:
Gnade ist keine Belohnung.
Gnade ist ein Geschenk.
Gott belohnt nicht meine Anstrengung, meine Leistung.
Sondern er will, dass ich seiner Liebe traue.
Die all meiner Anstrengung zuvor liegt.

Heute ist das Geschichte.
Die Frage nach dem gnädigen Gott treibt nur noch wenige Menschen um.
Himmel oder Hölle, wen interessiert das noch?
Menschen fragen heute ganz direkt nach dem Hier und Heute.
Wofür lohnt sich meine ganze Anstrengung?
Wer erkennt meine Leistungen an?
Wer sieht mich?
Wer – liebt mich?
Sie stellen diese Frage sich, anderen und auch Gott.

Wer liebt mich?
Wer sieht mich?
Wer erkennt meine Leistungen an?
Wofür lohnt sich meine ganze Anstrengung?
Das macht sich an Alltagserfahrungen fest.
Ich strenge mich an und komme auf keinen grünen Zweig.
Ich rackere Tag für Tag und das Ergebnis ist bescheiden.
Ich habe das Gefühl, hin und her geschubst zu werden.
In der Schule, am Arbeitsplatz, in der Gesellschaft.
8, 50 € Mindestlohn, lächerlich, ich wäre froh, wenn ich das hätte.
Warum bekommt die eine dutzende Likes jeden Tag und ich keine?
Warum ist meine Banknachbarin Liebling aller Lehrerinnen und ich nicht?
Ich tue, was ich kann, aber reicht es aus, meinen Kindern Zukunft zu geben?
Ich bin sicher, manch einen bewegt diese Frage auch auf dem Weg über den Balkan:
Wird sich meine Leistung lohnen?
Die ganzen Anstrengungen und Strapazen?
Wird meine Kraft reichen?
Umgekehrt rühren die vielen Männer und Frauen, die grad zu uns kommen, auch Ängste in uns an:
Lohnt sich meine lebenslange Leistung?
Muss ich mir Sorgen um unseren Wohlstand machen?
Womit habe ich das verdient?

Liebe Gemeinde,
da sind wir jetzt ganz nah dran am Gleichnis Jesu von den Arbeitern im Weinberg.
Jesus will uns hier sein Verständnis von Gottes Liebe klar machen.
Und uns zugleich provozieren mit der Frage:
Wie viel Lohn braucht ihr für eure Leistung?
Was braucht ihr wirklich zum Leben?

Eigentlich erzählt Jesus eine todtraurige Geschichte.
Von Menschen – Männern! –, die Tag für Tag nicht wissen, ob sie Arbeit haben werden.
Tagelöhner.
Was für ein Arbeitsmarkt.
Jeden Tag Angst.
Morgens da stehen und warten.
Einige haben Glück, sie bekommen Arbeit.
Und Lohn für ihre Leistung.
Einen Silbergroschen, genug, um einen Tag zu leben.
Zu essen und zu trinken haben.
In den Worten des Predigers:
Genug, um einen Tag fröhlich sein zu können.

Drei, sechs, neun Stunden später wiederholt sich das.
„Ich will euch geben, was recht ist.“

Eine Stunde vor Sonnenuntergang stehen immer noch Männer dort.
Ich meine, wir wissen, wie die Geschichte ausgeht.
Aber ich überlege:
Was geht in diesen Männern vor?
Sie stehen schon elf Stunden hier.
Ohne Arbeit.
Todtraurig.
Heute nichts zu essen und zu trinken.
Mit leeren Händen komme ich nach Hause.
Leistung lohnt sich, welch zynischer Satz.
Verzweifelte Menschen sind das.
Die nur absurde Hoffnung hier festhält.
Der Strohhalm.
Weil Aufgeben noch bitterer wäre.
Und dieser Moment hinausgezögert wird bis zum letzten Moment.
Wenn die Sonne untergeht und klar wird:
Heute war es wieder nichts.
Schlange stehen, vergeblich.
Und dann kommt einer und sagt:
Kommt, geht in meinen Weinberg, eine Stunde Arbeit habe ich noch für euch.
Und ich will euch geben, was recht ist.

Mit welchen Gefühlen werden sie gegangen sein?
Wenigstens etwas?
Besser als Nichts?

Dann die Auszahlung.
Die zuletzt Eingestellten werden zuerst gerufen.
Was werden sie erwartet haben?
Was ist recht?
Was ist der rechte, richtige, gerechte Lohn für die Leistung einer Stunde?

In Jesu Logik ist das ein Silbergroschen.
Der Rest ist bekannt und widerspricht all unserer Logik bis heute.
„Das ist doch ungerecht!“
„Wer zwölf Stunden gearbeitet hat, bekommt so viel wie der, der nur eine Stunde arbeitet?“
Offenbar haben wir ein feines Gespür für Gerechtigkeit.
Für das, was in unseren Augen angemessen ist.
Leistung muss sich doch lohnen.
Und wir regen uns ja auch über horrend hohe Gehälter von Managern auf.
Nach der Erfahrung werde ich mir doch sagen:
Ach, dann gehe ich morgen doch erst kurz vor Sonnenuntergang hin.
Oder?

Liebe Gemeinde,
von dieser Geschichte her gefragt:
Lohnt sich Leistung?
Das Verhältnis von Lohn und Leistung in diesem Gleichnis ist provozierend bis auf den heutigen Tag.
Die einen arbeiten sich ab, die anderen bekommen es in den …, ich sag´ es jetzt nicht.

Andere meinen, das sei realitätsfern.
Und gefährlich für unsere Gesellschaft.
Wer bringt denn dann noch Leistung, wenn sich das nicht lohnt?
Das schallt ja auch denen entgegen, die sich für ein bedingungsloses Grundeinkommen einsetzen.
Wer geht denn dann noch arbeiten?
Dann bleiben doch die Faulenzer gleich auf dem Sofa!
Und vor allem, wer macht denn dann den Dreck weg?

Liebe Gemeinde,
Ich sitze am Schreibtisch, das Gleichnis liegt vor mir.
Ich merke, wie sich auch in mir der Widerstand regt.
Was soll das?
Leistung und Lohn gehören doch zusammen, sonst funktioniert unsere Welt nicht.
Und gleichzeitig spüre ich, dass von Jesu Sicht etwas herüberweht.
Etwas Anregendes, etwas Entlastendes, etwas Schönes.
Ich ahne, diese Logik tut gut.
Und dann schaue ich aus dem Fenster und alles ist wieder da.
Was uns derzeit so bewegt.
Abertausende Menschen auf dem Weg zu uns.
In großer Verzweiflung unterwegs, zugleich mit großer Hoffnung.
Und mit jedem Tag mehr wächst in unsrem Land die Sorge.
Wie soll das weitergehen?
Und manche fragen genau wie die Arbeiter im Weinberg:
Was soll denn das?!
Wir haben hier in Deutschland gearbeitet für unser Land, Jahr um Jahr.
Und jetzt kommen andere und bekommen alles in den… – ich sag´ es wieder nicht.
Nix haben die hier geleistet, so wie wir hier Jahr um Jahr.
Und die bekommen Unterkunft, Essen, Trinken, Gesundheitsversorgung, Hartz IV nach ihrer Anerkennung.
Für was?
Womit haben die sich das verdient?
Und womit haben wir das verdient?

Ich sitze also am Schreibtisch, die Bibel vor mir und draußen vor dem Fenster verändert sich meine Welt.
Womit habe ich das verdient?
Spätestens bei dieser Frage merke ich, da stimmt was nicht.
Womit habe ich das verdient – diese Frage passt nicht.
Was in Syrien geschieht, hat mit meiner Leistung hier nichts zu tun.
Aber mit deren Leistung auch nicht.
Syrische Ärztinnen und Ärzte,
Apothekerinnen und Apotheker,
Lehrerinnen und Lehrer,
Väter, Mütter und Kinder –
womit haben die verdient, dass ihr Land in Trümmern liegt?
Sie haben eine Menge geleistet – wie wir – damit sie voran kommen im Leben.
Und dann kamen Terror, Bomben, Hunger.
Nun kommen sie zu uns.
Und haben noch nicht einmal eine Stunde gearbeitet.
In Jesu Logik verdienen sie aber ihren Silbergroschen.
Weil sie Menschen sind, von Gott geliebt.
Die Leistungslogik passt also nicht immer und überall.
Genauer, Jesu Logik ist umfassender.
Sein Gott ist kein berechnender Kaufmann.
Er rechnet nicht mit Leistung und Gegenleistung.
Seine Logik ist keine Belohnungslogik.
Sondern eine Logik des Vorschusses.
Nimm, was du zum Leben brauchst.
Und der Rest kommt von allein.
Provozierend, bis heute.

Aber es entspricht Martin Luthers Erfahrung.
Luthers gnädiger Gott schenkte alles.
Lohn und Belohnung waren kein Thema mehr.
Auf die faule Haut legten sich die Menschen dennoch nicht.
Sie wurden aus Liebe tätig.
Aus Dankbarkeit.
Die allerwenigsten Menschen bleiben auf dem Sofa sitzen, wenn ihr Auskommen von vornherein gesichert ist.
Weil wir Menschen zum arbeiten geboren sind wie die Vögel zum Fliegen.
Auch ein Satz von Martin Luther.
Arbeiten gehört zu uns.
Hände in den Schoß legen ist nicht unser Ding.
Ja, sicher, am Sonntag und im Urlaub.
Aber sonst leisten wir gerne.
Und das ist gut so.
Und auch guter Lohn für gute Arbeit ist wichtig.
Aber diese Lohnlogik gilt nicht immer und überall.
Denn wer nicht arbeiten kann – warum auch immer – hat in Jesu Augen dennoch das Recht zu leben.
Ein Silbergroschen pro Tag.
Für mich, für dich, für alle.
Das ist nicht viel.
Aber es reicht zum Leben.
Und das soll gelten.
Für alle.
So, wie Gottes Liebe uns allen gilt.
Geschenkt, nicht verdient.
Amen.

Ihr könnt nicht Gott und dem Geld dienen. Predigt über Matthäus 6, 19-24

3. Mai 2015 in der Martinskirche, Osnabrück-Hellern

Martinskirche Glasfenster

(Im Eingangsteil wird ein fiktives Interview mit Martin Luther gelesen. Fiktiv sind allerdings nur die Fragen, die Antworten Luthers sind Zitate aus verschiedenen Schriften. Das Interview findet sich unter der Predigt.)

Liebe Gemeinde,
500 Jahre sind die Worte Martin Luthers alt.
Sie klingen ziemlich aktuell.
Luther ist skeptisch, ob die Machthaber das Richtige tun.
Er fordert, dass die Machthaber für die Bedürftigen sorgen sollen.
Wir hören von der Übervorteilung der kleinen Betriebe.
Und von der Ungerechtigkeit dass die Kleinen gehängt werden und die Großen davon kommen.
Nichts Neues unter der Sonne…

Anlass, deprimiert zu sein?
Der Mensch ist halt gierig, da lässt sich nichts dran ändern?
Das Wirtschaftssystem beutet halt aus, was kann ich kleiner Mensch dran ändern?

Mag sein.
Doch hören wir, was Jesus in der Bergpredigt über Geld, Schätze und Glaube gesagt hat (Mt 6,19-24):

Ihr sollt euch nicht Schätze sammeln auf Erden, wo sie die Motten und der Rost fressen und wo die Diebe einbrechen und stehlen.
Sammelt euch aber Schätze im Himmel, wo sie weder Motten noch Rost fressen und wo die Diebe nicht einbrechen und stehlen.
Denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz.
Das Auge ist das Licht des Leibes. Wenn dein Auge lauter ist, so wird dein ganzer Leib licht sein.
Wenn aber dein Auge böse ist, so wird dein ganzer Leib finster sein.
Wenn nun das Licht, das in dir ist, Finsternis ist, wie groß wird dann die Finsternis sein!
Niemand kann zwei Herren dienen:
Entweder er wird den einen hassen und den andern lieben, oder er wird an dem einen hängen und den andern verachten.
Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.

Niemand kann zwei Herren dienen, so lautet Jesu Kernsatz.
Jesus ist nicht gegen Geld an sich, sondern nur gegen das Schätze sammeln.
»Schätze« haben Menschen schon immer fasziniert.
Piraten sind ihnen hinterher gejagt.
Abenteurer haben unglaubliche Strapazen auf sich genommen.
In der Hoffnung auf den einen großen Schatz.
Erinnern Sie sich an Smeagol?
Die Figur aus dem »Herr der Ringe«?
Die armselige Kreatur ist besessen von dem Wunsch, den Ring der Macht zu besitzen.
Ihr ursprüngliches Wesen ist verschwunden.
Wie ein schleichendes Gift hat sich der Ring seines Herzens bemächtigt.
Um den Ring zu besitzen ist Smeagol bereit, alles zu tun.
Lügen, betrügen, verraten, morden …

Ihr könnt nicht zwei Herren dienen, Gott und dem Geld.
Oder wie man früher sagte, Gott und dem Mammon.
Geld ist dabei in Jesu Augen nicht an sich schlecht.
Es ist ein Stück Metall, mit dem ich kaufen oder tauschen kann, was ich zum Leben brauche.
Aber es soll nicht zum Schatz werden und all mein Denken und Handeln bestimmen.
Da schiebt Jesus einen Riegel vor.
Und fragt – mich, uns:
Was bestimmt Euch:
Die Gier nach immer mehr, die Angst, nicht zu kurz zu kommen –
oder das Vertrauen, dass genug für alle da ist?
»Genug, das ist das Beste was es gibt.«
So lautet ein schönes Wort von Andre Gorz, dem inzwischen verstorbenen französischen Sozialphilosophen.
Mehr als genug haben wollen – das ist Schätze sammeln wollen.

Helfen tut das nicht.
Ein anderes Mal erzählt Jesus vom reichen Kronbauern.
Riesige Scheunen, bis oben hin voll, genug für Jahrzehnte.
Doch in der Nacht lässt der Bauer sein Leben.
Und hier in der Bergpredigt erinnert Jesus daran:
Schätze locken gerne Diebe an.
Motten fressen schnell das Gehortete.
Wo er recht hat, hat er recht.
Oder?

Jesus formuliert hier in der Bergpredigt so schön wie ein Dichter.
Er spricht das Gefühl an und stellt so grundsätzliche Fragen.
Was bestimmt euch?
In der Tiefe eures Herzens?

Martin Luther ist da viel nüchterner.
Ihm geht es um die Praxis.
Und es bleibt uns ja in der Gegenwart nicht erspart, über Geld nachzudenken.
Aber dann ist es gut, beides zusammen zu hören:
Die poetischen Worte Jesu und die praktischen Luthers.
Drei Dinge fordert Luther aus Sicht des Glaubens:

Man soll an die Kleineren nicht übervorteilen.
Er mahnt einen vernünftigen Umgang mit Geld an.
Er erinnert die Machthaber an ihre Aufgabe, für Ordnung zu sorgen.

Die Kleinen werden gehängt, die Großen laufen gelassen.
Der Großkaufmann ruiniert den kleinen Händler.
Durch einen Preiskampf, den der Große sich leisten kann, der Kleine aber nicht.
Marktwirtschaft, sagen die einen.
Ungerechtigkeit, sagt Martin Luther.
Verkaufen soll ein Werk der Nächstenliebe sein, keine Gewinnsucht.
Heute würde Luther vielleicht so sagen:
Jeder Mensch hat ein Recht darauf, menschenwürdig leben zu können.
Übervorteilung, Ausbeutung, Leben unter der Armutsgrenze gehören dazu nicht.
Doch was tun?
Wir sind in der Regel keine Politiker, keine Unternehmerinnen.
Aber auf die Würde jedes Menschen achten, das können wir alle.
Und wenn es uns möglich ist, die etwas teureren Kartoffeln oder Eier vom Hof nebenan kaufen.
Statt die billigeren aus dem Supermarkt.
Und damit bin ich auch schon bei der zweiten Forderung Luthers.

Die Preise sollen angemessen sein.
Dass sich Händler und Produzenten für ihre Arbeit bezahlen lassen, dagegen hat Luther nichts.
Jede und jeder soll leben können.
Aber er wendet sich dagegen, dass Geschäfte mit Geld oder mit knappen Gütern gemacht werden.
Geld ist Mittel zum Zweck.
Es soll helfen, dass gemeinsames Lebens funktioniert.
Nicht mehr, nicht weniger.
Luther hätte überhaupt kein Verständnis dafür gehabt, dass Banken in der Finanzkrise keine Kredite mehr an den Mittelstand gegeben haben.
Und so Betriebe an den Rand des Ruins getrieben wurden.
Und manchen darüber hinaus.
Luther hätte aber auch kein Verständnis dafür gehabt, dass die Kunden nicht bereit sind, faire Preise zu zahlen.
Den erbitterten Verdrängungswettkampf im Nahrungsmittelhandel zum Beispiel hätte Luther kaum gut geheißen.
Wenn ihr gut essen und trinken wollt, dann bezahlt auch diejenigen gut, die euch Brot, Milch und Wein bereit stellen.
Alle Geschäftemacherei, überteuerte Preise, Zinswucher, aber auch die Verschleuderung im Konkurrenzkampf, all das hätte Luther abgewehrt.
Und das liegt genau in der Aufforderung Jesu, keine Schätze zu sammeln.
Sondern er sagt:
Lasst euch vom Vertrauen auf den liebenden Gott bestimmen.
Und setzt euch dann für den Nächsten ein.
Wohlgemerkt, Luther wie Jesus waren keine Asketen.
Sie haben nicht den Verzicht gepredigt, feierten beide gerne.

Und das Dritte:
Martin Luther erinnert die Könige und Fürsten an ihre Aufgabe, für Ordnung zu sorgen.
Und das heißt für ihn:
Schiebt der Ausbeutung, der Übervorteilung, der Gier nach immer mehr Schätzen einen Riegel vor.
Denn für Ordnung sorgen bedeutet:
Sorgt für gute Lebensbedingungen aller Menschen.
Auch wenn wir heute keine Könige und Fürsten mehr haben, sondern Politikerinnen und Politiker, an der grundlegenden Aufgabe ändert das nichts.
Und was wir da in den letzten Jahren in der sog. „Finanzkrise“ erlebt haben und erleben, zeigt an, wie wichtig diese Aufgabe ist.
Die westlichen Staaten haben in den letzten zwanzig Jahren eher darauf gesetzt, staatliche Regelungen abzuschaffen.
Sie glaubten, der freie Markt bringt den Wohlstand dann schon von alleine.
Heute sehen wir, dass dies ein Irrtum war.
Griechenland, Portugal und Spanien stöhnen unter ungeheuren Schuldenlasten. Und eine ganze junge Generation im Süden Europas lebt ohne Hoffnung.
Aber auch in Deutschland wächst die Zahl derer, die im Alter unter Armut leiden.
Das hat die Osnabrücker Sozialkonferenz am letzten Wochenende eindrucksvoll belegen können.
Doch wer hat Lösungen?
Wahrscheinlich müssen wir alle miteinander sagen:
Derzeit keiner.
Gerade deshalb ist es aber wichtig, im Gespräch miteinander zu bleiben.

Denn eins ist nicht gut:
Den Politikerinnen und Politikern die Verantwortung allein zuzuschieben.
Es ist unser Land, unsere Gesellschaft, unser Leben.
Denn die Gesellschaft ist nicht mehr so klar gegliedert wie zu Luthers Zeiten.
Oben Fürsten und Kirche, in der Mitte die Bürger, unten die Bauern.
Das ist heute anders.
Es herrscht ein ziemliches Durcheinander.
Alleine nur nach dem Staat zu rufen, ist zu wenig.
Es geht uns alle an und so können wir alle mitreden, mitdenken, mitmachen.

Liebe Gemeinde,
ihr könnt nicht Gott dienen und dem Geld.
Was bedeutet dieser Satz für uns?
Für mich als Einzelnen?
Für unsere Familien, Kirchengemeinde, Kommunen?
Aber auch für das Leben von so unglaublich vielen Menschen auf unserem Planeten?
Der Satz muss immer wieder neu durch buchstabiert werden.
Jede und jeder von uns kann sich daran beteiligen.
Jesus fordert uns dazu auf – zu unserem eigenen Besten und zu dem meines Nächsten.
Denn:
Gott dienen – und nicht dem Mammon –, das heißt dem dreifachen Liebesgebot Jesu nachzustreben:
Liebe Gott, deinen Nächsten und dich selbst.

Amen.


Frage:
Lieber Herr Luther, heute bestimmen Großbanken und riesige Konzerne die Weltwirtschaft. Zu ihrer Zeit fing der weltweite Handel gerade erst an. Es entstanden große Handelsgesellschaften. Diese Gesellschaften – dazu gehörten u. a. die Fugger – revolutionierten die Wirtschaft, verbanden Handel mit Textilien und Gewürzen mit dem Einsatz ihres Geldes im Bergbau und finanzierten Projekte der Fürsten. Wenn man so will, waren diese Gesellschaften Vorläufer unserer Banken und Großkonzerne. Sie haben damals sich sehr kritisch zu den neuen Handelsgesellschaften geäußert.

Luther:
Von den Handelsgesellschaften sollte ich wohl viel sagen. Aber es ist alles so grund- und bodenlos mit lauter Habsucht und Unrecht, dass nichts daran zu finden ist, was man mit gutem Gewissen dabei handeln könnte. Denn wer ist so verblendet, dass er nicht sieht, wie die Handelsgesellschaften nichts anderes sind als lauter richtige Monopole. (KW 311)

Frage:
Von Monopolen sprechen wir heute auch noch. Aber mich überrascht, dass Sie diesen Begriff auch bereits verwendet haben. Was macht die Monopolisten aus? Wie würden Sie diese beschreiben?

Luther:
Sie haben alle Ware unter ihren Händen und machens damit, wie sie wollen, sie treiben ohne alle Scheu die oben angeführten Stücke, dass sie den Preis nach ihrem Belieben steigern oder heruntersetzen und alle kleinen Kaufleute bedrücken und zugrunderichten. (KW 311)

Frage:
Wie kann ihrer Meinung nach ein Christ in einer solchen Organisation arbeiten?

Luther:
Darum braucht niemand zu fragen, wie er mit gutem Gewissen in den Handelsgesellschaften sein könne. Es gibt keinen anderen Rat als: Laß ab davon. Da wird nichts anderes draus. (KW 313)

Frage
Das ist ein hartes Urteil. Gibt es überhaupt eine Möglichkeit, sich als Christ an Handel und Wirtschaft zu beteiligen.

Luther:
Wie soll das je göttlich und recht zugehen, wenn ein Mann in so kurzer Zeit so reich wird, dass er Könige und Kaiser auskaufen könnte? – Könige und Fürsten sollten hier dazusehen und nach strengem Recht das verhindern. Aber ich höre, sie sind bewusst daran beteiligt. Sie lassen die Diebe hängen, die einen oder einen halben Gulden gestohlen haben, und machen Geschäfte mit denen, die alle Welt berauben. (KW 312)

Frage:
Das sind harte Worte… Haben Sie vielleicht doch noch ein paar konkrete Ratschläge für Christen, die als Kaufleute oder Handwerker arbeiten?

Luther:
Es sollte nicht so heißen: ich kann meine Ware so teuer hergeben als ich mag oder will, sondern so: ich kann meine Ware so teuer hergeben, als ich soll, oder als recht und billig ist. Denn dein Verkaufen soll nicht ein Werk sein, das deiner Macht und Willkür ohne alles Gesetz und Maß freisteht, als wärest du ein Gott, der an niemand gebunden wäre. Sondern weil dieses dein Verkaufen ein Werk ist, das du deinem Nächsten gegenüber tust, so soll es durch Gesetz und Gewissen eingeschränkt sein, dass du es ohne Schaden und Nachteil für deinen Nächsten tust. Du sollst viel mehr darauf acht haben, dass du ihm keinen Schaden tust, als darauf, dass du einen Gewinn machst. Ja, wo sind solche Kaufleute? (KW 294f.)

Frage:
Das ist eine harsche Kritik. Ich habe aber noch eine ganz andere Frage. Im Judentum, im Christentum, ja auch im Islam ist es umstritten, ob man Zins nehmen darf. Was sagen Sie zum Kauf auf Zins?

Luther:
Der Zinskauf taugt doch ganz und gar nichts, denn Gottes Gebot steht im Weg und will, dass den Bedürftigen geholfen werde mit Leihen und Geben. Wenn nun das geschieht ohne Übertretung des geistlichen Gesetzes, dass man aufs Hundert vier, fünf, sechs Gulden gibt, lässt sich´s ertragen. Je weniger aufs Hundert, desto gottgefälliger und christlicher ist der Kauf. Es ist aber meines Amtes nicht, anzuzeigen, wo man fünf, vier oder sechs aufs Hundert geben soll. Ich lass es bleiben bei dem Urteil der Richter, dass man sechs nehmen darf. Nun findet man aber etliche, die zu viel nehmen, sieben, acht, neun, zehn aufs Hundert. Da sollten die Machthaber einschreiten. Hier wird das arme gemeine Volk heimlich ausgesogen und schwer unterdrückt. (Sermon 15)

Frage:
Glauben Sie, dass Sie mit ihren Worten Gehör finden?

Luther:
Zwar denke ich abermals, dies mein Reden werde völlig umsonst sein, weil das Unheil schon so weit eingerissen ist und in jeder Hinsicht in allen Landen überhand genommen hat. (KW 293)

Literaturangaben:

KW – Von Kaufhandlung und Wucher, WA

Sermon – Ein Sermon von dem Wucher (1519); zitiert nach: Martin Luther, Ausgewählte Schriften, hrsg. Von Karin Bornkamm und Gerhard Ebeling, Vierter Band, Insel Verlag 1982