Beherrscht der Mensch die Technik oder die Technik den Menschen?

Beherrscht der Mensch die Technik oder die Technik den Menschen?

Vortrag beim Landesvorstand der Christlich demokratischen Arbeitnehmerschaft (CDA) Hannover am 10. November 2017

  • 1. Annäherung

Technik wird von Menschen geschaffen und eingesetzt. Wird sie zum Wohle anderer eingesetzt? Oder um ihnen zu schaden? Oder um mich zu verteidigen? Wir Menschen haben verschiedene Gesichter. Gier, Gewalt und Egoismus gehören zum Alltag genauso wie Liebe, Mitgefühl und Kooperation. Waffentechnik und Kriegstechnik, mit der Menschen über Menschen herrschen können, waren immer schon ein großer Antreiber in der Technikentwicklung neben dem Interesse, das Leben mir selbst und/oder der Gemeinschaft leichter zumachen. Und der Neugier, sich neue Horizonte zu erschließen. Technik hat zugleich mit Macht zu tun, sie gibt Macht, es braucht Macht, sie einzusetzen. Beherrscht die Technik den Menschen oder der Mensch die Technik?

  • 2. Evangelische Kriterien ethischer Betrachtung

Luthers Ethik setzt bei der Freiheit eines Christenmenschen an, die ihm von Gott geschenkt wurde und wird und die den Christenmenschen damit direkt aus dankbarer Liebe an seinen Nächsten wendet. In dieser Zuwendung geht es darum, miteinander so zu leben und zu wirtschaften, dass das Allgemeinwohl gestärkt und erhalten wird. Evangelisch ist es für Luther, danach zu trachten, das rechte Maß zu treffen. Nichts liegt ihm ferner als eine Diktatur des Evangeliums aufzurichten, daher zielen seine evangelischen Ratschläge im Wesentlichen auf den Einzelnen, der christlich sein und werden will. Evangelisch ist es aber zugleich, sich den gesetzlichen Normen zu unterstellen, ja, diese im Sinne einer Allgemeinwohlorientierung zu fordern und zu fördern. Individualethik und Sozialethik behandeln sozusagen alle Themen und Fragestellungen aus einer je doppelten, aber aufeinander bezogenen Art und Weise. Das eine ohne das andere endet entweder in einer Art von gesinnungsethischen Weltvergessenheit oder in blanker Ideologie. Dabei gibt es keine Eigengesetzlichkeiten.

Evangelische Ethik ist grundsätzlich pragmatisch und abwägend, aber überall dort, wo die grundsätzliche Freiheit bedroht und gefährdet ist, auch durch Widerspruch. So konnte Luther u.a. Jakob Fugger und seine Zins- und Wucherpolitik auf das heftigste verbal attackieren. Luthers Kontrahent Müntzer zog aus der Beobachtung der massiven Armut und Unterdrückung der bäuerlichen Bevölkerung durch die Obrigkeit eine andere Konsequenz, für ihn gab es eine Grenze, nach der nicht nur Widerspruch, sondern Widerstand ethisch geboten sei. Für unsere Fragestellung: Beherrscht der Mensch die Technik oder die Technik den Menschen ist diese Grenze zumindest immer mitzudenken: wo besteht die Gefahr, dass Technik den Menschen so beherrscht, dass nicht nur Widerspruch angesagt, sondern Widerstand geboten sein könnte? Höchstwahrscheinlich, hoffentlich in der Gegenwart eine theoretische Grenze, die aber dennoch immer mitgedacht werden muss, damit wir nicht am Ende feststellen, dass wir uns pragmatisch-abwägend in die totale Abhängigkeit begeben haben – ohne es zu merken. Ich komme ganz am Ende noch einmal darauf zurück.

  • 3. Technik in der Gegenwart

Wir Menschen heute sind in einer Art und Weise von Technik abhängig, wie das für frühere Generationen undenkbar gewesen ist und teils in vielen Regionen der Welt bis heute undenkbar ist. In dem Roman „Blackout“ von Marcus Elsberg wird anschaulich geschildert, was geschieht, wenn der Strom in Mitteleuropa ausfällt. Nach spätestens vierzehn Tagen sind die meisten von uns tot. Kommunikation, Kühlschrank und vor allem die Klospülung funktionieren nicht mehr und das führt innerhalb kürzester Zeit zu massiven Ausfällen in unserer Infrastruktur. Beherrscht die Technik den Menschen? Nun, zumindest sind wir abhängig von Technik, und das frei gewählt – auch und vor allem, weil uns der technische Fortschritt erhebliche Wohlstandsgewinne verschafft hat. Das löst zwiespältige Gefühle aus, wenn ich anfange, hier tiefer nachzudenken. Und es gibt ja das keineswegs neue Phänomen einer Ambivalenz zwischen Technikbegeisterung und Technikangst, zwischen Euphorie und Apokalyptik. Bei Erfindungen wie Fahrrad, Auto, Film, Telefon, Fernsehen und Computer konnte diese Ambivalenz immer wieder beobachtet werden, oft bis in die Worte hinein mit den gleichen Argumenten, dass der Untergang unserer Zivilisation mit dieser neuen Technik eingeläutet wird, während andere den Himmel auf Erden nahe wähnten.

Es kommt aber heute noch etwas hinzu.

Früher verlief der technologische Fortschritt langsamer und eher über Generationen hinweg. Meistens gab es eine Schlüsseltechnologie – heute dagegen sind wir mit etlichen technologischen Umwälzungen gleichzeitig beschäftigt, die auch noch aufeinander einwirken und uns in ihrer Komplexität und Schnelligkeit als Gesellschaft und als Einzelne überfordern. Das führt dazu, dass wir das Gefühl haben, die Folgen unseres Handelns nicht mehr im Griff haben. Wir sehen uns nicht mehr als gestaltende Akteure gesellschaftlicher Veränderungen, sondern versuchen nur noch auf die irrwitzig schnellen Änderungen zu reagieren. Kein Wunder, dass die Entwicklungen uns zwischen Begeisterung und Angst hin und her schleudern. Ich nenne nur mal einige Errungenschaften jüngster Zeit und Sie können ja mal mitzählen, was Ihnen davon bekannt ist (die Liste folgt Lars Jaeger, Supermacht Wissenschaft, S. 22-24 u. 129)

• Die Medizintechnik kann Querschnittsgelähmte heute schon wieder gehen lassen.
• Allein mithilfe unserer Gedanken können Roboter gesteuert werden.
• Menschen können sich mithilfe von Neuro- und Bewusstseinstechnologien in Maschinen verkörpern und haben dabei das Gefühl, sie seien selbst die Maschine.
• Im Tierversuch gelang es bereits, Gehirne so zusammen zu schalten, so dass sie als ein einziges Gehirn agieren.
• Erinnerungen konnten in tierische Gehirne transferiert werden.
• Mithilfe neuer gentechnologische Methoden können bereits gezielt Augenfarbe, Körpergröße oder Intelligenz von Tieren manipuliert werden, theoretisch ist das auch beim Menschen möglich.
• Bakterien können zu 100 % künstlich hergestellt werden.
• So genannte Quantencomputer sind in der Entwicklung, welche in ihrer Leistungsfähigkeit heutige Computer um das Millionenfache überschreiten werden.
• Nanobots, Roboter so groß wie Viren, werden in lebenden Organismen eingesetzt, um dort beispielsweise Krebszellen zu bekämpfen.
• Fleisch und funktionsfähige Organe können heute schon in 3-D Druckern ausgedruckt werden.
• Das Twittern von Hirn zu Hirn ist bereits in Einzelfällen gelungen.
• Das autonome Fahren ist technisch ebenfalls möglich, wird erprobt und die rechtlichen bzw. ethischen Implikationen werden diskutiert.

All diese Entwicklungen – und es gibt ja noch viel mehr – haben erhebliche Konsequenzen für unser Zusammenleben und sie sind komplex verschränkt. Sie eröffnen Chancen und beinhalten Risiken. Und sie haben mit Machtfragen zu tun, mit Herrschaftsfragen.

  • 4. Zwei Beispiele

a) CRISPR/Cas9 (Genomchirugie)

Das Editieren von Genen im Erbgut war lange Zeit aufwendig, teuer und fehleranfällig. Das lag vor allem an der Schwierigkeit, den DNA-Strang exakt an der erwünschten Zielsequenz aufzuschneiden. Die Gentechnologie konnte neue DNA-Sequenzen nur mit einer Art „Schrotflinten-Methode“ in das zu behandelnde Genoms einbringen. Das war eher eine ungenaue Vorgehensweise. Genau hier lieferte die neue Methode den entscheidenden Durchbruch. Ursprünglich stammt das CRISPR/Cas9-System aus Bakterien. Es dient ihnen als eine Art Immunsystem, mit dem sie Angriffe von Viren erkennen und abwehren können. Vor fünf Jahren hatten zwei Wissenschaftlerinnen die geniale Idee, daraus ein molekularbiologisches Werkzeug zu entwickeln. Zur großen Überraschung funktioniert es nicht nur bei Bakterien, sondern universal bei allen lebenden Zellen – in denen von Tieren und Pflanzen, aber auch in menschlichen Zellen.

Wie genau funktioniert CRISPR/Cas9? Zunächst muss im riesigen Genom einer Zelle punktgenau die Stelle gefunden und angesteuert werden, bei der eine Änderung durchgeführt werden soll. Dazu konstruiert man eine geeignete „Sonde“, die der DNA-Abfolge der jeweiligen Zielsequenz entspricht. Wenn die Sonde diese Stelle „gefunden“ hat, dockt sie dort an, um den DNA-Doppelstrang genau an dieser Stelle mit einer molekularen „Schere“ zu durchschneiden – bei CRISPR ist es das Cas9-Protein, welches an die RNA-Sonde gekoppelt ist. Anschließend treten die zelleigenen Reparatursysteme in Aktion: Sie flicken den durchtrennten DNA-Strang wieder zusammen – allerdings in der Regel mit kleinen Fehlern. Die Folge: Das betreffende Gen kann nicht mehr richtig abgelesen werden und ist so blockiert. Ein Gen mit einem Krankheitsträger wird also nicht mehr richtig gelesen, die Krankheit bricht nicht aus. Möglich ist auch, einzelne DNA-Bausteine auszutauschen oder kurze Sequenzen neu in den DNA-Strang einzubauen, also z.B. blaue Augen durch graue zu ersetzen.

Die Anwendungsmöglichkeiten liegen auf der Hand: Heilung von Erbkrankheiten, Ausrottung von Krankheiten wie Krebs, Züchtung von Pflanzen mit bestimmten Merkmalen und so weiter und so fort. Ein spannendes Werkzeug also, in viele Richtungen zu gebrauchen, aber es kommt noch etwas hinzu:

„Trotz ihrer unvergleichlichen Potenz ist die CRISPR-Technik so einfach Hand zu haben, dass sie jedem Genlabor, ja bald vielleicht gar gymnasialen Schulklassen zu Verfügung stehen könnte. Das liegt im Wesentlichen daran, dass lediglich ein Erbgutabschnitt mit etwa 20 Nukleotiden (‚Buchstaben‘) synthetisiert werden muss statt ein vollständiges Protein, um die Ziel-Schnittstelle festzulegen. Die Herstellung eines geeigneten CRISPR-Komplexes für eine bestimmte Gensequenz dauert nur ca. drei Tage und kostet um die 20 €. Zuvor betrugen Dauer und Kosten Vielfaches davon.“ (Jaeger 81)

Der sich selbst so bezeichnende „Bio-Hacker“ Josiah Zayner verkauft bereits „Biologie-Baukästen“ mit denen Sie und ich zuhause Bakterien manipulieren können.1
Wahrscheinlich läuft Ihnen wie mir ein Schauer über den Rücken, wenn Sie von dieser Methode hören. Vielen Wissenschaftler/-innen ging es ähnlich, und sie setzten sich für eine Art Moratorium ein, um die ethischen Implikationen zu diskutieren: Wann und unter welchen Voraussetzung könnte CRISPR/Cas9 hilfreich und sinnvoll sein, welche begründeten Bedenken und Grenzen sind erkennbar?

Wolfgang Huber ist in einem Aufsatz diesen Fragen im Sinne evangelisch abwägender Ethik nachgegangen. Huber geht dabei davon aus, dass grundsätzlich zu unterscheiden ist zwischen der Genomchirurgie an Körperzellen und an Keimzellen:

„Genomchirurgie an somatischen Zellen ist in ihren Auswirkungen auf das jeweilige Individuum beschränkt; Eingriffe in die Keimbahn haben, wenn sich daraus Individuen entwickeln, Konsequenzen für alle Nachkommen dieser Individuen. Die lebensgeschichtlichen Implikationen von Keimbahneingriffen für die einzelne davon betroffene Person wie für ihre möglichen Nachkommen greifen unvergleichlich viel weiter, als dies bei genomchirurgischen Eingriffen in die somatischen Zellen eines Menschen der Fall ist.“ (Wolfgang Huber, Eine neue Ära? Ethische Fragen zur Genomchirurgie. In: Zeitschrift für evangelische Ethik 60/2016, S. 273)

Beim Einsatz dieser Technik stellt sich also die Frage: Wie viel Macht geben wir einer Technik, ggf. die ganze Menschheitslinie zu verändern?
Huber diskutiert die ethischen Probleme der Genomchirurgie an vier in der Medizinethik häufig angewendeten Prinzipien: Fürsorge, Schadensvermeidung, Selbstbestimmung und Gerechtigkeit. Ich will das nicht im Einzelnen durchgehen, nur zwei Aspekte herausgreifen.
Huber argumentiert zum einen mit dem „Vorsichtsprinzip“:

„Je präziser wir die künftigen Wirkungen möglichen Handelns einschätzen und eingrenzen können, desto klarer können wir dessen Verantwortbarkeit beurteilen. Je undeutlicher diese künftigen Wirkungen sind, desto mehr ist Vorsicht geboten. (…) Mit der Anwendung auf die menschliche Keimbahn (…) können sich langfristige Auswirkungen ungewisser Art und ungewisser Reichweite verbinden. (…) So lange solche Risiken weder ausgeschlossen noch in ihrem Ausmaß beschrieben werden können, ist ein international vereinbartes Verbot gentechnischer Eingriffe in die Keimbahn in einer moralischen Perspektive vergleichbar plausibel wie ein Verbot des Klonens.“ (Huber 277f.)

Damit ist ethisch eine Grenze gezogen, die im Blick auf gentechnische Eingriffe in Keimzellen Vorsicht angeraten sein lässt.

Zweitens: Huber fragt unter diesem Gesichtspunkt Gerechtigkeit nach der Unterscheidung von Therapie und Heilung einerseits und Verbesserung und Perfektion durch gentechnische Eingriffe und deren Finanzierung durch die Krankenkassen. Ausgehend von der Einsicht, dass Heilung und Therapie nicht immer eindeutig voneinander zu trennen sind, formuliert er:

„Der Gemeinschaft der Versicherten wird man nur die Finanzierung von Behandlungen zumuten, die zur Behebung von Krankheiten notwendig, medizinisch effektiv und in ihren Kosten vertretbar sind. Maßnahmen des Enhancement würden, wenn sie überhaupt zugelassen würden, nach meiner Vermutung auf absehbare Zeit von der Kassenfinanzierung ausgenommen sein. Sie wären dann also nur für Menschen erschwinglich, die sich diese zusätzlichen Kosten im eigenen Interesse oder im Interesse ihrer Kinder leisten könnten und wollten. Nehmen wir an, die Förderung von musikalischer Begabung, sportlichem Vermögen, wissenschaftlicher Exzellenz oder beruflicher Leistungsfähigkeit wäre tatsächlich durch positive Eugenik zu erreichen, dann würde gesellschaftliche Ungleichheit durch gentechnische Mittel verschärft. Befähigungsgerechtigkeit und daraus folgend Beteiligungsgerechtigkeit würden, zusätzlich zu ohnehin bereits gravierenden sozialen Unterschieden, auch noch durch den ungleichen Zugang zu Möglichkeiten des Enhancement beeinträchtigt.“ (Huber 279f.)

Wem gibt diese Technik welche Macht? Was kostet sie – und wen? Wer profitiert von ihr und in welcher Weise? Ich komme auf die Frage noch zurück, vorher aber noch das zweite Beispiel.

b) Quantencomputer und KI

Bei der Genomchirurgie taucht im Hintergrund die Frage auf: Wann ist der Mensch ein Mensch? Und wie lange bleibt der Mensch Mensch? Diese Frage ist auch im Blick zu halten in meinem dritten und letzten Beispiel technischer Entwicklung: der Quantentechnologie und der künstlichen Intelligenz (KI).
Diese Entwicklung ist zum Teil noch Science Fiction, weil noch niemand einen Quantencomputer gebaut hat, der funktioniert. Aber die Forschung ist dran und nach Einschätzungen von IBM wird es in ca. zehn Jahren Quantenprozessoren geben, die die Rechenkapazität heutiger Superrechner um ein Millionenfaches übertreffen. Ich verzichte darauf, an dieser Stelle die Hintergründe der Quantentechnologie zu erläutern, mir geht es um die ethischen Fragen, die solch eine dramatische Erweiterung der Datenverarbeitung aufwerfen. Denn KI bekäme einen ungeheuren Entwicklungsschub. Die Forschung unterscheidet zwischen schwacher und starker KI:

Schwache KI „löst konkrete Anwendungsprobleme des menschlichen Denkens, wofür sie komplexe Algorithmen anwendet. Sie erkennt zum Beispiel Gesetzmäßigkeiten in Mustern, Zeichen oder Sprache, erlernt und automatisiert einfache Handgriffe, (…) entwickelt Lösungsstrategien in Spielen wie Schach oder Go und findet Informationen in großen, ungeordneten Datensets. Indem sie mit Algorithmen intelligentes Verhalten in Maschinen simuliert, unterstützt sie in Einzelbereichen unser Denken. (…);

starke KI dagegen simuliert keine Intelligenz, sondern sie ist intelligent. Sie kann wie der Mensch kreativ nachdenken und dadurch etwas Originelles, vorher nicht dagewesenes Neues schaffen. In ihr finden somit echte geistige Prozesse statt.“ (Jaeger 212)

Nun ist es so, dass starke KI noch Zukunft ist und sich derzeit noch nicht erkennen lässt, ob und wann sie möglich ist, die Forscherinnen und Forscher sind hier unterschiedlicher Auffassung. Ich kann nachvollziehen, dass es eines „Sprungs“ bedarf, der aus reiner Datenverarbeitung geistige Prozesse werden lässt. Viele Forscher/innen halten dies derzeit unmöglich für „machbar“. Nun ist aber genau dieser Sprung irgendwann und irgendwie im Lauf der Evolution geschehen. Von daher fällt es mir schwer, grundsätzlich auszuschließen, dass es eines Tages Computersysteme geben könnte, die genau solche „Rechenleistungen“ wie sie in unseren Gehirnen ablaufen, möglich machen. Eine Grenze zwischen starker KI in diesem Sinn und dem Menschen, wie wir ihn kennen, könnte in der Emotionalität liegen, die untrennbar mit dem Körperempfinden und unseren sinnlichen Wahrnehmungen verbunden ist. Hier stellen sich viele Fragen, alles rein hypothetisch – aber es macht Sinn, allein die Möglichkeiten und Konsequenzen heute ethisch mit zu reflektieren, um vorbereitet zu sein, wenn doch möglich wird, was unmöglich scheint.

Aber allein im Bereich der schwachen KI sind bereits heute atemberaubende Fortschritte gemacht worden, die sich mit Hilfe der Quantentechnologie noch einmal in nicht vorhersehbarer Weise exponentiell ausweiten werden. Nach und nach wird uns bewusst, dass KI bereits heute erheblich auf unseren sozialen Alltag einwirkt. Facebook präsentiert mir maßgeschneiderte Nachrichten aus meiner Filterbubble, Google schlägt nach einem für mich nicht nachvollziehbaren Algorithmus Suchergebnisse vor, Bots nehmen in Wahlkämpfen Einfluss auf Wählerinnen und Wähler oder versuchen es zumindest. Und mit jeder Erfahrung „lernen“ die Systeme hinzu. Da geht es dann um die Frage: Welche Macht wird mit dieser Technik ausgeübt? In welchen Händen liegen die Machtmittel? Und wer kontrolliert, reguliert diese Machtmittel?

Viele Menschen haben das Gefühl, dass sie durch Techniken „beherrscht“ werden, aber auch, dass sie sich ihnen verweigern können. Nun kann jede und jeder für sich entscheiden, nein, Alexa lasse ich nicht in mein Wohnzimmer und schon gar nicht in mein Schlafzimmer und WhatsApp installiere ich nicht auf meinem Smartphone. Aber insgesamt kann ich mich in dieser Gesellschaft diesen Entwicklungen nicht entziehen und zugleich ahnen wir, dass wir die Technik nur bedingt kontrollieren können. Aber hinter der Technik stehen Menschen, die Technik interessengeleitet einsetzen, aus ökonomischen, politisch-strategischen, militärischen Erwägungen. Wer kontrolliert diese Menschen?

Evangelisch abwägend drehe ich mich nun aber um und sage:

Auf der anderen Seite könnte aber KI vielleicht zu rationalen, vernünftigen, pragmatischen Lösungen für Probleme wie Klimaerwärmung, soziale Ungerechtigkeit, Ernährung der Weltbevölkerung kommen, auf die wir Menschen „allein“ nicht kommen. Beim autonomen Fahren wird das zB diskutiert mit der Hoffnung auf weniger Unfälle intelligentere Streckennutzung und somit CO2-Vermeidung, alles Auswirkungen, die uns Menschen zugute kommen (können/könnten), ein Beitrag zum guten Leben, zum Allgemeinwohl? Warum nicht auch Technologie auf andere Problemfelder ansetzen? Wohlgemerkt, alles noch im Bereich der schwachen KI, in denen Menschen Maschinen programmieren, ihnen Fragestellungen vorgeben.

Die Problematik liegt insbesondere in der Tatsache, dass sich der technologische Fortschritt atemberaubend schnell entwickelt, sowohl exponentiell als auch in komplexer Verschränkung, so dass wir Menschen mit unseren geistigen Fähigkeiten, der ethischen Reflexion und der Suche und Vereinbarung nach politischen Regelungen nicht mehr hinterherkommen.

Chancen und Risiken im Bereich der prognostizierten Entwicklungen von schwacher und starker KI scheinen alptraumhaft komplex zu sein, so dass sich die Frage stellt, ob sie überhaupt ethisch angemessen reflektiert werden können. Ich sehe die Gefahr, dass sich die Dinge „einfach so“ entwickeln, weil gesetzliche Regelungen nicht mehr hinterherkommen, zugleich es vermutlich immer jemanden geben wird, der ein Interesse daran hat, dass Mögliche auch Wirklichkeit werden zu lassen. Im Bereich von schwacher KI beherrscht immer noch der Mensch die Technik, fragt sich nur welche Menschen und mit welchen Interessen. Erst wenn es doch eines Tages den Sprung zu starker KI geben sollte, dann allerdings stellt sich Frage nach Herrschaft durch Technik „an sich“ über Menschen in neuer Form.

  • 5. Schlussbetrachtung

Ich möchte zum Schluss zwei Aspekte eher grundsätzlicher Natur mit Ihnen bedenken.

a) Was ist der Mensch, was soll er sein?

Mit einer Gruppe von Männern habe ich im letzten Jahr die Roboter-Ausstellung des DASA in Dortmund besucht und wir hatten dabei das Glück, einen exzellenten Führer zu haben. Er sagte zu Beginn: „Zunächst werden Sie begeistert sein, von dem, was Sie hier sehen und was ich Ihnen nahe bringe. Doch glauben Sie mir, in einer Stunde, am Ende der Führung werden Sie sehr nachdenklich die Ausstellung verlassen.“ Und genauso kam es. Sehr schweigsam setzten wir uns erst einmal reichlich mit uns selbst beschäftigt ins Cafe. Was war geschehen? Nun, unser Führer zeigte uns am Ende die Möglichkeiten der Verbesserung und der Perfektionierung des Menschen durch Prothesen, künstliche Organe usw. auf. Und er fragte: „Was ist denn, wenn künstliche Beine uns wesentlich schneller und länger laufen lassen als meine eigenen Beine? Was ist, wenn künstlich gezüchtete Herzen, Nieren und Lebern leistungsfähiger sind als meine eigenen? Was ist, wenn die Wahrnehmungsfähigkeit meiner Augen und Ohren erheblich verbessert werden kann? Bin ich dann am Ende ein besserer, weil leistungsfähiger Mensch? Besteht nicht recht schnell nicht nur der Wunsch, sondern auch die moralische Verpflichtung, sich so verbessern zu lassen, auch im Blick auf meine Leistungsfähigkeit der Gesellschaft gegenüber? Und vor allem, ist der Mensch dann noch ein Mensch, wenn z.B. mehr als die Hälfte seiner inneren Organe, äußeren Glieder und Wahrnehmungsorgane durch bessere ersetzt wurden?“

Hier wird eine ganz neue Entwicklung erkennbar:

„Hat der Mensch in den letzten 250 Jahren durch Wissenschaft und Technologie seine Umwelt und seine Lebensbedingungen massiv verändert, so waren dabei das biologische und psychisch-geistige Fundament seines Wesens und seiner Subjekthaftigkeit weitestgehend unberührt geblieben. Aber nun wird der Mensch zum ersten Mal in der Geschichte tatsächlich selbst Gegenstand technologischer Entwicklungen. (…) Diese Eingriffe in unsere Psyche, unsere Genetik und unser Denken stellen jeden von uns, unsere Kinder und Kindeskinder in unserem Wesen als Mensch grundlegend in Frage: unseren Körper in seiner eigenständigen Individualität, unsere Freiheit, unser Erleben und Fühlen, (…) also all das, worüber wir uns bisher als menschliche Subjekte definiert haben. Wir sind auf dem Weg, einen neuen Menschen zu schaffen. Eine grundlegende Veränderung unserer Biologie, unserer Psyche und Wahrnehmung, unseres Bewusstseins und unserer gesamten Identität zeichnet sich bereits ab.“ (Jaeger 156f.)

Es geht weniger in Zukunft um die Frage: Was ist der Mensch?, sondern um die Frage: Was soll er denn sein? Und wann und wie lange ist ein Mensch (noch) ein Mensch? Wenn er durch vielfältige „Verbesserungen“ aufgebohrt und getunt wird, sagen wir zu 50, 70, 80% durch technische Gerätschaften, „Ersatzteile“…? Und für wen wird das zugänglich, wer bezahlt die Verbesserung des Menschen? Und herrschen diese verbesserten Menschen aufgrund ihrer erworbenen Fähigkeiten dann über das „normale“ Volk, dass sich das nicht leisten kann?

Diese Fragen haben auch mit einer Traditionslinie zu tun, die mit Luther und der Reformation begann, der Ausrichtung an einem egozentrischen Individualismus:

„Diente das anthroprozentrische Weltbild seit Jahrhunderten der Befreiung von dogmatischen Zwängen religiöser und intellektueller Unterdrückung und ermöglichte dabei ebenso eine bedeutende Verbesserung der menschlichen Lebensbedingungen, so schuf es zugleich den Legitimationsraum für einen egozentrischen Individualismus und eine ichbezogene Vorstellung von Freiheit, die eine kollektiv-vernünftige Reaktion auf Bedrohungen wie die drohenden globalen ökologischen Umwälzungen sehr schwierig erscheinen lässt.“ (Jaeger 324)

An vielen Stellen bricht der Gedanke derzeit auf, und vielleicht ist es Hoffnungszeichen, dass wir wieder mehr vom Ich zum Wir kommen müssen, ein Gedanke der absolut mit dem Grundverständnis evangelischer Ethik übereinstimmt, der Orientierung am Nächsten und damit am Allgemeinwohl statt am Egoismus, sei es auf individueller Ebene oder im Blick auf Regionen und Nationen – „America first!“ ist aus evangelischer Sicht undenkbar.

b) Dürfen wir alles, was wir können? Und wenn nein, was folgt daraus?

Letztlich stehen wir wieder vor einer grundlegenden Frage: Dürfen wir überhaupt alles machen, was wir technisch machen können? Schon im Bereich der Nutzung der Atomenergie standen wir aufgrund der möglichen langfristigen Auswirkungen vor dieser Frage und wir haben auch dort gelernt: Leider gibt es keine einfache Antwort. Und heute?

Doch können wir überhaupt noch die Büchse der Pandora geschlossen halten? Ist sie vielleicht längst in geheimen Laboren geöffnet? In der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung hieß es in der letzten Woche:

„Das Pentagon und der Internetkonzern Google planen offenbar enorme Investitionen in die künstliche Intelligenz, um gemeinsam die Militärtechnik zu revolutionieren. In einer Debatte der Washingtoner Denkfabrik ‚Center for a New American Security‘ betonte Eric Schmidt, Vorsitzender der Google-Muttergesellschaft Alphabet, dass die Sicherheit künftig in entscheidendem Maße von der künstlichen Intelligenz abhänge. Selbsthandelnde und selbstentscheidende Roboter würden zu einer enormen Herausforderung werden. Und die Vereinigten Staaten, die für sich in Anspruch nehmen, die schlagkräftigste Armee der Welt zu unterhalten, seien in Gefahr, ihren Vorsprung in dieser Technologie zu verlieren. Ganz offen spricht Schmidt den stärksten Mitbewerber an: Das chinesische Militär habe ein Programm zur künstlichen Intelligenz aufgelegt, das bis 2020 auf Augenhöhe mit den amerikanischen Neuentwicklungen stehen soll. ‚Die chinesische Führung prescht energisch voran. Bis 2025 will sie in dieser Technologie das US-Militär überrunden und ab 2030 den Markt der künstlichen Intelligenz dominieren‘, so Schmidt. Es sei daher höchste Zeit, dass die eigene Armee entsprechende Aufträge an die private Industrie vergibt, um in diesem Wettlauf auch weiterhin die Nase vorn zu behalten.“ (HAZ vom 3. November 2017)

Was folgt daraus?

Aus protestantischer Ethik, die vom Dienst am Nächsten ausgeht, muss trotzdem zuallererst ein sachgerechter Pragmatismus gefordert werden. Dieser beinhaltet die Bereitschaft, sich auf die komplexen Fragestellungen einzulassen und auch die Machtfragen mit im Blick zu halten: Wer hat die Macht die Technik? Wem gibt Technik Macht? Dienst als Zuwendung zum Nächsten aus Liebe heraus ist keineswegs voraussetzungslos, sondern höchst anspruchsvoll. Es geht nicht um Gesinnung und nicht um Ideologie, nicht um einfache Antworten, sondern um die Frage: Wie können heute und in Zukunft und unter welchen Voraussetzungen Menschen gut leben? Welche Regelungen und Haltungen sind dafür erforderlich, wo ist ggf. auch Widerspruch oder gar Widerstand zu leisten?
So weit so gut – doch was ist, wenn das „Programm“ evangelischer Sozialethik mit seinem abwägenden und sich an einem vernünftigen Maß orientierendem Pragmatismus selbst an seine Grenzen kommt angesichts der Herausforderungen, vor denen wir heute stehen?

In der ZEIT stand vor zwei Wochen ein Artikel von Bernd Ulrich „Die Wahrheit auf sechs Beinen“ (ZEIT 44/2017, S. 3). Dort ging es um das Insektensterben und die Frage, warum die Politik diese Thematik nicht aufgreift. Bernd Ulrichs Antwort lautet: Die Politik hat den Sinn fürs Radikale verloren, weil ihr ein breiter Konsens und die mittlere Vernunft wichtiger sind. Zitat:

„Unglücklicherweise zeigen sich die demokratischen Dilemmata der mittleren Vernunft, der kleinen Schritte, des maßvollen Kompromisses heute nicht nur bei der Ökologie. Auch das globale Bevölkerungswachstum, die explodierenden Ansprüche der Menschen aus den früheren Demutszonen der Erde – alles führt in dasselbe Problem: dass nämlich sehr oft nur das Radikale das Realistische, nur das Rasche besonnen und nur das Riesige groß genug ist.“

Es bleibt für uns als Menschen eine offene Frage, wo die Grenzen zu ziehen sind zwischen dem vernünftigen Maß und der Abwägung verschiedener Alternativen einerseits und dem Widerstand und Protest gegenüber Entwicklungen andererseits, die uns als Menschheit und im Blick auf das Leben auf diesem Planeten insgesamt im Blick auf künftige Generationen menschlichen, tierischem und pflanzlichen Lebens bedrohen.

Ich wechsle ein letztes Mal die Perspektive und frage:

Bleibt aber nicht umgekehrt zugleich die beunruhigende Frage, ob wir uns nicht an der Schöpfung „versündigen“, wenn wir die uns bietenden Möglichkeiten nicht einsetzen, um Lösungswege für die Herausforderung allein des Klimawandels und seiner Folgen für das Leben auf diesem Planeten zu finden, Lösungen, auf die wir als Menschen „allein“ nicht kommen. Ist dann nicht aus evangelischer, schöpfungstheologischer Sicht geradezu Widerspruch, ja Widerstand gegen das Prinzip des mittleren, vernünftigen Maß angesagt – weil es um die Zukunft der Lebensmöglichkeiten von Menschen, Tieren und Pflanzen geht?

Viele Fragen, schwierige Fragen. Wer hat Antworten?

Manchmal ist es erst mal einmal wichtig und richtig, die Fragen über zu identifizieren und zu stellen, um die es geht. Beherrscht der Mensch die Technik oder die Technik den Menschen? Aus meiner Sicht ist dies eine Frage, die immer wieder zu stellen ist, damit sie wach gehalten wird und wir wachsam bleiben.

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Casting Jesus (II)

Casting Jesus (II)

Ich stehe hier
Mit nackten Füßen
In einen weiten Umhang gekleidet
Ein dunkelrotes Tuch um meinen Kopf
Die Tür öffnet sich vor mir und ich höre
Avanti avanti!
Kommen Sie!
Langsam schreite ich los
Schritt für Schritt
Auf drei Männer zu
Einer schaut mir erwartungsvoll entgegen
Der zweite checkt gerade sein Smartphone
Der dritte blättert in irgendwelchen Papieren
Casting Jesus
Sie casten mich

Schritt für Schritt frage ich mich:
Mache ich es richtig?
Wie würde Jesus jetzt gehen?
Bin ich zu langsam?
Oder zu schnell?
Blickt er ihnen in die Augen?

Wie wäre denn Jesus?
Der Jesus den die hier sehen wollen?
Der Jesus den ich ihnen hier präsentieren möchte?
Also mein Jesus sozusagen?
Oder der Jesus der Jesus ist?
Schritt für Schritt bohren sich die Fragen tiefer in mein Herz
– und es pocht immer lauter -:
Wer bist du Jesus?
Und wer bin ich?
Bin ich überhaupt wer?
Bin ich würdig du zu sein?
Kann ich Jesus?
Oder bin ich ein Lügner und verliere mich im Bestreben du zu sein?
Oder finde ich mich gerade auf dem Weg du zu sein?

Vorne vor dem Tisch bleibe ich stehen
Ich höre:
Drehen Sie sich nach links
Jetzt nach rechts
Falten Sie die Hände
Jetzt die Hände zum Segen heben.
Was wollen die eigentlich sehen?
Mich?
Jesus?
Wie würdest du hier stehen Jesus?
Casting Jesus
Das ist doch irre!

Ich höre:
Bitte tragen Sie nun Ihren Vers vor.
Ich starre sie an
Weiß nichts zu sagen
Was mache ich eigentlich hier?
Soll ich schweigen
Mich umdrehen und gehen
Oder doch Worte wählen?
Wenn ja – welche?
Da schießt mir durch den Kopf:
Welche würde er jetzt wählen?

In den Nebel der verwirrenden Fragen hinein höre ich:
Avanti!
Nun machen Sie schon!
Wir haben nicht den ganzen Tag Zeit!
Zorn steigt in mir auf
Unbändiger Zorn
Alles ist hier falsch
Ich schaue auf
Und schreie ihnen entgegen:

Mit sehenden Augen sehen sie nicht
Mit hörenden Ohren hören sie nicht
Sie verstehen es nicht
(Matthäus 13,13)


Zu diesem Text gehört ein zweiter: Casting Jesus I

Das Video Casting Jesus von Christian Jankowski kann hier in voller Länge angeschaut werden: Casting Jesus

Casting Jesus (I)

Casting Jesus (I)

Wittenberg im August 2017
Schreibwerkstatt
Zur Ausstellung Luther und die Avantgarde
Die Aufgabe lautet:
Such dir ein Kunststück
Und schreib einen Text dazu

Wir gehen los

Außen bedrückend braune Mauern
Eine Treppe führt hinunter zum Eingang
Sechzig prall gefüllte Zellen warten auf mich
Sie haben gesagt:
Es ist beeindruckend und bedrückend

Ich trete ein
Zuerst rechts ein Raum mit drei grauen Tafeln
Sagt mir nichts
Dann links
Ein Theater
Neugierig trete ich näher
Auf einer Leinwand läuft ein Film
Jesus erkenne ich auf der linken Seite
Rechts eine Art Tribunal
Hinten die in den Zellentrakt führende Tür
Will ich da wirklich rein?

Ich zögere
Lehne mich gerne erst einmal an die Wand
Und verfolge eine Weile das Geschehen vorne
Casting Jesus

Drei Männer suchen Jesus
Einen Jesus
Dreizehn Männer treten der Reihe nach vor
Drehen sich nach links und nach rechts
Oder auch mal um sich selbst
Tragen ein selbstgewähltes Jesuswort vor
Und Abgang

Auf der rechen Seite der geteilten Leinwand
Sehe ich den Dreien zu auf die Dreizehn schauen
Mal überrascht
Mal gelangweilt
Mal professionell
Ein Jesus geht zu schnell
Ein anderer zu langsam
Einer hat eine zu dicke Nase

Wer wird gewinnen?
Wer wird verlieren?
Wer wird Jesus?
Wer ist Jesus?

Neben mir gackern ein paar junge Leute
Es ist ja auch zum Brüllen komisch

Drei Runden in sechzig Minuten
Dann ist es entschieden
Drei Runden gehen und segnen
Drei Runden Brotbrechen und Kreuztragen
Drei Runden fröhlich dreinschauen und weinen und Wunder wirken

Manchmal mischen sich andere Filme in den Film da vorn
Deutschland sucht den Superstar
Germanys next Topmodell
Und ich denke:
Was soll das?!

Am Ende gewinnt der Hirte mit den lockigen Haaren
Und den melancholisch klaren Augen
Ein Jesus
Wie er mir manchmal begegnet ist
Im Wohnzimmer an der Wand hängend
Das Schaf an seiner Seite
Und er stützt sich auf seinen Stab und schaut in die Weite
Das ist Jesus?!

Das kann doch nicht wahr sein
So kann es nicht enden
So darf es nicht enden

Ich habe mein Kunststück gefunden
Gehe zwar noch durch den Zellentrakt
Doch in meinem Kopf beginnen sich bereits Worte zu drehen


Hier geht es zu Teil II 

Lohnt sich Leistung? Predigt über das Gleichnis Jesu von den Arbeitern im Weinberg (Matthäus 20)

luther

Liebe Gemeinde,
Leistung muss sich wieder lohnen!
Dieser Spruch tauchte Mitte der achtziger Jahre in der Politik auf.
Die CDU unter ihrem neuen Kanzler Helmut Kohl propagierte ihn.
Nach vielen Jahren SPD-Herrschaft wurde die Parole ausgegeben:
Leistung muss sich wieder lohnen!
Statt sozialer Hängematte hieß es:
Ärmel hochkrempeln!
Dann stellt sich der Erfolg und der Aufstieg und der Wohlstand ein.
Von ganz allein.

Leistung lohnt sich.
Dieser Satz ist tief in uns angelegt.
Er spiegelt eine Grunderfahrung.
Ich strenge mich an und das zahlt sich aus.
In guten Noten.
In Geld.
In meinen Beziehungen.
Neuerdings auch in den sozialen Netzwerken.
Ich setze mich ein, ich strenge mich an.
Und das lohnt sich.
Es heißt doch: Von nix kommt nix.
Und: Jeder ist seines Glückes Schmied.
Lohn steht mir doch zu, wenn ich mein Bestes gebe.
Ich leiste etwas und das wird belohnt.
Durch Geld für meine Leistung.
Durch gute Noten.
Durch Lob und Wertschätzung.

Wir gieren danach.
Weil wir abhängig sind von Belohnung, Anerkennung, Wertschätzung.
Das ist menschlich.
Leistung muss sich lohnen.

Und doch steckt da schon der Zweifel drin und der gebiert Frage auf Frage:
Leistung muss sich doch lohnen.
Doch lohnt sich Leistung immer?
Lohnt sich meine Leistung?
Was mache ich falsch, wenn sich meine Anstrengung nicht auszahlt?

Gestern war der 31. Oktober, Reformationstag.
Die Frage mit der Leistung trieb auch Martin Luther um.
Er suchte Antwort auf die Frage:
Was muss ich leisten, um Gott gnädig zu stimmen?
Gott ist gerecht hieß es, er wird am Ende richten.
Zwischen meinen guten und meine bösen Taten.
Luthers Erfahrung lautete:
Ich kann machen, was ich will –
die Waage wird sich immer hin zur Hölle und zur ewigen Verdammnis senken.
Meine Leistung lohnt sich nicht, sie ist vergebens.
Das trieb ihn um bis zur Verzweiflung.
Bis er erkannte:
Gnade ist keine Belohnung.
Gnade ist ein Geschenk.
Gott belohnt nicht meine Anstrengung, meine Leistung.
Sondern er will, dass ich seiner Liebe traue.
Die all meiner Anstrengung zuvor liegt.

Heute ist das Geschichte.
Die Frage nach dem gnädigen Gott treibt nur noch wenige Menschen um.
Himmel oder Hölle, wen interessiert das noch?
Menschen fragen heute ganz direkt nach dem Hier und Heute.
Wofür lohnt sich meine ganze Anstrengung?
Wer erkennt meine Leistungen an?
Wer sieht mich?
Wer – liebt mich?
Sie stellen diese Frage sich, anderen und auch Gott.

Wer liebt mich?
Wer sieht mich?
Wer erkennt meine Leistungen an?
Wofür lohnt sich meine ganze Anstrengung?
Das macht sich an Alltagserfahrungen fest.
Ich strenge mich an und komme auf keinen grünen Zweig.
Ich rackere Tag für Tag und das Ergebnis ist bescheiden.
Ich habe das Gefühl, hin und her geschubst zu werden.
In der Schule, am Arbeitsplatz, in der Gesellschaft.
8, 50 € Mindestlohn, lächerlich, ich wäre froh, wenn ich das hätte.
Warum bekommt die eine dutzende Likes jeden Tag und ich keine?
Warum ist meine Banknachbarin Liebling aller Lehrerinnen und ich nicht?
Ich tue, was ich kann, aber reicht es aus, meinen Kindern Zukunft zu geben?
Ich bin sicher, manch einen bewegt diese Frage auch auf dem Weg über den Balkan:
Wird sich meine Leistung lohnen?
Die ganzen Anstrengungen und Strapazen?
Wird meine Kraft reichen?
Umgekehrt rühren die vielen Männer und Frauen, die grad zu uns kommen, auch Ängste in uns an:
Lohnt sich meine lebenslange Leistung?
Muss ich mir Sorgen um unseren Wohlstand machen?
Womit habe ich das verdient?

Liebe Gemeinde,
da sind wir jetzt ganz nah dran am Gleichnis Jesu von den Arbeitern im Weinberg.
Jesus will uns hier sein Verständnis von Gottes Liebe klar machen.
Und uns zugleich provozieren mit der Frage:
Wie viel Lohn braucht ihr für eure Leistung?
Was braucht ihr wirklich zum Leben?

Eigentlich erzählt Jesus eine todtraurige Geschichte.
Von Menschen – Männern! –, die Tag für Tag nicht wissen, ob sie Arbeit haben werden.
Tagelöhner.
Was für ein Arbeitsmarkt.
Jeden Tag Angst.
Morgens da stehen und warten.
Einige haben Glück, sie bekommen Arbeit.
Und Lohn für ihre Leistung.
Einen Silbergroschen, genug, um einen Tag zu leben.
Zu essen und zu trinken haben.
In den Worten des Predigers:
Genug, um einen Tag fröhlich sein zu können.

Drei, sechs, neun Stunden später wiederholt sich das.
„Ich will euch geben, was recht ist.“

Eine Stunde vor Sonnenuntergang stehen immer noch Männer dort.
Ich meine, wir wissen, wie die Geschichte ausgeht.
Aber ich überlege:
Was geht in diesen Männern vor?
Sie stehen schon elf Stunden hier.
Ohne Arbeit.
Todtraurig.
Heute nichts zu essen und zu trinken.
Mit leeren Händen komme ich nach Hause.
Leistung lohnt sich, welch zynischer Satz.
Verzweifelte Menschen sind das.
Die nur absurde Hoffnung hier festhält.
Der Strohhalm.
Weil Aufgeben noch bitterer wäre.
Und dieser Moment hinausgezögert wird bis zum letzten Moment.
Wenn die Sonne untergeht und klar wird:
Heute war es wieder nichts.
Schlange stehen, vergeblich.
Und dann kommt einer und sagt:
Kommt, geht in meinen Weinberg, eine Stunde Arbeit habe ich noch für euch.
Und ich will euch geben, was recht ist.

Mit welchen Gefühlen werden sie gegangen sein?
Wenigstens etwas?
Besser als Nichts?

Dann die Auszahlung.
Die zuletzt Eingestellten werden zuerst gerufen.
Was werden sie erwartet haben?
Was ist recht?
Was ist der rechte, richtige, gerechte Lohn für die Leistung einer Stunde?

In Jesu Logik ist das ein Silbergroschen.
Der Rest ist bekannt und widerspricht all unserer Logik bis heute.
„Das ist doch ungerecht!“
„Wer zwölf Stunden gearbeitet hat, bekommt so viel wie der, der nur eine Stunde arbeitet?“
Offenbar haben wir ein feines Gespür für Gerechtigkeit.
Für das, was in unseren Augen angemessen ist.
Leistung muss sich doch lohnen.
Und wir regen uns ja auch über horrend hohe Gehälter von Managern auf.
Nach der Erfahrung werde ich mir doch sagen:
Ach, dann gehe ich morgen doch erst kurz vor Sonnenuntergang hin.
Oder?

Liebe Gemeinde,
von dieser Geschichte her gefragt:
Lohnt sich Leistung?
Das Verhältnis von Lohn und Leistung in diesem Gleichnis ist provozierend bis auf den heutigen Tag.
Die einen arbeiten sich ab, die anderen bekommen es in den …, ich sag´ es jetzt nicht.

Andere meinen, das sei realitätsfern.
Und gefährlich für unsere Gesellschaft.
Wer bringt denn dann noch Leistung, wenn sich das nicht lohnt?
Das schallt ja auch denen entgegen, die sich für ein bedingungsloses Grundeinkommen einsetzen.
Wer geht denn dann noch arbeiten?
Dann bleiben doch die Faulenzer gleich auf dem Sofa!
Und vor allem, wer macht denn dann den Dreck weg?

Liebe Gemeinde,
Ich sitze am Schreibtisch, das Gleichnis liegt vor mir.
Ich merke, wie sich auch in mir der Widerstand regt.
Was soll das?
Leistung und Lohn gehören doch zusammen, sonst funktioniert unsere Welt nicht.
Und gleichzeitig spüre ich, dass von Jesu Sicht etwas herüberweht.
Etwas Anregendes, etwas Entlastendes, etwas Schönes.
Ich ahne, diese Logik tut gut.
Und dann schaue ich aus dem Fenster und alles ist wieder da.
Was uns derzeit so bewegt.
Abertausende Menschen auf dem Weg zu uns.
In großer Verzweiflung unterwegs, zugleich mit großer Hoffnung.
Und mit jedem Tag mehr wächst in unsrem Land die Sorge.
Wie soll das weitergehen?
Und manche fragen genau wie die Arbeiter im Weinberg:
Was soll denn das?!
Wir haben hier in Deutschland gearbeitet für unser Land, Jahr um Jahr.
Und jetzt kommen andere und bekommen alles in den… – ich sag´ es wieder nicht.
Nix haben die hier geleistet, so wie wir hier Jahr um Jahr.
Und die bekommen Unterkunft, Essen, Trinken, Gesundheitsversorgung, Hartz IV nach ihrer Anerkennung.
Für was?
Womit haben die sich das verdient?
Und womit haben wir das verdient?

Ich sitze also am Schreibtisch, die Bibel vor mir und draußen vor dem Fenster verändert sich meine Welt.
Womit habe ich das verdient?
Spätestens bei dieser Frage merke ich, da stimmt was nicht.
Womit habe ich das verdient – diese Frage passt nicht.
Was in Syrien geschieht, hat mit meiner Leistung hier nichts zu tun.
Aber mit deren Leistung auch nicht.
Syrische Ärztinnen und Ärzte,
Apothekerinnen und Apotheker,
Lehrerinnen und Lehrer,
Väter, Mütter und Kinder –
womit haben die verdient, dass ihr Land in Trümmern liegt?
Sie haben eine Menge geleistet – wie wir – damit sie voran kommen im Leben.
Und dann kamen Terror, Bomben, Hunger.
Nun kommen sie zu uns.
Und haben noch nicht einmal eine Stunde gearbeitet.
In Jesu Logik verdienen sie aber ihren Silbergroschen.
Weil sie Menschen sind, von Gott geliebt.
Die Leistungslogik passt also nicht immer und überall.
Genauer, Jesu Logik ist umfassender.
Sein Gott ist kein berechnender Kaufmann.
Er rechnet nicht mit Leistung und Gegenleistung.
Seine Logik ist keine Belohnungslogik.
Sondern eine Logik des Vorschusses.
Nimm, was du zum Leben brauchst.
Und der Rest kommt von allein.
Provozierend, bis heute.

Aber es entspricht Martin Luthers Erfahrung.
Luthers gnädiger Gott schenkte alles.
Lohn und Belohnung waren kein Thema mehr.
Auf die faule Haut legten sich die Menschen dennoch nicht.
Sie wurden aus Liebe tätig.
Aus Dankbarkeit.
Die allerwenigsten Menschen bleiben auf dem Sofa sitzen, wenn ihr Auskommen von vornherein gesichert ist.
Weil wir Menschen zum arbeiten geboren sind wie die Vögel zum Fliegen.
Auch ein Satz von Martin Luther.
Arbeiten gehört zu uns.
Hände in den Schoß legen ist nicht unser Ding.
Ja, sicher, am Sonntag und im Urlaub.
Aber sonst leisten wir gerne.
Und das ist gut so.
Und auch guter Lohn für gute Arbeit ist wichtig.
Aber diese Lohnlogik gilt nicht immer und überall.
Denn wer nicht arbeiten kann – warum auch immer – hat in Jesu Augen dennoch das Recht zu leben.
Ein Silbergroschen pro Tag.
Für mich, für dich, für alle.
Das ist nicht viel.
Aber es reicht zum Leben.
Und das soll gelten.
Für alle.
So, wie Gottes Liebe uns allen gilt.
Geschenkt, nicht verdient.
Amen.