Fluchtgeschichte in 14 x 140 Zeichen für den Twittergottesdienst #RefugeesWelcome

Twittergottesdienst„Und alles nur, weil wir damals die Wahrheit gesagt haben,“ sagt der aus dem Iran geflüchtete Christ auf englisch neben mir im Auto.

Vor wenigen Minuten war klar:
Seine Frau und er müssen Deutschland Richtung Frankreich verlassen.

Weil sie dort europäischen Boden betreten hatten.
Dublin II.
Anders als viele andere hatten sie als Christen nicht gelogen.

Seine Frau, schwer depressiv.
Eventuell auch suizidgefährdet.
Schwer für mich zu sagen, mein Englisch ist auch nicht besser als seins.

Ein Dolmetscher stand bereit, ein Arzt auch.
Eine Untersuchung hätte die Abschiebung zumindest aufgeschoben, bis es ihr besser geht.

Doch die Juristin wollte Vorkasse für ihren Antrag vor Gericht.
Ende, aus.
Montag Ausreise nach Frankreich, so steht es im Bescheid.

Mir bleibt nichts mehr zu tun, ich schweige.
Ein ratloses Schweigen.
Hilflos.

Zum Abschied lade ich ihn und seine Frau zum Gottesdienst am Sonntag ein.

Bei meinem Kollegen, ich bin dann leider bereits unterwegs.
In den Urlaub, ist das alles paradox …

Ich biete ihm an, dass mein Kollege dort in der Kirche einen Reisesegen für sie spricht.
Er nimmt dankbar an.

Wir tauschen Handynummern und Mailadressen.
Auf eine Flüchtlingsinitiative in Frankreich hat ihn der Flüchtlingspfarrer bereits verwiesen.

Nach meinem Urlaub erfahre ich, dass die beiden im Gottesdienst waren.
Und anschließend noch lange beim Kirchenkaffee.

Zum Abschluss haben sie gesagt:
Das war unser glücklichster Tag seit einer Ewigkeit.

Sie haben sich nie wieder bei mir gemeldet.


Die Geschichte stammt aus meiner Zeit als Gemeindepfarrer und hat sich bereits vor einigen Jahren ereignet. Im Vorfeld des Twittergottesdienstes im Rahmen des Barcamps Kirche Online in Essen fiel sie mir wieder ein und ich habe sie twittergerecht aufgeschrieben, weil ich dachte, auch die gesamte Liturgie und Verkündigung wird in entsprechenden Tweets formuliert und live getwittert. Dem war dann nicht so, das zeigte sich am Freitag und Samstag bei den barcampentsprechenden etwas chaotischen Vorbereitungen. 😉

Die Kombination Gottesdienst im Unperfekthaus in Essen plus Liveübertragung auf BibelTV plus Twitter war spannend. Ich war etwas skeptisch, ob sich in solch einem Setting – Kameras, Scheinwerfer, Beamer, Laptops – eine spirituelle „Stimmung“ überhaupt einstellen kann. Antwort: ja. Klar, der Kontakt zur „Gemeinde“ war anders als sonst. Auch das Ablesen vom Tablett war schwierig und ungewohnt – aber was will man machen, wen man noch kurz vorher Änderungen einbaut. Dennoch, die direkten Rückmeldungen im Gottesdienst über Twitter gab schon ein Gänsehautgefühl. Sonst bekomme ich ja nur mit, was mir im Kirchraum nonverbal gespiegelt wird. Sicher gibt es noch manches zu verbessern, aber es war eine beeindruckende Erfahrung.

Die reale Fluchtgeschichte hat mich seinerzeit sehr beschäftigt. Vor allem dieses verzweifelte Eingeständnis, dass die Wahrheit zu sagen solche Konsequenzen nach sich zieht. Wen hätten sie geschädigt, wenn sie bei der Registrierung „gelogen“ hätten?

Zudem habe ich mulmige Gefühle, wenn ich von dieser Geschichte allein auf das schaue, was sich da grade in Deutschland vollzieht. Noch heißt es #refugeeswelcome, doch wie lange noch? Was ist, wenn es Berichte über erste Suizide schwer traumatisierter Flüchtlinge gibt, weil ihnen nicht geholfen werden kann? Was ist, wenn sich große Gruppen in Heimen verbarrikadieren, um der Abschiebung zu entziehen? Und so weiter und so fort. Viele Fragen, keine Antworten.

Die Tweets zum Twittergottesdienst #RefugeesWelcome können nachgelesen werden unter: #twigo. Ob die Aufzeichnung noch in der Mediathek von BibelTV erscheint, weiß ich nicht.

Ein Gedanke zu “Fluchtgeschichte in 14 x 140 Zeichen für den Twittergottesdienst #RefugeesWelcome

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