Plädoyer für Betriebsbesuche

Vor ein paar Tagen war ich mit einer Gruppe von Pfarrer/-innen und anderen hauptamtlich bei der Kirche Beschäftigten in Emden bei VW. Der Besuch hat mir wieder einmal vor Augen geführt, wie sinnvoll solche Begegnungen zwischen Kirche und Wirtschaft sind – für beide Seiten.

Normalerweise haben wir als Pfarrer/-innen, um nur mal bei meiner Profession zu bleiben, mit industrieller Produktion wenig zu tun. Unsere Begegnungen mit Wirtschaft beschränken sich zumeist auf Handwerk, den öffentlichen Dienst und den Einzelhandel, um nur mal ein paar zu nennen. Die Menschen, denen wir in Gemeinden begegnen, arbeiten aber vielfach in der Automobilindustrie, bei Logistikfirmen, im Maschinenbau und bei Energieversorgern und vielen anderen mehr. Und so verschlug die menschenleere, aber robotervolle Fabrikhalle des Karosseriebaus auch diesmal den Atem. Auf riesigen Förderbändern wandert ein „Auto“ nach dem nächsten durch die Hallen, Roboterarme fügen wie von Geisterhand in Windeseile die Teile zusammen. Erst wenn man darauf achtet, sieht man hier oder da doch einen Menschen. „Hier könnte ich nicht arbeiten, das wäre mir zu einsam“, so lautet die spontane Aussage einer Teilnehmerin.

Kaum anders in der nächsten Halle. Hier werkeln zwar viel mehr Menschen und etwas weniger Maschinen, dafür sind die Tätigkeiten eher eintönig. Trotz Teamarbeit, die dafür sorgt, dass niemand acht Stunden das Gleiche machen muss. Manch eine, einer denkt laut darüber nach, was das bedeutet, Tag für Tag, Woche für Woche, Jahr um Jahr hier sein Geld verdienen zu müssen – oder zu können. Der Kontrast zu unserer kirchlichen Arbeitswelt, sehr an Menschen orientiert und mit viel weniger Technik ist unübersehbar und führt zu einer gemischten Gefühlswelt. Sie reicht von Staunen über Anerkennung und Bauschmerzen bis zu Kopfschütteln. Beim Mittagessen meint schließlich eine Pfarrerin: „Jetzt habe ich endlich mal eine Vorstellung, wenn ich bei einem Trauerbesuch wieder höre, wie sehr er oder sie die Arbeit bei VW geschätzt oder gar geliebt hat.“

Diese Aussage bringt es auf den Punkt. Ähnlich geht es mir immer wieder. Ich denke nur an meine erste Grubenfahrt vor Jahren tausend Meter hinunter, mit mulmigem Gefühl. Unten eine fremde Welt zwischen ganz viel Technik und engen Flözen. Oder ich stehe bei Amazon in in den endlosen Regalreihen und sehe in den Fächer Kondome neben Schokolade liegen und eins weiter das neueste Smartphone. Was bedeutet es für Menschen, hier zu arbeiten? Bei Begegnungen in den Gemeinden, bei Taufbesuchen, Traugesprächen oder der Vorbereitung von Traueransprachen haben mir diese Eindrücke geholfen, ins Gespräch zu finden oder die (hoffentlich) rechten Worte zu finden.

Umgekehrt freuen sich viele Unternehmen, wenn Kirche sich für sie interessiert. Denn sie wissen, dass viele ihrer Mitarbeitenden Gemeindeglieder sind. Religion spielt in vielen Betrieben eine Rolle, weil eben Christ/-innen neben Muslim/-innen und anderen arbeiten und die Kulturen manchmal auch aufeinanderstoßen. Außerdem ist es nur recht und billig, wenn wir als Kirche nicht nur wegen Spenden bei Unternehmen anklopfen, sondern uns auch für ihre Arbeit interessieren. Kirche und Wirtschaft gehören in unserer Gesellschaft zur Infrastruktur und es ist gut, voneinander zu wissen. Manchmal ergeben sich weitergehende Kontakte oder Projekte aus solchen Besuchen.

Häufig kommt es „auf dem Weg“ durch die Fabrikhallen zu Gesprächen, die für beide Seiten aufschlussreich und bereichernd sind. Die „dummen“ Fragen, oft aus dem Staunen heraus gestellt, eröffnen häufig Dialoge, die auch ins persönliche umschlagen können. Dann, wenn in einer offenen Atmosphäre plötzlich auch von Sorgen, Ängsten und Belastungen die Rede ist, die in den Hochglanzbroschüren oder einführenden Powerpointpräsentationen über das Unternehmen nicht vorkommen. Umgekehrt gibt es auch überraschende Antworten auf die Frage, was ein Betrieb, seine Führung oder die Mitarbeitenden von Kirche erwarten.

Betriebsbesuche sind spannend, für beide Seiten.

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